Gute Nacht Schnepf

Der bayerische Infanterist Josef Deifl hat seine Erinnerungen an die Napoleonischen Kriege aufgezeichnet. Das zeitweise zwar etwas konfuse „Tagebuch“ gibt einen tiefen Einblick in die Gräuel des Krieges mit „Blick von unten“ – und von außen. 

Die Tiroller sind große Männer, stark von Körperbau, doch Nervenkraft fehlt ihnen meistens, das macht ihre weiche Kost – kein Brot, Fleisch, Bier etc. ist in den Gebirgen nicht viel, nur Milch, Käs, Butter, etwas Obst etc.“, schrieb er und weiter: „Arbeit haben die Bauersleut eben nicht viel, denn der Feldbau ist wenig : das Vieh weiden sie auf den Alben, kein Futter wird auch nicht geschnitten im Winter, sondern das Heu und etwas Haberstroh wird fest in Büscheln gebunden und in tiefe Barrn gesteckt.“ Auch für die „Roheit“ der Tiroler hatte Josef Deifl eine Erklärung parat: Noch unter Kaiser Joseph den Zweiten gab es Ortschaften, die fünf Stunden Fußmarsch von der nächsten Kirche entfernt lagen. Da mussten Rohheit und Aberglauben ja sprießen.

Als Infanterist im bayerischen Heer kam ­Josef Deifl 1809 nach Tirol. Seine Erlebnisse hielt der aus einfachen Verhältnissen stammende Mann später als Mahnung gegen der Krieg in einer Art Tagebuch fest, das streckenweise zwar sehr konfus geschrieben ist, aber mit einem „Blick von unten“ interessante Eindrücke vom unmittelbaren Kriegsgeschehen, vom Alltag der Soldaten und der Zivilbevölkerung liefert – und von der anderen Seite.

Im Februar 1809 wurde der aus der Gemeinde Neuessing bei Kelheim stammende Deifl in den Heeresdienst berufen, drei Monate später marschierte der 18-Jährige mit der Division Deroy in Tirol ein. „Gute Nacht Schnepf, morgen gehts ins Tiroll“, hatten sich die Soldaten am Vorabend noch launig zugerufen. Der Einmarsch in Tirol und die Niederschlagung des Aufstands sollte rasch und mehr oder weniger unblutig über die Bühne gehen. Doch schon nach kurzer Zeit verkehrte sich das friedliche Bild, das sie in der Gegend von Kufstein erwartete, in sein Gegenteil. „Kugeln saußen, flammen braußen, Kamerathen stürzen blutend hin“, erinnert sich Deifl: „Alles ist den größten Unfug breisgegeben auf beiden Seiten – Raub, Mord, Blinderung u.d.gl.“ An der „Ziller Brük“ zeigt sich dem jungen Soldaten eine weitere grausige Seite des Krieges. Neun Tiroler werden dort aufgehängt, weil sie auf die Frage, „ob sie Bairisch werden wollen“ antworten: „ Nein, lieber kaiserlich sterben als Bairisch werden.“ Den Befehl dazu gab, so führt der Augenzeuge aus, ein französischer General, wie überhaupt die Franzosen bei Deifl schlecht wegkommen. Sie seien „blessiert“ und würden die Bayern als „Kriegsknechte“ behandeln, meint er.

Nach der Niederschlagung der Aufständischen am 29. Mai am Bergisel ziehen sich die bayerischen Truppen über das Unterinntal zurück. Wenige Wochen später marschiert die Division Deroy und mit ihr der Infanterist Deifl wieder Richtung Innsbruck. Der Krieg hat mittlerweile unübersehbare Zeichen hinterlassen. Kaum ein Ort, kaum ein Hof, kaum ein Gasthaus, das nicht schon geplündert worden wäre, Nahrungsmittel sind kaum noch zu finden. „Jammerte Weiber kommen auf allen Seiten herbey; die Soldaten blindern ihr Habe. Nicht zu bewundern, bisher haben wir beynah noch kein Brot gefaßt; die Natur behauptet sein Recht“, schreibt Deifl. Auch diesmal glauben die Bayern an eine rasche Unterwerfung der Aufständischen, auch diesmal täuschen sie sich. Deifls Truppe kommt bis nach Imst und stößt dort auf massiven Widerstand der Tiroler. Eindrücklich schildert Deifl, wie es ihm gelingt, einem Hinterhalt der Einheimischen zu entkommen und sich mit seinem Regiment Richtung Telfs zurückzuziehen. Von den Kriegsereignissen und Strapazen gezeichnet, bricht der junge Bursche bei Zirl zusammen. „Ich aber werf meinen Karakter nieder, oder er fällt mir hinweg vor lauter Mattigkeit, denn es wird jezt beynahe 42 Stunden, daß nichts über mein Herz kommt außer Wasser. Ich leg mich in einen Gethreidacker ganz für mich allein und denk mir etwas.“ Erst am nächsten Tag meldet er sich bei seiner Einheit zurück. 

