Krieg in den Bergen

Der Krieg in den Alpen, anfangs geprägt durch Kämpfe Mann gegen Mann, entwickelte sich innerhalb kürzester Zeit zu einem Festungs- und Belagerungskrieg in Höhen bis zu 4000 Meter. Die Berichte von Überlebenden vermitteln die Schrecken und Leiden der Soldaten, die unter entsetzlichsten Umständen leben und sterben mussten.  

Seit 18 Stunden hämmert die italienische Artillerie auf die Gipfel und Steilhänge des Monte ­Cimone – mehr als 40.000 Granaten detonieren auf wenigen hundert Quatdratmetern. Die österreichische Gipfelbesatzung, etwa 30 Männer des Infanterieregimentes 59, den so genannten „Rainern“, krallt sich in den Fels, jeder Riss, jede Felszacke wird zur Deckung für die verzweifelten Soldaten. Trotzdem gelingt es ihnen vorerst, kleinere italienische Einheiten, die von Caviojo in die Wände unter dem Cimonekopf steigen, zurückzutreiben. In der Nacht vom 22. auf den 23. Juli 1916 erklettern Alpini die Cimonespitze von der Südseite her und dringen in die österreichischen Stellungen ein. Es beginnt ein entsetzlicher Kampf Mann gegen Mann. Die Reste der Gipfelbesatzung wehren sich mit Gewehrkolben, Messern, Handgranaten und eisenbewehrten Holzknüppeln gegen die eindringenden Italiener, sogar mit Felsbrocken und Holzlatten kämpfen die „Rainer“. Doch sie haben keine Chance und Hilfe ist keine zu erwarten. Der schmale Zugang von der 200 Meter entfernten Hauptstellung auf dem Cimone-Gipfel liegt unter italienischem Sperrfeuer. 

Trotzdem gelingt es einem Zug der „Rainer“ von der Hauptstellung her, trotz starkem Beschuss auf den schmalen Grat vorzustoßen und eine Sandsackstellung zu errichten – kaum 30 Meter von der verlorenen Gipfelstellung entfernt. Diese neue Feldwache hat einen schweren Stand. Ununterbrochen wird sie beschossen, fliegen Handgranaten. Den ganzen Tag gibt es kein Wasser und keinen Bissen Brot. Auf dem Bauch liegend arbeiten sich die Soldaten verzweifelt ins Gestein, um wenigstens eine flache Mulde als Deckung auszuheben. Die Männer, die den Nachschub bringen, werden ständig beschossen, viele bleiben schwer verletzt liegen. Oft sind ihre Hilfeschreie stundenlang zu hören – niemand kann Ihnen helfen, die Italiener bestreichen bei der kleinsten Bewegung die zweihundert Meter lange Strecke zwischen Hauptstellung und Feldwache mit Maschinengewehrfeuer. Dutzende Soldaten sterben – sie sind Teil einer schrecklichen Statistik: Im Laufe des Krieges sterben über 40.000 Tiroler. Hunderttausende Soldaten – sie kommen aus der gesamten Donaumonarchie – werden im Zuge erbittert geführter Kämpfe im Gebiet der Südalpen getötet. Die Isonzofront verschlingt in drei Jahren über eine Million Männer aller Nationalitäten. 

Der Erste Weltkrieg verwandelte die friedliche Gebirgslandschaft der südlichen Alpen von 1915 bis 1918 in ein Inferno, wo Leid und Tod regieren. An einer Front, die vom 3999 Meter hohen Ortler, dem Gardasee, der Hochfläche von Lavarone, über die Gletscher der @ bis zu den Karsthochebenen am Isonzo und weiter bis zur Adria reichte (siehe Karte Seite 46), tobten erbarmungs­lose Kämpfe, verbunden mit unaufhörlicher Schwerstarbeit unter widrigsten Umständen, unter Hunger und Entbehrungen. 

