Alpen-Amazonen

Die herzhaften Geschichten rund um jene Frauen, die den Männern im Freiheitskampf heroisch zur Seite standen, sind großteils Legende. Die Realität war selten heldinnenhaft.

Hat er, oder hat er nicht? – Das war die wohl brennendste Frage, die sich das Publikum anlässlich der Präsentation des Spielfilms „1809 – Die Freiheit des Adlers“ 2002 stellte. Ausgelöst wurde sie durch eine kurze, aber einprägsame Sequenz. Da liegt unser aller Hofer nämlich mit einer Frau im Bett, in der Hofburg in Innsbruck. Und die Frau ist mit Sicherheit nicht seine Ehefrau. Diese nämlich ist in St. Leonhard in Passeier geblieben als ihr Mann aufbrach, die Tiroler vor den Bayern und ihrer aufklärerischen Neuerungswut zu retten. Sie ist am Sandhof geblieben, den sie nun ohne Hilfe ihres Mannes bewirtschaften und erhalten muss. Nun, um die 2002 aufgeflammte Frage nochmal zu beantworten: Mit fast hundertprozentiger Sicherheit hat Andreas Hofer mit keiner anderen Frau jemals das Bett geteilt als mit seiner angetrauten. Zumindest lässt sich aus den historischen Quellen ein Seitensprung nicht herauslesen. Hineinlesen lässt sich ja bekanntlich Vieles. Die pralle Schönheit, die mit dem Landeskommandanten ziemlich „zerwuzelt“ aus den Laken aufschreckt ist der Fantasie der Film-Macher entsprungen und fällt in die Kategorie künstlerische Freiheit.

Regisseur Franz Xaver Schwarzenberger und sein Drehbuchautor Felix Mitterer befinden sich damit in bester Gesellschaft. Ob Katharina von Spinges oder „Amazonen von Sterzing“, die meisten in der Überlieferung ins Treffen geführten heldenhaften Frauen, die sich an der Seite der Männer ins Schlachtengetümmel warfen, sind Erfindung, dienten der Propaganda und der Geschichtsverklärung. Außen vor blieb das „schwache Geschlecht“ jedoch nicht und die Auswirkungen des Krieges bekam es in voller Härte zu spüren.

An Kampfgeist gefehlt hat es ihr nicht, der Magd von Spinges, der heldenhaften Vorreiterin der 1809er-Amazonen. Mit der Heugabel in der Hand ist sie 1797 auf die Kirchenmauern gesprungen, um die französischen Soldaten abzuwehren. An ihrem Rockzipfel hingen die Schützen mit Stutzen und Säbel. Zugetragen haben soll sich die mutige Tat der Tirolischen Jungfrau von Orleans im kleinen Weiler Spinges auf einer Anhöhe am Eingang des Pustertales. Nicht nur eine Gedenktafel an der Kirchenmauer erinnert an das tapfere Mädchen, auch der Hof, auf dem sie gearbeitet hat, kam 200 Jahre nach ihrer Geburt zu Ehren. Eine Tafel an der Hausmauer erinnert seit 1971 an das Mädchen, das am 2.  April 1797 „ihr Leben wagte für die Heimat“, gestiftet hat  sie die Schützenkompanie des Ortes. Abgerundet wird das Gedenken durch eine Wandmalerei am Dorfeingang und einen „Trail“, der nach Katharina Lanz benannt ist. Allein: Die Jeanne D‘Arc Tirols ist mit allergrößter Wahrscheinlichkeit ein reines Produkt männlicher Fantasien.

