Untergang im Chaos

Die Waffenstillstandsverhandlungen und der Heimtransport der k. u. k. Truppen verliefen völlig chaotisch. Rund 350.000 wurden in den letzten Kriegsstunden zu Gefangenen. 

„Vorwärts, nur vorwärts! Nicht ein Volk wogte da zurück, wehrte sich verzweifelt gegen den Untergang: neun Völker, alle bewaffnet, alle auf den gleichen Straßen gehetzt, spien einander Hass und Verbitterung entgegen. Und hinter ihnen der Feind, gierig nach Beute und Gefangenen. Seine Schrapnells gellten über den Köpfen der Flüchtenden, rissen sie reihenweise zu Boden; seine Granaten schlugen auf den trümmerbesäten Stra­ßenkreu­zun­gen ein, krachten in die Dörfer... Nie noch gab es in der Weltgeschichte einen ähnlichen Zusammenbruch.“ (aus: Fritz Weber, Der Alpenkrieg)

Der Erste Weltkrieg war zu Ende, der Zerfall der Habsburgermonarchie war im Oktober 1918 nicht mehr abzuwenden. Die vom Krieg gezeichneten Soldaten der k. u. k.  Armee zogen sich von den Fronten zurück, die Truppen lösten sich im ­Chaos auf. Die österreichische Heeresleitung musste auf schnellstem Wege einen Waffenstillstand herbei führen, auch wenn dafür das Gebiet Südtirols bis zum Brenner geop­­fert werden musste. Aber niemand wollte dafür die Verantwortung übernehmen. Das Zögern der verantwortlichen österreichischen Stellen, Unklarheiten und Missverständnisse rund um den Zeitpunkt, an dem der am 3. November 1918 in der Villa Giusti unterzeichnete Waffenstillstand in Kraft treten sollte, bedeuteten einen großen Zeitverlust. Überstürzte und wi­dersprüchliche Befehle des österreichischen Armeeoberkommandos (AOK) führten zu einer chaotischen Situation an der zerfallenen Südwestfront, die von den vorstürmenden italienischen Truppen genützt wurde. Auf österreichischer Seite wurden die Kämpfe – aus bisher nicht restlos geklärten Gründen – um einen Tag früher eingestellt als bei den Italienern. Etwa 350.000 österreichisch-ungarische Soldaten, die sich bereits auf dem Rückzug befanden, wurden deshalb beinahe ohne Gegenwehr von den italienischen Truppen gefangen genommen. Fritz Weber formuliert den übereilten Befehl zur Einstellung der Kampfhandlungen folgendermaßen: „Das war das Ende, die Katastrophe! Denn vor uns stand noch der Feind, der so lange nach einem Siege gelechzt hatte, der sich die Lorbeeren nun nicht entgehen lassen würde. Es gab keine Verständigung zwischen hüben und drüben. Wenn die Italiener nachstießen, war das Blutbad fertig. Hinter uns Wasser, Sümpfe, wenige Damm­straßen, die Vernichtung!“

Während der Friedensbemühungen der Monarchie wurde bereits am 5. Oktober eine Waffenstillstandskommission unter General Viktor von Weber eingesetzt. Die eigentlichen Verhandlungen zwischen der österreichisch-ungarischen und der alliierten Delegation in der Villa des Senators Giusti in der Nähe von Padua begannen aber erst am Morgen des 1. November. Am Nachmittag hatte die k. u. k. Delegation Gelegenheit, den vorläufigen Vertragsentwurf durchzusehen. Die italienischen Waffenstillstandsbedingungen kamen einer Kapitulation gleich: 

1. Sofortige Einstellung der Feindseligkeiten

2. Abrüstung des gesamten k. u. k. Heeres auf 20 Divisionen, Ablieferung der Korps- und Divisionsartillerie und Räumung des noch besetzten Territoriums bis zu einer festgesetzten Linie

3. Völlige Bewegungsfreiheit für alliierte Verbände auf allen Verkehrslinien sowie rascheste Heimsendung der alliierten Kriegsgefangenen aus Österreich-Ungarn und Ablieferung eines großen Teiles der Flotte.

Die ineffiziente Nachrichtenübermittlung zwischen dem österreichischen Verhandlungsteam und dem AOK in Baden bei Wien führte zu weiteren Verzögerungen. Die Bestimmungen konnten dem AOK deshalb erst am 2. November um 22.15 Uhr übermittelt werden. Die mangelnde Entschlusskraft, besonders bei der kaiserlichen Militärkanzlei in Wien, kostete weitere Zeit. Am 3. November um 11.18 Uhr trafen die endgültigen Bedingungen in Baden ein, um 13.20 Uhr erhielt Delegationsmitglied Oberst Karl Schneller den Befehl zur Annahme. Daraufhin gab das Heeresgruppenkommando (HGK) Tirol völlig überstürzt den Befehl zur sofortigen Feuereinstellung an die unterstellten Einheiten weiter. Doch der Vertrag, der  Österreich zur Räumung aller besetzten Gebiete sowie Südtirols, des Gebiets um Görz und Triest, Istriens und Dalmatiens verpflichtete, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht unterzeichnet.

