Hofers Mander

Sie waren Jünger, Hetzer und Verräter – Cajetan Sweth, Joachim Haspinger und Franz Raffl. Drei Männer, die in dem Hofer-Film „Die Freiheit des Adlers“ neben dem Sandwirt im Mittelpunkt stehen.

Andreas Hofer ist am Ende. Betrunken, aschfahl, verloren sitzt er in der Stube seines Hofs. Die letzte, die vierte Schlacht am Bergisel war ein Desaster. Er hat aufgegeben, befiehlt seinem getreuen Schreiber Cajetan Sweth, das Kapitulationsschreiben aufzusetzen. Er selbst findet keine Worte mehr, Raffl drängt zur Eile. Hofer gibt eine Blanko-Unterschrift, will die Stube verlassen, wie von unsichtbarer Hand wird er vom hereinstürmenden Joachim Haspinger wieder hineingeschoben. Der Pater will weiter Blut sehen. „Du widerrufst jetzt deine Kapitulation“, herrscht er Hofer an. Mit Waffengewalt zwingt er den Sandwirt, eine neue Erklärung zu unterschreiben. „Wir kämpfen weiter. Wir töten euch Teufel alle“, diktiert Haspinger dem Sekretär Hofers. Sweth schreibt, lethargisch. Raffl will den Wahnsinn stoppen: „Hofer! Tua des nit! Du bringst des ganze Land um!“ Doch Hofer setzt mit zitternden Händen seinen Namen unter die blutdürstenden Worte. Es ist sein Todesurteil.

In dieser Schlüsselszene des Films „Andreas Hofer – Die Freiheit des Adlers“ aus dem Jahr 2002 lassen Felix Mitterer und Xaver Schwarzenberger ihre vier Protagonisten des Tiroler Widerstands aufeinanderprallen. Den aus der Not zum Anführer des Aufstands gewordenen Andreas Hofer, den ihm treu ergebenen Cajetan Sweth, Franz Raffl, den glühenden Vaterlandsverteidiger, der angesichts der erschreckenden Niederlagen das Handtuch werfen will, und Pater Joachim Haspinger, den Kämpfer für den Gottesstaat. Ein Haspinger, der die Tiroler von Anfang an vor sich hergetrieben hat, sie für seine Ideologie missbraucht hat. Ein Haspinger, der Hofer zur Marionette seines Willens werden lässt. Ein Haspinger, der die zentrale Rolle übernimmt. Ist der Hofer-Film überhaupt ein Hofer-Film?

Mitternachtsmette 1808, St. Leonhard im Passeier: „Bei uns ist Christus geboren, Brüder und Schwestern, bei uns, mitten unter uns, in den Bergen Tirols. Und der Engel des Herrn sprach: Friede den Menschen auf Erden. Die guten Willens sind. Und ich sage euch: Unfriede dem Wolf, der nicht guten Willens ist, Kampf dem Wolf, dem sich ganz Europa unterwirft; wir unterwerfen uns nicht, die Tore der Hölle werden wir öffnen, er wird es sehen und er wird staunen, wenn er den Namen hört des Landes, das da aufsteht wider ihn, den mächtigsten Kaiser der Welt: das heilige Land Tirol!“ Kein Vergleich ist dem fanatischen Prediger Haspinger zu schade, um gegen Napoleon und die als Unterdrücker empfundenen Bayern zu hetzen. Selbst am Heiligen Abend nicht. Es gilt, das auserwählte Volk zu verteidigen, in dessen Mitte Gottes Sohn geboren wurde. Ein auserwähltes Volk, das in Gefahr ist, bringen doch die Bayern Reformen ins Land, die dem religiösen Empfinden des Volkes – Felix Mitterer nannte es „eher Naturreligion als Katholizismus“ – widersprechen. In der Tat brachten die Bayern 1805 Neuerungen nach Tirol.

