Der große Krieg

Durch Industrialisierung, Wettrüsten und ein erstarrtes europäisches 
Bündnissystem war der Ausbruch des Ersten Weltkrieges nur mehr eine Frage der Zeit.

Nur wenige Menschen hörten die Schüsse von Sarajewo. Ein paar Sekunden dauerte es, bis ihr Knall in den Bergen, die die Stadt umringen, verhallte und doch wurden sie zu den berühmtesten und folgenschwersten Schüssen des 20. Jahrhunderts. Nicht nur, weil ihnen am 28. Juni 1914 der österreichische Thronfolger samt Gemahlin zum Opfer fiel. Attentate auf Mitglieder von Herrscherhäusern hatte es schließlich schon immer gegeben. Trotz allgemeiner Empörung über die Tat war es nicht das Blut Franz Ferdinands, das bald schon 32 Nationen zu den Waffen greifen ließ. Als Gavrilo Prinzip, der serbische Student und Attentäter, seine Waffe lud, hatte er wohl auch nicht im Sinn, den ersten totalen Krieg in der Geschichte der Menschheit auszulösen. Und doch war es der radikal serbische Nationalist, der das hochsensible und vielfach kränkelnde Gleichgewicht der Mächte derart ins Wanken brachte, dass die Welt vier Jahre später nicht mehr dieselbe sein sollte. Die Schüsse Prinzips waren wie die berühmten Flügelschläge von Schmetterlingen, die einen Orkan auszulösen vermögen.

Die Menschen, die am 29. Juni 1914 über das Attentat von Sarajewo in den Zeitungen lasen, lebten in einer höchst turbulenten Zeit. In rasender, fast schon irrsinniger Geschwindigkeit, hatten sich im 19. Jahrhundert die Lebensbedingungen für die Europäer verändert. Bahnbrechende Erkenntnisse in Naturwissenschaft und Medizin reihten sich aneinander, der technische Fortschritt schien alles denkbar und immer mehr Reichtum möglich zu machen. Die Arbeiter forderten ihre Rechte und die liberalen Bürger verfielen dem unbändigen Optimismus, dass die Entwicklung zu einer freiheitlichen Gesellschaft mit vollendetem Repräsentationssystem genauso wenig aufzuhalten sei, wie die Expansion der Marktwirtschaft und die Forderung, dass das System des weißen christlichen Europas mit Gottes Segen in der ganzen Welt wirksam werden müsse. Trotz der revolutionären Fehlschläge der Jahre 1848/49 hielten sie am Glauben an die liberal-nationale Idee fest und ignorierten dabei fast, dass die einzelnen Nationen nach wie vor von konservativen Mächten beherrscht wurden. Widerwillig hatten sich die europäischen Herrscherhäuser dem Einfluss des Liberalismus gebeugt, der in mehreren Revolutionswellen von Berlin bis an den Balkan spürbar geworden war. Der Kompromiss, den außer Russland und Spanien die meisten vormals absolut regierten Staaten Mittel- und Osteuropas eingegangen waren, hieß konstitutionelle Monarchie. 

Doch die konservativen Kräfte dachten meist gar nicht daran, die Bühne mit den Liberalen oder gar der fordernd nachrückenden Arbeiterschaft zu teilen. Diese Bühne, auf der sich Nikolaus II., Franz Joseph I., Wilhelm II., Viktor Emanuel III., Victoria I. oder  Eduard VII. tummelten, war im ausgehenden 19. Jahrhundert die ganze Welt, Imperialismus war ihr Leitmotiv. Sie lieferten sich ein Wettrennen um die Vorherrschaft, erkämpften und erkauften sich Einflusssphären, statteten sich mit einer nie gesehenen Kriegsmaschinerie aus, verbündeten sich mal mit dem einen mal mit dem anderen und sorgten durch ihren Konkurrenzkampf für eine spannungsgeladene Atmosphäre in Europa. Verstärkt durch die großteils ungelösten gesellschaftlichen Konflikte sollte sie sich im Ersten Weltkrieg – in der „großen Urkatastrophe unseres Jahrhunderts“ (George F. Kennan) – entladen.

