Von Bomben und Besatzern

Nach dem Waffenstillstand vom 3. November 1918 wurde befürchtet, dass Nordtirol in die Hände der Italiener fallen könnte. Zwei Jahre dauerte die Besatzung, die am 11. Dezember 1920 endete.

In dichte Staubwolken ­ge­hüllt rücken sie vor. Vom Brenner kommend, das Wipptal durchziehend, in Richtung Innsbruck. Italie­nische Soldaten auf dem Weg in die Hauptstadt Tirols. Die Be­völkerung ist an diesem 23. ­November 1918 erneut in ­Panik, haben doch nur wenige Monate vorher erstmals ita­lienische Flieger die Stadt ­bombardiert und sind ihr so nahe gekommen wie noch nie zuvor. Jetzt marschieren die Italiener in der Landeshauptstadt ein. In den Abendstunden des 23. November 1918 beginnt ein Kapitel Inns­brucker und Tiroler Geschichte, das in den meisten Geschichtsbüchern gänzlich fehlt und ganze zwei Jahre dauert. – Die Besatzung von Innsbruck.

Von offizieller Seite werden die italienischen Regimenter schon länger erwartet, denn bereits am 19. November ­werden ­einige hundert ita­lienische Solda­ten in Matrei am Brenner stationiert. Am selben Tag ­erlässt der in­zwischen gebildete „Tiroler Natio­­nalrat“ ­einen Aufruf, um die ­Be­völ­kerung zu beruhigen, ­indem er darauf verweist, dass die Italiener nicht als Feinde ­kämen, sondern nur zum Zwecke der Rück­holung gefangener italie­nischer Sol­da­ten. Doch die ­Tiroler ­Bevölkerung schenkt den ­Beschwi­ch­ti­gungsver­suchen keinen Glau­­ben, schließlich haben die Italiener doch nur acht Monate vorher erstmals Luftangriffe auf die Bahnanlagen in Innsbruck geflogen: Am 20. Februar 1918 wird am Nach­mittag, kurz vor drei Uhr, in der Stadt Fliegeralarm aus­gelöst – zu spät. Zwar sind die vier italienischen Flieger ­Mi­nuten zuvor von der Flugwache Sattelberg gemeldet worden, doch gleich darauf treffen die ersten Bomben die Stadt. Die vier Maschinen vom Typ Savori Pomiglio ­werfen ihre tödliche Fracht über den Bahnhofsanlagen ab und töten dabei eine Bahn­arbeiterin und verletzen acht weitere Personen schwer. Dass nicht mehr Opfer zu ­beklagen sind, liegt daran, dass der Sprengstoff nicht vollständig zündet. Nur fünf Minuten dauert der bisher unbekannte Spuk, dann nehmen die Flieger Kurs Richtung Oberinntal, um anschließend über die Ötztaler Alpen wieder nach Italien zu gelangen. 

Fast acht Monate später marschieren die ersten italienischen Soldaten durch die Innsbrucker Salurner­straße. An ihrer Spitze General­major Cavaliere Annibale ­Rossi, der Oberbefehlshaber des III. Italienischen Armeekorps. Ihren Weg säumt Kriegs­gerät der sieglosen k. u. k. ­Armee. Sofort beziehen sie ihr Quartier im Pädagogikum in der Fall­­me­rayerstraße, in der neuen ­Universität und in ­diversen ­Kasernen. Es muss Platz für mehr als 15.000 italienische Soldaten geschaffen werden. Zweitweise wächst die Stärke der Italiener in Innsbruck auf bis zu 22.000 Armeeangehö­rige an. Nur wenige Bewohner ­trauen sich vor die Tür, den Flugblättern des Tiroler ­Na­tio­nalrates trauen nur die ­Wenig­sten.

Dass die Italiener nicht ­gerne gesehen sind, zeigt sich in der Nacht vom 25. auf den 26. November 1918, als von zwei ehemaligen Reserveoffizieren der aufgelösten k. u. k. Armee bei einem Quartier der italienischen Soldaten die „Tricolore“ herabgerissen wird. Die Italiener verlangen Genugtuung und befehlen, dass eine Abordnung der neu formierten Volkswehr eine Ehrenbezeigung vor der italienischen Flagge durch­zuführen habe. Die Italiener drohen auch mit der Ver­hängung des italienischen Kriegsrechtes über Innsbruck. Aufgrund dieses Vorfalles ­findet zwei Tage später eine Besprechung zwischen der Innsbrucker Stadtregierung und den leitenden Offizieren der Besatzer im Hotel Europa statt. General Rossi stellt hierbei gegenüber dem Innsbrucker Bürgermeister Wilhelm Greil und seinem Stellver­treter Eduard Erler klar, dass die Italiener nicht die Absicht hätten, Innsbruck und Teile des Unterlandes dauerhaft zu besetzen. Italien wolle nur von den Bestimmungen des in der Villa Giusti ausgehandelten Vertrages (siehe Seite 88 f.) Gebrauch machen und vor allem den Schutz der ­cirka 7000 in Innsbruck ­anwesenden Welschtiroler gewährleisten. Weiters ver­si­chert Rossi, dass das italie­nische Kriegsrecht auf Innsbruck nicht angewendet ­werde, wenn die Bevölkerung sofort Angriffe auf militä­rische Einrichtungen und Personen einstelle. Durch die Veröffentlichung des Inhaltes dieser Besprechung per Flugzettel kann die Bevölkerung davon überzeugt werden, vor weiteren Übergriffen auf die Besatzer Abstand zu nehmen. Bis auf wenige Ausnahmen, wie etwa den Aktionen der Gruppierung „Bund der Dreißig“, die auf Plakaten die ­Na­men von Innsbrucker Frau­­­­­en anprangert, die sich mit ­Be­satzungssoldaten ein­ge­lassen haben. Da auch Schauspielerinnen des Innsbrucker Stadttheaters verdächtig werden, kommt es zu Brand­an­schlägen auf das The­­ater. Doch der Großteil der Bevölkerung verhält sich ruhig – mit ein Verdienst der Be­satzer, denn die Italiener ­vermeiden jegliche gezielte Provokation, das Militär greift nur in wenigen Fällen ein.