Nach der Niederlage gegen Napoleon und dem Frieden von Pressburg im Jahr 1805 musste Österreich Tirol an Bayern abtreten. Die Bayern kamen in ein Land, das sich schon seit Längerem in einer wirtschaftlichen Krisensituation befand. Schnelles Bevölkerungswachstum, zu wenig Landwirtschaftsfläche, Missernten und Hungerkrisen ließen das Land in Armut und Verschuldung versinken. Auch hatte sich das Land lange Zeit gegen die zarten Versuche der Habsburger, in Tirol Reformen durchzuführen, erfolgreich gewehrt. Vor allem der Klerus. Erst 1803, nach der Auflösung der Territorialmacht der Fürstbischöfe von Brixen und Trient, war die Verwaltung der Regierungsautorität unterstellt. Die Bayern versuchten, den Ständestaat Tirol in Richtung eines aufgeklärten bürgerlichen Nationalstaats zu entwickeln und gingen dabei konsequenter vor als vor ihnen die Habsburger. Um die ökonomischen Probleme in den Griff zu bekommen, führten die Besatzer neue Steuern und Zollvorschriften ein, öffneten den Markt zu Bayern. Betroffen waren davon hauptsächlich Händler und Gastwirte, denen die Konkurrenz des bayrischen Biers zu schaffen machte. Auch die Einführung des Militärdiensts stieß auf Widerstand. Andere Veränderungen betrafen das religiöse Alltagsleben, aber vor allem die Macht der Kirche. Feiertage wurden abgeschafft, einige Prozessionen verboten, Klöster aufgelöst, Priester vertrieben – der ideale Nährboden für religiöse Hetzer.

Eigentlich wollte Tobias Moretti damals den Haspinger spielen. „Diese Figur hat mich fasziniert, in seinem Wesen, seiner Rigorosität, seinem Fanatismus, seiner Aggression – so wie der Baldur von Schirach“, zog der Schauspieler im Jahr 2002 einen Vergleich zwischen dem Kapuzinerpater und dem NS-Gauleiter von Wien, der zwischen 1941 und 1945 für die Deportation von 185.000 Juden aus dem Gau Wien verantwortlich war. Doch auch Moretti gestand: „Ich hatte früher keine Ahnung, für was er steht, wer er ist, woher er kommt und wo er nachher war. In unserem Geschichtsbewusstsein war er immer der gute Pater. Und dann kam er nicht mehr vor.“ Aus dem mit erhobenem Kreuz den Tiroler Standschützen vorauseilenden Haspinger wird bei Mitterer und Schwarzenberger ein mit dem Kreuz zustechender Kämpfer an vorderster Front, der in seinem Fanatismus alle Gräueltaten mit der Bibel rechtfertigt und auch gegen Abweichler in den eigenen Reihen mit aller Brutalität vorgeht. Ein Alpentaliban, von Franz Xaver Kroetz beeindruckend in Szene gesetzt, für Tobias Moretti „ein Wahnsinn“. Kroetz rüttelt damit nicht nur am in der Tiroler Geschichte tradierten Bild des Kapuziners, er zerstört, zertrümmert es. Ein Fundamentalist, für den „die Engel unser Blut sehen wollen“, der von einem Tirol träumt, über dem nur der Herrgott steht – und sonst niemand: „Koa Kaiser, koa König.“ Haspinger war in den Tiroler Freiheitskämpfen nicht der einzige Geistliche, der mit flammenden Worten Kriegshetze im Namen Gottes betrieb. Ende November 1809 trieben die Virger Priester Johann Damaszen Sigmund und Martin Unterkircher die Osttiroler bei Oberlienz und am Aineter Bergl in ein letztes, sinnloses Gemetzel. Unterkircher verkündete in Matrei sogar öffentlich: „Wer in diesen Kämpfen fällt, kommt in die ewige Seligkeit.“ Für ihren Aufruf zum Widerstand wurden die zwei Kirchenmänner am 2. Februar in Lienz kriegsrechtlich erschossen. Ein Schicksal, dem sich der umtriebige Haspinger durch Flucht entzieht. „Er verrät seine Ideologie, um sich selbst zu retten“, resümierte Moretti. Einen Verrat, den Schwarzenberger im Film symbolisch umsetzt. Kroetz rasiert sich seinen Bart, streift seine Kutte ab und versteckt seine ideologische Haltung hinter bürgerlicher Kleidung, hat für die von ihm in den Abgrund Getriebenen gerade eine verstohlen hingeworfene Münze übrig.