Pfingstsonntag, 23. Mai 1915: In Wien fährt der italienische Botschafter, der Herzog von Avarna auf den Ballhausplatz. Er überreicht dem Minister des kaiserlichen Hauses und des Äußeren, Graf Berchdolt, eine Note. Dem Minister genügt ein einziger Blick auf den letzten Satz: „Seine Majestät der König erklärt, dass er sich von morgen ab als im Kriegszustand mit Österreich-Ungarn befinde.“ Der Krieg hatte Tirol erreicht – die neue Front eine Ausdehnung von rund 350 Kilometern. Im Laufe der Zeit werden an dieser Front Schützen- und Laufgräben entstehen, die eine Gesamtlänge von 10.000 Kilometer haben. Vorerst stehen an Tirols Südgrenze zu Italien acht Infanteriedivisionen, meist Reserveeinheiten mit veralteten Geschützen und praktisch ohne technisches Material. Dazu kommen noch Gendarmarie- und Finanz­wache, Standschützen aus Tirol und Vorarlberg (siehe Seite 36f.) sowie Freiwilligenverbände aus anderen Kronländern. Diese Einheiten stehen den Italienern gegenüber – eine Armee mit fast einer halben Million Mann. Doch tatsächlich ist dieses Stärkeverhältnis reine Theorie, denn die Italiener sind nicht bis an die Grenze aufmarschiert, sondern rücken in vorbereitete und weit dahinter liegende Bereitschaftsstellungen ein. Auf italienischer Seite soll die vierte ­Armee den Osten Tirols angreifen und die erste den Süden. Für alle aufmarschierten Armeen erlässt Generalstabs­chef Luigi Codorna den Befehl, dass am 24. Mai nicht überstürzt, sondern systematisch angegriffen werden soll. Das verblüffende Ergebnis: Es scheint, als ob die Angreifer erst die Verstärkung der Verteidiger abwarten wollen. Nur wenige Vorausabteilungen werden in den ersten Tagen tatsächlich in Kämpfe verwickelt. Ein Grund für diesen zögerlichen Beginn liegt sicher auch daran, dass es der österreichisch-ungarischen Heeresleitung gelingt, den „Feind“ über die wahre Truppenstärke zu täuschen. In so genannten Streifpatrouillen ziehen kleine Einheiten durch die Alpen, überfallen italienische Stellungen und ziehen sich dann wieder zurück, um kurz darauf erneut in einem anderen Frontabschnitt aufzutauchen. 

Im Bereich des Monte Piano wird zum Beispiel während des Tages eine Gruppe von ruthenischen Soldaten in vorbereitete Schützengräben geschickt und zwar so, dass der Gegner diese „Truppenbewegung“ sieht. In der Nacht ziehen sie still und leise ab, nur um am nächsten Tag als „zusätzliche“ Verstärkung wieder in die Frontstellung einzurücken. Aus diesem „Tarnen und Täuschen“, dem vorsichtigen Abtasten des Gegners, entsteht in wenigen Wochen eine starre Front – ein erbitterter Stellungskrieg im Hochgebirge, vom Ortler bis an die Adria.

Beginnend an der Schweizer Grenze beim Dreisprachenspitz, zieht sich dieser Frontabschnitt über den Ortler, wo sich in 3900 Meter Höhe die höchstgelegenen Stellungen des Weltkrieges befinden, weiter über den Tonalepass und das Adamellomassiv – wo die Front wieder auf über 3000 Meter ansteigt – weiter nach Judikarien und zur Nordspitze des Gardasees und hinüber bis Rovereto. Der Sommer 1915 verläuft an der Ortlerfront ziemlich ruhig. Man geht auf Patrouille, beobachtet sich misstrauisch, verstärkt seine eigene Position, bringt Geschütze in Stellung, baut Baracken und richtet sich allmählich für den Winter ein. Alles muss mühsam hinaufgeschafft werden: Um einen frisch geschlagenen Lerchenstamm von zehn bis 20 Metern Länge bis zum Eisseepass im Ortlermassiv zu schleppen, sind fast 50 Männer notwendig, die dafür eineinhalb Tage benötigen – ein Marsch über ­einen Gletscher voller gefährlicher Spalten. 

Das Halten der Gipfelstellungen fordert den Soldaten das Äußerste ab. Oberleutnant Leo Handl schreibt in seinen Erinnerungen: „Wir hatten Windstärken bis zu 14 Meter pro Sekunde und Temparaturen bis zu minus 39 Grad. Bei solchen Verhältnissen durfte kein Mann allein, die Stellung verlassen. (...) Die Leute mussten sich alle zehn Minuten gegenseitig auf erfrorene Körperteile genau kontrollieren.“ 