Innsbruck präsentiert sich den italie­nischen Besatzern als Stadt ­ohne Ordnung. Zwar haben der Tiroler Nationalrat sowie Bürgermeister Greil zur Errichtung von Volks- und Bürgerwehreinheiten aufgerufen, um die Zivilbevölkerung vor Plünderungen zu schützen (wodurch jene zwei ­Verbände ins Leben gerufen werden, die sich zehn Jahre später als Bürgerkriegsparteien gegenüber­stehen werden), doch die ­Sicherheit kann nicht sofort hergestellt werden. Schuld ­daran ist vor allem der unkontrollierte Rückzug der sieglosen k. u. k. Armee. Durch den ­raschen Waffenstillstand löst sich die k. u. k. Armee ­un­or­ganisiert auf, und rund 500.000 Soldaten kommen von der Südfront über den Brenner, um in ihre Heimat zurück­zukehren. Viele überleben die Rücktransporte nicht, finden noch auf der Heimfahrt ihren Tod. Das Chaos nimmt zu, als bereits vor dem Einmarsch der Besatzungstruppen täglich die Lebensmitteltransporte und Lebensmittellager auf den Bahnhöfen ­geplündert werden. Gegenmaßnahmen fehlen, da der ­Sicherheitsapparat nicht hand­lungsfähig ist. Sorge ­be­reitet der Engpass in der ­Lebensmittelversorgung vor ­allem der Zivilbevölkerung. Der kriegsbedingte Rückgang in der Lebensmittelproduktion führte bereits 1917 zur Lebensmittelknappheit, auch in Innsbruck. Nutznießer dieser Situation waren damals vor allem die Bauern, die ihre Ernte­erträge horteten und nur mehr gegen Wertgegenstände eintauschen wollten. In das ­of­fizielle Zahlungsmittel, die ­Krone, wird nun kein Vertrauen mehr gesetzt. Die Italiener, die dieses Problem erkennen, nutzen es zu ihrem Vorteil – sie beginnen, die Lebensmittelversorgung zu verbessern und können damit das Vertrauen der Tiroler gewinnen. 

Die Italiener verzichten auch auf die Zwangseinhebung von ­Lebensmitteln für ihre Ein­heiten, sie werden über ihren ­eigenen Nachschub ausreichend versorgt. Ebenso werden Hilfslieferungen gestartet. Denn Brot und Milch sind Mangelware. So sinkt in der Stadt im Jahr 1918 die Milchversorgung auf 5000 ­Liter pro Tag – noch 1916 wurden ­täglich 32.000 Liter vom Land in die Stadt ge­liefert. Doch die zusätzlichen Lieferungen, ­darunter auch Reis und Weizen, können die Not nicht wirklich lindern. Im Dezember 1919 kommt es zu den schwersten Hunger­­unruhen in der Innsbrucker Stadtgeschichte.

Am 4. Dezember werden ­erste große Demonstra­tionen abgehalten: Die Innsbrucker fordern von der Lan­des­re­gierung eine Verbesserung der Lebensmittelversorgung. Weil sie jedoch weder bei der ­Landesregierung noch bei Bürgermeister Wilhelm Greil eine Verbesserung ihrer Situation erreichen können, ziehen sie zum als Lebensmittellager umfunktionierten Stadtsaal, um diesen zu plündern. Am Tag darauf werden das städtische Lebensmittellager in der Bruneckerstraße sowie das ­Jesuitenkloster und das Canisianum im Saggen überfallen. Durch das Eingreifen der ­italienischen Besatzungstruppen können die Übergriffe ­vorerst zwar gestoppt werden, dennoch kommt es am Abend dieses 4. Dezember noch zur Plünderung von Stift Wilten. Erst am nächsten Tag können die Hungerunruhen durch ­zusätzliche Lebensmittelspenden des Landes und durch ­eine Verstärkung der Sicherheitswache beendet werden.

Schon zu dieser Zeit beginnt sich der Abzug der italienischen Truppen abzuzeichnen. Zwar bleiben die Italiener auch noch nach Abschluss des Staatsvertrages von Saint Germain am 10. September 1919 in Nordtirol, doch es kommt allmählich zur Vorbereitung des end­gültigen Rückzuges aus Innsbruck, der am 11. Dezember 1920 abgeschlossen wird – der letzte italienische Besatzungssoldat hat Innsbruck verlassen.  Johann Überbacher 

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