Beherrscher der Welt

Er war Kaiser, Feldherr und Gott, berüchtigt für seine geschliffene Sprache und seinen militärischen Genius, dessen Eroberungshunger Hunderttausende in den Tod riss: Napoleon I., Sohn eines korsischen Winkeladvokaten, aufgestiegen zum Herrn über die Welt, der er fast 20 Jahre lang seinen Willen aufzwang. 

Gespenstisch hallten die Worte im Waffengeklirr über das Schlachtfeld. Sie breiteten sich aus wie ein Lauffeuer und verdichteten sich im dröhnenden Artilleriefeuer zu einem einzigen Schrei tausender hoffnungsloser Soldaten: „Die Garde zieht sich zurück!“ Die Garde wich – etwas Unerhörtes, Unmögliches ging vor: Napoleons kaiserliche Elitesoldaten, am Ende jeder Schlacht nur ausgesandt, um dem Gegner den Todesstoß zu versetzen und den Ruhm des Kaisers zu mehren, flüchteten vor den heranstürmenden Preußen. Zwar bewahrten die Gardesoldaten auch angesichts des Rückzugs Haltung („Die Garde stirbt, aber sie ergibt sich nicht“), doch die Kampfmoral war gebrochen, der Gegner mit einem Mal übermächtig. An jenem Abend versank die letzte französische Armee, mit der der Kaiser die Welt erobern wollte, in blutigem Chaos, ebenso wie Napoleons Glücksstern, der ihn bis hierher geführt hatte: in die Nähe des belgischen Dörfchens Waterloo, wo am 18. Juni 1815 das Schicksal des Mannes besiegelt wurde, der sich zwanzig Jahre zuvor aufgemacht hatte, um – im wahrsten Sinne des Wortes – die Welt zu erobern.  

Es soll ein Teppich gewesen sein, der Schlachtszenen aus Homers Illias zeigte, auf dem Napoleon am 15. August 1769 geboren wurde. Und es dürfte sich dabei um eine jener Legenden handeln, die in Napoleon Bonapartes Leben so zahlreich sind. Denn Bonaparte erkannte früh, wie sehr der Ruf die Stellung eines Menschen beeinflussen kann und arbeitete aus diesem Grund zeitlebens daran, unfehlbar zu sein. Dies mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln, zu denen die Beeinflussung der Presse, der Einsatz von Propaganda und die schlichte Lüge zählte. 

Napoleons Kindheit war – umgeben von sieben Geschwistern und einem notorisch an Geldmangel leidenden Vater – von Entbehrungen geprägt und von strikter Disziplin gezeichnet, die erst angesichts seiner großen verlorenen Schlachten über 30 Jahre später langsam von ihm abfallen sollte. Ein königliches Stipendium verhalf dem Zehnjährigen 1779 zum Besuch der von Benediktinern geleiteten Militärschule im französischen Brienne-le-Château, 1784 trat er als „cadet gentilhomme“ in die Pariser École Militaire ein. Napoleons Ehrgeiz war schon dort grenzenlos: Nach nur einem Jahr intensiven Studiums wurde er Offizier und Unterleutnant der Artillerie. Napoleons Askese in diesen Jahren war aber nicht allein Ausdruck seiner Disziplin – sie entsprang vielmehr dem inneren Zwang, so viel Sold wie nur möglich an seine in Armut lebende Familie ins korsische Ajaccio zu schicken. 