Im diesem ersten Kriegswinter fordern die extremen Bedingungen des Hochgebirges mehr Opfer als die Kämpfe selbst. Erst Ende April 1916 beginnen in der Gletscherwelt des Adamello italienische Alpini-Einheiten wieder verstärkt strategisch wichtige Stellungen der Österreicher anzugreifen. Sie erobern unter anderem den Crozzon di Lares, 3354 Meter und den Crozzon di Fargorida, 3082 Meter. Die österreichische Armeeführung befiehlt die Rückeroberung. Franz Kern, der mit seiner Einheit zum Angriff befohlen wird, schreibt: „Auf dem 3000 Meter hohen Firn des Fargorida-Passes lagen die armseligen Reste des in den Vortagen geworfenen Landsturmbataillons. Die armen Leute hatten schwere Tage hinter sich. Zumeist alte Leute, hatten sie einen Blutzoll geleistet, der neben Verlusten an Gefangenen und Abgängen durch Erfrierungen und die Witterungsunbill, das Bataillon auf ein unansehnliches Häuflein herabgebracht hatte.“ Der Angriff auf die inzwischen hervorragend positionierten Italiener scheitert. Franz Kern: „Das Abschnittskommando ließ den Plan fallen. (...) Leiden gab es auch so genug. Die Truppen litten unter schweren Schneestürmen. Klarte das Wetter auf, setzten sofort die Feindseligkeiten ein. Von drei Seiten eingeschlossen blieb uns nichts anderes übrig, als bewegungslos in unseren Eis­löchern zu verharren. Unsere Leute hatten viele Erfrierungen, die neben den täglichen blutigen Verlusten in den Kompagnien arg aufräumten.“

Erzählungen wie diese sind symptomatisch für diesen Abschnitt der Front. Obwohl um die Trafoier Eiswand, die Königsspitze und die Hohe Schneid erbittert gekämpft wird, bleibt es bis zum Kriegs­ende beim Stellungskrieg. Um diesen aufbrechen und zum Angriff übergehen zu können, plant das Armeeoberkommando eine große Offensive, allerdings an einem anderen Frontabschnitt. Man will von der Hochfläche von Lavarone aus nach Süden in die Ebene Venetiens und damit in den Rücken der Italiener vorstoßen.

Doch durch die ungünstige Schnee­lage kann die ursprünglich für Ende März geplante Offensive erst am 15. Mai 1916 beginnen. Planungsfehler, so wurde dem zerklüfteten Gelände zu wenig Rechnung getragen, und die nicht genutzte Gelegenheit die Täler zu schnellen Vorstößen zu nützen, lassen den Angriff schon nach wenigen Tagen stocken. 

Friedrich Weber, der an diesen Kämpfen als Komandant der Festung Verle mitwirkt schreibt: „ Am fürchterlichsten tobte der Kampf um den Costsesin-Hügel, den die Italiener zu einer mächtigen Festung ausgebaut haben. Vierzig Maschinengewehre feuern aus verdeckten Felsstellungen auf unsere Sturmwellen, die sich immer wieder in die Mulde gegen den Stützpunkt Basson zurückziehen müssen, um nicht gänzlich aufgerieben zu werden.“ Der Abschnittskommandat Oberst Janecke, ­Artilleriechef des III. Korps, befiehlt, das Feuer auf den Costesin zu konzentrieren. Zwölf 30-cm-Mörser, eine 42er Haubitze und 150 kleinere Geschütze beginnen gleichzeitig auf eine einzige italienische Stellung zu feuern. Am Abend des 20. Mai 1916 ziehen sich die italienischen Einheiten auf der ganzen Linie fluchtartig zurück. Weber: „Am schauerlichsten sieht der Costesin aus. Das zweistündige Trommelfeuer hat ihn in ein Massengrab verwandelt. Arme und Beine, Gewehrläufe und Bajonette ragen aus den zertrümmerten Stellungen. Alles ist voll verstümmelter Leichen.“ Denn als die österreichische Artillerie ihr Feuer nach rückwärts verlegte, rannten zwei italienischen Regimenter, die zum Gegenangriff vorgingen, in den Stahlhagel. Weber: „Diese Tragödie muss sich in wenigen Minuten abgespielt haben. Über 3000 Tote liegen in dem Wald gegen Brusolada, zwischen zerfetzten Bäumen, hinter Felsblöcken, auf zertrichterten Wiesen – ein unbeschreibliches Bild der Vernichtung.“

