Himmel und Hölle ein Stück näher

Naturgewalten bestimmten ihr Schicksal, Entbehrung war ihr Begleiter, Ausharren ihr Los. Auch abseits der Gefechte verlangte der Krieg in Fels und Eis den Soldaten das Letzte ab.

Seine Hände ruhen ­fast ge­fühllos unter den ­Ach­seln. Sein Kopf ­ver­schwindet unter dem Man­­telkragen, der ganze Körper allmählich im Schnee. Kauerstellung in 3400 Metern Höhe. Über ihn hinweg jagt ein ­Orkan mit ohrenbetäubendem Getöse, während sich in ihm Stille breit macht. Er hört seinen Herzschlag, spürt das Hämmern des ­Pulses in den Gliedmaßen bei der kleinsten Bewegung. Die Natur hat ihn degradiert – zu einem win­zigen grauen Punkt in einem weißen Chaos, umhüllt von eisiger Nacht. Wieder drückt er sich enger an den Fels, wieder sagt er sich – los! 

Wer auf Feldwache in Regionen über 3000 Metern von einem Wettersturz überrascht wurde, musste um das nackte Überleben kämpfen.Vor dem Ersten Weltkrieg konnte sich kein Militärstratege, konnte sich niemand vorstellen, dass in den unwirtlichen Regionen des Hochgebirges Krieg geführt und Stellungen, und zwar auch im Winter, gehalten werden können. Mit der ­Südwestfront, die zu 90 ­Pro­zent im Gebirge lag, zeigte der Krieg ein neues, schreckliches Gesicht – und das nicht nur bei den Kampfhandlungen. Hier wurde die Natur zum übermächtigen und unbarmherzigen Gegner. Steinschlag und Lawinen, Blitzschlag und Schneesturm forderten ihren Tribut. Im Kampf gegen die Naturgewalten, gegen Hunger, Kälte und Nässe wurde den Soldaten das Letzte abverlangt.

Als im Mai 1915 der Alamierungsbefehl die Tiroler Standschützen erreilte, hieß es, jeder habe mit zwei Paar festen Schuhen einzurücken. Doch woher nehmen, waren Schuhe doch rar und teuer. Die Ausrüstung des „letzten“ (die Kaiser- und Landesschützenregimenter war­­­­­en seit August 1914 in Galizien ­verheizt worden) und zugleich ersten Tiroler Aufgebots war ­alles andere als hochalpinen Verhältnissen entsprechend. Manche kamen mit Stadtschuhen, andere hatten Lederne mit genagelter Sohle, die trotz ­Einfettens kein Wasser abhielten. Kleidung und Socken aus ­grober Wolle, die wie ein Schwamm das Wasser aufsogen und im Winter steif froren. Übernachtet wurde in Zelten, die dem Regen nur schlecht und einem Sturm schon gar nicht standhielten, teils auch nur in Erdlöchern oder Taxhütten. Bericht vom östlichen Abschnitt der Tiroler Front: „Wir beim Train konnten uns Bretterhütten bauen, trotzdem kam ich durch fünf Wochen nie aus der feuchten Uniform und aus den nassen Schuhen. ... Die ewige Nässe war entsetzlich.“ In der Folge traten massenhaft Erkältungskrankheiten auf. Am 23. Juni 1915 wurde in Innichen Schütze Krallinger als erster ­Toter des Bataillons beerdigt – er hatte sich auf einer Patrouille eine tödliche Nierenentzündung geholt. 