Zeitlebens sollte diese enge Verbindung und das korsische Clanwesen wie ein Klotz an seinem Bein hängen, zeitlebens sollten seine Geschwister ihr Recht einfordern, vom erfolgreichen Bruder versorgt zu werden und sich in seinem Licht sonnen zu können. Napoleon nahm dafür viel in Kauf, teilweise verdankte er auch seinen Untergang diesem Clanwesen, zumal – mit Ausnahme seines Bruders Lucien – sich jeder seiner Verwandten durch politisches Unvermögen auszeichnete. Nachdem sich Napoleon 1799 (mit Hilfe Luciens) über das französische Direktorium hinweg an die Macht geputscht hatte, begann der Verwandten­bonus weit über den Idealen der französischen Revolution zu stehen. Mit unglaublichen Besitztümern und finanziellen Zuwendungen wurden die Angehörigen der Familie bedacht und schließlich zu jenen gekrönten Häuptern erhoben, die das Revolutionsregime noch 15 Jahre zuvor abschaffen wollte: Der ältere Bruder Joseph wurde König von Spanien, Bruder Louis König von Holland, Bruder Jerome König des neu geschaffenen Westfalen, Stiefsohn Eugène Vizekönig von Italien, Schwager Joachim Murat König von Neapel, Napoleons Sohn König von Rom, und er selbst krönte sich und seine Frau Josephine 1804 eigenhändig zu Kaiser und Kaiserin. Auch hier zeigt sich deutlich ein Zug, für den Napoleon berüchtigt war – sein politischer Opportunismus. Napoleon eignete sich diejenigen Menschen oder Gruppen an, die ihm nützlich waren, ebenso hielt er es mit den Idealen der Revolution. Waren ihm auf der einen Seite Menschenaufläufe – der Menschen wegen – verhasst, so stilisierte er sich andererseits zum Übervater der Nation; lobte und überschüttete er (vor allem militärische) Untertanen mit Auszeichnungen, so scheute er sich dennoch nicht, bei von ihm verschuldeten Misserfolgen die Schuld ausschließlich bei jenen einstmals Gelobten zu suchen. So ist etwa Napoleons Ägyptenfeldzug, geführt in dem Glauben, damit die verhassten Engländer in Bedrängnis zu bringen, ein Lehrstück seines Opportunismus sowie seiner Propaganda, mit der er das Desaster, dem fast die gesamte Ägyptenarmee zum Opfer fiel, zu einem Erfolg stilisierte. Neben offenen Lügen gegen das Direktorium („unsere Situation hier ist sehr vielversprechend“) und dem von ihm befohlenen Massaker an 4000 osmanischen Gefangenen ließ er kurz nach deren Abschlachtung jenes berühmte Bild malen, das ihn beim Besuch der Pestkranken in Jaffa zeigt und das schnell Furore machte. Nicht nur, dass viele der Kranken anschließend vergiftet wurden – Napoleon übergab letztlich das Kommando an General Klebér und verließ die geschlagene Armee in aussichtsloser Lage. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, derer sich die Revolution von 1789 noch rühmte, wurden von Napoleon in seine Form der Diktatur integriert und dem Traum der Weltherrschaft untergeordnet. Das Versagen hatte dabei keinen Platz. 

Bonapartes Machtpraxis ist auch ein Grund seines Scheiterns: Er verbraucht rücksichtslos menschliche wie materielle Ressourcen, unabhängig ob Bürger, einfacher Soldat oder Offizier. Um sich diese Macht anzueignen und letztlich zu sichern, dient ihm die schärfste Waffe der Nation: das Militär, und damit jene Truppen, die die französische Revolution in Marsch gesetzt hatte. Ein großer Teil dieser Truppen steht seit 1793 im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, wo Frankreich große Gebiete links des Rheins besetzt hält. Napoleons Strategie zielte damals auf die Vernichtung Österreichs und die Unterwerfung Deutschlands, doch vorerst war er es, der sich dem Direktorium zu unterwerfen hatte. Da durch Revolutionswirren und Krieg Frankreich vor dem Staatsbankrott stand, reifte der Plan eines Feldzugs gegen Italien mit dem politischen Ziel, Österreich aus Norditalien zu vertreiben und das Land auszubeuten – für Napoleon, 1796 zum General der Armée d‘Italie befördert, die einmalige Gelegenheit, Ruhm, Ehre und vor allem Macht zu erlangen. In Italien zeigten sich auch erstmals die strategische Überlegenheit und das militärische Geschick Bonapartes. Napoleon profitierte dabei von drei großen strategischen Schachzügen, die sich zwar im Laufe der Jahre abnutzten, in Italien aber seinen Ruhm begründen. So etwa die elegante Strategie des Bataillon Carrée oder die der zentralen Position, mit der er im April 1796 eine überlegene österreichisch-piemontesische Armee bei Montenotte schlägt. Der Feldherr bricht dabei mit seinem Heer durch die schwächste Stelle der gegnerischen Linien, trennt die Truppen und beginnt einen Zwei-Fronten-Krieg. Die kleinere, organisierte Einheit ist dabei dem auseinandergebrochenen gegnerischen Heer überlegen. Auch baut Napoleon bei seinen Schlachten auf die unglaubliche Marschleistung seiner Soldaten, die ihn von Sieg zu Sieg mehr verehren. Durch sie fügt er im Oktober 1805 dem österreichischen General Mack bei Ulm eine vernichtende Niederlage zu, indem er die Grande Armée einen Bogen von mehr als 200 Kilometern Luftlinie bilden lässt, die österreichische Armee umgeht und sie mit diesem Manöver quasi „erdrosselt“. 

