Vom Isonzo zur Villa Giusti

Im Sommer 1918 war Österreich-Ungarn wirtschaftlich und politisch am ­En­de. Begonnen hatte der Untergang mit der erfolgreichen 12. Isonzoschlacht am 24.10. 1917.

Noch zu Ende des Jahres 1917 sah es aus, als ob Österreich-Ungarn nach drei Jahren erbitterter Kämpfe zu den Siegermächten des Ersten Weltkrieges zählen würde. Im Osten hatten die ­militärischen Erfolge der Mittelmächte dazu geführt, dass das Zarenreich in den Wirren der Revolution des Jahres 1917 ­unterging und Russland den Friedensvertrag von Brest-­Litovsk unterzeichnen musste. Rumänien, seit September 1916 im Krieg mit den Mit­tel­mächten, hatte bedingungslos kapituliert, an der Süd­west­front gelang in einer gro­ßen Durchbruchsschlacht der Vorstoß vom Isonzo an die Piave – Italien stand am Rande der Niederlage. Doch während man nach außen hin Erfolge feierte, wurden die Verhält­nisse innerhalb Österreich-Ungarn immer chaotischer. Das zunehmende Nationa­­litätenproblem sowie die ­im­mer schlechter werdenden wirtschaftlichen Verhältnisse waren entscheidend für den ­Zusammenbruch der österreichisch-ungarischen Monarchie im Oktober 1918. Ein ­Untergang, der durch einen teuer erkauften militärischen Erfolg an der Südwestfront eingeleitet wurde.

In den frühen Morgenstunden des 24. Oktober 1917 durchbricht in der Talschlucht von Saga bei Flitsch das der deutschen 14. Armee unterstellte erste k. u. k. Korps das Grabennetz der ­Italiener, die durch einen ­vorausgehenden Giftgasangriff große Verluste erlitten haben. Südlich davon, bei Tolmein, stürmen drei deutsche Korps in Richtung Westen. Am zweiten Tag der Offensive schließen sich zwei österreichische Armeen der Heeresgruppe von Generalfeldmarschall Svetozar Boroevic von Bojnar – dem „Löwen vom Isonzo“ – an. Der Wettlauf zur Piave beginnt. Mit dem Durchbruch bei Flitsch und Tolmein wächst in Österreich die Zuversicht, der Krieg würde eine entscheidende Wende zu Gunsten der Mittelmächte nehmen. Doch der Vormarsch gerät ins Stocken, der zurückweichenden italie­nischen Armee gelingt es den Fluss zu überqueren und alle Brücken zu sprengen. Die feindlichen Truppen setzen sich am Westufer der Piave fest. Dass der Vormarsch ­ge­stoppt wird, hat aber wei­tere Gründe: Der von Feldmarschall Conrad von Hötzendorf von Norden geführte Vorstoß scheitert im Abwehrfeuer der Italiener an der Linie Valsta­gne-Assatal, und die Versorgung der Truppen mit Nahrung und Aus­rüstung kann nicht mehr ­aufrechterhalten werden. Auch Waffen- und Munitionslieferungen bleiben aus. Das, was zu Begin als kriegsentscheidender Schritt gewertet wurde, wird zum Fiasko. Und offenbart den wahren Zustand der durch den Krieg stark geschwächten Wirtschaft, die nicht in der ­Lage ist, weder die Armee noch die Bevölkerung des Vielvölkerstaates ausreichend zu ver­sorgen. 

Bereits im Jahr 1917 machte sich ein Mangel an Eisen und Kohle deutlich bemerkbar, was ­dazu führte, dass im Frühjahr 1918 zahlreiche Großbetriebe in der stahlerzeugenden Industrie ihre Produktion einstellen mussten. Die Wirtschaftskrise weitete sich aus, auch die Produktion und Einfuhr von Lebensmitteln schrumpfte drastisch. Im Sommer 1918 ­begann sich der Nahrungsmangel zur Katastrophe aus­zuweiten – sowohl bei ­Zivil­bevölkerung, als auch Armee. Ende Juli waren die ­Reserven in den Depots erschöpft, die Männer an der Front konnten kaum mehr versorgt werden. Unterernährt und geschwächt trat die k. u. k. Armee im Sommer 1918 zu ­einer letzten, verzweifelten Offensive an der Südwestfront an. 