„I brauch dei Geld nimmer, mir kria­gen an neuen Hof“, ruft ihm der verhärmt am Boden kauernde Zoderer nach. Er ist der Knecht Raffls – den Haspinger erkennt er nicht. Es ist bitterkalt in Meran, Schneetreiben. Doch Zoderer hat Hoffnung. Vor Kurzem hat er Raffl getroffen, passt auf dessen Tochter auf. Denn Raffl hat einen Termin. Eine Erbschaft erwarte er, hatte er zu Zoderer gesagt, Geld, mit dem er sich einen neuen Hof kaufen will. Der Verrat Raffls wird hier im Film angedeutet.

Raffl ist die komplexeste Figur in Mitterers Darstellung. Der glühende Patriot, der vom Goldenen Dachl herab die Bayern beschimpft, der Realist, der angesichts der Niederlage den Wahnsinn stoppen will, der Verzweifelte, der nach der Ermordung seiner Familie – nur eine Tochter überlebt – Hofer an die Franzosen ausliefert, der Verräter, der von seinem Knecht erschossen wird. „Der Raffl – so haben wir das interpretiert – war halt einer von den vielen Mitläufern, ein braver Kämpfer an der Seite Hofers, der dann durch das eigene Schicksal zum Verrat gezwungen wurde“, erklärte der Innsbrucker Gregor Bloéb seine Rolle. Mitterer hat den „Judas von Tirol“ vermenschlicht – was einige Überzeugungskraft benötigte. „Ich persönlich war mit dieser Lösung – der Opferrolle – anfänglich nicht zufrieden. Nicht weil ich den Raffl als Landesverräter sehe. Ich wollte, dass der Film zeigt, dass es in einer solchen Situation nur Verlierer gibt und geben kann. Wie ich den Film gesehen habe, war ich sehr froh, dass ich mich bezüglich der Rolle Raffls getäuscht habe. Weil der Raffl im Film eine Beziehung zwischen der historischen und fiktiven Person herstellt“, beschrieb Tobias Moretti seinen Sinneswandel. Der Verrat Raffls ist eine letzte Konsequenz, aus einer tiefen Erschütterung heraus, aus der Erkenntnis, dass am Ende nur der Tod steht. „Eigentlich bleibt niemand übrig, das Kind Raffls bleibt allein zurück. 1814 kommt Tirol wieder zu Österreich und alles war so wie vorher. Der ganze Kampf hat schließlich nur das gebracht, dass Waisen übriggeblieben sind“, meinte Gregor Bloéb dazu.

Ungefähr 1350 Tote forderten 1809 die schweren Kämpfe am Bergisel und im übrigen Tirol. Unzählige Verwundete und Verstümmelte, die Jahrzehnte später als Helden gefeiert wurden. Helden, die nach dem Einmarsch in Innsbruck das städtische Bordell derart intensiv besuchten, dass Andreas Hofer mittels Erlass dagegen vorgehen musste. Helden, die plündernd durch die Straßen zogen und sich ihre Opfer genau aussuchten. „Die Juden und Uhrmacher der Stadt wurden rein ausgeplündert. Auch verschiedene Studenten mussten, weil sie in jüdischen Häusern wohnten, ungeachtet sie ihr Christentum mit verschiedenen katholischen Zeichen zu beweisen sich bemühten, ohne weiteres als Juden gelten, sich ihrer Habe rauben lassen und zufrieden sein, dass sie durch Flucht ihr Leben retteten“, schrieb Josef Daney, Feldkaplan und Mitstreiter Hofers, in seinen Memoiren. 1816, sieben Jahre später, gab es wieder Geld. Diesmal offiziell, aus den Kassen Habsburgs. 952.210 Gulden wurden den Tiroler Gemeinden für angeforderte Schützenlöhne aus dem Jahr 1809 ausgezahlt. Heutige Kaufkraft: rund 15,6 Millionen Euro.

