Geteiltes Land

Wieder ist es ein Friedensvertrag zwischen Österreich und Frankreich, der über Tirol entscheidet. In Schönbrunn verzichten die Habsburger am 14. Oktober 1809 auf Tirol, am 28. Februar 1810 – acht Tage nach Hofers Tod – wird das Land dreigeteilt. 

Dass man auf das Wort eines Kaisers nicht unbedingt vertrauen kann, musste Tirol im Jahr 1809 leidvoll erfahren. Am 29. Mai hatte Franz I. in Wolkersdorf feierlich erklärt: „Im Vertrauen auf Gott und meine gerechte Sache erkläre ich hiermit meiner getreuen Grafschaft Tirol mit Einschluss Vorarlbergs, dass sie nie mehr von dem Körper des österreichischen Kaiserstaates soll getrennt werden und dass ich keinen anderen Frieden unterzeichnen werde als den, der dieses Land an meine Monarchie unauflöslich knüpft.“ Nur fünf Wochen später, nach der verlorenen Schlacht bei Wagram, der am 12. Juli der Znaimer Waffenstillstand folgte, war davon keine Rede mehr. Punkt IV regelte die Räumung Tirols und Vorarlbergs von österreichischen Truppen, der Schönbrunner Frieden vom 14. Oktober fixierte den abermaligen Verzicht. 

Dass man auf die Gunst eines Kaisers nicht ewig vertrauen kann, musste mit diesem Vertrag aber noch jemand anderer erfahren – nämlich der bayerische König Maximilian I. Joseph. Einerseits gab Napoleon den Bayern die Schuld an der „militärischen Schande“ in Tirol, andererseits dachte der Taktiker nicht mehr an die ursprünglich geplante Zerschlagung Österreichs, sondern an ein Bündnis, das durch eine Heirat besiegelt werden sollte. Am 10. Januar 1810 ließ sich Napoleon von Joséphine de Beauharnais scheiden, schon am 11. März 1810 fand eine Ferntrauung zwischen dem französischen Kaiser und Erzherzogin Marie Louise von Österreich statt. Mit der Scheidung hatte aber auch Eugène de Beauharnais keine Aussichten mehr, seinen Adoptivvater Napoleon zu beerben, der politische Wert von Eugènes Hochzeit mit der bayrischen Königstochter Auguste aus dem Jahr 1806 war nicht mehr gegeben. Mit Folgen für Tirol.

Das Geplänkel um die Vorherrschaft in Tirol hatte schon im Dezember 1809 begonnen, die französische Militärverwaltung versuchte, die Tiroler Bevölkerung auf ihre Seite zu ziehen. Auf der anderen Seite gestanden die Bayern Fehler ein, Maximilian I. Joseph ließ verlautbaren, dass ein großer Teil seiner Beamten „keinen Teufel tauge“. Im Pariser Vertrag vom 28. Februar 1810 verständigten sich schließlich Frankreich und Bayern – eine diplomatische Niederlage für Bayern. Zwar gewann das Königreich durch neue Gebiete etwa 565.000 Einwohner dazu, verlor aber durch Flächenabtretungen rund 490.000 Einwohner – nämlich Süd- und Welschtiroler. Die Gebiete südlich von Meran und Brixen wurden dem Königreich Italien zugesprochen, Osttirol und Teile des Pustertals fielen an die „Illyrischen Provinzen“, die direkt Frankreich unterstanden. Tirol war dreigeteilt, eine Schwächung des Landes, die im Interesse Napoleons lag.

In ihrem Einflussbereich – Nordtirol und Teile Südtirols – versuchten die Bayern, die Zuneigung der Tiroler zu gewinnen. Als Generalgouverneur wurde ein Tirolkenner und „Napoleonfeind“ – Kronprinz Ludwig – nach Tirol gesandt, in religiösen Angelegenheiten kam es zu einer Kehrtwendung. Bestehen blieben allerdings die hohen Steuern und die Konskription, was von der Bevölkerung lethargisch hingenommen wurde. Zahlreiche Tiroler nahmen an der Seite Bayerns im Jahr 1812 am Russlandfeldzug teil – die wenigen, die zurückkehrten, fanden eine neue Situation vor. Napoleon war erstmals geschwächt, in Wien planten Tiroler Exilkreise rund um Erzherzog Johann und Josef von Hormayr im Rahmen des „Alpenbundes“ einen neuerlichen Aufstand gegen die Besatzer – Pläne, die allerdings von Hormayrs Landsmann Anton Leopold von Roschmann an Metternich verraten wurden. Ende 1812 war Preußen aus der Allianz mit Frankreich ausgeschieden, im Februar 1813 kam es zum Bündnis mit Russland, dem sich im Laufe des Jahres Schweden, England und Österreich anschlossen. Bayern geriet unter Druck, versuchte eine Art Neutralitätspolitik, die aber spätestens mit dem Koalitionseintritt Österreichs am 12. August nicht mehr haltbar war. Das österreichische Heer marschierte in die Illyrischen Provinzen ein, über Kärnten kommend erreichte es am 21. August Lienz, das somit – wie schon im Jahr 1809 – die erste befreite Stadt Tirols war. Mit den Truppen kehrte auch eine Reihe von 1809-Veteranen nach Tirol zurück, Josef Speckbacher etwa, Pater Haspinger und auch Roschmann. Am 11. Oktober erreichte die österreichische Armee Bozen, am 31. stand sie in Trient – zwei der drei Teile Tirols waren wieder österreichisch. Der dritte blieb allerdings bei Bayern, obwohl das Königreich schon am 8. Oktober endgültig mit Frankreich gebrochen und sich der Koalition angeschlossen hatte. Im „Vertrag von Ried“ wurde Bayern die volle Souveränität über all seine Gebiete zugesichert – drei geheime Zusatzartikel bestimmten aber zukünftige „natürliche“ und „notwendige“ Grenzziehungen zwischen Bayern und Österreich, was – im Falle eines Sieges der Koalition – die Rückkehr Tirols und Vorarlbergs bedeutete. Elf Tage nach dem Rieder Vertrag, am 19. Oktober 1813, war das Schicksal Europas entschieden. Eine halbe Million Männer standen sich in Leipzig gegenüber, über 100.000 fanden den Tod, die Völkerschlacht war der Anfang vom Ende Napoleons.

In Tirol allerdings war noch nichts entschieden – die Verlautbarung des offiziellen Vertrags von Ried sorgte für Aufruhr. Am 31. November ernannte Kaiser Franz I. Roschmann zum provisorischen Landeschef von Tirol, in Nordtirol kam es zu Unruhen, die am 11. Dezember in einen Sturm aufgebrachter Bauern auf Innsbruck gipfelten. Bayern, aber auch Österreich gerieten zusehends unter Druck, doch es sollte noch bis zum 3. Juni 1814 dauern, bis im „Vertrag von Paris“ die Übergabe Tirols und Vorarlbergs an Österreich mit Datum 26. Juni fixiert wurde. Tirol war wieder eins und bei Österreich. Seine alte Verfassung, seine alten Rechte, für die blutig gekämpft worden war, sollte Tirol allerdings nie mehr wieder erhalten. Im Gegenteil: Österreich übernahm die eingeführten „verhassten“ Reformen sowie die Konskription. Bayern hatte sozusagen die nützliche Drecksarbeit geleistet.  Andreas Hauser

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