Langsam wälzt sich die Schlacht der Ebene zu. Doch nun machen sich die Fehler der Führung bemerkbar. Am achten Juni läuft sich der Angriff in dem fast deckungslosen Gelände am Südrand des Beckens von Asiago, dem Gebiet der sieben Gemeinden, im Artilleriefeuer der Italiener fest. Friedrich Weber schreibt: „Nacht für Nacht marschieren Regimenter und Bataillone, Minenwerferzüge und Batterien ab und die Kette der Verteidigung dieses so hart erkämpften Bodens der Sieben Gemeinden beginnt da und dort zu reißen.“ Der Grund für den Abzug dieser Truppen: Im Osten hatte die russische Armee eine große Offensive gestartet, und um diese aufzuhalten, wurde der Angriff auf die Italiener abgebrochen. Doch der Versuch, den gewonnen Abschnitt zu halten, schlägt fehl. „Unsere Infanterie gräbt sich ein, baut Hindernisse, Reserven werden gesammelt, die Linie in Kampfabschnitte eingeteilt. Da bricht das Gewitter von neuem los, zerreißt den mühe­voll gewonnen Halt und wirft uns zurück, oft nur um ein paar hundert Meter, aber hin und wieder bis an den Rand einer Katastrophe“, so beschreibt Weber die Kämpfe im Juni 1916. Die Front erstarrt langsam wieder zum Stellungskrieg. Wie grausam dieser Kampf im Hochgebirge war, zeigt ein Berg an der rechten südlichen Flanke dieses Frontabschnittes – der Monte ­Pasubio. 

Ursprünglich von den Italienern besetzt, wird im Zuge der Mai-Offensive 1916 der nördliche Teil des Pasubio von den öster­reichischen Kaiserjägern erobert. Doch der südliche Hauptgipfel, 2236 Meter, und der vorgelagerte Kopf bleiben in der Hand der Italiener. Die nördliche Platte, 2203 Meter, wird von den Österreichern besetzt. Dazwischen liegt eine Mulde, die eigentliche Verbindung zwischen „Platte“ und „Kopf“, genannt der „Eselsrücken“. Hier liegen die Feldwachen der Kaiserjäger und Kaiserschützen nur wenige Meter von den Gräben der Alpini und Bersaglieri entfernt. Hier kommen auf kürzeste Distanz Handgranaten, Gas und Flammenwerfer zum Einsatz. Hier hämmern auf kleinstem Raum tausende Granaten ein. Zwischen dem 9. und 20. Oktober 1916 kommt es zu brutalen Kämpfen bei denen von der k. u. k. 58. Gebirgsdivision 3500 und von der italienischen 44. Division 4370 Männer getötet werden – auf einer Fläche von 80 mal 200 Metern. Doch da die Angriffe beider Seiten immer wieder scheitern, beginnt man sich ein­zugraben. Es entstehen weitläufige Stollenanlagen und Kavernen. Seilbahnen werden gebaut und die unterir­dischen Anlagen mit ein­betonierten Maschinengewehr- und Minenwerferstellungen gesichert. 

Schon im Spätherbst glaubt man auf der österreichischen Seite, dass die „Platte“ von den Italienern angebohrt wird. Der zuständige Brigadieroberst Ellison beschließt einen Abwehrstollen bohren zu lassen. Doch der Vorstoß bleibt den Italienern nicht verborgen, Gegenstollen werden gegraben. Am 29. September erfolgt der erste unterirdische „Zusammenstoß“. Die österreichischen Mineure sprengen einen Zweigstollen, um die Gegenarbeit der Italiener zu zerstören. Vier Tage später stürzt ein Teil des österreichischen Stollens ein und begräbt 13 Mineure – eine italienische Mine ist gesprengt worden. Der Ellison-Stollen erreicht im Frühjahr 1918 schließlich eine Länge von 270 Metern, er läuft unterhalb des Eselsrücken und erreicht den italienischen „Kopf“ – in einer Tiefe von 70 Metern. Da die österreichische Führung befürchtet, die Italiener könnten das ganze Stollensystem mit einer Gegenmine vernichten, wird die Sprengung befohlen. 50.000 Kilo Sprengstoff werden „eingebracht“ und der Stollen auf 25 Metern mit Betonriegeln, Stahlträgern und Sandsäcken verdämmt. Am 13. März 1918 erfolgt die Zündung. Das Bergmassiv erzittert, der gesamte Pasubio-Kopf donnert als Schutt­lawine zu Tal, noch aus weit entfernten Stollen schlagen meterhohe Flammen. Der erbittert geführte Zweikampf im Berg­inneren ist vorbei – von den italienischen Stellungen auf dem und im „Kopf“ bleibt nichts übrig. An die 500 Italiener werden getötet. Doch den Hauptgipfel einzunehmen gelingt bis zum Kriegsende nicht, obwohl die erbarmungslosen Kämpfe weitergehen. 