Erstmals erwähnt wird die rührige Aufständische beim Schützenmajor Philipp von Wörndle. Er nennt 1798 in einem Bericht eine Bauernmagd aus Spinges, die sich den Feinden an der Friedhofsmauern entgegenstellt. Doch in der mündlichen Überlieferung der damaligen Ereignisse taucht die Freiheitskämpferin nicht auf und auch ein unmittelbar an den Gefechten bei Spinges Beteiligter, Lorenz Rangger, widmet der außergewöhnlichen Frau keine Zeile in seinen ansonsten sehr ausführlichen Erinnerungen. Eine todesmutig ins Schlachtengetümmel sich werfende Frau wäre aber mit Sicherheit nicht unerwähnt geblieben, meint der Innsbrucker Historiker Martin P. Schennach, der dem Thema Frauen und Aufstand 1809 eine kleines Kapitel in seiner neuesten Publikation „Revolte in der Region – Zur Tiroler Erhebung von 1809“ (Universitätsverlag Wagner) gewidmet hat. Eigentümlich scheint ihm auch, dass das Mädchen von Spinges erst über 80 Jahre nach ihrem Kampfeinsatz als Katharina Lanz aus Enneberg identifiziert wurde.  Der Mythos Katharina Lanz hat sich bis dato aber ebenso hartnäckig gehalten wie der von den „Amazonen von Sterzing“. 

Sie heißen Maria Hofer, Elisabeth Gogl und Anna Zoderer, es gibt Geburts- und Sterbedaten und eine kurze Vita, doch die drei hat es nie gegeben. Dafür ist die Legende, die um die drei Frauen herum gestrickt wurde, aus besonders langlebigem Garn.  Am 11. April 1809 stoßen beim „Sterzinger Moos“ aus dem Passeiertal kommende Schützen und in Sterzing stationierte bayerische Truppen aufeinander. Da das Tiroler Aufgebot auf ebenem Gelände keinerlei Chance gegen die Artillerie der Bayern hat, greifen die Aufständischen zu einer List. Sie verbergen sich hinter Heuwagen, die von einigen Frauen in Richtung der Feinde gezogen werden, und, sobald sie nahe genug herangekommen sind, erschießen sie die Kanoniere. Die bayerische Übermacht ist gebrochen und es kommt – historisch belegt – zur Gefangennahme von 400 Soldaten. Die gschmackige Geschichte von den drei wackeren Frauen wurde von der Geschichtsschreibung über Jahrzehnte überhaupt nicht hinterfragt und einfach weiter tradiert.

Dabei lässt sich in den zahlreichen zeitgenössischen Aufzeichnungen keinerlei Hinweis auf die Amazonen finden. „Der Sterzinger Wirt Ignaz Hochrainer, dessen Erlebnisbericht über die Ereignisse von 1809 sich nicht mit Sicherheit datieren lässt, erwähnt das erste Mal eine Frau und führt diese namentlich an“, so Schennach. Danach geht es Schlag auf Schlag, aus einer werden zwei und schließlich drei. Auch die Namen der Frauen variieren, so ist etwa Anna Zoderer auch als Anna Zorn oder Zoder bekannt. Ebenso wenig belegt sind auch die Heldentaten des „Lebzelter Mariandl“ aus Schwaz, die 1809 aktiv an den Kämpfen teilgenommen haben soll, und genauso wenig belegt ist Juliane Krismer und ihr letztes Aufgebot von 100 Frauen im November 1809 im Paznauntal.

Eine wesentliche Rolle bei der Nennung von Frauen – sei es anlässlich von Kampfhandlungen, sei es anlässlich von Übergriffen auf die Besatzer – spielte die Propaganda und zwar auf beiden Seiten. In heimischen Berichten diente die Erwähnung von mutig vorpreschenden Kämpferinnen vor allem dazu, die Moral bei den Kompanien zu stärken, indem an ihre Männlichkeit appelliert wurde. „Das zugrunde liegende Denkschema beruht auf einem Größenschluss: Wenn selbst ‚schwache‘ Frauen zu den Waffen greifen, müssen sich die Männer in einem umso größeren Ausmaß zur Verteidigung des Landes verpflichtet fühlen“, so der Historiker. Umgekehrt nutzten die Bayern das Motiv der blindwütig-brutalen Tirolerinnen, um die Grausamkeit zu unterstreichen, mit der die Aufständischen gegen die Soldaten vorgehen. Besonders eindrücklich zeigt dies ein Propagandablatt aus dem Erhebungsjahr.

