Geteiltes Land

Die Zeit vom Kriegsende bis zur Unterzeichnung des Vertrages von Saint ­Germain war für die Tiroler ein Wechselbad der Gefühle, der Hoffnungen, der Unsicherheiten. Der 10. September 1919 brachte tragische Gewissheit: Südtirol wurde Italien „zugeschlagen“.

Das Land war gelähmt. Innerhalb von nur zehn Monaten – zwischen November 1918 und September 1919 – sollte sich alles ändern. Alles. Das Kriegsende brachte Chaos in die besiegten Gebiete. Auch nach Südtirol.  Die Dörfer waren zerstört und der unkontrollierte Rückzug der k. u. k. Truppen war ein Desaster. „Dies ist ein Ende, ein Ende mit Schrecken“, schrieb die Zeitung „Der Tiroler“ am 8. November 1918 mit Blick auf die Spuren der plündernd sich zurückziehenden Soldaten. Fünf Tage zuvor war der Waffenstillstand zwischen Österreich-Ungarn und Italien in der Villa Giusti im oberitalienischen Kurort Abano unterzeichnet worden. Dieser Vertrag – Österreich hatte bedingungslos kapituliert – ermächtigte das italienische Militär, Süd- wie auch Nordtirol zu besetzen. Die eventuelle Inva­sion Deutschlands von Süden her sollte damit ermöglicht und Tirol als Truppenaufmarschgebiet für die Alliierten gesichert werden. Angesichts der Verwüs­tungen durch die österreichische Armee waren die Südtiroler anfangs sogar froh um die Ordnung, welche die Italiener brachten. Keiner ahnte damals, dass die italienische Präsenz südlich des Brenners nicht vor­übergehend sein sollte. Noch schien es undenkbar, dass Tirol geteilt und Südtirol italienisch werden könnte. 

Im Rückblick werden die Friedensverhandlungen und die Friedensverträge der Jahre 1919 und 1920 als letztlich erfolgloser Versuch gewertet, die aus den Fugen geratene Welt neu zu ordnen. Die Großen Vier – the big four – der Friedenskonferenzen in Paris, die Vertreter der USA, Englands, Frankreichs und Italiens mussten dabei nicht nur die Forderungen und Leidenschaften der eigenen Nationen im ­Auge haben. Schließlich waren es die Friedensschlüsse eines Weltkrieges und dementsprechend galt es, auch die Ambi­tionen der außereuropäischen Kriegsteilnehmer zu berücksichtigen. Mit Russland und ­seiner als bedrohlich und ­ansteckend empfundenen Revolution im Rücken und den Grenzziehungsproblemen vor Augen war die Neugestaltung der globalen Machtverhältnisse ein schier unlösbares Problem. Noch bevor die Verträge unterzeichnet waren, war auch den Verhandlern bewusst, dass vor allem mit jenen neuen Staaten, die aus dem Erbe Russlands und der Donaumonarchie hervorgehen sollten, ein brodelnder Herd für neue kriegerische Auseinandersetzungen geschaffen wurde. 

Friedlich war es nicht in Paris. Da stritten die Engländer mit den Franzosen um den Besitz Syriens, Griechenland schielte auf türkische Regionen und Italien beharrte auf die bereits 1915 vertraglich versprochenen Gebiete Trentino und Südtirol. In der Mitte all dieser Gelüste befand sich der US-amerikanische Präsident Woodrow Wilson, auf dessen viel zitierte Ideale und Stärke die Tiroler und Südtiroler bis zum Schluss vertrauten. 

In kürzester Zeit waren die italienischen Truppen in die abgelegensten Täler und Orte Südtirols vorgedrungen und hielten diese besetzt. Die Freundlichkeit, der die italienischen Besatzer bei den Einheimischen begegneten, hielt sich naturgemäß in Grenzen. Die unvorstellbare Brutalität des Krieges, die vielen Toten, Hunger und Müdigkeit machten die Südtiroler apathisch. Viele beobachteten gelähmt den Einzug der Besatzer und begriffen die Folgen der bedingungslosen Kapitulation vorerst nicht. 

Von Anfang an stand für den Oberkommandierenden der Militärregierung, General Gugli­emo Pecori-Giraldi, fest, dass Südtirol bei Italien bleiben würde, und doch gilt seine Politik als gemäßigt. So nahm Pecori-­Giraldi beispielsweise Rücksicht auf die deutschsprachige Minderheit, widersetzte sich damit den radikalen Entnationalisierungsbestrebungen italienischer Nationalisten und schrieb am 18. November 1918 an die „Bevölkerung des Alto Adige“, was den Südtirolern ein paar Jahre später als Wunschvorstellung erscheinen sollte: „Wäh­rend die vielsprachige österreichische Monarchie das ita­lienische Volk in den Tälern vergewaltigt und unterdrückt hat, ist Italien gewillt, als einzige vereinte Nation mit voller Gedanken- und Wortfreiheit den Staats­angehörigen anderer Sprache die Erhaltung eigener Schulen, eigener Anstalten und Vereine zu gestatten.“ 

