Die tödliche Macht

Artilleriebeschuss, Minenkrieg, Luftangriffe, Giftgas – der Erste Weltkrieg war der erste hochtechnologisierte Krieg. Massenvernichtungswaffen leiteten eine neue Ära der Kriegsführung ein.

Die Zigaretten in unseren Händen verdampfen unter immer hastigeren Zügen. Ein paar Granaten kommen, aber wir tauchen gar nicht mehr unter, aus Furcht, das Neue zu überhören. Der Telephonsummer wimmert Aufruf. In diesem Augenblick schmettert es vor uns in den Beton, wir werden gegen die Panzerwand geschleudert. Ich ringe nach Atem, mein Gesicht ist kalt und schweißbedeckt. Mit zwinkernden Augen sehe ich Papak an. Auch auf seinen Zügen malt sich maßloses Erschrecken. In der Wölbung vor der dritten Haubitze gähnt ein gewaltiges Loch.“ Der Schre­cken, den Fritz Weber in „Der Alpenkrieg“ beschreibt, ist verständlich. Als uneinnehmbar gilt die Festung Verle. Auf 1554 Meter gelegen soll sie mit den anderen massiven Befestigungsanlagen wie Lusern und Gschwent die Hochebene von Lavarone vor einem Angriff der Italiener schützen. Doch die anfängliche Zuversicht der österreichischen Besatzung von Verle weicht rasch angst­erfülltem Zittern. Unaufhörlich sind sie ab dem 24. Mai 1915 dem Bombardement der italienischen Artillerie ausgesetzt, die Mauern erzittern unter den Einschlägen der Granaten aus den 28-cm-Haubitzen. Über 300 Treffer in 24 Stunden. Doch das gähnende Loch bei der dritten Haubitze stammt nicht von einer 28er. Das halbrunde Stahlstück, die Spitze des Geschosses, das den Panzer durch­schlagen hat, lässt­ nur einen Schluss zu: eine 30,5-cm-Haubitze. Noch gewaltigere Geschosse. Für die Besatzung stellt sich die bange Frage: Halten die Mauern, halten Eisenbeton und Stahl? Oder ist das „Meisterwerk des Ingenieurwesens“ schon wenige Jahre nach seiner Erbauung derart veraltet, dass Verle dem Beschuss der modernen italienischen Artilerie nichts entgegensetzen kann? Dass die Mannschaft wie auf einem Präsentierteller zum Abschlachten freigegeben ist?

Wie kaum ein anderer Krieg zuvor war der Erste Weltkrieg vom Aufeinanderprallen krasser Gegensätze geprägt. Der ­österreichische Hurra-Patriotismus wie „Jeder Tritt ein Brit“ oder „Jeder Stoß ein Franzos“, der naive Glaube vom tapferen Kampf Mann gegen Mann verpuffte rasch vor der Realität an der Front. In gewohnter Taktik geschlossen vorstürmende Einheiten wurden vom Maschinengewehrfeuer nieder­gemäht, wurden von Flammenwerfern gestoppt. Mit tausenden Tonnen Dynamit wurden Berghänge weggesprengt, die durch Sturmangriffe nicht eingenommen werden konnten. Der Krieg hatte auch den Himmel erreicht. Italienische Flieger starteten Bombenangriffe auf Städte im österreichischen Hinterland, über den Bergen lieferten sich österreichische Kampf-Doppeldecker Luftgefechte mit italienischen Caproni-Maschinen. Und am Boden erstickten Tausende Soldaten hilflos am tödlichen Giftgas. Der Erste Weltkrieg war ein neuer, ein anderer Krieg. Ein technisierter Krieg.

Verle übersteht den ersten Angriff der modernen italienischen Waffentechnik, bei anderen Festungen zeigt der Beschuss verheerende Wirkung. Lusern wird so stark beschädigt, dass der Kommandant die Kapitulation anordnet – für die Italiener die Durchbruchsmöglichkeit nach Norden. Doch von Verle und Gschwent aus werden die vorrückenden Italiener unter starkes Schrapnellfeuer genommen und müssen den Vorstoß abbrechen. Im August startet die nächste Offensive. Zehn Tage Dauerbeschuss, dreitausend 30-cm-Granaten, doppelt so viele 28er – Stück für Stück wird Verle zusammengeschossen. Die Festung soll sturmreif  geschossen werden. Dann der Angriff. Maschinengewehre hämmern, Schrapnells kreischen, Kanonen feuern. Die Italiener rennen gegen eine Feuermauer, der Angriff bricht zusammen. Trotz schwerster Beschädigungen haben die bis zu 260 Zentimeter dicken Panzerungen gehalten, der Rest der ursprünglich 300 Mann starken Besatzung kann Verle verteidigen.

