Darbendes Land

Verwundete und Invalide, Evakuierte und Epidemien, Hunger und Inflation waren die Boten des Krieges im Hinterland. Im Schatten der Front führte die Bevölkerung den Kampf ums tägliche Überleben.

Am 1. August 1914 weiß ich noch genau. Wir ­haben beim Ober­tschaufeser obern Haus Weizen ­geschnitten mit der Sichel, plötzlich um 14 Uhr hören wir überall Sturmschlagen: St. ­Peter, St. Jakob, St. Valentin, St. Magdalena. Allgemeine Mo­­­bi­lisierung bis Jahrgang 42 Jahre alt. Morgen gehts dahin. Noch dazu morgen Portiungula Sonntag. Beim Zellenwirt kamen wir zusammen. Voll Humor, gute Stimmung. Viele meinten, in 14 Tagen sind wir fertig mit die Serben. Der alte Zellenwirt mit dem großen Bart sagte: zwei bis drei Jahre. ­Niemand wollte das glauben.“ So wie der damals 13-jährige ladi­nische Bauernsohn Anton Mollnig wurden damals, mitten in der Erntezeit, viele von den Feldern gerufen. Kirchen­glocken läuteten quer durch ­Tirol den Ersten Weltkrieg ein – jene Glocken, die später zuhauf abgenommen werden sollten, da der Kriegsmaschinerie das Metall auszugehen drohte. Hur­ra-Patiotismus in den Wirts­stuben und auf den Bahnhöfen, wo die wehrfähigen Männer in geschmückten Waggons Richtung Osten abfuhren – und zu Tausenden nicht wiederkehrten. Der Zellenwirt­ sollte Recht behalten – es wurden Jahre. Der Krieg überlebte den Kaiser, der seine Völker rief. 

Am selben Tag, dem 1. August 1914, trat eine kaiserliche Notverordnung in Kraft, die die Versorgung der Bevölkerung mit unentbehrlichen Bedarfsgütern sicherstellen sollte. Die Behörden wurden ermächtigt, die Vorräte zu registrieren und die Bauern verpflichtet, bestimmte Mengen an Lebens­mitteln zu festgesetzten Preisen abzuliefern. Doch die büro­kratische Offensive lief sich fest, konnte dem übermächtigen Bedarf nicht standhalten. War schon die generalstabsmä­ßige militärische Planung eine ­­­Herausforderung, so waren die Auswirkungen eines Krieges solchen Ausmaßes auf die Wirtschaft unabsehbar. Unmittelbar nach der Mobilmachung wurde dies bereits deutlich. In Triest lagerten 5000 Waggons Reis, die nicht fortgebracht werden konnten, weil die Züge für den Truppentransport im Einsatz waren. Aus allen ­Betrieben wurden die Männer an die Front gerufen, es gingen wertvolle Arbeitskräfte verloren. Wie undurchdacht dies war, zeigt sich daran, dass selbst die größte Munitionsfabrik der Monarchie plötzlich einen ­Personalnotstand hatte. Das Ausrücken der Facharbeiter legte viele Betriebe lahm. Die Arbeitslosigkeit stieg sprunghaft an, von knapp fünf Prozent im Juli auf 18,3 Prozent im ­August 1914. Die Abschottung nach außen (Im- und Exportverbote der Kriegsgegner) führten zu Massenentlassungen im Handel und Tourismus, was für Tirol besonders bitter war. 40 Prozent der unselbstständig ­beschäftigten Frauen, die jetzt oft allein ihre Familie zu versorgen hatten, arbeiteten 1910 im Fremdenverkehr. Zirka die Hälfte der 85.000 bis Ende 1914 eingezogenen Tiroler waren verheiratet. 40.000 Familien ­sahen sich von einem Tag auf den anderen mit Existenznöten konfrontiert. Im Hinterland des Krieges setzte der Kampf ums tägliche Überleben ein.