Um Grate, Gipfel und Gletscher zu besetzen, mussten im Sommer 1915 Balken und ­Bretter, Nägel und Dachpappe, Ofenrohre und Munition, Tele­grafenstangen und Stacheldraht in teils unzugänglich ­geglaubte Gebiete geschleppt werden. Wo sogar Maultiere versagten, wurden Standschützen und zivile Trägertrupps selbst zu Trageseln. ­Fieberhaft wurden Schanz­arbeiten durchgeführt, wurden Laufgräben und Kavernen in Fels und Grundeis gegraben. Pickel und Schaufel, Hammer und Meisel waren das Werkzeug des Soldaten – nicht das Gewehr. Der Wettlauf um die besten Stellungen fand im wörtlichen Sinne bei Nacht und Nebel statt, um nicht in den Artillerieregen und Kugelhagel des Feindes zu gelangen. Wenn es draußen stockfinster war und der kaltfeuchte Nebel aufzog, hieß es: Alles raus – und absolute Ruhe. Josef Burger war dabei, als ein Artilleriegeschütz von Menschenkraft auf den Scorluzzo, den ersten Dreitausender der modernen Kriegsgeschichte, gezogen werden sollte. Mühsam kämpft sich der gespenstische Tross im rutschigen Schneematsch nach oben, bis die Spur in steiles, glattes Gletschereis übergeht. Knirschend schlagen die Stoßnägel von Josefs Schuhen ins Eis. Da rutscht der Erste, der Zweite, reißt ein Kamerad den anderen am Seil mit. Den Abhang hinunter – bis ein ­fluchender Menschenknäuel im Schnee stecken bleibt. Gott sei Dank, das eiserne Trumm steht noch oben. Weiter geht’s, so der Befehl des Offiziers. Das Ortlermassiv sollte ab 1916 die höchstgelegene Artillerie­stellung des Ersten Weltkrieges beherbergen. Mit russischen Kriegsgefangenen war es ­gelungen, mehrere Gebirgs­geschütze auf den Gipfel zu ­bringen. 

Im Herbst 1915 wurde eifrig an Baracken gebaut, allmählich richtete man sich auf den Winter ein. Welche Schrecken er bergen sollte, war nur den Wenigsten klar. Der Krieg war in Höhen gezogen, die man nicht umsonst bisher für ­unbewohnbar hielt. Noch im September nimmt man die Quartiere des Gegners ins ­Visier. Einen zurückgeschla­genen Angriff auf die Schaubachhütte beantworten die Standschützen mit der erfolgreichen Erstürmung der Cedechütte. Die Kälte kommt ­dabei zu Hilfe, die Alpini haben keine Handgranaten. Am 24. September schreibt Leutnant Bertarelli an seinen Onkel, von dem er persönlich Handgranaten für seine Truppe bezogen hat: „Ich sag’s Dir, Du Fabrikant von Handgranaten, dass ich vor ihnen einen gewissen Abgang habe, weil ihr Inhalt bei null Grad anfängt, dumme Sachen zu machen, ... seitdem lassen wir sie zuhause.“ Im Oktober schlagen die Italiener zurück und schießen mit einer in einem siebzehnstündigen Gewaltmarsch angeschleppten kleinen Gebirgskanone das Dach der Schaubachhütte und einen großen Teil des Proviants zu Schanden. Ein herber Verlust, kurz vor dem Winter.

Trotzten die Alpinregionen den Soldaten schon im Sommer ungeahnte Kraftanstrengungen und Enbehrungen ab, so wurden sie in der kältesten ­Jahreszeit zur weißen Hölle. Als die Schneefälle häufiger und andauernder wurden, war an Gefechte nicht mehr zu denken. Trotzdem mussten die Feldwachen ihre Stellungen beziehen – und nicht selten ausgeschaufelt werden. Der Rest der Truppe kauerte in der Baracke, die soviel Männern wie möglich Unterschlupf gewähren musste, wie aus einem Schreiben des italienischen Generals Etna deutlich wird: „In einigen Baracken konnte man bis jetzt ohne Ofen auskommmen, da die Temperatur wegen der hohen Belegungsdichte auch ohne künstliche Heizung angemessen war.“ Wenn draußen der Schneesturm tobte, reichte die eigene Körperwärme jedoch längst nicht mehr. Jede kleins­te Ritze zwischen den Brettern wurde spürbar, wenn man mit der meist feuchten Kleidung am Leib auf dem strohbedeckten Boden lag und um Schlaf flehte. Argwöhnisch wurde dann der kleine Holzofen beäugt, der überlebensnotwendig war, aber auch zur Falle werden konnte. Das vom Schnee ab­ge­kühlte Ofenrohr und die heftige Windstößen drückten den Rauch immer wieder zurück. Beißende Luft machte sich dann in der Baracke breit, ­führte zu geröteten Augen und Brechreiz. Bei unablässigem Schneetreiben konnte das Rohr gar verlegt werden. Dann hieß es: Zwei Mann raus zum Freischaufeln – und gegebenenfalls zum Verlängern des Ofenabzugs. Schließlich türmte sich der Schnee oft meterhoch und bogen sich die Dachbretter bedrohlich. 

