Meineidige Volkshelden

In Tirol ist eines klar: Andreas Hofer und seine Mannen waren und sind Helden. Doch wie sahen es andere Länder? Wie sahen es die bayerischen Invasoren? Einmal ist Hofer ein romantisierter Held, ein anderes Mal ein Bankrotteur sowie Meineidiger und dann wiederum ein Unbekannter. Der Mythos Hofer zieht sich durch Europa – und auch wieder nicht. 

Ist von sterblichen Eltern der Held geboren, von dem die unerschrockenen Tiroler angeführt werden? Oder ist es Tells großer Geist, der von den Toten zurückgekehrt ist, um eine verzweifelte Generation aufzumuntern?“ Diese Frage stellte sich um 1820 der englische Dichter William Wordsworth in einem der vier Sonette, die er über Andreas Hofer und den Tiroler Aufstand von 1809 schrieb. Die Antwort auf die zweite Frage lag für ihn, so wie für die britische Öffentlichkeit, auf der Hand: Ja! „Viele Engländer sahen das eigene Selbstbild als ein verfassungsliebendes, freiheitsschützendes Volk im Tiroler Aufstand reflektiert“, erklärt der englische Historiker Laurence Cole. So sei es auch zu begründen, wieso Andreas Hofer in der romantisch verklärten Epoche in Großbritannien eine solche Popularität genoss. Allerdings stieg der Tiroler Volksheld erst nach seinem Tod zu dieser Figur auf und machte die Tiroler als „freiheitsliebendes“ Volk bekannt. Bis 1809 war das Land im Gebirge ein weißer Flecken Erde – in England unbekannt, von geringem Interesse. 

„Es gab wenige britische Reisende oder Schriftsteller, die über Tirol berichtet haben. Am ehesten wurde das Land als Durchgangsstation auf dem Weg nach Italien erlebt“, meint Historiker Cole. So betrachtet war Tirol – aus Sicht der Briten – nicht vom allgemeinen Bild von Österreich als Hort absolutistischer Tendenzen und des papistischen Katholizismus losgelöst. Doch änderte der Schulterschluss Österreichs mit England gegen Napoleon einiges, wobei die Koalition nicht immer reibungslos verlief. Unterschiedliche Meinungen innerhalb der britischen Regierung, Fraktionskämpfe im Parlament und Persönlichkeitskonflikte im Laufe des Jahres 1809 führten dazu, dass keine effektive Unterstützung der österreichischen und damit der Tirolischen Sache zustande kam. Doch England konnte Österreich im Kampf gegen Napoleon in Mitteleuropa nicht allein lassen. „Insgesamt erhielt Österreich im Jahr 1809 knapp über eine Million Pfund. Das war nicht wenig, wenn man gleichzeitig die Unterstützung von Spanien und Portugal betrachtet, die auch über eine Million Pfund bekommen haben“, weiß Cole. Doch wurde das Geld verzögert oder unzureichend überwiesen. „Die begrenzte Unterstützung bedeutete natürlich nicht, dass Großbritannien nicht an einem österreichischen Sieg gegen Napoleon interessiert gewesen wäre. Der Verlauf des Krieges wurde genau beobachtet.“ Und Österreich siegte. In der Schlacht von Aspern im Mai 1809 erfuhr Napoleon die erste Niederlage. Doch die aufkeimende Hoffnung in England wurde im Juli bei Wagram jäh zunichte gemacht: Der französische Kaiser schlug unbarmherzig zurück. Bis zum Friedensschluss im Herbst dauerte es noch – in dieser Wartezeit hatte man begonnen, die Erhebung der Tiroler auf der Insel zur Kenntnis zu nehmen. „Auf Interesse stieß der Aufstand der Tiroler meiner Meinung nach wegen zwei Aspekten: Der erste Grund sind die Erfolge der Tiroler und deren Aufruf, die mit Napoleon verbündeten Regierungen zu stürzen. Der zweite Grund war eine klar erkennbare Führungspersönlichkeit, deren späterer Märtyrertod leicht romantisierbar war.“ 