Verteidigen konnten Italiener und Österreicher auch ihre Hochgebirgsstellungen. Kleiner Lagazuoi, Castelletto, Col di ­Lana, Monte Pasubio – an Felswände gekrallt, unter schützenden Überhängen verborgen und durch uneinnehmbare Grate geschützt lieferten sich Alpini und Kaiserjäger einen erbitterten Stellungskrieg auf über 2000 Meter Höhe. Ein Stellungskrieg, in dem ein Raumgewinn von wenigen Metern mit zahlreichen Toten und Verwundeten blutig erkauft werden musste. Ein Stellungskrieg, der neue Methoden der Kriegsführung verlangte. 

Nach heftigen Gefechten besetzen italienische Alpini im Sommer 1915 alle Gipfel und Hänge der drei Tofanen – außer den Castelletto, am Fuß der Tofana I. Rund 80 Kaiserjäger halten die Stellung, zwei Maschinengewehre und zwei Minenwerfer machen den Sattel zwischen Tofana und Cas­telletto zum unüberwindbaren Hindernis. Über den Sattel geht nichts, aber unter dem Sattel? Im Jänner 1916 beginnen die Alpini mit dem Bau eines Minenstollens, 300 Meter unter der österreichischen Stellung. Zuerst händisch, ab April mit zwei Bohrmaschinen. 120 Sappeure, rund fünf Meter graben sie sich pro Tag in den Berg. Ab März wissen die Österreicher von den Stollen­arbeiten, hören die Motor- und Bohrgeräusche, zählen bis zu 70 Sprengschüsse am Tag. Mit Handgranaten und Rollbomben versuchen sie, die Italiener an der Arbeit zu hindern – erfolglos. Im Juli verstummen die Geräusche im Berg. 20 Meter unter der Kaiserjägerstellung ist die Minenkammer fertig, gefüllt mit 35.000 Kilo Sprenggelatine. 11. Juli, 3.30 Uhr. Leutnant ­Luigi Malvezzi zündet die ­Mine, der Berg erzittert. Die südlichen Felstürme des Cas­telletto neigen sich, stürzen ins Tal. Der Sattel zwischen To­fana und Schreckenstein – ein einziger Sprengtrichter. 30 Österreicher sind tot. Der Rest kriecht aus den in den Berg gehauenen Kavernen, wehrt sich gegen die angreifenden Alpini. Verzweifelt. Bis zum 12. Juli. 46 Österreicher sind tot, 39 geraten in Gefangenschaft.

1916 ist das Jahr des Minenkriegs in den Bergen. Am Kleinen Lagazuoi sprengen sich Österreicher und Italiener gegenseitig aus dem Berg, im September zerfetzen über 13 Tonnen Spreng­stoff den Gipfel des Monte Cimone – über 100 tote Italiener, knapp 500 überleben das Inferno und werden gefangengenommen. Nur wenige Monate zuvor war es umgekehrt. Seit Kriegsbeginn versuchten die Italiener den Gipfel des Col di Lana zu erobern, rannten vergeblich gegen die Stellung der Österreicher an. Dann bohren sie sich in den Berg, untergraben die Stellung, sprengen am 17. April mit fünf Tonnen Dynamit tausende Tonnen Fels aus dem Gestein – 200 tote Österreicher, der Rest der Kompanie gerät in Gefangenschaft. Doch am Frontverlauf ändert sich nicht viel. Die Österreicher besetzen den nahe gelegenen Monte Sief, halten den Gipfel über den Winter.

 Der Winter in den Bergen, der Krieg auf den Gletschern verlangte den Soldaten alles ab. Und benötigte eine spezielle Ausbildung – Skifahren. Schon Ende des 19. Jahrhunderts begann sich die k. u. k. Armee aus militärischer Sicht für den Skilauf zu interessieren, einige Feldjägerbataillone der Kaiserjäger verfügten über Skidetachements. Doch das winterliche Alpintraining war nicht unumstritten. „Von einer winteralpinen Ausbildung war vor der Ära Conrads als Chef des Generalstabs keine Spur“, heißt es bei dem k. u. k. Ausbildner Hermann Czant. Im Gegenteil: Die Skifans galten als verrückt. Doch der Krieg änderte die Einstellung. Ausbildner und Material waren gefragt. Pioniere des Skisports wie Mathias Zdarsky, Georg Bilgeri und Hannes Schneider unterrichteten tausende österreichische und deutsche Soldaten. Bilgeri war auch für die k. u. k. Skiwerkstätte in Salzburg verantwortlich, in der der Arlberger Rudolf Gomperz als technischer Leiter arbeitete. Vor dem Krieg produzierten rund 25 Mann 1500 Paar Ski im Jahr, am Ende des Krieges war die Skiwerkstätte ein Rüstungsbetrieb, in dem rund 700 Armeeangehörige und tausende Kriegsgefangene 50.000 Skigarnituren, 150.000 Paar Steigeisen und 120.000 Paar Schnee­reifen erzeugten.

