Wo Gott ist, dort ist der Sieg

Ein verbannter Bischof von Trient, ein politisierender Kirchenmann, die Dreiteilung der Diözese – Tirols Kirche zwischen Seelsorge im Schützengraben und politischen Wirren.

Innsbruck liegt im Novembernebel, Morgengrauen – nur den Gleichschritt der Soldaten kann man vernehmen. Immer näher kommen sie zum Exerzierplatz, gleich sind sie dort. Das Signalhorn bläst. Ein Jesuiten-Pater tritt vor einen im Freien errichteten Altar, und seine Worte dröhnen über den Innenhof der Klosterkaserne in Innsbruck: „Diese Begeisterung wird es uns leicht machen, alles einzugeben, alles zu opfern für Kaiser und Vaterland, Gut und Blut und Leben.“ Worte, um die angetretenen Soldaten für einen blutigen Kampf zu wappnen. „Wir haben nichts zu fürchten, denn auf unseres Kaisers Seite ist das Recht, und wo das Recht ist, dort ist Gott, und wo Gott ist, dort ist der Sieg.“ Der Kaiser, von dem der Jesuiten-Pater Arno Bötsch spricht, ist erst einen Tag im Amt. Am Tag zuvor, dem 21. November 1916, starb Kaiser Franz Josef. Erzherzog Karl ist sein Nachfolger. Auf die Treue zu ihm schwört der Feldkurat die Soldaten anlässlich der Seelenmesse für den verstorbenen 83-jährigen Kaiser ein. Den Kampf, den er meint, sind die Schlachten des Ersten Weltkrieges in Fels und Eis. Martialische Töne – Gut und Blut und Leben – wo Gott ist, ist unser Sieg. Die Kirche als Instrument der Politik, als ­Instrument eines Krieges. Und dennoch auch Opfer eines Krieges, der zur Sprengung ­alter Diözesangrenzen führte.

Tirols Militärseelsorger hatten im Ers­ten Weltkrieg eine heikle Mission zu erfüllen. Einerseits galt es, die Moral und Sitte der Soldaten aufrechtzuerhalten, andererseits mussten sie die Soldaten auch auf den Tod am Schlachtfeld vorbereiten. Die Generalabsolution der Truppe vor einer Schlacht war die Regel. Messen auf Gletschern, in Wind und Wetter ausgeset­zten Gipfelstellungen, in Eis- und Felsstollen waren an der Tagesordnung. Feldkurat Karl Egger vom 2. Tiroler ­Kaiserjägerregiment feierte ­regelmäßig den Gottesdienst in den in den Fels gesprengten Katakomben am Monte ­­Pa­subio. Gleichsam wie die ­Urchristen in der Antike. „In der Nische stand ein Benzinfass. Jeden Sonntag kamen darauf zwei Bretter, eine Wolldecke, ein Leinentuch und der Altar war fertig.“

Reichung der Sterbesakramente im Sanitätslager und die Bestattung der Gefallenen gehörten zur Aufgabe der ­Seelsorger im Felde. Doch manch einer von ihnen konnte der militärischen Versuchung nicht entgehen und tauschte für einige Stunden am Tag sein Brevier gegen ein Gewehr. Viele von ihnen ­besaßen unter den Soldaten ­einen legendären Ruf, oftmals weniger wegen ihrer seelsorgerlichen Fähigkeiten als ob ihrer Furchtlosigkeit. Wie der Sellrainer Feldkurat Josef Hosp vom Standschützen-Bataillon Innsbruck I, der regelmäßig mit seinem Freund Sepp Innerkofler an Späherkundungen und Überfällen auf den italienischen Teil der Front teilnahm. Nach dem Tod Innerkoflers 1915 wurde aus Hosp immer mehr ein Jäger und Soldat, und es gelang ihm, am 24. August 1915 alleine den Elfergipfel in den Ötztaler ­­­Alpen gegen die nahenden ­Italiener erfolgreich zu ver­­teidigen. Genauso wie der ­gebürtige Söller Mathias Ortner, Feldkurat beim ersten ­Tiroler Landsturmbatallion, der ebenso vom Dasein eines Feldgeistlichen in der Sanitätsbaracke wenig hielt und lieber mit seinem Rucksack mitsamt dem Sanitätsgerät, Messgewändern und litur­gi­schem Gerät an der Front ­mitten im Schlachtgetümmel mitkämpfte. Doch auch Priester blieben nicht vom Tod am Schlachtfeld verschont, so beispielsweise Anselm Blumenschein, der als Seelsorger des 2. Tiroler Kaiserjägerregiments am 16. April 1916 bei der Sprengung des Col di Lana durch die Italiener mit wei­teren 149 Kameraden den Tod fand. Insgesamt fanden während des Ersten Weltkrieges elf Militärseelsorger auf östereichischer Seite den Tod – insge­samt standen 3077 Priester im Dienste der Militärseel­sorge der k. u. k. Armee in den vier Jahren des Weltkrieges. Doch neben der Seelsorge im Schützengraben musste auch die allgemeine Seelsorge in Tirol weiterhin funktionieren. Eine Seelsorge, die auf drei Diözesen aufgeteilt ­wurde und bald durch die nationa­­listischen Strömungen stark ­belastet wurde.