Oft tage-, ja wochenlang ­eingepfercht in dem engen Verbau, zur Untätigkeit verdammt, blieb nichts anderes übrig, als Galgenhumor und Zusammen­halt zu bewahren. Eine Gitarre galt schon als Geschenk des Himmels, auch bei mäßiger Gesangskunst. Und wenn nicht Heimatweisen oder parfümierte Feldpost genügend innere Wärme gaben, half ein kräftiger Schlummertrunk – zwei Finger breit Tee, zwei Finger breit Schnaps. Letzterer war kost­barer Teil der Selbstversorgung, im eigenen Rucksack antransportiert und dementsprechend begehrt. Der gestrenge Hauptmann Hzya notierte als Befehl Nr. 21 in sein Tagebuch: „Ich bestrafe Unterjäger Weitgruber wegen Kameradschaftsdiebstahl, begangen dadurch er ­einem abwesenden Standschützen aus dessen Rucksack Schnaps entwendete, mit dem zweistündigen Anbinden.“ Am 24. Dezember gab es Liebes­gaben en masse, ja selbst eine Comtesse aus Wien hatte ins Portemonnaie gegriffen, um den Vaterlandsverteidigern Anerkennung zu zollen. Nur, mit der Schnurrbartwichse konnte keiner etwas anfangen, die ­Eitelkeit blieb auf der Etappe. 

Hier, am Ende der Zivilisation gab es andere Sorgen. „Schneesturm, ... drei Tage lang keine frische Verpflegung, auch kein Holz. ... Die Täger blieben stecken und schrien um Hilfe. ... ­Atmen im Schneesturm ist ­unmöglich, ... die Schneekris­talle wie Igelstiche in deinem Gesicht.“  Es waren vor allem russische Kriegsgefangene, die als lange Schar unerschrockener Gestalten ihre Spur durch Tiefschnee und Nebel zogen, um „die da oben“ im wörtlichsten Sinne am Leben zu er­halten. Die Opfer unter ihnen blieben ungezählt, ihre – freilich erzwungene – Opferbereitschaft wurde legendär. Bei Wind und Wetter losgeschickt, war die Gefahr, in Schnee­trei­ben und Nebel herumzuirren, von Lawinen eingeschlossen oder gar mitgerissen zu ­werden, ihr täglich Brot. Blieben sie aus, wurde es bitter für die Eingeigelten. Menage und Brennmaterial wurden knapp und knapper. Konservenkost und rohe Krautköpfe standen auf dem Speiseplan. Jener von Wien aus geschickte –  sprich die offizielle – Kriegsration war ohnehin Makulatur. Die Versorgungslage wurde im Laufe des Krieges immer miserabler. 1918 betäubt der k.u.k Soldat mit schwarzem Kaffee, einer Hand voll Zigaretten sowie dem so genannten „Dörr­gemüse“(gekochtes Gras) seinen Magen. Bis dahin kam in den verbeulten Blechtopf, was an- oder, besser gesagt, durchgekam. „Vom Einrücken bis zum Ende sind wir verhungert“, meint Johann Burger. 

Mit dem Sommer kommen wenigstens wieder brauchbare Liebesgaben für den Magen. Sind die Wege halbwegs passierbar, steigen auch 12-Jäh­rige mit prall gefüllten Rucksäcken auf. Ein harter Winter, ein verlustreiches Frühjahr sind vorüber. Nicht der Feind, die Natur hatte mit kalter Hand so manches Leben in den Abgrund ­gefegt. Unerfahrenheit ließ ­Baracken in lawinengefährlichem Gelände stehen und Wege über solches verlaufen. Durch Lawinen flog am Fon­tana Negra-Kar ein italienischer Unterstand mitsamt Insassen ins Tal – mitten in die österreichischen Stellungen; wurde im Fischleintal Hauptmann von Scotti mit seinen beiden Telefonisten zerquetscht; verloren am Monte Piano neun Offi­ziere und 80 Mann ihr Leben. Die Liste ist lang, doch der wahre Schrecken sollte erst kommen. Einen Vorgeschmack gab die Talstellung im Gemärk südlich Schluderbach, wo Freund und Feind aus den Schützengräben flüchteten, da zu beiden Seiten eine Lawine nach der anderen ins Tal donnerte. Nun stand man sich verdutzt in der Talmitte gegenüber – eine un­versöhnliche Natur führte zur ­vorübergehenden Versöhnung. 

