Für Gott, Kaiser und Vaterland

Tiroler Kaiserjäger waren als Eliteeinheiten Teil des stehenden Heeres der k. u. k. Monarchie, während die Standschützenformationen nur im Kriegsfall aufgestellt wurden.

Ich sehe im ganzen Dorf keinen einzigen Mann. Nur Weiber, alte Greise und kleine Kinder. Wo sind denn ­eigentlich alle Tiroler?“, fragte der Kommandeur des Deutschen Alpenkorps, der bayerische General Krafft von Dellmensingen beim Durchfahren einer Tiroler Ortschaft auf dem Wege zur Südwestfront. Die Antwort des ihn begleitenden österreichisch-ungarischen Offiziers: ­„Ihre Blüte liegt in Ostgalizien begraben. Was davon noch lebt, ist eben hinter den Russen her. Und die ganz Jungen und die ganz Alten stehen dort, wo wir eben hinfahren – den Welschen gegenüber.“

Auch wenn diese Anekdote nicht stimmen sollte, wäre sie doch gut erfunden, zeigt sie doch den Mythos, der sich um die Einsätze der Tiroler Standschützen, den Tiroler Landsturm und nicht zuletzt die Kaiserjäger im Ersten Weltkrieg gebildet hat. Der Mythos um „Für Gott, Kaiser und Vaterland“, der Mythos der freiwillig kämpfenden Tiroler Helden.

Ein Mythos, der nicht zuletzt auf dem berühmten Landlibell von 1511 beruht, das den Tirolern zugestand, nicht außerhalb ihres Landes kämpfen zu müssen. In Wahrheit wurde dieses Landlibell von den Habsburgern im Laufe der Jahrhunderte immer wieder ignoriert und ab 1816 galt auch für Tirol die allgemeine Wehrpflicht. Der Kaiserstaat forderte jährlich ein bestimmtes Kontingent Soldaten an, deren Zahl aber nicht nach Tauglichkeit, sondern prozentual nach der Einwohnerzahl der einzelnen Kronländer zu stellen war. Wer einrücken musste, wurde per Los entschieden, die „auserwählten“ jungen Männer wurden aus diesem Grund auch als Spiel- oder Losbuben bezeichnet. Auf der Basis des Gesetzes vom 19.12.1887 wurde dann auch Tirol zu einem „integrierten Teil der bewaffneten Macht“ des Habsburgerreiches und damit war das endgültige Ende des freiwilligen Selbstverteidigungssystems Tirols vollzogen. Das ­Gesetz besagte, dass alle wehrpflichtigen Tiroler – entweder im Rahmen der k. u. k. Armee bei den Tiroler Kaiserjägern oder bei der k. u. k. Österreichischen Landwehr – dienen mussten. Tirol hatte seinen Land­libell-Sonderstatus endgültig verloren, die Tiroler Männer waren fixer Bestandteil der k. u. k Armee.

Acht – später dann sechs – Jahre dauerte die Wehrpflicht, die für alle 18- bis 42-Jährigen galt. Danach bildeten die „Ausgemusterten“ den Land­sturm. Dieser war ursprünglich als Formation der zweiten Linie zur Ergänzung gedacht und bestand aus „Ehemaligen“, die über 35 Jahren alt waren. Weiters ergänzt wurden die regulären Truppen durch die Standschützen, die Mitglieder der Schießstände, eine Art Vorgänger der heutigen Schützenvereine. Doch vom freiwilligen Einrücken der Standschützen konnte keine Rede sein. Das Landesverteidigungsgesetz für Tirol und Vorarlberg vom 25. Mai 1913 erklärte alle Mitglieder von Schießständen und anderen Vereinen mit militärischem Charakter für „landsturmpflichtig“ – der „einrollierte“ Standschütze war im Kriegsfall gesetzlich zum Einrücken verpflichtet. Nur wer nach der allgemeinen Mobilmachung einem Schützenverein beitrat, galt als Freiwilliger. Konsequenterweise wurde nach Ausbruch des Krieges der Austritt aus den Schützenvereinen verboten. 