 Die Kirchengeografische Bistumseinteilung Tirols und des Trentinos hatte sich seit 1818 bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges nicht geändert: Nordtirol, Vorarlberg und der nördliche Teil Süd­tirols bis Klausen sowie das Obervinschgau gehörten zum Bistum Brixen, der Teil Nordtirols jenseits des Zillers zum Erzbistums Salzburg und das untere Eisacktal, das Etschtal mit den Städten Meran und Bozen zur Diözese Trient. Vor allem im Bistum Trient zeichneten sich zu Beginn des ­Krie­ges besondere Wirren ab. Der amtierende Bischof Cölestin Endrici fiel schon kurz nach Beginn, auch wegen seiner ­Zugehörigkeit zur italienischsprachigen Mehrheit im Trentino, beim Kaiser in Ungnade. Massendeportationen der italienischsprachigen Trentiner aus dem frontnahen Bereich ins österreichische Hinterland brachten die Bevölkerung gegen die k. u. k. Monarchie auf. Die Kirchenleitung versuchte, mit Geldmitteln die ärgste Not der Flüchtenden zu lindern. Doch die karitative Tätigkeit des Bischofs stieß schon nach wenigen Monaten auf Widerstand des Kaiserhauses. Man missbilligte seine Freundschaft zu Alcide de Gasperi, mit dem er schon seit Jahren für die Loslösung des Trentinos von Österreich eintrat und den ­raschen Anschluss an Italien forderte. Ende 1915 verlangte die Regierung in Wien eine Loyalitätskundgebung der Bevölkerung Trentinos für Kaiser Franz Josef. Endrici verweigerte seine Unterstützung – mit allen Konsequenzen. Er ­muss­te sich auf seinen Landsitz San Nicolò bei Trient zurück­zie­hen, wo er ab 1. März 1916 auf Veranlassung des öster­re­i­chi­schen Oberkommandos unter Hausarrest gestellt wurde. ­Anfang Mai 1916 fuhr er nach Wien, um sich dort für sein Verhalten zu rechtfertigen – ohne Erfolg. Vielmehr muss­te er am 18. Juni in das Zisterzienserstift Heiligenkreuz bei Wien ins Exil. Wien versuchte nun, im Vatikan den Rücktritt des ungeliebten Bischofs zu ­erzwingen, was jedoch von der römischen Kurie verhindert wurde. Bis Kriegsende durfte Endrici das Kloster Heiligenkreuz nicht verlassen, am 8. November 1918 kehrte er in einem triumphalen Einzug wieder in seine alte Bischofsstadt zurück und verblieb dort bis zu seinem Tode 1940 im Amt.