Die Skiausrüstung sollte die geländetaugliche Fortbewegung im Hochgebirge sicherstellen, an groß angelegte Kampfeinsätze der Skifahrer dachte die k. u. k. Armee nicht. Doch die Italiener probierten es – am Lobbiagletscher unterhalb des Crozzon die Lares. K. u. k. Oberstleutnant Franz Kern über die Attacke: „Eine starke italienische Skiabteilung versuchte einen überfallsartigen Angriff. Blitzschnell schoss die weitaufgelöste Schar in weißen, wehenden Schneemänteln in voller Schussfahrt über den Gletscher auf unsere Linien zu. Unsere Maschinengewehre begannen hart und kurz zu bellen, Infanteriefeuer prasselte über die Firnfelder. Die Wirkung war entsetzlich. Wirre Haufen schlagender Menschenleiber zerrissen die fliegende Linie des Feindes. Mit unglaublicher Todes­verachtung raste der Rest auf uns zu. Kein Mann blieb übrig.“

Nicht nur die Skikompanien der Alpini und der Kaiserjäger waren ein Novum im Krieg – das Militär eroberte auch den Luftraum. Aber die k. u. k. Lufttruppen waren auf einen Kampfeinsatz nicht vorbereitet, die Staffel zählte nur 36 Flugzeuge, die anfangs nur als unbewaffnete Fernaufklärer eingesetzt wurden. Doch dann erkannte man den militärischen Nutzen der Flieger. Die ersten Bomben wurden noch mit der Hand ­abgeworfen, dann wurden Flugzeuge mit Maschinengewehren ausgestattete, man ­begann ­zwischen Jagd-, Beo­bachtungs- und Bomberflugzeugen zu unterscheiden. Auch bei der ­k. u. k. Armeeführung kam es zu einem Umdenken. 1917 wurden in sieben Fabriken 150 Flugzeuge im Monat hergestellt, im gleichen Zeitraum wurden 50 Piloten ausgebildet. Doch die Österreicher hatte den von der Entente unterstützten Italienern nur wenig entgegenzusetzen, konnten Fliegerangriffe auf Lienz, Bozen, Franzensfeste und Innsbruck nicht verhindern. Vereinzelt kam es zu Luftgefechten zwischen Österreichern und Italienern, ein Kampf Maschine gegen Maschine, Mann gegen Mann – der Mythos vom ritterlichen Luftkampf. 

Weit weniger ritterlich ging es am Boden zu. An der Westfront, in der zweiten Schlacht von Ypern, war Ende April 1916 zum ersten Mal Giftgas eingesetzt worden. Am 24. Oktober 1917 griffen Österreich-Ungarn und Deutschland auch in Flitsch und Tolmein zum Kampfstoff. Auf Granaten und Minen waren blaue und grüne Kreuze gepinselt. Die „Blaukreuze" enthielten Diphenylchlorarsin, das über Reizungen der Schleimhäute zu Niesen, Husten und Erbrechen führte. Die „Grünkreuze“ waren mit Phosgengasen gefüllt, die absolut tödlich wirkten – hunderte  Italiener hatten keine Chance. Fritz Weber hat das Grauen miterlebt. „Tote, wie Gruppen von Wachsfiguren. Die meisten an den Wänden ihrer Unterkünfte hockend, das Gewehr zwischen den Knien, die Rüstung umgeschnallt. In einer ­Baracke ihrer vierzig, beim Ausstieg die Offiziere, die Unteroffiziere; Telephonisten mit umgeschnallten Kopfhörern, den Schreibblock vor sich, den Bleistift in der Hand. Nicht einmal der wertlosen Mundbinden hatten sie sich bedient. Sie müssen gestorben sein, ohne auch nur zu ahnen, was da draußen geschehen war.“

Sie ahnten nicht, was draußen geschehen war. So wie sie bei Kriegsausbruch – wie Millionen Soldaten auf Seiten der Mittelmächte und der Entente – nich ahnen konnten, was auf sie zukommt. Ein neuer Krieg. Ein Krieg, der von tödlicher Technik geprägt wurde.  Andreas Hauser 

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