In Feindeshand

Für Millionen Soldaten endete der Krieg in Gefangenschaft. Erschütternde Tagebuchaufzeichnungen und Berichte von Kriegsgefangenen zeigen, unter welchen entsetzlichen Umständen viele von ihnen leben mussten.

„Tag und Nacht Seufzen und Schreien, Irrereden und wahnwitziges Lachen, Brüllen und Röcheln, Winseln und Beten, – was Wunder, wenn nach diesem Losgelassensein der Hölle jeden Morgen Erhängte gefunden wurden, unfähig, dieses Grausen noch länger zu ertragen. Solange es noch möglich war, haben Kameraden die  Toten morgens gesammelt und auf den Händen oder im Brotkasten, als dem einzigen Gerät, zum großen Leichenschuppen getragen. Leichen in dem ­Kasten, in dem für gewöhnlich die ärmliche, tägliche Kost herbeigeschafft wurde!“ (aus: Hans Weiland, In Feindeshand)

Insgesamt gerieten während des Ersten Weltkrieges rund zehn Millionen Europäer in Gefangenschaft. Im internationalen Durchschnitt lag die Todesrate in den Gefangenen­lagern bei 10,5 Prozent, in jenen Österreich-Ungarns bei 5,9 Prozent. Viele Ta­ge­­buchauf­zeich­nungen und Bio­gra­fien berichten von den Schrecken der Kriegsgefangenschaft. 

Die „menschliche Behandlung“ der Kriegsgefangenen war in den beiden Haager Abkommen von 1899 und 1907 geregelt worden. Das Völkerrecht bestimmte, dass Gefangene nicht schlechter ernährt werden durften als das eigene Militär. Im Laufe des Ersten Weltkrieges erwiesen sich aber alle humanen Vorschriften als reine Illusion. Es gab zwar ­Lagerkommandanten, die für eine gerechte Verteilung von Medikamenten und Nahrungsmitteln sorgten, aber auch ­solche, die einfach in die ei­gene Tasche wirtschafteten. 

Diese Erfahrung machte auch der Vorarlberger Standschütze Oswald Kaufmann während seiner Gefangenschaft in Italien: „Die Kälte und der Hunger führten Tausende ins Spital und Hunderte in den Tod. Die sowieso geringen ­Rationen an Lebensmitteln wurden den hilflosen Gefangenen noch weggestohlen, sodass nur mehr das Wasser übrig blieb. Und nicht nur die italienischen Offiziere und Mannschaften waren es, die uns um unser bisschen Reis betrogen, sondern leider Gottes so mancher österreichische Feldwebel.“

Auch die österreichisch-­ungarischen Gefangenenlager ­bildeten dabei keine Ausnahme, wie der Brief eines italie­nischen Kriegsgefangenen aus dem Lager Siegmundsherberg in Niederösterreich belegt: „Ich werde mein Leben nicht durch den Winter bringen. Der Hunger ist sehr groß. Hier sterben ­jede Nacht vier oder fünf ... Wenn Du mir kein Brot schickst, weiß ich nicht, ob ich mit dem Leben davonkomme ...“

Neben der ausreichenden Verpflegung stellte auch die sanitäre und medizinische Versorgung von verwundeten und kranken Gefangenen ein großes Problem dar, wie ein Bericht von Thorsten Wennerström, Mitglied des schwe­di­schen Roten Kreuzes, zeigt: „Einige hatten durch Kartätschenschrot sehr schlimme Wunden, viele Unterkieferverletzungen konnte man sehen, auch fehlende Arme und Beine waren nicht selten.  Alle erhielten die denkbar beste Pflege.“

Trotz dem Mangel an Medikamenten und an Ärzten war das Spektrum an medi­zini­schen Leistungen beachtlich. Im niederösterreichischen Wieselburg wurde sogar die Nachbehandlung von verwundeten und kranken Kriegs­ge­fangenen ermöglicht. Im physi­kalisch-therapeutischen Institut wurden Heiß­­­­­­­luft- und Massage­be­handlungen sowie Elektro-und Lichttherapie durchgeführt. Außerdem war eine Prothe­senwerkstätte angeschlossen. Doch im Laufe des Krieges ­verschlechterte sich auch hier die Situation. Franz Wiesenhofer berichtet: „Die Gefangenen litten 1917 an Unterernährung und Entkräftung. Der Tod von 98 Gefangenen, die an den ­Folgen der ­­Ödem­krankheit ­gestorben waren, schuf eine ziemliche Erregung unter den ­Gefangenen. Außerdem stellte sich noch die Unfähigkeit und Korruptheit des zuständigen Proviantoffiziers heraus.“ 

Erfahrungen, die auch August Kargl, Kriegsgefangener in einem Lager in Catania,  machte: „Eines Tages musste ich bewusstlos in ein der ­sizilianischen Kultur ent­­­sprechendes Spital geschafft ­werden. Drei Tage lang lag ich in Ohnmacht, und als ich zu mir kam, blutend aus Nase und Mund, so meinte ich eher in einer Leichenhalle zu ­lie­gen, denn drei tote Kameraden lagen neben mir.“ 

