Europa im Krieg

Das revolutionäre Frankreich war den europäischen Herrschern ein Dorn im Auge. In den ersten drei Koalitionskriegen zwischen 1792 und 1805 setzte es für sie aber nur Niederlagen. Als Folge wurde die Landkarte Europas neu gestaltet – und Tirol kam zu Bayern.

Sie trafen sich am 25. August 1791 in Pillnitz, heute ein Stadtteil von Dresden. Eigentlich wollten sich Leopold II., Kaiser des Heiligen Römischen Reichs, und König Friedrich Wilhelm II. von Preußen über die polnische Frage einigen. Doch auf Drängen des Grafen Karl von Artois, des Bruders des französischen Königs Ludwig XVI., wurde die Tagesordnung geändert. Denn in Frankreich war schier Unerhörtes passiert. 

Gerade mal zwei Jahre war es her, dass in Paris die Bastille erstürmt, in Frankreich die Abschaffung der Vorrechte von Adel und Klerus beschlossen sowie die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte verabschiedet worden war. Doch damit nicht genug. Am 27. November 1790 hatte sich das revolutionäre Frankreich die katholische Kirche endgültig zum Feind gemacht. Per Dekret der Nationalversammlung sollte der Klerus in Zukunft seinen Eid auf die (noch nicht beschlossene) Verfassung leisten. Papst Pius VI., für den bereits die Erklärung der Menschenrechte „gottlos“ war, drohte den Priestern, die diesen Eid leisteten, mit der Exkommunikation. Auch für König Ludwig XVI. war die Situation immer schwieriger geworden, in der Nacht vom 20. zum 21. Juni 1791 entschloss er sich zur Flucht in die Österreichischen Niederlande. Doch sein – nicht gerade geschickt angelegter – Absetzversuch scheiterte: Am 22. Juni wurde er in Varennes gestoppt, von Soldaten der Nationalversammlung gefangengenommen und wieder nach Paris gebracht. In der Folge wurde nun in Frankreich eine vollständige Abschaffung der Monarchie diskutiert. 

Diesem Umstand dürfte es wohl zu verdanken sein, dass die Interventionen des Grafen von Artois Erfolg hatten. Leopold II. und Friedrich Wilhelm II. reagierten am 27. August 1791 mit der Pillnitzer Deklaration, in der sie erklärten, „dass sie die Lage, in welcher der König von Frankreich sich jetzt befindet, als einen Gegenstand eines gemeinschaftlichen Interesse für alle europäische Souverains betrachten“, und dass sie beabsichtigten, „den König von Frankreich in den Stand zu setzen, in vollkommenster Freyheit die Grundlagen einer monarchischen Regierung zu bevestigen, die den Rechten der Souverains eben so zuträglich sey, als dem Wohl der französischen Nation“. 

Für die französischen Revolutionsanhänger kam dies einer Kriegserklärung durch das „aristokratische Komplott“ gleich, obwohl die europäischen Mächte nicht an einer Umsetzung ihrer Absichtserklärung arbeiteten. Anders die Situation in Frankreich. Während Ludwig XVI., inzwischen Oberhaupt einer konstitutionellen Monarchie, einen Krieg befürwortete, da er an eine rasche Niederlage der Revolutionstruppen glaubte, setzten Revolutionäre wie der Marquis de Lafayette ihre Hoffnung auf einen kurzen, begrenzten Krieg, der die Generäle stärken und sie in die Lage versetzen sollte, die Revolution zu stabilisieren. Andere wiederum wollten die Idee der Revolution exportieren, in der Nationalversammlung (und außerhalb) kam es zu intensiven Diskussionen. So meinte der Politiker Maximin Isnard: „Ein Volk im Zustand der Revolution ist unbesiegbar.“ Während Robespierre eindrücklich vor einem Krieg warnte: „Die ausgefallenste Idee, die im Kopf eines Politikers entstehen kann, ist die Vorstellung, es würde für ein Volk genügen, mit Waffengewalt bei einem anderen Volk einzudringen, um es zur Annahme seiner Gesetze und seiner Verfassung zu bewegen. Niemand mag die bewaffneten Missionare; und der erste Rat, den die Natur und die Vorsicht einem eingeben, besteht darin, die Eindringlinge wie Feinde zurückzuschlagen.“ Doch Robespierres Position war nicht mehrheitsfähig. Am 20. April 1792 erklärte Frankreich Franz II., dem als Nachfolger Leopolds II. kurz vor der Krönung stehenden Kaiser des Heiligen Römischen Reichs, den Krieg.