Nur ein Jahr nach dem Trienter Bischof starb ­eine weitere prägende Persön­lichkeit der Tiroler und ­öster­reichischen Kirchengeschichte – Sigmund Waitz, Erzbischof von Salzburg. Der 1864 in Brixen geborene Theo­loge und Priester erregte schon vor dem Ersten Weltkrieg großes Aufsehen. Waitz wurde 1913 vom Fürstbischof von Brixen Franz Egger zu ­seinem Weihbischof und ­Gene­ralvikar für Vorarlberg ­er­nannt. Egger musste sich ­dabei gegen die Bedenken des Wiener Nuntius Raffaele ­Scapinelli di Leguigno und gegen den Widerstand der einflussreichen konservativen Partei durchsetzen. Waitz galt als Umstürzler und Anhänger der Christlich-Sozialen.

Doch die Entscheidung ­Eg­gers sollte sich als ausgezeichneter Schachzug erweisen. Waitz konnte rasch die Herzen der Gläubigen gewinnen und er pflegte enge ­Kon­takte zur kaiserlichen Armee und dem Herrscherhaus. So versuchte Waitz im Auftrag von Kaiser Karl über Verbindungen in die Schweiz, für Öster­reich einen Separat-Frieden zu erreichen. Karl förderte Waitz auch als ­po­tenziellen Bischofs-Nachfolger von Egger. Egger starb am 17. Mai 1918, zum interimistischen Leiter der Diö­­­­zese wurde Domdekan Franz Schmid gewählt. 

Doch der Waffenstillstand und der Zusammenbruch der Monarchie machten Waitz’ ­Bischofsambitionen – vorerst – zunichte. Die italienische ­Regierung lehnte ihn als Bischof von Brixen – und somit als Kirchenoberhaupt für das nun italienische Südtirol und das österreichische Nordtirol – kategorisch ab, da er für ­seine betont monarchistische und pro-österreichische Einstellung bekannt war. Waitz galt auch als vehementer ­Verfechter der Landeseinheit Tirols. Aus diesem Grunde führte er auch mit Kaiser Karl in dessen Schweizer Exil Geheimverhandlungen über die Bildung eines unabhängigen Tirol, mit dessen Hilfe die Monarchie restauriert werden sollte. Auch den Schweizer Nuntius Luigi Maglione versuchte er für die (Süd-)Tirolfrage zu gewinnen. Nebenbei knüpfte er Kontakte zu den Siegermächten. Doch seine Restaurationsversuche blieben nicht lange ­geheim – Waitz wurde vom Vatikan zum Stopp seiner politischen Umtriebe gezwungen. Aus kirchendiplomatischen Überlegungen wurde Waitz allerdings im Jänner 1919 vom Papst zum Dele­gatus Sanctae Sedis – zum Vertreter des Heiligen Stuhles – für den nördlich des Brenners gelegenen Teil der Diözese Brixen ernannt. 

Anfang 1921 erwog Rom, ­eine Teilung der Diözese vorzunehmen, und stieß dabei auf heftigen Widerstand des streitbaren Kirchenmanns. Waitz sprach persönlich bei Papst Benedikt XV. vor und verhinderte – zunächst – eine Teilung. Im April 1921 wurde Sigmund Waitz zum Apos­­tolischen Administrator des ­österreich­ischen Teils der ­Diözese Brixen ernannt, vier Jahre lang noch sollte die ­Administratur formell Brixen unterstellt sein. Im Dezember 1925 erfolgte die Aufwertung von Sigismund Waitz zum Apostolischen Administrator von Innsbruck-Feldkirch mit allen Rechten und Pflichten eines Diözesanbischofs – die Teilung der Diözese Brixen war damit endgültig besiegelt, Waitz leistete keinen Widerstand. Sitz der Administratur wurde Feldkirch, von wo aus Waitz drei Tage pro Woche nach Innsbruck kam. Erst 1964 bekamen Tirol und Vorarlberg mit Paulus Rusch ­einen Bischof mit eigener ­Leitungsgewalt und wurden somit zur eigenständigen Diö­zese. Doch nur für vier Jahre. Feldkirch trennte sich 1968 von Innsbruck und bekam mit Bruno Wechner einen eigenen Hirten auf dem Bischofsstuhl. 50 Jahre nach Ende des Ersten Weltkrieges war die Aufteilung der Diözese Brixen vollzogen. Ein Krieg, in dem die Kirche oft zu einem Instrument der Politik und des – gewalttätigen – Patriotismus wurde.  Johann Überbacher 

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