Bei Kriegsbeginn verfügte die k. u. k. Armee über 32 Infanterie- und neun Kavalleriedivisionen. Der notwendige Ersatz wurde vom Ersatzbataillon als Marsch-Bataillon zur Front geschickt. Die Kriegsstärke eines Infanterieregiments betrug etwa 100 Offiziere und 4000 Mann, schwankte aber infolge des Geschehens an der Front oft erheblich. In den auf die allgemeine Mobilmachung der österreichisch-ungarischen Wehrmacht am 31. Juli 1914 folgenden Wochen wurden für die russische und serbische Front Tiroler in folgende Formationen aufgestellt: 1., 2., 3. und 4. Regiment der Tiroler Kaiserjäger, die Landesschützen-Regimenter I, II, und III, die reitenden Tiroler Landesschützen, die Tiroler Landsturmregimenter Nr. I und II sowie das ­Gebirgsartillerie-Regiment Nr. 14. Dazu kamen noch 25 Grenzschutz-Kompanien aus dem Tiroler Landsturm-Bezirk II (Bozen). An die Grenze zu Italien wurden mehrere Abteilungen Festungsartillerie für die Werke in Gomagoi, am Tonalepass, am Tre Sassi, auf der Plätzwiese und im Sextental abkommandiert.

Um die ungeheuren Verluste an der Ostfront ausgleichen zu können, wurden noch zusätzlich 35 Marschbataillone aufgestellt. So schickte Tirol bei einer Einwohnerzahl von rund 950.000 innerhalb kürzester Zeit 85.000 Tiroler an die Front im Osten und am Balkan. Beim Landesverteidigungskommando in Tirol machte man sich schon bald nach Kriegsbeginn ernste Sorgen um die Sicherheit des von Truppen entblößten Kronlandes ­Tirol – man zweifelte an der Bündnistreue Italiens. Diese Befürchtung verstärkte sich um so mehr, da sich bald zeigte, dass mit einer schnellen Beendigung des Kriegs keinesfalls zu rechnen war. In einem Aufruf von Landeshauptmann und Landesoberschützenmeister Theodor Kathrein wurde darauf hingewiesen, dass die Landsturmpflicht gesetzlich verankert sei und ergänzt: „Doch nicht die Bestimmungen eines Gesetzes braucht es, sondern die Erinnerungen an eine große Vergangenheit, die unwandelbare Liebe und Treue zu unserem angestammten Kaiserhaus erwecken in uns allen das Pflichtgefühl in diesen ernsten Zeiten sich für Kaiser und Reich dienstbar zu machen.“ 

Überall im Land waren Musterungskommisionen tätig. Doch gestaltete sich die „Werbung“ von Standschützen immer schwieriger. Im Spätherbst 1915 wurden auch die schweren Verluste der Armee im Osten allgemein bekannt. Das k. u. k Heer benötigte jeden Mann. Viele in Friedenszeiten untaugliche Männer wurden eingezogen, die Landsturmpflicht wurde bis zum 50. Lebensjahr verlängert. In Tirol rief der Einsatz der beiden Landsturm-Regimenter in Serbien und Galizien Unmut hervor, auch da die Opferzahlen enorm waren. Ebenso wurde befürchtet, dass die einberufenen Standschützen an der gefährdeten Karpatenfront zum Einsatz kommen sollten. Als zudem noch bekannt wurde, dass Österreich Italien angeboten hatte, das Trentino abzutreten, sank die Bereitschaft sich einzurollieren gegen null. Die Kriegs­euphorie verflog. Auch mit der Ausrüstung der Standschützen gab es Probleme. Das Armeeoberkommando hatte, in Anbetracht der Abtretungsgespäche mit Italien, nur geringes Interesse, neue Gewehre und Uniformen bereitzustellen. So war bis Ende März 1915 noch kein Gewehr, keine Patrone und kein Kleidungsstück bewilligt oder gar ausgeliefert worden. Erst als sich in den ersten Apriltagen 1915 die Nachrichten über einen massiven Truppenaufmarsch der Italiener verdichteten, trafen Ende April Ausrüstung und Gewehre für 16.000 Man in Tirol ein. Auch die Bereitschaft, sich bei den örtliche Schießständen eintragen zu lassen, stieg wieder. Im Laufe des Frühjahres wurde in Tirol und Vorarlberg die Aufstellung der Standschützen-Kompanien forciert und mit der Bildung von Bataillonen begonnen. Nachdem, wie bei den Standschützen üblich, die Offiziere und Unteroffiere und sonstige Chargen gewählt waren, wurde eine zweitägige Inspizierung angesetzt. Kommandanten des regulären Heeres wollten einen Überblick bekommen, was von den bisher größtenteils nur auf dem Papier vorhandenen Standschützenformationen militärisch zu halten war. Das Ergebnis: Aus militärischer Sicht niederschmetternd, mit einer einzigen Ausnahme – die Tiroler erwiesen sich als ausgezeichnete Schützen. 