Die Informationen über den Tiroler Aufstand fanden anfänglich nur langsam den Weg auf die britische Insel und waren äußerst spärlich und ungenau. Als erste Berichte über einen Führer „bäuerlicher Heerscharen“ eintrafen, blieb einiges im Dunkeln. Der Tiroler Volksheld hatte etwa in der Ausgabe des Aberdeen Journal vom September 1809 nicht den Namen Andreas Hofer, sondern wurde als ein gewisser „Herr Paseier“ bezeichnet. Das änderte sich aber, und Andreas Hofer wurde zunehmend als die führende Figur wahrgenommen. Der wirklich entscheidende Moment der britischen Rezeption des Aufstands war der November 1809, als die Times einen seitenlangen Bericht der letzten Bergiselschlacht lieferte. Auch sind mittlerweile Tiroler und Vorarlberger Abgesandte medienwirksam in England eingetroffen. Johann ­Georg Schenacher und Josef Christian Müller suchten in London Unterstützung für die Tiroler Sache. Am 11. November erhielten die Bittsteller die Entschließung des englischen Königs zugestellt. Darin versicherte König Edward III. seine Anteilnahme am Schicksal „eines freien Volkes, das seinem Herrscher die Treue“ bewahre. Obwohl die gespendeten 30.000 Pfund nicht ganz das waren, was man erhofft hatte, gestaltete sich die Anwesenheit der Tiroler und Vorarlberger als vorzüglicher Werbefeldzug. Neben einem Empfang durch britische Staatsmänner zeigten die Bittsteller Präsenz in der edlen Gesellschaft – wie etwa bei Empfängen im Indian House oder in der Bank of England. 

Mit der Gefangennahme Hofers und dessen Hinrichtung stand plötzlich zusätzlich ein Märtyrer da, der als tragischer Beweis der Brutalität Napoleons galt und damit alle Vorurteile der britischen Propaganda über Napoleon bestätigte. Das gefiel den Engländern. Schenacher und Müller wussten die öffentliche Meinung auf ihre Seite zu ziehen. Sie hinterließen auf der Insel zwei Manifeste, die – abgedruckt in Zeitungen – die Sicht der Engländer auf den Tiroler Aufstand bestimmten und den romantischen Blick auf die unberührte Alpenwelt mit ihrem „freiheitsliebenden Bewohner“ für die nächsten Jahrzehnte prägten. Im Jahrzehnt nach 1809 setzte sich die Legende des „Märtyrers für die Freiheit“ durch, die sich in der britischen Öffentlichkeit als eine heroische Erinnerung an den Aufstand festigte. Daran konnte auch die Veröffentlichung einer englischen Übersetzung Josef von Hormayrs Biografie über Andreas Hofer im Jahr 1820 nicht viel ändern.

„Josef von Hormayr ist die graue Eminenz des Aufstands“, weiß der bayerische Historiker Reinhard Heydenreuter: „Den Namen sollte man sich vielleicht mehr merken als den Namen Andreas Hofer.“ Hormayr veröffentlichte in Bayern eine Hofer-Biografie, in der er das Bild des Tiroler Volkshelden in das richtige Licht rücken wollte: „So unglaublich es scheint, 1809 kam er (Hofer, Anm.) niemals ins Feuer, sondern war (...) bei den entscheidenden Treffen vor Innsbruck am 29. Mai und 13. August nach einer guten Stunde zurück im Wirtshaus, in der Schupfn, oder am Untern Schönberg, hinter einem großen Tisch in einer Flaschenbatterie roten Weins, von wo er seine (...) unverständlichen Orakelsprüche hersagte. Übrigens wusste er zu Marsch, Angriff oder Beobachtung nicht einmal jene Disposition zu machen, welche der schlichte Menschenverstand und ein geübter Blick auf das vorliegende Terrain – zumal dem Gebirgsbewohner gegeben – (vorgaben). Stattdessen führte er als die ihm eigentümliche Waffengattung immer da in der einen Hand den Rosenkranz in der anderen die Flasche. Von vielen und anhaltenden Arbeiten, von Entbehrungen, von Nachtwachen, war er ganz und gar kein Freund. Was ist nach all dem natürlicher als die Frage: Wie ist denn dieser an Fassungkraft und Scharfblick mittelmäßiger Mann zu einem solchen Ruf in der Welt, zu solchem Vertrauen seiner Landsleute gekommen?“ Hormayr gibt die Antwort: „Ich war es, der ihn platziert hat!“ Hormayr dürfte gewusst haben, von was er redet. Der Tiroler war Anreger und Führer des sogenannten Alpenbunds, dessen Ziel ein Widerstandszentrum gegen Napoleon und die missliebige bayerische Herrschaft war. Er hatte von Anfang an den Aufstand in Tirol organisiert und er war es auch, der die bayerische Sicht, die Sicht des Besatzers, letztlich prägte. 