Auf den Feldern mussten nun die Zurückgebliebenen umso härter zupacken. Selbst die jährliche Wanderschaft der „Schwabenkinder“ wurde behördlich untersagt, da alle Hände, auch kleine, in der Heimat gebraucht wurden. In Tirol lebten immer noch über 50 Prozent von der großteils kleinbäuerlich strukturierten Landwirtschaft. Die Last lag nun auf den Schultern der Frauen, alter Männer und Minderjähriger. Verstärkung ­erhielten sie im Laufe der Zeit durch Arbeitslose, Kriegsgefangene und Kriegsinvalide. Dennoch ging der Ernteertrag – ­et­wa bei Weizen, Kartoffeln oder Heu – zwischen 1914 und 1916 um die Hälfte zurück. Es fehlte an allem, an Kunstdünger und Saatgut, an Maschinen und Zugvieh. Das Militär hatte auf Teufel komm raus requiriert. Beginnend bei den Pferden, die von Musterungskommissionen bei den Bauern abgeholt wurden. Krepierten sie nicht auf den Schlachtfeldern, landeten die abgemagerten Rösser später in den Mägen der Soldaten. Die Beschlagnahme von Lebensmitteln, insbesondere des Schlachtviehs und Heus, er­regte zunehmend den Unmut der Landbevölkerung. Zudem offenbarte die zentralistische Wirtschaftsverwaltung mehr und mehr ihren improvisa­­torischen Charakter. So konkurrenzierte der Staat die Kon­sumenten nieder, wenn er bei Einkäufen für den Heeresbedarf die festgesetzten Höchstpreise überschritt. Diese hatten außerdem den Mangel oft erst erzeugt, da Händler die rationierte Ware zurückhielten. Der Schwarzmarkt blühte, ganze Hamsterkolonnen rückten aus, um bei den Bauern mit Rucksack vorstellig zu werden. Die Versorgungskrise war nicht ­aufzuhalten, kaiserliche Not­verordnung hin oder her.

Schon im Oktober 1914 ­werden dem Brot 30 Prozent Gers­ten- und Maismehl bei­gemischt, später dann ein ­Pulver aus Maiskolben, Baumrinden und Kartoffeln. Am 2. April 1915 erlässt die Bezirkshauptmannschaft Meran ein allgemeines Ostereierverbot, kurz darauf wird die allge­meine Brot- und Mehlkarte eingeführt. Das Bezugssystem wird ausgebaut. Ab Mai 1916 gibt es die Milchkarte, ab Juni die Kaffeekarte, ab September die Fettkarte. Der Kriegskaffee besteht aus karamelisiertem Rohrzucker, einem Teil Rüben­mehl und Kaffee. Aus Tierkadavern und Knochen, ja selbst aus Spülwasser wird versucht, Fett zu gewinnen. In Wien sind 1917 laut Schätzungen der ­Polizei 300.000 Menschen genötigt, vor den Geschäften – ab sechs Uhr abends – Schlange zu stehen, um am nächsten Vormittag das Dringendste zu erheischen. Auch in Tirol wird die Lage der Stadtbevölkerung immer prekärer. Die Angst vorm Verhungern geht um, es gibt erste Proteste und Krawalle. Kein Wunder, 1915 sterben in Bozen 40 Prozent der Kinder vor Erreichen des ersten Lebensjahres.

Es wird immer offensichtlicher, was die Zensur in Feldpost und Zeitungen zu verheimlichen suchte – dieser Krieg ist nicht zu ­gewinnen. Welche Schlagkraft hat ein Heer, wenn der Soldat ein Durchschnittsgewicht von 55 Kilo hat? Wenn im Hinterland eine Entsolidarisierung in der Bevölkerung einsetzt? Die Städter warfen den Bauern das Zurückhalten von Lebens­mitteln vor, Gemeinden schotteten sich ab, in Brixen wurde gar die Ausgabe von Lebensmitteln an Ortsfremde ver­boten. Das Militärkommando, das auch im Hin­terland das Regiment – sprich Justiz und ­Verwaltung – übernommen hatte, erwies sich den Herausforderungen nicht gewachsen. Die Stimmung in der Bevöl­kerung war eindeutig, wie sich in der „Hauschronik“ des ­Brixner Gastwirts Wolfgang Heiss nachlesen lässt: „Der ganze Verwaltungsapparat stinkt wie faules Aas. Die Hungersnot ist da, die Soldaten sind eine regellose Bande ohne ­Disziplin, die allenthalben stiehlt und raubt, wo sie dazu kommt. Es kommt das Ende mit Schrecken.“ 