Als sich die europäischen Kabinette im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts auf die Beherrschung der Welt vorbereiteten,  konnten sie sich der Unterstützung der Europäer ziemlich sicher sein. Dem Großteil der Bevölkerung ging es während einer kurzen aber schillernden Zeit immer besser und besser. Der europäische Lebensstandard war mit der gesteigerten Produktivität der Industriebetriebe fantastisch gewachsen. Hand in Hand mit der wirtschaftlichen Blütezeit wurde auch der menschliche Geist zu Höchstleistungen angetrieben. Nie zuvor konnte so frei und ohne politische oder religiöse Sanktionen fürchten zu müssen geforscht und entdeckt werden. Es war die Zeit der Expeditionen in unbekannte Länder, wo Wüsten- oder Dschungelgebiete durchquert und kartographisiert, antike Ruinen ausgegraben und immer neue Erkenntnisse zurück ins Abendland gebracht wurden. Der Wissensdurst war so grenzenlos wie die Überheblichkeit, welche die Europäer gegenüber den Bewohnern anderer Kontinente zunehmend an den Tag legten. Darwin lieferte jenen die wissenschaftliche Grundlage, die von der Überlegenheit der Europäer überzeugt waren und in den Errungenschaften einen Beweis dafür entdeckten.

Mit dem neuen Wissen wurde die europäische Gesellschaft aber auch immer differenzierter und es entstanden Konfliktherde auf allen Ebenen. Dass diese nicht schon vor 1914 zu großen kriegerischen Auseinandersetzungen führten, verwundert die Historiker noch heute. Eine Erklärung für das fast 50-jährige Hinauszögern und Unterbinden einer Explosion wird im allgemein gestiegenen Reichtum und den größeren Möglichkeiten für den Einzelnen gesucht, dem es plötzlich möglich war von einer Gesellschaftsschicht in die andere zu wechseln. „Wenn es auch gewichtige Ausnahmen gab, stumpfte die Ausbreitung des Wohlstands in ganz Europa die Schärfe des gesellschaftlichen Konflikts ab“, meint etwa der Historiker Henry Cord Meyer. Noch wurde über die größten ideologischen Gegensätze in den Salons diskutiert und nicht gekämpft. Diese kurze Ausnahmezeit der Geschichte brachte außergewöhnliche Persönlichkeiten wie Lenin, Planck, Freud, Sorel, Ford, Zeppelin, Picasso, Joyce oder Suttner hervor, die im rhythmisch pulsierenden Geistesleben vor dem großen Finale nebeneinander Platz hatten.

Auf politischer Ebene herrschte weniger Offenheit. Mit Argusaugen wurde beispielsweise die Entwicklung des Deutschen Reiches verfolgt. Als letzter europäischer Nationalstaat wurde es erst 1871 gegründet und entwickelte sich schnell zum zweitgrößten Industriestaat der Erde. Im deutsch-französischen Krieg waren die Franzosen kurz vorher den Deutschen unterlegen, was in Frankreich schäumende Revanchegelüste auslöste. Auf der anderen Seite des Kanals fühlte sich Großbritannien von den Entwicklungen auf dem Kontinent massiv bedrängt. Einerseits von den unaufhaltsamen Deutschen, andererseits vom russisch-französischen Bündnis, das die beiden Staaten als Reaktion auf das deutsche Vorpreschen geschlossen hatten und die Machtsphären im Abendland zu verschieben drohte.