Doch die anfängliche Euphorie der Franzosen weicht bald der Ernüchterung. Die Offensive in Flandern scheitert, zudem tritt Preußen in den Krieg ein, am 1. August überschreiten die Truppen der Ersten Koalition den Rhein. In diesen Tagen wird in Paris auch das Manifest des Herzogs von Braunschweig bekannt. Der Oberbefehlshaber der preußischen und österreichischen Truppen erklärt darin, „der Gesetzlosigkeit im Inneren Frankreichs ein Ende zu machen, [...] (und) dem Könige seine Freiheit und Sicherheit wieder zu erstatten“. Den Revolutionären wird zudem mit der Exekution gedroht. Doch die Unterstützung für Ludwig XVI. bewirkt das Gegenteil. Am 10. August wird die von der Schweizergarde bewachte königliche Residenz, der Tuilerienpalast, von der aufständischen Bevölkerung gestürmt, es kommt zu hunderten Toten auf beiden Seiten, Ludwig XVI. wird suspendiert und mit seiner Familie gefangengenommen. Doch die Lage in Paris – preußisch-österreichische Truppen haben bereits Longwy und Verdun eingenommen – wird immer bedrohlicher. 

Die Wende kommt bei einer kleinen Mühle in der Nähe des Dorfes Valmy. Bei dem dortigen Artillerieduell am 20. September können die Revolutionssoldaten erstmals dem Angriff der Koalitionstruppen standhalten. Diese ziehen sich zurück, die Revolutionsarmeen gehen erfolgreich in die Offensive über. Zwei Tage später wird in Paris die Republik ausgerufen. Am 11. Dezember beginnt der Prozess gegen Ludwig XVI., der am 21. Jänner hingerichtet wird – der sofortige Kriegseintritt von England, Spanien, Portugal und anderen Ländern ist die Folge. Frankreich muss reagieren: Am 23. August 1793 wird die „Levée en masse“ angeordnet, die allgemeine Wehrpflicht, von der niemand ausgenommen wird, heißt es doch in Artikel 2: „Die jungen Männer gehen an die Front, die verheirateten schmieden Waffen und übernehmen den Verpflegungstransport; die Frauen nähen Zelte, Uniformen und tun in den Hospitälern Dienst; die Kinder zupfen aus altem Leinenzeug Scharpie; die Greise lassen sich auf öffentliche Plätze tragen, um den Soldaten Mut und Haß gegen die Könige zu predigen und ihnen die Einheit der Republik einzuschärfen.“ 

Diese Maßnahme (Frankreich konnte damit innerhalb kurzer Zeit seine Truppenstärke auf eine Million Soldaten vergrößern) war – neben der Niederschlagung des Aufstands in der Vendée – ausschlaggebend für den weiteren Verlauf des Kriegs. Am 17. Dezember 1793 gelingt einem 24-jährigen Hauptmann die Rückeroberung der von Aufständischen gehaltenen (und von England unterstützten) Stadt Toulon – als Dank wird Napoleon Bonaparte zum Brigadegeneral ernannt und erhält das Kommando über die Artillerie der französischen Italienarmee. Nach und nach gelingt es Frankreich nun, einzelne Koalitionsparteien aus dem Krieg auszuschalten. Ab 1796 verlagert sich das Kriegsgeschehen nach Italien, Napoleon behält gegen Österreich die Oberhand, im Frühjahr 1797 rücken die Franzosen über die Alpen Richtung Wien vor – und machen am 2. April bei Spinges erstmals Bekanntschaft mit dem Widerstand der Tiroler. Doch der Krieg ist zu Ende, der Friede von Campo Formio am 17. Oktober 1797 besiegelt die Niederlage Österreichs, das die Österreichischen Niederlande und Mailand an Frankreich abtreten muss. Doch der Friede währt nicht lange.