Trotzdem war Südtirol ­besetzt, war es für die Italiener lange vor Unterzeichnung des Friedensvertrages von Saint Germain ein neu erworbener Besitz, den es zu sichern galt. So wurden rasch die Grenzen dicht gemacht, verhindert, dass Personen herein oder hinaus kommen konnten, Telegrafen und Brieftauben wurden eingesammelt, die Zeitungen ­einer strengen Zensur unterworfen. Dürftig war der Informationsfluss, waren doch nicht nur die Zeitungen unter strenger italienischer Aufsicht, Briefe von und nach Österreich, Deutschland, Ungarn, Bulgarien oder die Türkei wurden weder zugestellt noch abgeschickt. Südtirol war von der Außenwelt abge­schnitten. 

Dass es während der Militärregierung trotz der Repressalien zu keinen nennenswerten Ausschreitungen oder Übergriffen kam, wird nicht nur dem gemäßigten General zugeschrieben. Die relativ sanfte Behandlung der Südtiroler durch die Italiener – der Besiegten also durch die Sieger – war auch außenpolitisches Kalkül. Wäre Südtirol in dieser Zeit brutal behandelt oder massiv italianisiert worden, wären die Chancen Italiens, Südtirol im Zuge der Friedenskonferenz als „billige“ Kriegsbeute zugeschlagen zu bekommen, drastisch gesunken. Auf der anderen Seite weigerten sich die Tiroler nördlich wie südlich des Brenners lange Zeit, die Gefahr der endgültigen Teilung des Landes als Realität wahr zu nehmen. Der Kontakt mit den italienischen Besatzern wurde als Volksverrat oder Anerkennung der Situation gewertet. Im Zuge dieses Widerstands war Südtirol wohl eines der wenigen ehemaligen k. u. k. Länder, in dem die Bilder des österreichischen Kaisers lange nach Kriegsende noch in den Amtsräumen hingen. 

Dabei war es möglicherweise auch der undiplomatischen Härte und Arroganz der Habsburger zu verdanken, dass Tirol in Saint Germain auf dem Filetiertisch liegen und Italien mehr oder weniger ungehindert das Skalpell ansetzen konnte. Vor dem Krieg war Italien noch im 1882 gegründeten „Dreibund“ mit Deutschland und Österreich-Ungarn verbündet gewesen. Doch nach der Kriegserklärung des Habsburgerreiches an ­Serbien am 28. Juli 1914 erklärte Italien seine Neutralität. Östereich-Ungarn hatte es einerseits unterlassen, sich vor der Kriegs­erklärung mit seinem Bündnispartner zu verständigen und andererseits hatte Italien noch unerfüllte Ansprüche auf territoriale Entschädigungen wegen des österreichisch-ungarischen Vorgehens im Balkankrieg. Das Trentino stand im August 1914 zur Debatte und diese Forderung Italiens wurde von Deutschland vehement unterstützt. Doch das Habsburgerreich blieb hart, sah in der einmaligen Abtretung von k. u. k Territorien einen möglicherweise folgenschweren Präzedenzfall und zögerte die Verhandlungen mit dem Bündnispartner immer weiter hinaus. 

Zur gleichen Zeit, als die Ita­liener offen das Trentino von den Österreichern forderten, waren schon die ersten Kontakte zur Entente aufgenommen worden. England und Frankreich waren sehr inter­essiert an einem Kriegseintritt­ Italiens auf ihrer Seite und zeigten sich großzügiger gegenüber ­den ­territorialen Forderungen, die in den kommenden Monaten größer werden sollten. 

Neben dem Trentino verlangte Italien gegen Norden und Osten die Gebiete bis zur Hauptwasserscheide, das so genannte „cisalpine Tirol in seiner geografischen und natür­lichen Grenze“ (!) sowie die Länder Görz und die Gradiska, das Einzugsgebiet des Isonzo und den Krainischen Distrikt Idria, Triest und die Halbinsel Istrien. Im Londoner Geheimvertrag, der am 26. April 1915 unterzeichnet wurde, bekam Italien die gewünschten Gebiete – Südtirol inklusive – zugesichert und erklärte Österreich-Ungarn knapp einen Monat später den Krieg. Der Londoner Vertrag sollte entscheidend sein für die Zukunft des Landes, das früh schon und ohne es zu wissen, zum Spielball der Mächte geworden war. Ein zu leichter Ball, wie sich in Paris herausstellen sollte. 

 Die Einheit des Landes zu erhalten war das oberste und einzige Ziel der ­Tiroler nach dem Krieg. In diesem Streben fühlten sie sich stark und entscheidend unterstützt von den Idealen des US-amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson. Der hatte für die Friedensschlüsse und als zukunftsweisendes Modell am Vorabend des Waffenstillstandes das Vierzehn-Punkte-­Programm entwickelt und es für einen flüchtigen Augenblick ­seinen Verbündeten aufzwingen können. In Punkt neun des Wilson-Programmes hieß es: „Es sollte eine Berichtigung der Grenzen Italiens nach den klar erkennbaren Linien der Nationalität durchgeführt werden.“ Das Wilson’sche Selbstbestimmungsrecht der Völker war der Grundsatz, an dem alle Tiroler Hoffnungen hingen, der Punkt neun hätte eine Brennergrenze unmöglich gemacht. 