Da machte um das Jahr 1894 plötzlich der Ferne Osten auf sich aufmerksam. Fast unbemerkt hatte sich Japan zu einem mit modernen Waffen ausgerüsteten Staat entwickelt, der rasch den Sieg über China erringen sollte. Überrollt von den Ereignissen machten sich die Russen, Franzosen und Deutschen daran, Druck auf Japan auszuüben, das daraufhin auf einen Teil der chinesischen Beute verzichten musste. In der engen Zusammenarbeit mit dem Westen suchten die geschlagenen Chinesen ihr Heil und lösten damit unter den Westmächten ein wildes Gerangel aus. In jedem Staat saßen Geldgeber, die darauf gierten in China zu investieren und Konzessionen zu ergattern. Es war das erste Mal, dass Deutschland ein gewichtiges Wort in der fernöstlichen Machtpolitik mitzureden hatte. Die Tage der Kabinettspolitik waren vorüber, die Wirtschaft hatte begonnen, die Politik zu beeinflussen und so wurde der Druck verstärkt, die Imperien zu vergrößern. Im Zuge der Expansionspolitik begann sich die Weltfinanz zu verändern. Kartelle und Monopole wuchsen im Eiltempo und mit ihnen die Hürden für den Handel mit Waren – von freier Marktwirtschaft war bald keine Rede mehr.

Ähnlich wie im Fernen Osten gestaltete sich das Wettrennen der Großmächte um Einfluss im Mittleren Osten oder bei der endgültigen Aufteilung des „schwarzen Kontinents“. Reihenweise wurden in den schwachen mohammedanischen Staaten von Alexandria bis Kabul europäische Fahnen gehisst, mehr und mehr wurde die Welt westlich umzingelt und die Schauplätze der Geschichte verteilten sich um den Erdball. Als einer der anmaßendsten Spieler tat sich der deutsche Kaiser Wilhelm II. hervor, der sich selbst zum Schutzherren des Islam erklärte und 1899 in einem Triumphzug in Jerusalem einzog. 

Nur durch ausgefeilte Technik war es möglich geworden, die Welt über derart große Distanzen hinweg „beherrschen“ zu können. Der Globus wurde umspannt mit Überlandtelegrafenlinien und Unterwasserkabeln, die direkt in den Außenministerien der europäischen Großmächte zusammenliefen. Als großartigstes Beispiel der Technik galt der schon 1889 erbaute Eiffelturm und Amerika setzte seine Zeichen mit dem Bau atemberaubender Wolkenkratzer. Auf hoher See lieferten sich in der Zwischenzeit die Schifffahrtslinien einen Kampf um die schnellsten und größten Passagierdampfer, bis 1912 mit dem Untergang der Titanic der große Rückschlag kam. 

Die sich häufenden Erfolgsmeldungen und die von Darwinismus und Rassentheorien unterstützte angebliche Überlegenheit bewerteten die Europäer sogar als eine Berechtigung zur Expansion. Diese neue Überheblichkeit veränderte auch die Einstellung zum Krieg, der bald schon wichtigster Bestandteil des imperialistischen Antriebs wurde. Mit der weltumspannenden Machtpolitik hatten die Großmächte ein fieberhaftes Wettrüsten begonnen, das sich vor allem auf den Ausbau der Kriegsflotte konzentrierte. Im Bau der kraftstrotzenden Kriegsschiffe, die zum Prestigesymbol des Imperialismus wurden, überboten sich die Konstrukteure. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts kamen U-Boote als unheimliches Kampfmittel mit massiver Zerstörungswirkung und schließlich auch die Luftwaffe hinzu. Die Kosten für dieses irrsinnige Aufrüsten, das Teil der nationalen Prestigepolitik aller europäischer Regierungen wurde, explodierten. 

Allen voran steckte das Deutsche Reich Unsummen in die Kriegstechnik und zog sich damit, sowie durch das aggressive und anmaßende Auftreten Wilhelms II. immer mehr die Feindschaft der traditionellen Seemacht Großbritannien, aber auch Frankreichs zu, das sich seinerseits weigerte, den Status quo in Europa hinzunehmen. Österreich-Ungarn, das in den Vorkriegsjahren mit anderen Problemen zu kämpfen hatte, war am Ende der einzige Verbündete, auf den Wilhelm II. bauen konnte. Ein Verbündeter, der sich lange Zeit zierte, Seite an Seite mit dem rivalisierendem Preußen zu marschieren. 

