Kunst im Blutrausch

Viele Tiroler Künstler stellten sich in den Dienst des  „heiligen Kampfes“. Mit spitzer Feder verbreiteten sie auf Flugblättern, in Zeitungen und in Büchern kriegstreiberisches Gedankengut.

Am 9. August 1918 um 9.20 Uhr hagelte es keine Bomben in Wien. Eine dichte Wolke senkte sich über die friedliche Stadt, die Gehsteige und Straßen der Innenstadt wurden in ein fahles Weiß getaucht. Verdutzt bückten sich die Passanten und hoben die Zettel auf. „Wiener! Gleich den Völkern der Entente kennt ihr den Wert der Versprechungen, die Deutschland gemacht hat. Schüttelt Deutschland von euch ab.“ Und: „Wiener macht euch frei!“, stand da unter anderem zu lesen. Ungläubig und verstört blickten die Menschen in die Höhe. Ungehindert war der Feind bis ins Nervenzentrum der Mo­narchie vorgestoßen und hatte zehn­tausende Flugzettel abgeworfen! Nun kreis­te das italienische Geschwader triumphierend knapp 800 Meter über der Stadt, machte Luftaufnahmen von Schloss Schönbrunn, dem Radetzky-Denkmal vor dem Kriegsministerium und dem Stephansdom. Nur rund fünf Minuten dauerte der Spuk, doch die Stadt war wie unter einer Schneedecke erstarrt. An Bord legte der emsig schreibende Kommandant Papier und Stift zur Seite und brach in Jubel aus – der Schriftsteller Gabriele d’ Annunzio.

Der Erste Weltkrieg war hinsichtlich der Propaganda eine Materialschlacht gigantischen Ausmaßes. Auf Plakaten, Postkarten und Flugblättern, in Zeitungen und Büchern, auf Bildern aber auch auf Alltagsgegenständen wurden die Zivilbevölkerung und die Soldaten mit unmissverständlichen Bildern, einprägsamen Sprüchen und wortgewaltigen Gedichten für den Krieg mobilisiert. Von allen beteiligten Nationen wurden in Wort und Bild Feindbilder gefestigt, wurde die Kriegsmoral der eigenen Bevölkerung aufrecht erhalten, aber auch der Feind demoralisiert. Gezielt wurden die neuen Medien Fotografie und Film eingesetzt, um die Menschen zu beeinflussen, in allen Ländern Künstler und Gelehrte für den Krieg instrumentalisiert. Viele – wie etwa die italienischen Futuristen – waren begeis­tert von der „reinigenden Kraft“ des Krieges, sahen ihn als „gottgewollt“ und ­äußerten sich dementsprechend darüber. In Tirol stellten sich Schriftsteller wie Franz Kranewitter, Karl Schönherr und Maler wie Ernst Nepo oder Albin Egger-Lienz in den Dienst der „großen“ Sache. Der flammendste und einflussreichste Kriegshetzer war allerdings ein Priester – Anton Müller, besser bekannt als Bruder Willram.

Der Russe ein alles zerstörender Bär, der Engländer ein raffender Krämer, der Franzose ein kulturloses Großmaul, der Montenegriner ein Hammeldieb und der Italiener der Feind schlechthin. Mit stereotypen Bildern wurde – nicht nur in ­Tirol – der kämpferische Geist an der Front und im Hinterland gestärkt. Mit Karikaturen auf Postkarten und Gedichten in den Tageszeitungen wurde der „verräterische, walsche Wicht“ der Lächerlichkeit preisgegeben. Auch der italienische Nationalpoet Gabriele d’ Annunzio regte die Fantasie der Poeten an. So stand über ihn unter dem Titel „Gabriele auf dem Kriegspfad“ etwa in den Innsbrucker Neuen Nachrichten zu lesen: Ick sein die gran poeta/von der Italia/Ick gehen in die slackten,/in das battaglia./Ick backen an der Gurgel/Tedesco brutto Vieh/Ick wollen tapfer kämpfen,/Nur weiß ich noch nicht, wie... Der typische Italiener war falsch, verschlagen und feige. Die humoristische Schreibweise verfehlte ihr Ziel nicht, schließlich sollte die „Kunst“ auch zur Erbauung der Leser beitragen.