Jetzt, in der sonnigeren ­Jahreszeit kann sich auch das ­Gemüt der Soldaten für Stunden erwärmen. Die Schön­heiten der Gebirgswelt ver­leiten zur Schwärmerei und lassen den Krieg wie einen ­bösen Traum erscheinen. Wenngleich die Kulisse bizarr bleibt. Von den höchsten Feldwachen des Ortlermassivs, auf fast 4000 Metern, genießt man einen herrlichen Fernblick, bis hin nach Venedig – und hört das Grollen der Isonzoschlachten. Bergromantik zog auf: „Es ist eine wunderbare Nacht. Der Mond scheint mir ins Gesicht, und ich betrachte ihn mit Freude, weil er in mir so viele schöne Erinnerungen weckt. Nur ein schneidender Wind weht und nimmt mit seinem heftigen Pfeifen die Klagen meines armen Herzens mit sich fort. Wenn man in der Nacht  Stunden um Stunden alleine ist, wird man melancholisch. Und was machst Du, die nichts mehr von sich hören lässt?“, schreibt Luigi Gaspari an die Liebste über seine ­Gipfelwache. Der Alltag wird erträglicher. Endlich macht es auch wieder Sinn, Wäsche zu waschen – besteht die Chance, dass sie trocknet. Sogar Heimaturlaub für drei Tage zum Heueinbringen im Tal sind drin. Zumindest ab in die ­Etappe. Davor wird allerdings entlaust und gebadet, versteht sich. In der Agumser Au etwa verfügt das Barackenlager über ein „Freibad für retablierende Truppen“ – sprich eine Ent­lausungsanstalt. „Ausgeschaut haben sie oft wild im Gesicht, oft verwittert und verwettert, halb gerupft, halb rasiert“, ­berichtet Josef Pingerra, Jahrgang 1901, aus Prad. In den Hotels in Trient oder Meran kann man auf ganze andere Erscheinungen treffen. Echte Etappenmenschen mit schwarzer Hose und ­Zylinder, von höherem Rang natürlich, die auf der Café­terrasse hitzige Diskussionen statt Gefechte führen. Die friedvollen Tage währten jedoch nicht lange, dann geht es erneut rauf „in die Eislöcher“. 

Im Frühjahr hat auch wieder der Wettlauf um Gipfel und Gletscher eingesetzt, wird gegraben, gesprengt und nicht zuletzt ­geschossen. Stellungen werden ausgebaut und noch mehr Männer in die Berge gejagt. ­Baracken hängen wie Schwalbennester, mit Drahtseilen ­gesichert in den Felswänden. Um den entsprechenden Nachschub an Verpflegung, Material und Munition nach oben, Verletzte und Malade nach unten bringen zu können, werden, wenn irgend möglich, Seilbahnen errichtet. Auf die Marmolata müssen täglich ­allein zwei Tonnen Proviant gebracht werden, um den 700 Mann das Überleben zu sichern, die sich in den österreichischen Stellungen zwischen 2300 und 3344 Höhenmetern verschanzt haben. Das Basis­lager bei der Seilbahnstation am Gran Poz besteht aus einer Hüttensiedlung für 300 Sol­daten. Sie steht an verhängnisvoller Position, was keiner ahnt. Außer der Kommandant der Bergführerkompanie, Oberstleutnant Leo Handl. Hätte man nur auf ihn gehört, wird es später heißen. 