Es zeigt zwei Frauen in Tracht, die das Beil heben, um auf einen gefesselten und wehrlos vor ihnen liegenden bayerischen Soldaten einzuschlagen. Davor liegt in einer großen Blutlache der Leichnam eines weiteren Uniformierten zwischen abgetrennten Gliedmaßen und dem Kopf. Tatsächlich gibt es zahlreiche zeitgenössische Berichte, denen zufolge sich „Weiberleut“ an diversen Gefechten und Hinterhalten beteiligt haben oder bei Übergriffen auf die Besatzer in der ersten Reihe standen. Ob sie allerdings mit der Brutalität vorgegangen sind, wie das Propagandablatt nahe legt, lässt sich bezweifeln. Neben den in die Kampfhandlungen involvierten und der handvoll namentlich tatsächlich bekannten Freiheitskämpferinnen wie etwa die Männerkleidung tragende Giuseppina Negrelli, gibt es nur eine Frau, die tatsächlich eine herausragende Rolle in der Geschichte des Tiroler Aufstandes von 1809 erhalten hat. 

Therese von Sternbach, der passionierten Pfeifenraucherin und kühlen Hosen-Trägerin, ist der Tiroler Freiheitskampf ein Herzensanliegen, das sie sowohl finanziell als auch mit beherztem Vorpreschen unterstützt, wie sie wortgewaltig in ihrem Tagebuch festhält: „Im vollen Feuer meines Gemütes, ritt ich auf meinem Pferde in die Haufen der kämpfenden Bauern hinein und ermunterte sie allerwegs mit dem Rufe: Vorwärts Tiroler!“ Sie versorgt die Aufständischen mit Lebensmitteln und Waffen und richtet in ihrem Ansitz in Mühlau ein Waffenlager ein. Wegen ihres hartnäckigen Engagements lässt General Lefebvre die hochgebildete Baronin im August 1809 festnehmen und zunächst in Innsbruck, dann in München und Straßburg für mehrere Monate inhaftiert. Die Baronin wird zwar zum Tode verurteilt, exekutiert wird die Strafe jedoch nicht. 1829 stirbt die schon zu ihren Lebzeiten zur Legende gewordene Freiheitskämpferin auf ihrem Schloss in Mühlau. Ihre vom Künstler Franz Spitzer illustrierten Tagebücher sind eine der herausragenden Quellen für die Forschung rund um das Jahr 1809, den Aufstand und die Rolle der Frau. 

Neben einer ebenso illustren wie wortgewaltigen, gebildeten wie vermögenden, einflussreichen wie forschen Frau wie der von Sternbach verblassen beinahe die tausenden Frauen, die während des Freiheitskampfes nicht nur von der Sorge und Angst um ihre Ehemänner, Söhne und Väter getrieben waren. Auf sich allein gestellt, mussten sie die Kinder versorgen, die Höfe bewirtschaften, die Betriebe weiter führen. Wie es ihnen dabei ergangen ist, ist kaum dokumentiert. Denn der Großteil der im Namen der Freiheit ihrem Schicksal überlassenen Frauen konnten weder lesen noch schreiben, dementsprechend sind kaum Briefe und Dokumente erhalten, die detailliertere Einblicke über die Situation der im Hinterland Verbliebenen geben. Auch Anna Hofer, Sandwirtin und Gemahlin des Anführers der Aufständischen war Analphabetin, Informationen über ihr Leben sind rar. 

Als der Zeitpunkt für den Aufstand gegen die ungeliebten Besatzer gekommen war, soll sie – so will es die Legende – Holzspäne in die am Sandwirt vorbeifließende Passer geworfen haben, um den Eingeweihten das Zeichen zum Losschlagen zu geben. Historische Belege für diese Tat gibt es allerdings nicht. Der Historiker und Hofer-Biograf Andreas Oberhofer erkennt in besagter Überlieferung vielmehr den Versuch der Nachwelt, „Anna als aktiv Beteiligte in die Geschichte der Aufstände einzubinden und sie nachträglich zur Heldin zu formen.“ Ihre tatsächliche Leistung jedoch bestand darin, während Hofers Abwesenheit Gastwirtschaft und Hof allein mit den Kindern und den Dienstboten weitergeführt zu haben.

Dass Andreas Hofer seine Familie wichtig war, das geht gleich aus mehreren seiner Briefe hervor, in einem bezeichnet er Anna als „geliebte würthin“.  Susanne Gurschler

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