Die Halbwertszeit der politischen Landkarten Europas war durch die Napoleonischen Kriege erheblich verkürzt worden. Nach Napoleons Niederlage schufen die gekrönten Häupter in Wien wiederum neue europäische Verhältnisse. Sie sollten viele Jahrzehnte lang halten. 

Dieses Schnippchen konnte er sich nicht verkneifen. Es sollte in einer Schmach enden, die derart sprichwörtlich wurde, dass knapp 160 Jahre später die Schlagerband ABBA mit einem Song in Anlehnung daran den Grand Prix Eurovision gewinnen konnte: Die Schlacht bei Waterloo vom 18. Juni 1815 war Napoleon Bonapartes endgültiges Desaster, über welches er dann – als britischer Kriegsgefangener auf die Atlantikinsel St. Helena verbannt – bis zu seinem Tod im Mai 1821 nachdenken konnte. Seine Gegner, die gekrönten Häupter Europas, deren arrogant-royales Selbstverständnis der nicht minder diktatorische Franzose in den Jahren zuvor zutiefst erschüttert hatte, waren längst in Wien versammelt, um ihre Welt unter alten Vorzeichen neu zu ordnen, als Napoleon Ende Februar 1815 seine Verbannungsinsel Elba verließ. Er wollte wieder die Macht in Paris übernehmen, und das gelang ihm in einer Geschwindigkeit, welche seinem Triumph­zug die Bezeichnung Adlerflug eintrug. Die königlichen Truppen schlossen sich ihm an, der Bourbonen-König Ludwig XVIII. ergriff die Flucht, Napoleon versprach die Errichtung einer konstitutionellen Monarchie und versicherte den Staaten Europas, deren Adresse gerade praktischerweise eine einzige – nämlich Wien – war, die Grenzen von 1792 nicht zu überschreiten sowie den Frieden von Paris anzuerkennen. 

Doch – wie Wunder – empfingen sie ihn nicht mit offenen Armen. Im Gegenteil. Am 13. März 1815 wurde Napoleon auf dem Wiener Kongress als geächtet erklärt, Großbritannien, Österreich, Russland und Preußen schlossen neuerlich einen Koalitionsvertrag und zogen ein letztes Mal gegen Napoleons Truppen in die Schlacht. Waterloo beendete Napoleons sogenannte Herrschaft der Hundert Tage und prägte das Synonym für die totale Niederlage. Zudem schwächte der Epilog des Napoleonischen Kaisertums die Position der französischen Monarchie beim Wiener Kongress erheblich. War es den Bourbonen zuvor gelungen unter der geschickt eingesetzten Überschrift der „Legitimität“ von den Siegermächten als gleichberechtigt anerkannt zu werden, so hatten sie nach ihrer zweiten Rückkehr nach Paris nur noch wenig mitzulachen. Die „Großen Vier“ waren sich einig, die erneut restaurierte Bourbonenmonarchie misstrauisch zu beobachten.

Während Napoleons Intermezzo war die Kongressarbeit in Wien nicht unterbrochen worden. Seit 18. September 1814 hatten sich dort die politisch bevollmächtigten Vertreter aus knapp 200 europäischen Staaten, Herrschaften, Körperschaften und Städten versammelt, um die Grenzen Europas neu festzulegen. Gegen diese Ansammlung Europäischer Mächte, die bis 9. Juni 1815 dauern sollte, wirken die G8-Gipfel der Gegenwart wie kleine Kaffeekränzchen. „Die Stadt Wien bietet gegenwärtig einen überraschenden Anblick dar; alles was Europa an erlauchten Persönlichkeiten umfasst, ist hier in hervorragender Weise vertreten“, schrieb der Generalsekretär der Versammlung, Friedrich von Gentz, am 27. September 1814. „Der Kaiser, die Kaiserin und die Großfürstinnen von Russland, der König von Preußen und mehrere Prinzen seines Hauses, der König von Dänemark, der König und der Kronprinz von Bayern, der König und der Kronprinz von Württemberg, der Herzog und die Prinzen der Fürstenhäuser von Mecklenburg, Sachsen-Weimar, Sachsen-Coburg, Hessen usw., die Hälfte der früheren Reichsfürsten und Reichsgrafen, endlich die Unzahl von Bevollmächtigten der großen und kleinen Mächte von Europa – dies alles erzeugt eine Bewegung und eine solche Verschiedenheit von Bildern und Interessen, dass nur die außer­ordentliche Epoche, in der wir leben, etwas Ähnliches hervorbringen konnte.“ 