Vor diesem Hintergrund proklamierte der schon im Herbst 1918 gegründete Nationalrat für Deutsch-Südtirol die „Unteilbare Republik Südtirol“. Wie illusorisch beziehungsweise utopisch das war, zeigte sich zu ­Beginn des Jahres 1919, als der Nationalrat durch das italienische Oberkommando aufgelöst wurde. In Folge dieses Rückschlags wurden fieberhaft mehrere Varianten angedacht, mit denen die Einheit Tirols gesichert werden sollte. Der Anschluss an Deutschland war bald verworfen. Ein Anschluss ganz Tirols an die Schweiz wurde vorgeschlagen, sowie eine selbstständige Republik Tirol. Im Schatten der Ereignisse in Paris und der immer schlechter werdenden Vorzeichen wurde schließlich auch das Modell des autonomen Südtirol als Bestandteil Italiens entwickelt. 

Schon in den ersten Wochen der Pariser Friedensverhandlungen hatte sich herausgestellt, dass Wilson weder sein Vierzehn-Punkte-Programm durchsetzen noch das Wiederauf­leben der alten Diplomatie ­verhindern konnte. Von Öffentlichkeit der Verhandlungen war bald keine Rede mehr. Die Gespräche wurden schließlich hinter verschlossenen Türen im ­exklusiven Rat der zehn Außenminister und der Großen Vier geführt. Dazu zählte neben dem auch im eigenen Land immer schwächer werdenden Woodrow Wilson der italienische Außenminister Vittorio Emmanuele Orlando, der Engländer David Lloyd George und der Franzose Georges Clemenceau. Letzterer verspottete Wilson wegen seiner utopischen Neigungen und setzte durch, dass Frankreich zur ersten Militärmacht Europas wurde. Lloyd George erhielt seinem Land die Position als führende Seemacht. Er trat für mäßigende Behandlung der Besiegten ein, doch wurde diese Überzeugung lediglich beim deutschen Friedensvertrag, dem Vertrag von Versailles, spürbar. 

Österreich beziehungsweise Tirol hatte die schwächsten Karten und im italienischen Außen­minister einen starken Gegner. Verzweifelt gestaltete sich der ungleiche Kampf gegen dessen unverrückbare Forderung nach Erfüllung des Londoners Vertrages. So musste ein Appell der Südtiroler Bürgermeister an Präsident Wilson im Februar 1919 in einer halsbrecherischen Aktion vom Schnalstal aus über den Similaun ins Ötztal und weiter nach Innsbruck geschmuggelt werden. Darin hieß es: „Es kann, es darf nicht sein, dass man den Namen Tirol nach einer tausendjährigen glänzenden Vergangenheit aus der Geschichte löscht, die freien Söhne dieses Berglandes unter fremdes Joch zwingt und ihnen ihre Sprache, ihre Art und Kultur raubt. Seien Sie unserem Volkstum, unserem Lande der gerechte Richter und das Volk von Deutsch-Südtirol wird Ihren Namen von Geschlecht zu Geschlecht vererben als den Retter unserer Heimat.“ 

Alles umsonst. Wilson wurde nicht zum Retter, er leistete Beihilfe bei der Zerstörung der Einheit Tirols. Am 24. April 1919 gab er dem Druck des italienischen Au­ßen­ministers nach und bestätigte in seiner Erklärung zur Adriafrage, dass Südtirol von Italien annektiert werden würde. Seine Zustimmung zur Bren­nergrenze sollte Wilson später als groben Fehler ansehen und tief bedauern, wäre es für ihn doch nicht unmöglich gewesen, den neunten seiner vierzehn Punkte über den Londoner Vertrag zu stellen. So aber war es ausgerechnet der Urheber des Selbstbestimmungsrechtes der Völker, der demselben einen brutalen Schlag versetzte. Nicht nur Öster­reich, sondern auch Deut­schland sollte Wilson deswegen über seinen Tod hinaus verachten. Das Schicksal Süd­tirols wurde durch ihn besiegelt und die endgültigen Friedensbedingungen vom 2. September 1919 enthielten weder ­Auto­nomiebestimmungen noch Minderheitenschutz für die Südtiroler. Am 6. September stimmte die Nationalversammlung in Wien unter Protest der Tiroler Abgeordneten dem Diktatfrieden zu. Mit der Unterschrift Kanzler Karl Renners wurde der Vertrag von Saint Germain am 10. September 1919 gültig. Dies war der Startschuss für den Verzweiflungskampf der Südtiroler.  Alexandra Keller 

zurück
nach oben