1916 verlief die Front vom Pasubio ausgehend noch nach Norden, querte bei Borgo das Val Sugana, weiter zum Colbricon und über die Marmolata zum Col di Lana und von dort zum Valparolapass und über den kleinen und großen Lagazuoi in das Travnanzestal. Im Frühjahr 1916 liegen sich hier die österreichischen Truppen auf dem Faneskamm und die Italiener auf den drei Tofanen gegenüber. Mitten in der Frontlinie der Italiener, zwischen dem Tofana di Rozes, 3225 Meter, und dem Tofana di Mezzo, 3244 Meter, liegt die von einem Zug der Kaiserjäger besetzte 2545 Meter hohe Fontana-Negra-Scharte. 

Die Italiener, die immer wieder versuchen durch das Tavenanzestal in Richtung Norden vorzustoßen, beginnen am Abend des 8. Juli 1916 mit einem Angriff auf die österreichischen Stellungen in der Fontana-Negra-Scharte. Im Schutze des Trommelfeuers, das auf die Besatzung der österreichischen Stellung niederschlägt, beginnt der Angriff. Gegen drei Uhr morgens haben die Italiener in einer Zangenbewegung die linke und rechte Flanke der Verteidiger überrannt. Leutnant Gunther Langes schreibt: „Es schien als ob das Gestein selbst Kugeln spie, denn vom Gegner war nicht das geringste zu sehen. (...) Nur schießende, lärmende, hämmernde, rasend gewordene, Tod und Verderben speiende Steine, Felsen, Kamine und Schluchten.“ Nur einem Rest von 70 Kaiserjägern gelingt es, sich in ­eine Kaverne zurückzuziehen. Mit Handgranaten und Flammenwerfer werden sie „ausgehoben“. Um sechs Uhr morgens ist alles vorbei. Der kleine Rest, der überlebt hat, wird gefangen genommen. Auswirkungen auf den Frontverlauf hat dieses Gemetzel nicht – die Frontline der Österreicher hält. Auch an ­einem weiteren Brennpunkt hält sie trotz härtester Kämpfe zwei Jahre lang – dem Monte Piano. Der 2324 Meter hohe Gipfel wird durch eine Scharte, die Forcella dei Castrati in ein nördliches und ein südliches Plateau geteilt. Seit Juni 1915 kämpfen hier österreichische und italienische Einheiten auf engstem Raum – nur zwölf Kilometer vom Pustertal entfernt. Die vordersten Feldwachen liegen weniger als 50 Meter von einander entfernt. Zwei Jahre erbitterter Kämpfe haben die Männer, die hier auf über 2000 Meter in ihren Stellungen ausharren, hinter sich. Anton von Mörl berichtet: „Die Italiener waren in Massen bis in den Graben vorgestoßen, in dem auch die Gebirgskanonen stehen. Auf zehn Schritt Entfernung schossen die Kanoniere den eingedrungenen Italienern, die mit Handgranaten von den Geschützen vertrieben werden mussten, Kartätschen ins Gesicht, bis sie wichen, wobei sie unter dem Geschütz und Maschinengewehrfeuer noch massenhaft liegenblieben.“ Im Oktober 1917 wird, wie schon oft, ein Angriff befohlen. Die Stammbesatzung bildet schon seit August 1916 das zweite ­Bataillon des zweiten Kaiser­jägerregimentes. Bei dem Angriff, der unter dem Tarnnamen „Herbst“ läuft, sollen 74 Geschütze und 18 Minenwerfer das Vorgehen der ­österreichischen und herangeführten deutschen Sturmtruppen unterstützen. 