Um England, mit dem sich Frankreich immer noch im Krieg befindet, zu schwächen, bricht Napoleon im Mai 1798 zur Eroberung Ägyptens auf. Großbritannien, Österreich, das Königreich Neapel, Russland, Portugal und das Osmanische Reich nützen seine Abwesenheit zur Bildung der Zweiten Koalition. Von April bis August 1799 gewinnen die Verbündeten mehrere Schlachten in Oberitalien und nehmen unter anderem Mailand ein. Angesichts der dramatischen Lage kehrt Napoleon am 9. Oktober 1799 – heimlich – nach Frankreich zurück, kommt gerade rechtzeitig zum Staatsstreich des 18. Brumaire VIII (9. November 1799) und wird am 10. November zum Ersten Konsul gewählt. Die Niederlage bei Marengo am 14. Juni 1800 bedeutet das Ende der österreichischen Siege in Oberitalien, am 9. Februar 1801 kommt es zum Frieden von Lunéville, der Friede von Amiens (25. und 27. März 1802) zwischen Frankreich und den geschlagenen Briten beendet den Zweiten Koalitionskrieg. 

Aber nur zwei Jahre später herrscht wieder Krieg in Europa. Schon im Mai 1803 flammen die Auseinandersetzungen zwischen Frankreich und Großbritannien wieder auf. Grund ist die Insel Malta, die das Königreich laut dem Vertrag von Amiens wieder an den Malteserorden zurückgeben soll. Doch die Briten weigern sich. Napoleon sammelt nun seine Truppen in Boulogne am Ärmelkanal und denkt an eine Invasion Englands. In die Quere kommt ihm allerdings die Bildung der Dritten Koalition im Jahr 1805. Da Österreich Napoleons Verbündeten Bayern angreift, muss der Franzosenkaiser seine Truppen Richtung Bayern abziehen, wo er am 17. Oktober 1805 bei Ulm Österreich besiegt. Nur vier Tage später erfolgt an einer anderen Front die erste verheerende Niederlage Frankreichs. Bei Trafalgar vernichtet Admiral Horatio Nelson dank eines genialen taktischen Schachzugs die französisch-spanische Flotte unter dem Kommando von Pierre de Villeneuve. Englands Vorherrschaft auf dem Meer ist nun gesichert, an Land setzt sich aber wieder Frankreich durch. Am 13./14. November besetzt Napoleon Wien, etwa zwei Wochen später kommt es bei Austerlitz zur entscheidenden Dreikaiserschlacht. Kaiser Napoleon steht am 2. Dezember mit 73.000 Mann den Truppen von Zar Alexander I. und Kaiser Franz II. (gemeinsam 85.000 Mann) gegenüber. Um 7.00 Uhr beginnt der Kampf, am frühen Nachmittag ist er entschieden – 15.000 Tote und Verwundete aufseiten der Koalition, 12.000 Soldaten in französischer Gefangenschaft. Am 6. Dezember einigen sich in Austerlitz Franz II. und Napoleon auf einen Waffenstillstand, die Russen müssen sofort abziehen. 

Am 26. Dezember treffen sich Johann I. Josef von Liechtenstein und Ignatz Graf von Gyulai für Österreich sowie Charles-Maurice de Talleyrand für Frankreich im Pressburger Primatialpalais und unterzeichnen einen Friedensvertrag, der tags darauf von Napoleon ratifiziert wird. Für Österreich bedeutet der „Pressburger Friede“ erhebliche Verluste an Ländereien. Die Gebiete Venetien, Istrien, Dalmatien und Cattaro, die erst 1797 beim Frieden von Campo Formio zu Österreich gekommen waren, fallen an das napoleonische Königreich Italien, die Freie Reichsstadt Augsburg und der nordöstliche Teil des ehemaligen Hochstifts Passau an Bayern. Zwar kommen das vormalige Erzbistum Salzburg sowie Berchtesgaden als Gegenleistung zu Österreich, doch Franz II. büßt ganz Vorderösterreich ein, das aufgesplittet wird. Ein Teil kommt zu Baden und Württemberg, der andere zum Kurfürstentum Bayern – und zwar Tirol und Vorarlberg.  Andreas Hauser

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