 Das Haus Habsburg besaß Mitte des 19. Jahrhunderts ein beinahe schon mystisches, ja unangefochtenes Ansehen in der deutschen Welt. Über 400 Jahre lang trugen sie die Krone Karls des Großen als Römische Kaiser und während sich „Deutschland“ noch in 38 Königreiche und Fürstentümer unterteilte war das Reich der Habsburger fester Bestandteil europäischer Macht. Selbst Preußen, mächtigster deutscher Staat, wagte es noch nicht, die ehrwürdige Monarchie zu reizen. Zwar versuchte das Haus der Hohenzoller nach der Niederschlagung der Revolution im März 1850 sogleich einen norddeutschen Bund unter preußischer Führung in Angriff zu nehmen, musste jedoch noch vor der Kraft und dem Ärger Österreichs weichen. In der „Punktation von Olmütz“ erklärte Preußen, gedrängt von einem österreichischen Ultimatum, auf die Weiterverfolgung dieses Planes zu verzichten und sich dem postnapoleonischen Bund von 35 deutschen Fürsten und vier freien Städten anzuschließen. Der erste, aber zugleich letzte Sieg des jungen Kaisers Franz Joseph I. über Preußen. 

Während die norddeutsche Macht wirtschaftlich, militärisch und politisch immer mehr an Stärke gewann, verlor die österreichische Krone mehr und mehr an Boden. Preußen verstand es, sich geschickt aus allen kleineren und größeren Scharmützeln dieser Zeit herauszuhalten, während Österreich unter dem unerfahrenen Staatsmann Franz Joseph I. an jeder Front kämpfte – doch, wie zumeist, auf der falschen Seite. Die Folgen seiner Politik bekam der Kaiser zunächst in kleinen Portionen serviert: Hier wurde die Gunst des russischen Zaren Nikolaus auf Dauer verloren, dort musste man den Verlust der italienischen Schlüsselprovinz Lombardei hinnehmen. Doch so schmerzlich diese Niederlagen auch waren, die Stellung des österreichischen Herrschaftshauses schien weder im Inneren noch im Äußeren gebrochen – bis 1862 Otto von Bismarck zum Kanzler und Außenminister von Preußen bestellt wurde.

Bismarck wusste Zeit seines politischen Lebens, dass Preußens Wunsch nach der Vormachtstellung in der deutschen Welt nur dann in Erfüllung gehen konnte, wenn der Einfluss der Habsburger, dieser ungeliebten Katholiken aus dem Süden, auf ein Minimum zurückgedrängt werden konnte. Jene Möglichkeit ergab sich für Bismarck 1866 im Nachfolgestreit um die Herzogtümer Schleswig und Holstein. Österreich lief, im Glauben mit einigen kleinen Machtspielen in Anlehnung an 1850 Preußen in die Schranken weisen zu können, dem deutschen Kanzler ins offene Messer. Diesmal war der Gegner Österreichs nicht ein von Revolutionswirren geschwächtes, sondern ein militärisch und politisch nahezu perfekt vorbereitetes Preußen. Als am 3. Juli 1866 Österreichs Militär bei Königgrätz vernichtend geschlagen wurde, war Bismarcks Mission erfüllt, das Hause Habsburg im Kampf um die Vormachtstellung im deutschen Raum besiegt. Zwar waren die Gebietsverluste – Schleswig-Holstein an Preußen und Venetien an Italien – äußerst schmerzhaft für Österreich, die politischen Folgen der Niederlage von Königgrätz trafen Franz Joseph I. aber weitaus härter. Er, der sich selbst als „vor allem Österreicher, aber auch deutscher Fürst“ sah wurde von der Neuordnung der deutschen Königs- und Fürstentümer gänzlich ausgeschlossen und musste tatenlos zusehen wie unter preußischer Führung ein Bund norddeutscher Staaten gebildet wurde, aus welchem fünf Jahre später das neue, starke und für Österreich in Folge tonangebende Deutschland erstehen würde.