Weniger, nämlich die zweiten 750 Gulden, warfen die Franzosen Raffl vor die Füße. In den Schnee, vor der Pfandleralm. Hofer, seine Familie und der getreue Cajetan Sweth stehen in der Kälte, von Soldaten umringt. Hofer erkennt Raffl, blickt ihn an, ohne Zorn, eher verstehend nickt er ihm zu, sieht ein, dass das Schicksal Raffl keine andere Wahl ließ. Dann wird die Gruppe abgeführt. Hofer voran, ihm folgt Sweth, barfuß.

Cajetan Sweth war im April 1809 zu den Aufständischen gestoßen, nach der ersten Bergiselschlacht, nachdem Hofer siegreich in Innsbruck eingezogen war. Der Theologiestudent dient sich als Kämpfer an, Hofer macht ihn zu seinem persönlichen Schreiber. Ein Sekretär, der beharrlich bei seinem Herrn bleibt, bis zum bitteren Ende. „Der Sweth konnte letztlich auch gar nichts anderes machen, als Hofer treu zu sein und ihm als Genosse zur Seite zu stehen“, zeichnete Guntram Brattia ein tragisches Bild des Cajetan Sweth, den er im Film verkörpert. Für Sweth ist Hofer mehr als ein Anführer, es entsteht eine Vertrautheit, eine Freundschaft zwischen den beiden. Er, der Student, und nicht einer der aus dem gleichen Umfeld stammenden Tiroler Kampfgenossen, wird zur rechten Hand Hofers. „Über Sweth und seine Beteiligung an Kämpfen ist nichts überliefert. Das interpretiert man dahin, dass er nichts getan hat“, verwies Brattia auf die Fantasie des Drehbuchautors Mitterer. Fatalistisch wirft sich der Städter und Intellektuelle Sweth ins Geschehen, nur einmal greift er zur Waffe – um im Sandhof Andreas Hofer mit zittrigen Händen zu verteidigen. Sweth, der Pazifist im Tiroler Freiheitskampf? „Nein, man kämpft nicht nur mit dem Gewehr, man kämpft auch mit der Feder“, antwortete Brattia. Für ihn verkörperte Sweth einen „Nachrichtentechniker heutiger Kriege, der in einem Kriegsszenario eine wichtige Position einnimmt“. Eine wichtige Rolle nahm Sweth auch nach 1809 ein. 1824 veröffentlichte er seine Memoiren, über die der britische Historiker Laurence Cole schreibt: „Dieses Werk signalisierte wie kein anderes den Beginn der Glorifizierung des toten Gastwirts.“

Der getreue Cajetan Sweth, der Jünger, legt den Grundstein für den Mythos um den gottesfürchtigen und tapferen Andreas Hofer, der vom geldgierigen Verräter Franz Raffl an den Feind verkauft wird. Felix Mitterer und Xaver Schwarzenberger interpretierten die Geschichte neu – sie gaben Hofer und Raffl menschliche Züge. Alles Unmenschliche – religiöser Fundamentalismus, Fanatismus und Blutgier – wurde einer Person zugeschrieben: dem Kapuzinerpater Joachim Haspinger. Und insofern ist der Hofer-Film ein Film über Haspinger. Einer seiner Mander, der Hetzer, hat den Hofer-Mythos abgelöst.  Susanne Gurschler, Andreas Hauser

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