Leutnant Gunther Langes: „Der 22. Oktober beginnt mit unfreundlichem, kaltem Wetter, zeitweise herrscht dichter Nebel, es schneit seit Tagen. Um fünf Uhr – eine Leuchtkugel. Schlagartig setzt die österreichische Artillerie mit ihrem Zerstörungsfeuer ein. Aber fast gleichzeitig antwortet die durch einen Verrat von Überläufern gewarnte italienische Abschnittsartillerie mit ihrer gesamten Feuerkraft. Sie konzentriert ihr Feuer auf die vordersten Stellungen der Nordkuppe. Grabenstücke werden fast zur Gänze ein­geebnet, Soldaten verschüttet – die ersten Toten und Verwundeten.“ Dann der Angriffsbefehl. Die Führer der „Sturmklötze“ stürmen aus den Gräben, hinter ihnen ihre Soldaten – die Maschinengewehre der Italiener beginnen zu feuern. Die hohe Schneelage behindert zusätzlich das Vorankommen. Nach einer Stunde muss der Angriff abgebrochen werden. Zurück bleiben 93 Tote und 84 Verwundete. Während die Kaiserjäger am nächsten Tag mit der Räumung des Gefechtsfeldes, der Bergung der Gefallenen und der Wiederinstandsetzung der Stellungen beschäftigt sind, trifft ein von Feldmarschall Conrad von Hötzendorf unterzeichneter Befehl ein: „Ich habe den unter dieser Nummer vorgelegten Bericht (über den gescheiterten Angriff, Anm. der Red.) zur Kenntnis genommen und will daran nur die Erwartung knüpfen, dass Truppe und Führer bei nächster sich bietender Gelegenheit alles daran setzen werden, den Eindruck dieses Misserfolges wettzumachen.“ Zwei Stunden nach Einlangen dieses Schreibens, am 3. November 1917, räumen die Italiener die Nordkuppe – die 12. Isonzoschlacht ist in vollem Gang.

„Wieder ist Nacht. Das Feuer rast seit 24 Stunden, pausenlos. Jedesmal ist das Hinauf und Hinunter in die Beobachtungsstände und Kavernen ein Wettlauf mit dem Tod. Jedesmal glaubt man in einer fremden, nie gesehenen Stellung zu sein. Immer wieder ist alles verändert, grotesk verschoben, zertrümmert, eingeebnet, aufgewühlt“, beschreibt Friedrich Weber die Hölle am Isonzo. In elf Schlachten sterben über eine Million Soldaten. Tausende liegen unbeerdigt auf der Karsthochfläche, bei jedem Artillerieangriff wird dieser „Friedhof“ aufs neue umgewühlt. 

Während die italienischen Armeen noch den nächsten Angriff vorbereiten, beginnen die Österreicher mit Hilfe von deutschen Truppen am 24. Oktober 1917 eine Offensive – sie gelingt und erst am Piave kommt sie zum Stehen (siehe Seite 86f.). Damit löst sich die Gebirgsfront von den Karnischen Alpen bis zum Monte Grappa-Massiv auf. Bis zum Ende des Krieges im November 1918 toben hier erbitterte Kämpfe. Am 24. Oktober 1918 beginnen die Italiener auf allen Frontabschnitten anzugreifen. Gegen acht Uhr teilt das Regimentskommando des Infanterieregimentes (IR) 9 mit, dass die Italiener am Asolone im Grappa-Massiv eingebrochen sind. Zwei Kompanien der Abschnittsreserve gehen zum Gegenangriff vor, doch die Lage wird immer aussichtsloser. Die Front ist zerbrochen. 

Am 25. Oktober breschen die Italiener durch den Abschnitt des IR 9, es herrscht wüste Panik. Die „Neuner" jagen in wilder Flucht bergab. Das Regiment ist bis auf ein paar Versprengte aufgerieben – vom I. Bataillon ist nahezu nichts mehr da, das II. und III. Bataillon hat kaum 50 Mann. Stoßtruppführer Otto Gallian: „Fünf Uhr fünfzig – Alarm, Stelllung ist nicht mehr zu halten. Sechs Uhr – auf allen Seiten dringen bereits die Italiener vor. Ein Abweichen vom Saumweg ist wegen der Felsstürze unmöglich. Bei Cismon ist alles ruhig. Vorsichtig, die Pistole in der Faust und die Handgranaten wurfbereit, nähere ich mich der Schlucht. Noch fünf Minuten, dann machen wir uns schleunigst auf den Weg. Laufschritt durch den Saumweg, die Schlucht hinunter, um eine Felsecke herum – ein Schlag auf den Stahlhelm, Geschrei. Wie ich aufschaue, bin ich von Italienern umringt, hämische ­Gesichter, Spottrufe – kriegsgefangen“.  Hugo Huber 

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