Außerordentlich war das, was sich in Wien tat, in jedem Fall. Und selbst wenn die Interessen der Vertreter so verschieden waren wie die Spannungen groß, einte sie eine mal mehr, mal ein bisschen weniger ausgeprägte territoriale Gier, die Chance auf eine dauerhafte europäische Nachkriegsordnung und selbstverständlich die Wiederherstellung der Zustände vor Napoleon und vor allem vor der Französischen Revolution. Die Kriege hatten den Kontinent zerrüttet, revolutionäre, liberale sowie nationale Bestrebungen hatten die absolut herrschenden Monarchen verunsichert und nun galt es Europa so zu ordnen, dass ein Gleichgewicht der Kräfte kriegerische Auseinandersetzungen in Hinkunft verhinderte. Gleichzeitig sollte das monarchische Prinzip in einer Weise gefestigt werden, dass die Erben der Französischen Revolution mit ihrem Ruf nach Gleichheit und Mitbestimmung verstummten. Als geschickt vehementer Kämpfer für diese Ziele und machtpolitischer „Dominator“ stand Klemens Wenzel Lothar von Metternich im Mittelpunkt des Wiener Kongresses. Durch seine Abstammung aus einem alten Adelsgeschlecht, das angeblich bis ins 10. Jahrhundert zurückreichte, personifizierte Metternich gleichsam den Klassiker des Ancien Régime. Sein politischer Aufstieg zu einem der führenden Staatsmänner in Europa war von „napoleonischen Ereignissen“ geprägt. Nach Österreichs Niederlage hatte Metternich 1809 das Außenministerium übernommen und nach Napoleons Niederlage in Frankreich 1813 begonnen, die diplomatischen Fäden in einer Weise zu spinnen, die ihn legendär machte. 

Der deutsche Historiker und Schriftsteller Golo Mann beschrieb Metternich als einen „Mann der alten Schule. Schön, eitel, gebildet und klug; vergnügt und genusssüchtig für seine Person, aber pessimistisch als Staatsmann und nur auf die Verteidigung des Bestehenden bedacht. Metternich war Feind jeder Bewegung, jedes möglichen, merklichen Fortschritts. Tolerant und freundlich, wenn auch lieblos von Hause aus, wurde er grausam aus Staatsräson.“ In der Zeit nach dem Wiener Kongress sollte die Art, mit der Metternich die revolutionären Gedanken zu unterdrücken versuchte, mindestens ebenso legendär werden, wie das diplomatische Geschick im Zuge der Neuordnung Europas, welches er bei den zahllosen Geselligkeiten und in den vielen Verhandlungen im „Palais am Ballhausplatz“, seinem Amtssitz, an den Tag legte.  

Trotzdem vielerlei Interessen so zahlreicher, in den vergangenen Jahren teils geschundener, teils gänzlich verschwundener, mit Sicherheit aber in Mitleidenschaft gezogener dynastischer Herrschaften in Wien aufeinander trafen, war klar, dass das Gleichgewicht zwischen Preußen, England, Russland und Österreich stimmen musste, um dem Ziel überhaupt näher kommen zu können. Die Liquidation des Napoleonischen Kontinentalsystems regte so viele Gegensätze auf, dass die Verhandlungen zeitweise von Kriegsgefahr bedroht schienen. Es ging nicht um Peanuts. Um sich überhaupt den europäischen Fragen widmen zu können, hatte England beispielsweise vor Beginn des Kongresses alle Hände voll zu tun, um seine Position als vorherrschende Seemacht zu fixieren. Russland hatte zuvor starke Ambitionen in den USA gezeigt, und um diesen begegnen zu können, musste England eine Einigung mit Spanien über die wirtschaftliche Vorzugsstellung in den USA erzielen und den Übersee-Streit mit den Niederlanden beilegen. Nur weil England dies gelang, wurden beim Wiener Kongress keine maritimen Fragen erörtert, und erst derart befreit war es dem englischen Kongress-Verhandler Robert Stewart Viscount Castlereagh möglich, beispielsweise gemeinsam mit Österreich gegen die russische Expansion, welche das Gleichgewicht gestört hätte, zu arbeiten. Als eine der folgenreichsten Wirkungen der Napoleonischen Europapolitik war schließlich das Vordringen Russlands nach Westen erkannt worden.