Um Österreich entstanden nun mit Deutschland im Norden wie auch im Süden mit Italien starke, geeinte Nationalstaaten. Doch anstatt sich der Vielvölkermonarchie anzunehmen und sein Herrschaftsgebiet auf die Anforderungen der Zukunft auszurichten, besann sich Kaiser Franz Joseph I. vorerst auf Rachegelüste gegen Bismarck und Preußen. Eine solche Möglichkeit sollte der Herrscher der Donaumonarchie jedoch nie mehr erhalten, zu schwach war sein Reich im Vergleich zum „modernen und geeinten“ Deutschland. Abgesehen von den alten Kernländern Ober- und Niederösterreich, Salzburg und Tirol war die Monarchie ein Sammelbecken ethnischer Verschmelzungen: Magyaren unter Rumänen, Ukrainer unter Polen, Kroaten und Italiener unter Slowenen und starke Gruppen von Deutschen von Böhmen bis hinunter nach Transsilvanien. Obwohl keines der Völker der Monarchie eine Loslösung vom Hause Habsburg wollte, waren doch alle sehr empfänglich für die geistigen Strömungen jener Zeit. Liberalismus und der, für das Herrschaftshaus schwerwiegendere, Nationalismus ließen keine Ruhe mehr einkehren.

Als direkte Folge der Niederlage gegen Preußen musste der geschwächte Kaiser dem Druck der gemäßigten ungarischen Nationalen nachgeben und das künstlichste politische Gebilde des Jahrhunderts erschaffen: Die k. u. k. Monarchie. Um die Länder des Heiligen Stefan weiterhin unter seiner Herrschaft zu halten, wurde Ungarn eine weitgehende Autonomie zugesprochen, lediglich Finanzen, Militär und Äußeres blieben im Einflussbereich von Wien. Vielleicht hätte dieses seltsame Konstrukt auch funktionieren können, hätte sich Kaiser Franz Josef I. nicht zum König von Ungarn krönen lassen. Mit der Krone des Heiligen Stefan auf seinem Haupt bestätigte Franz Joseph I. den Ungarn sämtliche historische Ansprüche auf die magyarischen Länder und schwor, diese nicht nur zu verteidigen, sondern auch noch zu erweitern. Dass er damit seinen restlichen, Millionen zählenden slawischen Untertanen, die nun per königlich-kaiserlichen Eid an das Ungarn des heiligen Stefan gekettet waren, vor den Kopf stieß, musste der nunmehrige Kaiser von Österreich und König von Ungarn erst in den folgenden vier Jahrzehnten schmerzhaft erfahren.

In allen Ländern der Monarchie war nun die Zeit des Nationalismus angebrochen. Allen voran Österreich, wo Georg von Schönerer das „Evangelischwerden des deutschen Ostmarkvolkes“ und somit nicht nur eine Abkehr vom katholischen Habsburgerhaus, sondern auch eine Abtrennung von den slawischen Teilen des Reiches und einen Anschluss an Deutschland forderte. Zwar stellte Schönerer politisch eine Minderheit dar, paradoxerweise florierte jedoch seit der Niederlage gegen Preußen der Deutschnationalismus in allen Gesellschaftsschichten Österreichs. Da auch in Tschechien und am Balkan die nationalen Töne immer schärfer wurden, gestaltete sich jeder zweisprachige Unterricht an einzelnen Dorfschulen oder jedes sprachliche Bestellungskriterium im öffentlichen Dienst zu einem – von Deutschnationalen um Schönerer wie auch von Deutschland gern geschürten – kleinen Flächenbrand. Zwar griffen diese Brände nie auf das Herrschaftshaus über, doch der Monarch war, so wie sein gesamtes Reich, innen- wie außenpolitisch gelähmt. So erschien der russische Krieg 1878 gegen die Türkei für diese schwache Monarchie so gefährlich, dass Franz Joseph I. unverzüglich in ein Verteidigungsbündnis mit Deutschland flüchtete. Aus dem einstigen erbitterten Gegenspieler Bismarcks war nun der engste Verbündete Deutschlands geworden.