Die Bayern hatten es von Anfang an nicht einfach mit den Tirolern. Heydenreuter, Historiker und Insolvenzrechtler aus München, erklärt, dass die Bayern recht unfreundliche Erfahrungen mit den Tirolern gemacht haben. Bayern stand kurz vor dem Bankrott. Tirol war völlig pleite, hatte Schulden. Und Andreas Hofer verschlimmerte 1809 die Lage: „Für mich war Hofer ein Bankrotteur“, meint Heydenreuter. Als Insolvenzrechtler muss er es wissen – so wie der damalige bayerische Finanzminister Maximilian von Montgelas es bereits 1805 ahnte: „Montgelas wollte das überschuldete Tirol eigentlich nicht, aber das Ausmaß des Bankrotts war wohl zum Zeitpunkt des Abschlusses des Pressburger Vertrags (bei dem Tirol Bayern zuerkannt wurde, Anm.) nicht bekannt. Außerdem drängten die Franzosen aus strategischen und in Bayern einige aus emotionalen Gründen – Tirol war ja ursprünglich bayerisch – zum Erwerb.“ Nicht nur, dass es die Bayern mit Bankrotteuren zu tun bekamen, sie mussten auch mit „Meineidigen“ auskommen: „Hofer hat, als Tirol zu Bayern kam, einen Huldigungseid schwören müssen“, doch er – so wie alle aufständischen Tiroler – brach ihn, weiß Heydenreuter. Der Münchner Historiker verweist dabei auf eine Zeichnung von Paul Flora, auf der Andreas Hofer beim Schwören dargestellte wird – aber er hat eine verdorrte linke Hand. Für Heydenreuter das Zeichen eines Meineids. Für die Bayern war das Tiroler Verhalten unverständlich, kamen sie doch aus ihrem Selbstverständnis nicht als Feinde – vielmehr brachten sie ein juristisch und steuerlich ausgeklügeltes, gerechtes System. „Bayern war immer der Meinung, dass es etwas Gutes getan hat, das aber leider nicht so richtig anerkannt wurde“, meint Heydenreuter. Doch der Aufstand kam für die Bayern trotzdem nicht überraschend: „Die bayerische Regierung hatte den Aufstand auf Grund der Berichte seiner Beamten durchaus erwartet“, weiß der Münchner – und nicht alle im Königreich sahen ihn missbilligend. „Sympathien hatten die Napoleonfeinde wie Kronprinz Ludwig oder auch die Untertanen der neuerworbenen Gebiete vor allem in Schwaben.“

In Österreich fiel Hormayr in Misskredit. Nachdem er 1813 abermals einen Aufstand in Tirol anzetteln wollte, wurde er auf Veranlassung von Klemens Wenzel Fürst Metternich verhaftet, eingekerkert und später nur teilweise rehabilitiert. Hormayr brach mit Österreich und aus seinem ursprünglichen Patriotismus wurde Hass, der ihn dazu bewog, in bayerische Dienste zu treten. Und Andreas Hofer? „Man hat sich gegenüber Hofer in Bayern so verhalten wie in Österreich, man hat ihn schlicht als tragisches Opfer Napoleons gesehen und insoweit (besonders in Schwaben) verehrt – auch als typischen Tiroler, der ja im 19. Jahrhundert als Objekt des Tourismus interessant wurde“, beschreibt Heydenreuter die spätere bayerische Sicht auf die Geschichte rund um den Tiroler Aufstand. 

Bleibt noch, was die Franzosen, um die es bei der ganzen Sache eigentlich geht, über den Aufstand in Tirol dachten. Nicht viel, meint der französische Journalist Jean Sévillia, der das bisher einzige französische Buch über Andreas Hofer und den Aufstand („Le Chouan du Tyrol“) geschrieben hat: „Der Tiroler Volksheld ist im Land seines Gegners Napoleon weitgehend unbekannt.“  David Bullock

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