Allerdings schlugen viele Dichter auch ganz andere Töne an, wenn es um die Rechtfertigung des Krieges und die Verherrlichung der Kampfhandlungen ging. Während Franz Kranewitter auf einem Flugblatt 1914 recht zurückhaltend davon schrieb, dass die Feinde nur Österreichs Vernichtung im Auge hätten und ihre Taten von „asiatischer Barbarei“ geprägt seien, holte der Volksdichter Bruder Willram zu gewaltigen Ergüssen aus. Nun gellt ein einziger Zornesschrei/Und wettert und braust durch die Lande/Nun bersten die Berge vor Wut entzwei/Und krachen und rollen – und malmen zu Brei – /Die welsche Tücke und Schande, lautete das Motto, unter welches er seinen 1916 erschienenen Gedichtband „Der heilige Kampf“ stellte.

 Das schmale Büchlein war ein echter Kassenschlager und erschien 1917 bereits in fünfter Auflage. So wie der eher gemäßigte Karl Schönherr veröffentlichte Willram Gedichte und Aufsätze zum Krieg in den diversen Tiroler Tagesmedien. Allerdings war der Priester der weitaus beliebtere und „produktivere“ Autor. Zumindest einmal pro Woche durfte er sich mit reißerischen, kriegsverherrlichenden und blutgierigen Wortkaskaden an die Leser wenden. Dabei war sein Gedankengut geprägt von reaktionärem Tirolpatriotismus, Deutschtümelei, unterwürfiger Autoritätshörigkeit – und enormer Gewaltbereitschaft. Für Gott, Kaiser und Vaterland mussten die „Waffen splittern“ und die Köpfe „zerschellen“, musste „heil’ges, edles“ Blut vergossen werden und mussten „Heldenwunden klaffen“. Blutgierig waren die Kriegsbilder, die der Religionsprofessor eilends zu Papier brachte. Seine immerwährende Botschaft an Zivilbevölkerung und Soldaten lautete: Es lebe der Krieg!

Neben den Tageszeitungen waren es vor allem die in großen Auflagen produzierten Kriegsflugblätter, die den propagandistischen Zweck erfüllten. Durch die rasche Verbreitungsmöglichkeit konnte mit meist in Gedichtform abgefassten Texten und entsprechenden Illustrationen sofort auf aktuelle Kriegsentwicklungen reagiert werden. Gerade bei militärischen Misserfolgen waren die mit Appellen der Einigkeit und Durchhalteparolen gespickten Zettel eine begehrte Lektüre. Auf einer Reihe von Blättern, die vom ers­ten Kriegstag an regelmäßig erschienen, betätigte sich Ernst Nepo als Illustrator.

Als Bildmotiv beliebt war unter anderem der zum österreichischen Nationalhelden stilisierte Andreas Hofer, der als aufrechter Kämpfer für die Tiroler Sache instrumentalisiert werden konnte. Der Bezug auf die historischen Ereignisse 1809 erhielt eine neue, aktuelle Dimension. Mit den Worten „Grüetz Enk Gott, liabe Leit“ rief Andreas Hofer höchstpersönlich die Bevölkerung zur Zeichnung von Kriegsanleihen auf. Doch nicht nur auf den Werbeplakaten prangte der mannhafte Sandwirt aus dem Passeiertal, anlässlich seines 150. Geburtstages erschien in der neuesten Morgenzeitung 1917 folgender Aufruf: Bis zu den Landes Grenzen eilt er hin,/Pflanzt fest die Fahne in Tiroler Erden:/“Kein Zoll davon soll diesen Welschen werden“/Das schwört – hört wer ich bin – A. Hofer. Auch hier war der Freiheitskämpfer zu neuem Leben erwacht, um seinen Tirolern im Kampfe beizustehen.