Vielleicht war es diese Schmach, die Franz Joseph veranlasste die Lunte am Pulverfass Balkan in Brand zu setzen. „Er habe sich bestimmt gefunden, die Rechte Seiner Souveränität auf Bosnien und die Herzegowina zu erstrecken“, verkündete der Kaiser im Oktober 1908. Die beiden Provinzen waren seit dem russisch-türkischemnKrieg von Österreich okkupiert und verwaltet worden, und eine allgemeine Besitznahme war in Europa stillschweigend akzeptiert. Doch durch die Art und Weise, wie diese Annexion vonstatten ging (siehe Kasten Seite 32), zog sich das österreichische Kaiserhaus den Ärger ganz Europas auf sich. Russland wurde nicht nur von der überschnellen Aktion Österreichs überrascht, sondern musste auch noch mit ansehen, wie sich Österreich nicht an die Geheimabsprache hielt und die russischen Bemühungen nach einem permanenten Zugang zum Mittelmeer in keiner Form unterstützte. Unter Europas Königshäusern rief Franz Josephs Verhalten Ärger hervor, hatte der Monarch doch jede dynastische Anstandsform verletzt. Seine eigenhändig unterschriebenen Briefe, in denen er die anderen Monarchen über seine Absichten bezüglich Bosnien-Herzegowina in Kenntnis setzte, waren erst wenige Tage vor der unilateralen Proklamation abgeschickt worden, der englische König Eduard VII. erhielt das kaiserliche Rundschreiben erst nach der Verkündigung der Annexion.

Berlin zeigte sich vom Vorgehen Österreichs entzürnt, vor allem Wilhelm II. empfand in dieser kurzfristigen und kategorischen Benachrichtigung eine noch größere Beleidigung als der König von England; spielte doch die Habsburgermonarchie seit nun 40 Jahren den Juniorpartner in der Allianz der beiden Reiche. Andererseits war man auch erleichtert darüber, dass Deutschlands einziger verlässlicher Bündnispartner, der lange und verständnisvollerweise im Verdacht der Schwäche und Unentschlossenheit gestanden hatte, ein solches Selbstvertrauen an den Tag legte und vielleicht den von König Wilhelm II. mit Vorfreude prophezeiten „Endkampf der Slawen und Germanen“ begonnen hatte. Nach sechs Monaten der europäischen Krise konnte sich Österreich über den Gewinn der Provinzen Bosnien und Herzegowina freuen, doch mit Österreichs einzigem Landgewinn unter Franz Joseph I. gewann die Monarchie auch ihren erbittertsten Feind: das auf Expansion, vor allem Richtung Adria, ausgerichtete Serbien. Nach der Annexionskrise bildete sich auf Initiative des verärgerten Russlands aus Serbien, Montenegro, Bulgarien und Griechenland der Balkanbund, eklatant anti-türkisch und anti-österreichisch – unter der politischen und geistigen Führung Serbiens. Ein Miniaturmachtblock mit solch aggresivem Potenzial, dass sich die Balkanregion nie mehr beruhigen sollte. 

Während gegen die verhasste Habsburgermonarchie zuerst nur im Verdeckten, durch diverse Geheimorganisationen, gearbeitet wurde, musste die Türkei im Balkankrieg 1912 die Macht dieses Bundes schmerzhaft erfahren. In nur zwei Wochen eroberte der Balkanbund nahezu die gesamte europäische Türkei. Serbien konnte sein Territorium nahezu verdoppeln, den Traum eines „Großserbien“ weiterhin verfolgen und sich nun ausschließlich auf Österreich konzentrieren. Doch auch Österreich unternahm nichts, um die explosive Region zu befrieden, sondern schürte stets die Feindschaft mit Serbien. Als sich die ehemalige türkische Provinz Albanien im November 1912 für unabhängig erklärte, unterstützte Österreich dies prompt, lediglich um Serbien den so sehr ersehnten Zugang zur Adria zu verwehren. 

Es war die Feindschaft unter den beiden Nationen, die den radikalen serbischen Nationalismus schürte und Gavrilo Prinzip das Motiv für sein Attentat auf den österreichischen Thronfolger lieferte. Der Hall seiner Schüsse löste eine Kriegslawine aus, deren zerstörerische Kraft in den nächsten vier Jahren die Welt ins Chaos stürzte. Franz Ferdinand und seiner Gattin sollten bis 1918 über zehn Millionen weitere Tote folgen.  Alexandra Keller, Michael Kogler

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