Schattendasein

Auch jenseits des Arlbergs wurde gegen die Bayern gekämpft. Das Tagebuch des Christoph Anton Kayser ist ein eindrückliches Zeit-Zeugnis dieses Aufstands. 

Sie konnten unterschiedlicher nicht sein. Volkstümlich barocker Bauernheld mit vermeintlich direktem Draht zum Herz Jesu der eine. Aufgeklärter, liberaler Vertreter des Bürgertums mit akademischem Grad der andere. Der eine wurde erschossen. Der andere wurde freigelassen. Dem einen sollte das Märtyrerschicksal posthum Ruhm, Ehre sowie romantische Glorifizierung bringen und ihn zur Grundlage ausgiebiger Merchandising-Aktivitäten machen. An den anderen erinnern gerade mal ein paar Straßen und ein recht bescheidenes Denkmal in Bregenz. Andreas Hofer und Anton Schneider scheinen wenig gemeinsam zu haben und doch teilten sie in den turbulenten Monaten des Aufstands gegen die Bayern das Los, die Aufständischen und Revolutionäre im Kampf anzuführen. 

Auch Vorarlberg war als Folge der österreichischen Niederlage Österreichs gegen Frankreich 1805 an Bayern abgetreten worden. Auch in Vorarlberg stieß die Säkularisierungspolitik der Besatzer auf Ablehnung in der ländlich-konservativen Bevölkerung. Auch Vorarlberg litt unter den wirtschaftlichen Auswirkungen – vor allem die Textilindustrie ächzte unter den neuen Vorgaben. Schließlich wurde die Nachricht, dass Österreich im April 1809 erneut gegen Frankreich in den Krieg zog, auch in Vorarlberg als Chance wahrgenommen, sich vom bayerisch-französischen Joch zu befreien. Knapp 3000 Mann formierten sich und zogen unter dem Oberbefehl Anton Schneiders in den Kampf. 

Mit dabei war der damals 22-jährige Beamte Christoph Anton Kayser. Er beschrieb die Ereignisse des Aufstands in einem Tagebuch, das heute die größte geschlossene Quelle zum Jahr 1809 in Vorarlberg darstellt. Thomas Albrich, Professor am Institut für Zeitgeschichte an der Universität Innsbruck, nahm sich des Tagebuchs an und gab anlässlich des 200-Jahr-Jubiläums das Buch „Vorarlberg 1809 – Am Rande des Aufstandes“ im Tyrolia-Verlag heraus, mit dem er die Vorarlberger Geschichte des Jahres 1809 aus dem Schatten holt und viele bislang kaum bekannte Tatsachen würdigt, wie eben zu allererst schlicht jene, dass nicht nur Andreas Hofer und die Seinen sich gegen die „weißen Hosen“ und den „blauen Rock“ erhoben haben. „Das Tagebuch schildert die Ereignisse in Bregenz, in Vorarlberg und im Bodenseeraum vom 21. April bis zum 31. August 1809 in einer knappen Art und Weise und ohne dass die Ansichten des Tagebuchschreibers in irgendeiner Weise unangenehm durchdringen“, schreibt Albrich. „Kayser hat damit so etwas wie ein inoffizielles ‚offizielles Tagebuch‘ geführt, für das er auch von Dr. Anton Schneider im Nachhinein gelobt wurde.“

Der Aufstand kam in Vorarlberg auch geografisch bedingt ein wenig zeitversetzt „in die Gänge“ und unterschied sich von jenem der Tiroler unter anderem auch dadurch, dass die Landstände den Aufstand in einer ordentlichen Sitzung beschlossen und organisierten. Anton Schneider wurde die oberste zivile und militärische Führung gleichsam ganz offiziell übertragen und alle richtungsweisenden Entscheidungen ließ er sich von den Landständen absegnen. „Mit derartigen ‚Kleinigkeiten‘ beschäftigte sich in Tirol weder Andreas Hofer noch der kaiserliche Intendant Freiherr von Hormayr. Schneiders einflussreiche Stellung brachte in gewisser Hinsicht sogar Bayern Vorteile, da er durch sein kluges Auftreten manche Ausschreitungen verhütete und so die ganze Aufstandsbewegung vor schlimmster Radikalisierung bewahrte“, analysiert Albrich. 

Was die Vorarlberger mit Tirol teilten, war jedoch das Ziel, zurück ins Habsburgerreich zu kommen, sowie ein „großes“ Datum. Am Tag der zweiten Bergiselschlacht in Tirol, am 29. Mai 1809, gelang den Vorarlberger Schützen einer ihrer größten Erfolge. Christoph Anton Kayser macht diesen Tag lebendig. Er schreibt: „Montags den 29ten May früh um 2 Uhr wurde Rebell geblasen, und getrommelt und zu einem Angriffe auf Feldkirch losmarschiert. [...] Dieser Tag, an welchem circa 400 Bauren mit nur cirka 100 Mann regulairem Militär und einer Kanone eine Trupp von circa 1800 geübter Krieger schlug, und in unbeschreibliche Furcht und Verwirrung setzte, wird stets Epoche als Tapferkeit in den Vorarlbergischen Annalen machen. Nur 400 Bauren kamen ins Gefecht, weil die Klosterthaler, Montafoner, Nenzinger und Thamberger erst am Morgen von Hauß aufgebrochen waren, und also erst Abends mit aller Anstrengung erreichten. Im Gefechte waren die Gözner, Rankweiller, Emser und Feldkircher Compagnien, welche noch die 3 Wege über Schwarzbach und Wohlfurth, der Hauptstrasse über Dornbirn, wo sich die Franzosen concentrirt hielten, und über Lustenau in Colonnen theilten. Hätten die Bauren nur 100 Cavalleristen gehabt, so hätten sie bei der Verwirrung, die bei den Franzosen herrschte, den größten Theil zuverlässig gefangen genommen. Der französische Verlust mag in circa 60 Verwundeten und Todten, dann 40 Gefangenen bestehen, jener der Bauern hiengegen in 2 Todten und 7 Blessirten.“ 

Auffallend an Kaysers Aufzeichnungen ist – auch darin ist sein Tagebuch ein Spiegel des Vorarlberger Aufstands – dass der „Herrgott“ nicht bemüht beziehungsweise in keiner Weise überstrapaziert wurde. „Neben dem Wunsch nach der Rückkehr ins Habsburgerreich gab es keinerlei andere Begründung für den Aufstand, vor allem keine religiöse wie in Tirol“, so Albrich. 

Als sich die Tiroler zur dritten Bergiselschlacht (13. August 1809) rüsteten, war der Aufstand in Vorarlberg angesichts der militärischen Gesamtlage zusammengebrochen. Die meisten Vorarlberger Schützen waren heimgekehrt, einige Oberländer leisteten weiterhin Widerstand und kämpften bald in Tirol. Rund 10.000 französische und württembergische Soldaten hatten Vorarlberg im August 1809 besetzt und Anton Schneider hatte sich den Württembergern gestellt. Hätten sie Schneider den Franzosen ausgeliefert, hätte ihn das Schicksal Andreas Hofers ereilt.  Alexandra Keller

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