Die medizinische Versorgung in Catania war äußerst schlecht. Seuchen wie Typhus, Malaria und Cholera grassierten. Generell waren Seuchen in allen Gefangenenlagern ein großes Problem. Der Arzt Franz Formanek über die ­Zustände in dem russischen Gefangenenlager Troitzky: „Das Übergreifen dieser nicht umsonst so gefürchteten Seuche geschah mit ungeheurer Schnelligkeit. Innerhalb von vier Wochen erkrankten 450 Mann, davon starben über 300, ... dass fast 200 Mann monatelang nur Gräber zu schaufeln hatten. Über 6000 Mann waren tot, fast 2500 Kranke füllten die beiden Spitäler.“

Nicht nur Krankheiten und Seuchen kosteten vielen Kriegsgefangenen das Leben, auch bei Arbeitseinsätzen kamen Zehntausende um. In Russland wurden die Gefangenen vor allem beim staatlichen Straßen- und Bahnbau sowie in Kohle- und Erzgruben oder bei der Holzverarbeitung eingesetzt. Allein beim Bau der ­Murmanskbahn  kamen im Winter 1914/15 etwa 28.000 ­Gefangene ums Leben. Während des ganzen Arbeitsjahres erhöhte sich die Zahl der Toten auf rund 60.000. Der „sibirische Engel“, die Rotkreuzschwester Elsa Brandström, erzählt über die Entstehung dieser Bahn: „Zum Bau ordentlicher Wohnungen wurde keine Zeit gegeben; deshalb lagen die ­Gefangenen selbst im Winter in Hütten aus Zweigen oder in roh gezimmerten Blockhäusern ­ohne Fenster, oft auf dem nackten Erdboden. – Es wurden täglich 18 Stunden Arbeit verlangt. Durch Schmutz, Nässe und Skorbut waren die Körper mit Wunden bedeckt. Kranke trieb man mit Schlägen zur Arbeit, bis sie zusammenbrachen. Einmal wurden mehrere Güter­­wagen mit Kranken nach Kem geschickt, von denen bei bei der Ankunft keiner mehr lebte, alle waren unterwegs erfroren.“

Was sie beim Straßenbau ­erwartete,  wussten die Gefangenen natürlich nicht. Viele wollten einfach den Krank­heiten, der Enge und der ­Langeweile in den Lagern ­entkommen. Langeweile, die viele, wie auch den Gefangenen Burghard Breitner, zur Verzweiflung trieb. „Schicksal! Jetzt glüht es zum ersten Mal in mir empor: Ich habe Arbeit vor mir! Arbeit! Ich bin tief erregt. Endlich einen Zweck sehen, ein Ziel! Die Stickluft wird hell. Es ist wie ein Aufglühen in mir und wie verhaltener Jubel. In tiefer Scham lösche ich alles Gedenken an den Augenblick, da ich mich selbst aufgeben wollte. Gott segne die Stunde,“ erinnert sich Breitner, später Medizinprofessor an der Universität Innsbruck.

Viele Kriegsgefangene versuchten, dem tristen Alltag der Kriegsgefangenschaft durch Arbeit zu entfliehen – die ­tatsächliche Flucht aus der ­Gefangenschaft gelang nur wenigen. Doch es galt als Schande, unverwundet in Kriegsgefangenschaft zu geraten. Mehr noch. Die Gesetze der k. u. k. Armee waren eindeutig: „Der brave Soldat stirbt, wenn notwendig, lässt sich aber nicht fangen! Nur ganz besondere Ausnahme­fälle können die Gefangennahme entschuldbar erscheinen lassen.“ Wer fliehen konnte – und auch den Weg in die Heimat fand – musste sich  bei seiner Heimkehr vor einer k. u. k. Kommission rechtfertigen. Wer den strengen Richtlinien nicht entsprach, dem drohte die Todesstrafe.

Doch für die Männer in den Lagern stellte sich die Frage, ob schuldig oder unschuldig gefangen, nicht. Sie wollten nur eines, endlich wieder nach Hause: „Mehr als eineinhalb Jahre warte ich schon voll Sehnsucht auf eine Nachricht von meinen Lieben in der Heimat. Ich schließe mein Schreiben mit der innigen Hoffnung, dass uns im Laufe des ­Som­mers, nach fünfjähriger ­Gefan­genschaft die Erlösung zuteil wird und ein gesundes, frohes Wiedersehen in der Heimat, im Kreise der lieben Angehörigen feiern zu können.“

Der Milser Josef Thurner konnte das Wiedersehen fei­ern. 1920 kehrte er aus Si­birien in die Heimat zurück. 1947 starb er an den Spätfolgen ­seiner schweren Verwundung.  Michaela Darmann 

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