Der diplomatischen Herausforderungen gab es viele, die Verhandlungen glichen einem gigantischen Monopoly, im Zuge dessen Länder wie Spielsteine verschoben, getauscht und auch neu gegründet wurden. Österreich musste beispielsweise auf seine niederländischen Ansprüche verzichten, erhielt jedoch nicht nur Kroatien und Dalmatien zurück, sondern auch die oberitalienischen Ländereien Venetien und die Lombardei. Metternichs Plan einer föderativen Neuordnung Italiens unter Österreichs Führung ging jedoch nicht auf. Das preußische Staatsgebiet wurde durch die Wiener Beschlüsse verdoppelt. Vor allem die sächsischen Gebiete stellten einen schönen Zugewinn dar, ganz zum Ärger des sächsischen Königs Friedrich August, der sein spätes Abrücken vom Bündnis mit Napoleon mit fast zwei Drittel seines ursprünglichen Territoriums bezahlen musste. Bayern gab Vorarlberg und Tirol zurück, konnte sich nach dem Kongress aber über die dabei gewonnenen ursprünglich geistlichen Besitzungen von Mainz und Würzburg freuen. Besondere Bedeutung hatte der Wiener Kongress durch die Anerkennung der immerwährenden bewaffneten Neutralität sowie ihrer Unabhängigkeit von jedem fremden Einfluss für die Schweiz. Und schließlich wurde in Wien durch die Gründung des Deutschen Bundes auch ein Eckpfeiler für die weitere deutsche Geschichte geschaffen.

Das sollte jener nicht mehr miterleben, dem die so oft im Zusammenhang mit dem Wiener Kongress wiederholte Ironisierung „Der Kongress tanzt, aber er kommt nicht vorwärts. Es sickert auch nichts durch als der Schweiß dieser tanzenden Herren“ zu verdanken ist. Charles Joseph de Ligne, belgischer Offizier und Diplomat in österreichischen Diensten, starb am 13. Dezember 1814 in Wien, erlebte die einschneidenden Beschlüsse nicht mehr mit und hätte so oder so nicht erkennen können, dass die europäischen Verhältnisse viele Jahrzehnte lang auf der Grundlage des Wiener Kongresses beruhen sollten. Äußerlich zumindest. Denn innerlich konnten die restaurierten europäischen Monarchien die Geister, welche die Französische Revolution erstmals gerufen hatte, nicht los werden. Zwar waren viele Bündnisse auch vor dem Hintergrund der gemeinsamen Unterdrückung aller revolutionärer, liberaler und nationaler Bestrebungen geschlossen worden, doch konnte das Weiterleben der Ideen von bürgerlichen Rechten und nationaler Eigenständigkeit nicht verhindert werden. Längst war in den Köpfen vieler Europäer eine neue Zeit angebrochen. Ab dem Kongressjahr 1815 etwa entstanden die Burschenschaften, deren Kraft in der Märzrevolution des Jahres 1848 spürbar wurde. Zuvor hatte das Jahr 1830 mit der Unabhängigkeit Griechenlands, der Unabhängigkeit Belgiens und der liberalen Julirevolution in Frankreich bereits bedrohliche Einschnitte für die Restauration gebracht. Die Märzrevolution 1848 aber hatte eine besondere Wirkung. Der revolutionären Bewegung in Wien gelang es, Fürst Metternich, den Helden des Wiener Kongresses, zur Abdankung und zur Flucht zu zwingen. Die Flucht jenes Mannes, der in der Öffentlichkeit als Verkörperung der antiliberalen und antinationalen Kräfte gesehen wurde, war ein starkes Symbol. Ein Symbol dafür, dass die Revolution das Ancien Règime auch nach dessen Restauration in die Knie zwingen konnte. Vor seinem endgültigen Fall sollte es sich nie mehr so richtig erholen.  Alexandra Keller

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