General von Weber hatte als offiziellen Zeitpunkt der Un­terzeichnung den 3. November 15.00 Uhr gemeldet, das AOK gab allerdings schon um 13.20 Uhr den Befehl zur Feuereinstellung. Ein Befehl mit dramatischen Folgen für die k. u. k. Armee, da die Italiener erst am darauffolgenden Tag die Kampfhandlungen einstellten. Der objektiv richtige Zeitpunkt der Feuereinstellung und wer die Schuld für die Gefangennahme von rund 350.000 k. u. k. Soldaten in diesen letzten Kriegsstunden trägt, führt bis heute zu Meinungsverschiedenheiten. Bekannt ist jedoch, dass der Zeitpunkt zur Beendigung der Feindseligkeiten mehrmals zu einem strittigen Thema zwischen den beiden Kommissionen geworden war. Die Italiener hatten eine Frist von 24 Stunden verlangt, um ihre Truppen über den Waffenstillstand zu verständigen. Diese Klausel war dem Vertrag angefügt worden und General Weber seit dem 2. November bekannt, allerdings konnte er das AOK nicht mehr rechtzeitig erreichen. Schlussendlich handelte es sich wohl um ein Versagen des AOK, das über diese Unklarheit im Vertrag informiert war und dennoch voreilig und unbedacht den Befehl zur Feuereinstellung gab. Somit trat der Waffenstillstand erst am 4. November um 15 Uhr in Kraft und die Italiener konnten die überraschten k. u. k. Truppen ungehindert gefangen nehmen.

Die nicht von diesem Schicksal betroffenen Einheiten strömten erschöpft und hungernd, teils geordnet, teils in Auflösung begriffen durch Südtirol über den Brenner nach Österreich zurück. Rund 500.000 Soldaten der 10. und 11. Armee wollten nur noch so schnell wie möglich zurück in die Heimat. Unvorstellbare Szenen müssen sich damals abgespielt haben. Wie chaotisch die Situation war, geht aus der Pfarrchronik von Kastelruth deutlich hervor: „Allerseelenwoche {...}. Zug auf Zug fährt gegen den Brenner, vollgepropft mit den Soldaten. Auf den Waggonstiegen, Perrons, Wagendächern – alles voll Soldaten. Manche werden abgestreift in den Tunnels, überfahren, niemand kümmert sich. Auf der Straße – alles voll Soldaten, endlose Reihen, Tag und Nacht.“

Bis zum 6. November wurden allein auf der Brennerstrecke nahe Innsbruck 273 tote,  vom Zug gestürzte Soldaten gefunden, die nur mit Mühe auf dem Friedhof in Pradl/Amras beerdigt werden konnten. Außerdem dürften sich tausende Soldaten während der Fahrt auf den offenen Waggons schwere Erkältungen zugezogen haben, die wegen der Grippeepidemie, die in der zweiten Jahreshälfte in ganz Europa auftrat, tödlich enden konnten. Auch einige schwere Eisenbahnkatastrophen ereigneten sich aufgrund der Überlastung des Eisenbahnmaterials. Auf ihrem Rückzug hinterließen die Soldaten in manchen Städten ein Bild der Verwüstung. Zurückgelassenes Kriegsmaterial säumte die Straßen, während in der Höttinger Au in Innsbruck verwaiste Militärflugzeuge herumstanden.

Obwohl bereits Waffenstillstand herrsch­te, war die Lage alles andere als friedlich. Die ungeordnet zurückflutenden k. u. k. Truppen von der Südfront verbreiteten Gewalt und Chaos, Raub und Plünderungen waren an der Tagesordnung. In der Zeitung „Der Tiroler“ hieß es am 8. November über die Lage in Gries bei Bozen: „Das waren nicht mehr Soldaten, sondern eine wilde Horde, welche einer Lawine gleich alles vernichtete und verwüstete. Wie es in den Straßen aussieht, ist unbeschreiblich. Dies ist ein Ende, ein Ende mit Schrecken.“

Ruhe und Ordnung waren gefährdet, auch die Versorgung brach zusammen. Um der Lage Herr zu werden, riefen sowohl der am 1. November gebildete „Tiroler Nationalrat“ wie auch der Innsbrucker Bürgermeister Wilhelm Greil bereits am 3. November zur Bildung von zivilen Volks- und Bürgerwehren auf. Auch die Mittelschüler Innsbrucks wurden vom Tiroler Landesschulrat aufgefordert, „zum Wohle der Vaterstadt und Schutze des heimatlichen Herdes“ eine Jungstudenten-Kompanie zu bilden. Wegen der chaotischen Zustände wandte sich die Heeresleitung in Bozen sogar an die Italiener, schneller vorzurücken und den Ordnungsdienst in der Stadt zu übernehmen. Der italienische General Enrico Caviglia erklärte nach der Besetzung Bozens, dass die italienischen Truppen ausschließlich den Sicherheitsdienst übernehmen und sich „nur als Gäste in fremdem Hause ansehen“ würden. Von Bozen drangen die Italiener dann durch das Eisacktal Richtung Brenner vor.

Allerdings erfolgte der Vorstoß sehr langsam, da am 5. November bayrische Truppen – auf die Bitte Tirols hin – in Nordtirol eingerückt waren. Die Bayern wurden von einem Teil der Tiroler Bevölkerung zunächst als „Element der Stabilisierung“ bzw. als „deutsche Ordnungsmacht“ empfunden. Allerdings war die eigentliche Motivation des bayrischen Einmarschs der Aufbau einer neuen Abwehrfront gegen Italien, da sich das Deutsche Reich noch im Kriegszustand mit Italien befand. Im Tiroler Nationalrat befürchtete man nun, zum Kampfgebiet zwischen bayrischen und italienischen Einheiten zu werden und ersuchte die deutschen Truppen um ihren Rückzug. Aufgrund der sich abzeichnenden politischen Veränderungen in Deutschland zogen sich die Bayern vom 8. bis 10. November wieder aus Tirol zurück.

In der Folge rückten die Italiener am 10. November bis zum Brenner vor. Knapp zwei Wochen später, am 23./24. November, besetzten die Italiener Innsbruck. Eine Besatzung, die bis zum Dezember 1920 dauern sollte.  Michaela Darmann 

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