Er kommt auf leisen Sohlen. Erster, zarter Neuschnee fällt auf die Stellungen, schmiegt sich an die Felsen, legt ein ­weißes Tuch über die Bergwelt – ein Leichentuch. Der Winter 1916/17 begräbt den Wahnwitz des Krieges unter eiskaltem Schrecken. Bereits im November schneit es so gut wie un­­unterbrochen, türmt sich ein ­Meter auf den anderen, Barackendächer und Telegrafenmasten verschwinden unter den Massen. Auf beiden Seiten der Front wird ums Leben ­geschaufelt, das Erfrieren und Verhungern ganzer Abschnitte droht. Ab Anfang Dezember (Schneestand acht Meter) zehn Tage durchgehendes Schneetreiben. Der Himmel verschwindet, es wird beklemmend still. So still wie in der „Eisstadt“. Mitten auf der Marmolata war seit dem Sommer etwas Surreales entstanden. Basierend auf einer Idee von Leo Handl hatten sich die ­Österreicher in die Eingeweide des Gletschers gegraben. Mit Eisbeilen und Speeren wurde ein Stollensystem vorange­trie­ben, das sich im Frühjahr 1917 auf über 12 km erstrecken und einen Höhenunterschied von 1000 Metern überwinden ­sollte. In ausgehauenen Grotten werden Holzhütten montiert – Truppen- und Offiziersunterkünfte, Munitionslager, Verbandsplatz, Toiletten. An die 300 Mann finden Unterkunft, bei drei bis fünf Grad plus im Winter – was Luxus ist. Zudem sind Wasser, Vorratsräume und Kühlkammern im Überfluss vorhanden. Gletscherspalten werden mit Leitern und Stegen überwunden und für die Trassierung ausgenutzt. Sie müssen jedoch genau beobachtet werden. Eine Baracke mit Küche für 45 Mann wurde von den wandernden Eismassen bereits zerquetscht. Leo Handl wird zum Gletscherexperten. An anderen Glet­scherfronten, wie am Ortler, Adamello und am ­Presenagletscher nützt man die gemachten Erfahrungen. Der sicherste Ort im Kriege liegt im ewigen Eis. 

Handl schlägt vor, die Sol­daten von Gran Poz  in die Eisstadt zu verlegen. Auch Hauptmann Rudolf Schmid erbittet mehrfach um zumindest vorübergehende Räumung, ist die Gefahr doch förmlich zu ­riechen. Doch Feldmarschall Leutnant Ludwig Goinger verweigert. Als in der Nacht vom 12. auf den 13. Dezember der Schnee in Regen übergeht, lösen sich rund 200.000 Tonnen Schnee unter der Gipfeleishaube und donnern in das Barackenlager. 230 Kaiserschützen und 102 Bosniaken der Trägerkolonne finden den Tod. Noch im Mai werden von der Sanität Opfer geborgen. Wenngleich 51 Kameraden lebend geborgen werden können, bietet sich der zu Hilfe geeilten Bergführertruppe ein Bild des Grauens.  

Oben am Gipfel der Punta Penia, auf 3344 Metern wartet inzwischen die Feldwache tief eingeschneit auf ein Lebens­zeichen. Seit Tagen sind alle ­Telefonverbindungen unterbrochen, ist an den Aufstieg ­einer Versorgungstruppe nicht zu denken. Am 27. Juli war eine achtköpfige „stehende ­Offiziers­patrouille“ hier angekommen, wie aus den Eintragungen am Gipfel­buch hervorgeht. Schließlich wird daraus eine einfache Feldwache, die sich Kopf um Kopf dezimiert. Einer wird krank, ein anderer verwundet, den Dritten trifft der Blitz. Doch einer bleibt – selbst als eine Handgranate fehlzündet und ihn an der Hand verletzt. Es ist Patrouillenführer Anton Trockner aus Kastelruth, der nicht mehr hinunter will. Seit Juli lebt er am Gipfel, in Einsamkeit und Eis, lauert auf den Feind. Wenn schwere Wolken am Horizont aufziehen und die entfesselten Kräfte eines Gebirgsgewitters oder Schneesturms um ihn ­toben, geht er in Kauerstellung. Der Weg zum Unterschlupf ­erscheint ihm  wie eine Ewigkeit, wie die Spanne zwischen Himmel und Hölle. Seltsam still wird es dann in ihm. Bis etwas in ihm brüllt: Los!  Olaf Sailer 

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