Doch die italienische Armee hatte sich im Laufe des Frühjahres nicht nur von der ­Oktober-Niederlage erholt, sie wurde in der Zwischenzeit durch englische und franzö­sische Truppen verstärkt. Hinzu kamen Materiallieferungen der USA, die Deutschland am 6. April 1917 und Österreich am 7. Dezember 1917 den Krieg erklärt hatten. Der Angriff der Österreicher war eine Flucht nach vorn. Nicht nur, dass der Vormarsch durch ­eine halbverhungerte Armee ohne ausreichenden Nachschub erfolgen sollte, die Führung ­war sich auch über Art und Weise der Offensive uneinig. Hötzendorf wollte seine alte Lieblingsidee verwirklichen und von dem Gebiet der sieben ­Gemeinden (siehe Seite 52) aus angreifen, während Boroevic für einen Frontalangriff über die Piave eintrat. Da es das Armee­oberkommando  (AOK) unter Generaloberst Arz und Kaiser Karl nicht wagte, ­einen der beiden Feldherren vor den Kopf zu stoßen, kam es zu einer Aufsplitterung der ­Angriffstruppen. Eine massive Schwächung der eingesetzten Einheiten war die Folge. So wurde, trotz einiger kleinere Anfangserfolge, die am 15. ­Juni 1918 begonnene Offensive ­bereits am 24. Juni 1918 wieder ­abgebrochen. 

Doch nicht nur militärisch und wirtschaftlich, auch po­litisch war Österreich-Ungarn zu diesem Zeitpunkt am Ende – die Umwälzung Europas ­begann. Bereits am 18. Mai ­hatte der tschechische Poli­tiker Thomas Masaryk im Namen der Exilregierung in Pittsburg die tschechoslowakische Republik ausgerufen. Die ­offizielle Proklamation erfolgte am 26. ­Oktober 1918 in Prag. Am 26. ­September 1918 bat das mit den Mittelmächten verbün­dete Bulgarien, am 18. Oktober 1918 das Osmanische Reich um Waffenstillstand. Das Ende der Mittelmächte war damit be­siegelt. 48 Stunden vor der ­türkischen Petition um Waffen­ruhe hatte Kaiser Karl sein ­Programm zum Selbstbestimmungsrecht der Völker pro­kla­miert und damit versucht, allerdings zu spät, föderalistische Strukturen einzuführen. Am 21. Oktober trat der 1911 gewählte Reichsrat mit den Mandataren Deutsch-Österreichs, Deutsch-Böhmens und Deutsch-­Mäh­rens in Wien als „Provisorische Nationalversammlung des selb­­­stständigen Deutsch-­Öster­reichischen Staates“ wieder ­zusammen. Die Koalition aus Sozialdemokraten, Christlichsozialen, Deutschnationalen und Liberalen bildete dabei als „Staats­rat“ eine provisorische Regierung. Als Kaiser Karl am 11. November 1918 zurücktrat, übernahm der Staatsrat auch offiziell die Regierungsgewalt.

In der Zwischenzeit hatte am Morgen des 24. Oktober an der gesamten Südwestfront die lange erwartete Offensive der italienischen Armee begonnen. An allen Frontabschnitten zog sich die völlig ausgemergelte und demora­lisierte k. u. k. Armee zurück, nur vereinzelt konnten Einheiten dem Angreifer standhalten. Doch die Lage war aussichtslos – Regimenter desertierten, eine geordnete Befehlskette war nicht mehr vorhanden. 

Eine halbe Stunde vor Mitternacht des 2. November 1918 ermächtigt Kaiser Karl den Chef der Operations­abteilung General von Waldstätten, die Bedingungen des von den Italienern diktierten Waffenstillstandes anzunehmen. Ein Waffenstillstand, der zehn­tausende Angehörige der k. u. k. Armee in italienische Gefangenschaft führen sollte.  Hugo Huber 

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