Der Italienfeldzug ist auch Ausdruck des napoleonischen Mottos „der Krieg ernährt den Krieg“, das er rücksichtslos ausnutzen wird. Napoleon macht sich damit für das Direktorium „unbezahlbar“, bereitet so dessen Sturz vor und mehrt gleichzeitig sein eigenes Vermögen. Die Bevölkerung in den besetzten Gebieten wird gezwungen, Soldaten zu versorgen und Abgaben zu leisten, es wird requiriert, konfisziert, geplündert und nach Frankreich transportiert, was zu Geld gemacht werden kann. Der Preis, den die durch Napoleon „befreiten“ Gebiete zahlen, ist hoch, vor allem, da mit Fortdauer der Auseinandersetzungen immer deutlicher wird, dass die Ideale der Revolution für Napoleon lediglich Mittel zum Zweck sind. Das zeigt sich auch in einer nur halbherzig-opportunistischen Entmachtung des Adels und der Notablen, von denen viele zu den Revolutionsgewinnern zählen. Die Profiteure der Revolution werden so zu einer der tragenden Säulen der napoleonischen Herrschaft, die um ständig neue Kreise erweitert wird, wie etwa mit dem 1808 geschaffenen Adel von Napoleons Gnaden. Dadurch verpufft die Modernisierung der politischen Systeme in den französischen Satellitenstaaten, die nur den Forderungen an ihre finanziellen, wirtschaftlichen und militärischen Ressourcen genügen sollten. Die Folgen sind die Ausbildung eines neuen Nationalbewusstseins in den besetzten Staaten und die rasche Restauration der alten Ordnung nach 1815.

Bonaparte als Feldherr in eine Reihe zu stellen mit Alexander, Hannibal oder Cäsar ist angesichts der über 60 Schlachten, die er zwischen 1796 und 1815 schlug, legitim. Dieses Feldherrentum und der Drang, den Vorbildern nachzueifern, war mit ein Grund der aberwitzigen Expansionsstrategie Napoleons, der seit der Machtergreifung 1799 vorerst als erster Konsul und schließlich als Kaiser diktatorisch herrschte. Autoritär, von Rationalität, Zweckopportunismus und Rücksichtslosigkeit geprägt, gründete Napoleons Herrschaft allein auf das Militär und operierte nicht mit längerfristigen politischen Konzepten, die unter Umständen Frieden bedeutet hätten. Nach der Schlacht von Austerlitz am 2. Dezember 1805 war Napoleon am Gipfel seiner Macht, die österreichisch-russische Koalition zerschlagen, der Drang, gegen ihn ins Felde zu ziehen, vorerst gebannt. Genau diese Situation behinderte jedoch Napoleons Weg: Sein Ruhm gründete auf militärische Erfolge und war gestützt auf die Angst, die man vor ihm und seiner Grande Armée hatte. Ohne Schlachten und kriegerische Ruhmestaten lief er Gefahr, von Kritikern politisch in Bedrängnis gesetzt zu werden. So entstand ein Teufelskreis aus Rechtfertigungen, mit denen er immer neue Kriege entfachen, wieder aufs Neue Rekruten ausheben und weitere Gebiete erobern konnte, die wiederum den schwer verschuldeten Staat finanziell entlasten mussten. Je mehr Macht Napoleon erlangte, umso größer musste deshalb sein Drang nach ihr werden. 