Nachdem Italien am 4. Mai 1915 seinen Austritt aus dem Dreibundvertrag erklärt hatte, wurden die Vorbereitungen für den Einsatz weiter verstärkt. Für die Verteidigung der zukünftigen 350 Kilometer langen Front standen außer den Standschützen noch 21 Infanteriebataillone zur Verfügung, die jedoch mit Ausnahme des Landsturmbataillons I und des Marschbataillons X/59, – den so genannten „Rainern“– nur notdürfig ausgebildet waren. Zudem bestanden sie meist aus Mindertauglichen. Aufgrund dieser prekären ­Situation stellte die Oberste Deutsche Heeresleitung eine etwa 12.000 Mann starke Division für die besonders gefährdeten Abschnitte Fleimstal und Pustertal zusammen. Diese verbündete Truppe, genannt das Deutsche Alpenkorps, traf im Mai 1915 an der Südwestfront ein.

Am 19. Mai erfolgte die offizielle Mobilisierung der Standschützen. Am Pfingstsamstag, dem 22. Mai, einen Tag vor der offiziellen Kriegserklärung Italiens, rollten die ersten Eisenbahntransporte mit Standschützeneinheiten über den Brenner. Die Angaben über die Gesamtstärke der ausgerückten Schützen schwanken zwar beträchtlich – zwischen 20.000 und 24.000 Mann dürften allerdings zum Einsatz gekommen sein. Diese Männer, nur unterstützt durch wenige reguläre Einheiten, trugen in den ersten Wochen und Monaten die Hauptlast der Verteidigung, doch bereits nach wenigen Wochen begann die Zahl der eingesetzten Standschützen an der Südwestfront zurückzugehen, teilweise durch Verluste während des Kampfes gegen einen zahlen- und materialmäßig weit überlegenen Gegner, vor allem aber auf Grund der Strapazen im Hochgebirge. Der Einsatz auf Höhen bis über 3000 Meter, auf denen die großteils über 40-jährigen Männer zumindest in den ersten Wochen und Monaten meist ohne richtige Unterkünfte bei Regen, Sturm, Eis und Schnee im Freien kampieren mussten, forderten bereits in der Anfangszeit viele Opfer. Aber auch später, als es Kavernen und Unterstände gab, stellte der lange, nur von kurzen Erholungsphasen unterbrochene Einsatz in diesen Höhen selbst ohne Feindeinwirkung kaum vorstellbare Anforderungen. Bereits in den ersten Monaten des Krieges gegen Italien wurde die Bedeutung der Standschützen­einheiten immer geringer und sie wurden durch reguläre Truppen ersetzt, auch wenn Standschützen bis zum Kriegsende an der Front standen. Zu diesen neuen Einheiten gehörten auch die Reste der „Tiroler Paraderegimenter“, die Kaiserjäger, die von der Ostfront abgezogen wurden. Als ein über die ganze Südwest-Front verstreutes „Korsett“ wurden sie in die, aus der ganzen Monarchie zusammengezogenen Truppen, eingefügt. Truppen, deren Soldaten zum Teil noch nie in ihrem ­Leben einen Berg gesehen hatten. Die Kaiser­jäger galten als gebirgserfahren, sie waren die Eliteeinheit der k. u. k. Armee – ihre Geschichte reicht bis zum Anfang des 19. Jahrhundert zurück .