Wie die Schriftsteller so sollte auch die malende Zunft das Band zwischen der Front und dem Hinterland ­verstärken. Eigene „Kriegsmaler“ dokumentierten militärische Erfolge. Der Standschütze Albin Egger-Lienz, der nur kurz selbst an der Front im Einsatz war, bemalte Kriegspostkarten und fertigte ­Illustrationen für Zeitungen – wie etwa die Tiroler Soldatenzeitung – an. Anlässlich des Geburtstages des österreichischen Kaisers am 18. August 1916 gestaltete der Osttiroler eine eigene Postkarte, die den „Helden der Tiroler Front“ gewidmet war. Die Original-Zeichnungen wurden zu Guns­ten der Kriegsfürsorge verkauft. 

Von einer geradezu martialischen Bildsprache war sein Werk mit dem bezeichnenden Titel „1915“: Die Darstellung grobschlächtiger Soldaten, in engen, einförmigen Kampfanzügen, die nach vorn preschen, diese kraftstrotzenden Muskelpakete mit klaffenden Mündern, die ihre Gewehre wie Knüppel in der Hand halten, ließen die Kriegereinheit als einförmige Urgewalt aus dem Bild treten.

Im Gegensatz zu einigen anderen Künstlern hatte Egger-Lienz jedoch auch einen durchaus differenzierten Bezug zum Krieg, in seinem „Totentanz“-Zyklus versuchte der Osttiroler das „Zeitlose“, aber auch das Zerstörerische des Krieges herauszuarbeiten.

Dem Interesse der Bevölkerung an Kriegsdarstellungen tat dies keinen Abbruch. Kriegsbilderausstellungen, die in größeren Ortschaften wie Kufstein, Bozen oder Innsbruck organisiert wurden, erfreuten sich regen Zulaufs. Rund 15.000 Besucher verzeichnete die im Frühjahr 1918 gezeigte große Sammelausstellung der vier Kaiserregimenter im Innsbrucker Stadtsaal. Zwar waren nicht alle Werke als kriegsverherrlichend einzustufen, doch besonders die Arbeiten des damals in ­Tirol hoch geschätzten Vorarlberger Künstlers Hans Bertle strotzten nur so vor Mythisierung des Heldentodes.

Ziel der Kriegspropaganda waren allerdings nicht nur Erwachsene, der „Kampf“ machte auch vor den Kinderzimmern nicht halt. Morgen kommt der Weih­nachtsmann/Kommt mit seinen Gaben!/ Trommel, Pfeifen und Gewehr,/ Fahn und Säbel und noch mehr,/ja ein ganzes Kriegesheer/möcht ich gerne haben, lautete ­eines der bekanntesten Weihnachtslieder der damaligen Zeit, das fast jedes Kind auswendig herunterleiern konnte.

Im Ersten Weltkrieg wurde an allen Fronten gekämpft – auch mit Papier und Bleistift. Die billigen Produktionsbedingungen für Flugblätter und Postkarten ermöglichten es den kriegsführenden Parteien, ihre Botschaften in die hintersten Winkel des Landes zu transportieren und damit die Menschen nachhaltig zu manipulieren. Viele Künstler ließen sich von der Kriegseuphorie mitreißen, oft mit einer geradezu menschenverachtenden Blutrüns­tigkeit – wie der Kriegshetzer und Propagandist Bruder Willram. Sie deckten Zivilisten, Soldaten und Feinde mit propagandistischem Aufsätzen und Gedichten ein. 

Es gibt auf Erden besondere Lichter,/die einen sind Helden, die anderen Dichter;/die Helden sind zwar mutiger,/die Dichter aber blutiger hieß es in einem Brief an Bruder Willram. Er selbst war das abschreckendste Beispiel dafür.  Susanne Gurschler 

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