Den Schrecken will man ­lange von der Bevölkerung fernhalten. Als am 5. Dezember 1914 der erste Verwundetentransport in Meran eintrifft, wird für die vom Krieg gezeichneten Soldaten ein Promenadenverbot erlassen – was Entrüstung in der Bevölkerung auslöst. Noch ist die patrio­tische Empörung groß, noch wird Solidarität gelebt. Frauen melden sich freiwillig zum ­Sanitätsdienst, gründen Fürsorgevereine für die heimkehrenden Kriegsinvaliden. An die 10.000 sollten es in Tirol sein. Nein, mit so vielen hatte man nicht gerechnet, genauso­wenig wie mit den tausenden Verletzten, die von der Front zurückkehrten. In Innsbruck wurden eigens Gleise vom Hauptbahnhof in die „Krankenverteilanstalt“ in der ­Rei­chenau verlegt, um den Transport mit der Straßenbahn zu ermöglichen. Die gerade erst errichtete neue Universitätsbibliothek wurde kurzerhand zur Krankenanstalt umfunktioniert. Der Mangel an Ärzten war empfindlich, die meisten weilten an der Front, wo selbst Geburtshelfer und Zahnärzte praktische Erfahrung in Chirurgie sammeln mussten. Tirol blieb zwar von den Seuchen, die in der k. u. k. Armee 100.000 Soldaten dahinrafften, größtenteils verschont, dennoch starben über 1000 Menschen in den Jahren des Krieges vor allem an Typhus und Ruhr. Die Boten des Krieges waren ins Hinterland gezogen. Mit den Fliegerangriffen auf Innsbruck 1918 rückte er bedrohlich ­nahe. 

Jene, die den Wahnwitz, vor allem aber das Hasardieren der Militärbehörden, als Erste zu spüren bekommen hatten, waren die Bewohner des Trentino. Nicht nur die Zerstörungen im unmittelbaren Kriegsgebiet, auch die harten Repressionen durch die österreichische ­Armee und die noch vor Kriegseintritt Italiens einsetzenden Konfinierungs- und Evaku­ierungsmaßnahmen hinter­ließen tiefe Wunden. Obwohl 40 Prozent der Tiroler Kaiser- und Landesschützen aus dem Trentino stammten, wurde die Kaisertreue der italienischsprachigen Bevölkerung in ­Frage gestellt. Fast 150.000 wurden zwangsevakuiert, vermeintlich „politisch Verdächtige“ in Internierungslagern in Graz-Thalerhof, Theresienstadt und Katzenau bei Linz untergebracht. Am 1. August 1914 hatte man noch eine Woge österreichfreundlicher „sentimenti“ im Tren­tino konstatiert. Gefühle, die auf der langen Strecke des Krieges ­verloren gingen. Nur wenige hatten schon damals geahnt, wie viele Existenzen zu Grunde gehen würden und welch ­seelisches Trümmerfeld Tirol am Ende sein sollte. Der Bauer Giovanni Zontini aus dem ­trentinischen Storo schrieb ­anlässlich seines Einrückens ins Tagebuch: „Der Zug war mit Blumen, Laub und Fahnen ­geschmückt, aber die Gedanken waren ernst, der Tod schien nicht weit entfernt zu sein. Die Lieder waren traurig, traurig wie die Vögel auf dem Schnee.“  Olaf Sailer 

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