Am 17. Mai 1815 befahl Kaiser Franz I. dem Gouverneur der eben wieder zurückgewonnenen Länder Tirol und Vorarlberg, Ferdinand Graf von Bissingen, die Rekrutierung eines Jägerregimentes in Tirol. Dafür sollten 5000 Mann zwangsrekrutiert werden, eine Maßnahme, die allerdings nicht mit letzter Konsequenz durchgeführt wurde. Zu schlecht waren die Erfahrungen mit solchen Zwangsrekrutierungen, außerdem bestand weiterhin die Landesverteidigungspflicht. In besonderer Ehrung sollte das Regiment in aller Zukunft unter dem Namen „Tiroler Kaiserjäger“ geführt werden.

„Jäger“ als militärischer Begriff entstand bereits im 18. Jahrhundert. Die Infanterie kämpfte damals in langen Linienformationen. Neben dieser Linieninfanterie entwickelte sich eine neue Kampfform – die Jäger und Scharfschützen. Diese wurden mit besseren Waffen ausgestattet und mit einer leichten Adjustierung versehen, um dem Prinzip „Feuer und Bewegung“ im Gefecht besser gerecht zu werden. Zu Beginn dieser Entwicklung rekrutierten sich diese Einheiten meistens aus dem Bereich der gelernten Forstleute und dem Jagdpersonal.

Die eigentliche Geburtsstunde der Tiroler Kaiserjäger schlug am 16. Jänner 1816. An diesem Tag begann die Aufstellung des ersten Tiroler Jägerregimentes. Jedem Gerichtsbezirk wurde eine bestimmte Anzahl von Rekruten vorgeschrieben. Diese war verhältnismäßig gering und betrug bis zur Einführung der allgemeinen Wehrpflicht 1868 pro 10.000 Einwohner etwa zwölf Mann. Die Dienstzeit betrug bis 1868 zwölf Jahre, dann acht und schließlich sechs Jahre. Von der Möglichkeit sich durch einen bezahlten „Einstandsmann“ vertreten zu lassen, wurde oft Gebrauch gemacht. In den zahlreichen Kriegen der Habsburger im 19. Jahrhundert wurde die Stärke dieses Regimentes schließlich auf 16 Bataillone mit Kommandostellen in Innsbruck, Bregenz, Brixen, Riva, Rovereto, Trient, Linz und Wien aufgestockt. Dies bedeutete auch, dass in diesen Einheiten Männer aus der gesamten Monarchie dienten. Zwischen 1821 und 1914 kämpften die ­Tiroler Kaiserjäger mehrmals in Italien, auf dem Balkan und in Ungarn. 

Am ersten Mai 1895 erfolgte schließlich die letzte Umgliederung der Kaiserjäger in vier Regimenter zu je vier Bataillone mit einer Gesamtstärke von 20.000 Mann. Diese militärische Gliederung sollte bis zum Ende der Monarchie erhalten bleiben. Ein Ende, das am 28. Juli 1914 mit der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien und dem zwei Tage später folgenden Kriegseintritt Russlands begann. 

Der Kommandant der ersten k. u. k.–Armee Viktor Freiherr von Dankl notierte Anfang August 1914: „Gott sei Dank, das ist der große Krieg!“ Doch die Euphorie hielt nicht lange an. Alle vier Kaiserjägerregimenter kämpften an der Ostfront. Die Verluste in Galizien, die die österreichisch-ungarische Armee in den ersten Kriegsmonaten erlitt, waren enorm: 140.000 Tote, 743.000 Verwundete und und 407.000 in Kriegsgefangenschaft. 

Von diesem Aderlass sollte sich die k. u. k. Armee nie wieder erholen. Auch die Kaiserjäger nicht. In den ersten sechs Wochen an der Ostfront verloren sie 9700 Soldaten – fast zwei Drittel ihrer Einheitsstärke. Im September 1914 wurde das 2. Regiment völlig vernichtet und musste neu aufgestellt werden. Bis zum Sommer 1915 wurden die Kaiserjägerregimenter immer wieder aufgefüllt und dezimiert, aufgefüllt, vernichtet. 

Erst am 12. Juni 1915 wurde das 4. Regiment von der Ostfront abgezogen, das 1. Regiment folgte am 15. Juli. Am 18. Juli defilierten die Kaiserjäger in Wien vor Kaiser Franz Josef. Zwischen dem 24. und 27. Juli wurde auch das 2. und 3. Regiment abgelöst. Sie mussten an die Südwestfront, zur Verteidigung der Heimat. Zum Krieg in den Bergen.  Hugo Huber 

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