Es folgt die 3. Schlacht am Bergisel am 13. August 1809. Wieder ist Deifl vor Ort und er zeichnet ein erschütterndes Bild von der tirolerseits später so verklärten „Entscheidungsschlacht“. Immer wieder versuchen die Truppen den Berg zu erklimmen, doch mit Gebrüll stürzen sich die Aufständischen von oben herab, mähen alles nieder, was sich ihnen in den Weg stellt, und ziehen sich dann wieder zurück. Die bestens ausgerüsteten „Feinde“ haben keine Chance: „Roth von Deutschem Baiern Blut“ ist die Erde. Die französischen Kommandanten aber wollen nicht aufgeben, nennen die Bayern gar Feiglinge, wie sich der „junge Braußkopf“ Deifl erinnert: „ Der Marschall Le Feber ließ unser Bataillon aufstellen und ein Karee vormieren und schimpfte die ganze Deutsche Nation auf das Schmählichste, als wenn wir es mit den Insurgenten hielten, kommt es heraus.“

 Die Infanteristen erhalten Befehl, einen Ring um den Bergisel zu bilden und als lebendige „Zillscheibe“ auszuharren, „wenn allenfalls die Bauern einen Sturm auf uns anlegen sollten, daß wir gleich voran stehen und die Kavalleri und die Artilleri und die übrigen schußfrei halten“. Deifl glaubt, sein letztes Stündlein habe geschlagen: „Es wird eim ganz anders, wenn man hinsizen mus wie ein armer Sünder auf das Schaffot, der jeden Augenblik den Todesstreich erwartet.“ Der junge Bursche behält die Nerven und überlebt. Doch das niemals Erwartete tritt ein: Das bayerisch-napoleonische Heer muss sich geschlagen geben und zieht sich über das Unterinntal zurück nach Kufstein.

Die Moral in der Truppe ist nicht allein wegen der verlorenen Schlacht auf dem Tiefpunkt. Ausrüstung und Uniformen sind beschädigt, Nachschub ist nicht zu erwarten und die Verpflegungssituation prekär. „ Hunger wie eine Kirchenmaus“ hat Deifl. Die Äcker aber sind leergefegt, die Keller geplündert. In seiner Verzweiflung sucht er einen Bauern in Wiesing auf, der als „Bothe“ für die Bayern gearbeitet hat. Doch dieser ist nicht da und die Bäuerin verzweifelt. „Ich hob nichten, gor nichten“, sagt sie: „Koin Solz, koin Butter, koin Käs, gor nichten; die Soldaten hobn alls dahin.“ Als der Bauer schließlich eintrifft, nimmt er Deifl weinend in den Arm und erzählt, zwei Mal hätten ihn die Soldaten ausgeplündert, dann sei sein Haus wochenlang von der „Tyroller und Österreicher Generallität“ besetzt gewesen und daher „mit Bummen- und Kranakugeln“ beschossen worden. Die Situation der Soldaten verbessert sich nicht. Trotz des Sieges gegen die Österreicher und trotz Abgabenerhöhung sind sie auch acht Wochen nach dem Verlassen Tirols ohne Sold und „so verrissen, dass es eine Schande war“. Deifl bleibt nichts anderes übrig, als seinen Vater um Unterstützung zu bitten. „Er, mein Vater spart es vom Mund, er aß Gerstenbrot, und Wasser war sein Trank. Gott weiß es, daß ich nicht lüge“, notiert er.

Im Oktober 1809 heißt es für ihn wieder nach Tirol marschieren, diesmal kommt sein Regiment bis ins Zillertal, wo es bis Ende Oktober stationiert ist. „In Dux gibt es Menschen, die noch nie einen anderen Menschen gesehen haben als einen Duxer“, schreibt er in seinen Erinnerungen. Ein letztes Mal stößt Deifls Regiment mit einem Häuflein Schützen zusammen, welche die endgültige Niederlage nicht wahrhaben wollen. „Eh wir aus dem Zillerthal wegziehen, da versammeln sich die Tiroller Schützen noch Mal in der Wüschnau.“ Oberst Metzen macht kurzen Prozess und lässt die Rädelsführer erschießen. Nach Monaten des Kampfes, der Zerstörung und der Entbehrungen kehrt langsam Ruhe ein in Tirol, Deifl bleibt über mehrere Monate bei Kufstein stationiert und nutzt die Zeit, um den Wiesinger Bauern zu besuchen und er erkundet, vom Frieden beseelt, die Umgebung. Schließlich wird seine Kompanie nach Kufstein beordert und der Abschied von den Wiesinger Bauersleuten fällt ihm sichtlich schwer: „Wir mußten den Dienst in der Festung Kufstein übernehmen, etliche Wochen bis zum 1 May 1810. Thränen flossen beim Weggehen vom Wiesingerhof beider Seiten.“

Deifls Einsatz in Tirol ist damit zwar beendet, doch der Krieg noch lange nicht vorbei. 1812 nimmt der Neuessinger am Russland-Feldzug teil. Er erlebt körperliche Zusammenbrüche, wird verwundet, gefangengenommen, wieder freigelassen. Im April 1814, nach mehr als zweijährigem Fußmarsch, kehrt der 23-Jährige in seinen Heimatort zurück. Im Jahr darauf muss Josef Deifl nochmals an die Front. Bei Troyes erfährt Josef Deifl, Napoleon sei bei Waterloo vernichtend geschlagen worden. Der Krieg ist vorbei.

Am 3. Dezember trifft Deifl in Nürnberg ein, fünf Tage später schreibt er: „Nach Haus! Kein Abschied, kein Geld, kein Dank, kein Zeichen! Ein Zertivikat bekommt jeder Mann über sein Guthaben. Der ewige Friede wird uns belohnen, er ist mit Geduld durch Gottes Hilfe erkämpft.“  Susanne Gurschler

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