Frankreich vor den äußeren Feinden zu schützen, war dabei probates Druckmittel, der Lieblingsfeind, vor dem die Armee Frankreich ständig zu schützen hatte, war England. Napoleon hatte den Erzfeind bereits zu Beginn seiner Karriere zur nationalen Bedrohung hochstilisiert, um so die blutigen Feldzüge von Ägypten, Portugal/Spanien und letztlich Russland zu rechtfertigen. Schon in den 1790er Jahren wälzte er Pläne, England über den Ärmelkanal zu erobern. Allerdings musste der in Seekriegsfragen unerfahrene Diktator erkennen, dass ein solches Unternehmen scheitern musste, noch mehr, da die französische Flotte seit der Schlacht von Trafalgar (1805) praktisch nicht mehr existierte. So verfügte er 1806 eine Kontinentalsperre, die für das gesamte napoleonische Reich gelten und England wirtschaftlich zur Aufgabe zwingen sollte. Das Gegenteil trat ein: Europa und Russland litten bedrohlich unter den fehlenden Absatzmärkten der englischen Kolonialmacht, was Zar Alexander veranlasste, das Abkommen mit Napoleon zu brechen und die Sperre seiner Häfen 1810 aufzuheben. Für Napoleon ein guter Grund, sich Russland einzuverleiben, wobei seine Lagebeurteilungen immer realitätsfremder ausfielen: So sah sein Plan vor, Russland zu bezwingen, wie Alexander der Große nach Indien vorzudringen und von hier ausgehend England zu vernichten. Doch wie schon in den Wüsten Ägyptens scheiterte der Kaiser auch in den Weiten der russischen Steppen – die Schlacht von Borodino im September 1812 zählt zu den grausamsten der Geschichte. Und obwohl von über 600.000 Soldaten nur 40.000 nach Frankreich zurückkehrten, suchte der Propagandist Napoleon wiederum die Schuld bei anderen und erfand die bis heute noch oft zitierte Legende, allein der russische Winter wäre für die Niederlage der Grande Armée verantwortlich gewesen. In Wirklichkeit starben die meisten an Hunger, Erschöpfung und Krankheiten. 

Russland hatte Napoleon gewandelt. Der einst junge General, der in Italien mit wehender Fahne die Brücke bei Lodi erstürmt hatte, war ermüdet – die Macht verlangte ihren Preis. Doch erst die Völkerschlacht bei Leipzig im Oktober 1813, bei der Napoleon innerhalb eines Jahres die zweite Grande Armée vernichtete, ließ ihn als Geschlagenen nach Frankreich zurückkehren. Das Unvermögen, längerfristige politische Konzepte zu verfolgen, und die unablässige Expansion zur Sicherung der Macht ließen das Grand Empire zu einem amorphen Koloss werden, der sich durch nichts anderes als seine Ausbeutungsinteressen definierte. Damit war es nach Leipzig vorbei. Auch die Rückkehr aus der Verbannung von Elba und die 100 Tage währende Herrschaft Napoleons änderte nichts mehr an den Kräfteverhältnissen: Frankreich kämpfte gegen Europa, die Marschälle Wellington und Blücher enthoben Napoleon 1815 seines Machtstrebens. So wie die Garde bei Waterloo musste nun auch Napoleon Bonaparte den Rückzug antreten – nach St. Helena, einer kleinen Insel im Südatlantik, wo er, bewacht von den englischen Erzfeinden, das Evangelium seines Lebens diktierte. Frei von jeder Schuld und jedem Fehler erhöhte er sich dabei selbst ins Göttliche: „Jesus Christus würde ohne seine Dornenkrone nicht bis heute als Gott verehrt; es war sein Martyrium, das die Phantasie der Völker ansprach. Wenn ich, statt hier zu sein, wie Joseph (Napoleons älterer Bruder, Anm.) nach Amerika gegangen wäre, würde man sich meiner nicht mehr entsinnen und meine Sache wäre verloren.“

Napoleons „Sache“ war der Krieg, die Überwindung der Revolution, ihre Instrumentalisierung und die Überführung in eine neue Ordnung, die Europa zwar nicht unmittelbar, aber nachhaltig veränderte. Die neue Religion der Freiheit, der Selbstbestimmung und der politischen Emanzipation waren mit ihm in die Welt getreten und hatten sich gleichzeitig gegen ihn gerichtet: ihn, den hemmungslosen Opportunisten, dessen Egoismus binnen einer halben Generation Millionen zum Opfer gefallen waren und der bis zum Abend des 18. Juni 1815 die Welt herausgefordert hatte.  Armin Muigg

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