Durch den Berg

Im Schwazer Dolomit liegen die reichsten Fahlerzvorkommen der Alpen. Mit harter Handarbeit, ausgeklügelten Vortriebsmethoden und technischen Innovationen holten die Knappen das Erz aus dem Berg – für Silber im Mittelalter, für Kupfer vor über 3000 Jahren.

Ein Stier ist es gewesen. Hoch oben auf den saftigen Bergwiesen des Eiblschrofen wühlte er wuterfüllt mit seinen Hörnern im Boden, legte die Erde frei, schleuderte Rasenstücke und Gesteinsbro­cken um sich. Die Magd Gertraud Kandlerin, als Viehhüterin bei der Herde, nahm einige der Steine mit ins Tal. So gut gefielen ihr die schillernden Farben. Unten am Inn wurde der Metallgehalt erkannt – der Berg hatte sein erstes Silber freigegeben.

So erzählt die Sage den Beginn des Schwazer Silberbergbaus Anfang des 15. Jahrhunderts. Ungewöhnlich für eine mündlich tradierte Geschichte datiert sie das Ereignis auf 1409. Ob es sich dabei wirklich um den Anfang der mittelalterlichen Erzgewinnung in den Bergen südlich von Schwaz handelt, ist ungewiss. Die Berg­chronik nennt 1420 als den Start des Abbaus am Falkenstein. Sechs Jahre später stieß man am Pirchanger auf Erzvorkommen und eröffnete die Alte Zeche. Doch die Knappen des Mittelalters waren nicht die Ers­ten, die an dieser Stelle nach Metallen gruben. Schon um 1500 v. Chr. wurde am Pirch­anger, wahrscheinlich auch am Ringenwechsel und Falkenstein Kupfer abgebaut.

Vom tagnahen Kupferabbau der vorgeschichtlichen Zeit bis zur Silbergewinnung in den weit ver­zweigten Stollen- und Schacht­systemen des Mittel­alters und der Neuzeit, von der einfachen Feuersetzung zur ausgeklügelten Vortriebtechnik in ungeahnte Tiefen war es ein weiter Weg. Ein Weg, auf dem zehntausende Bergmänner mit ihrer Arbeit Schwaz zur Wirtschaftsmetropole Europas machten und mit ihrem Einfallsreichtum und Erfindergeist den technischen Fortschritt des Bergbaus mitbestimmten.

Lange Zeit galt der Schwazer Bergbau als Spätstarter, der Falkenstein und die anderen Erzlager bis ins 15. Jahrhundert als „unbefleckt“, obwohl schon 1273 ein Hof am Arzberg (=Erzberg) in der Nähe von Schwaz urkundlich erwähnt wurde. Auch das Schwazer Bergbuch aus dem Jahr 1556 erwähnt die „haidnisch Zechl in den tag gehanngen an den pergen“ – durch Feuersetzung entstandene, prähistorische Zechen. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts war bekannt, dass es in Tirol im Bereich der Kitzbühler Kelchalm prähistorischen Kupferbergbau gegeben hatte, allerdings stand in Kitzbühel Kupferkies als Ausgangserz für die Kupferproduk­tion zur Verfügung.

Eine prähistorische Verhüttung vom Schwazer Fahlerz (siehe Kasten Seite 91) zur Kupfergewinnung galt lange Zeit als technisch nicht durchführbar, obwohl seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts vermehrt Hinweise auf einen bronzezeitlichen Bergbau in Schwaz auftauchten. So entdeckte der Tiroler Landesgeologe Peter Gstrein 1963 und 1975 an Erzausbissen am Burgstall vorgeschichtliche Keramikscherben. 1992 gelang es ihm, mit C14-Datierungen von bei Feuersetzungen verwendeter Holzkohle zu belegen, dass in der ausgehenden Bronzezeit im Schwazer Dolomit nach Fahlerz gesucht wurde. Zwei Jahre später wurde bei Radfeld der erste bronzezeitliche Verhüttungsplatz im Bergbaugebiet Schwaz/ Brixlegg freigelegt. Die wissenschaftlichen Untersuchen ergaben, dass an dieser Schmelze um 1000 v. Chr. Fahlerze verhüttet wurden. Für den Freiburger Montanarchäologen Gert Goldenberg ein Hinweis, dass der Schwazer Bergbau vielleicht schon lange vor dem 15./16. Jahrhundert n. Chr. eine zentrale Rolle gespielt haben könnte. Denn in der Mitte des 12. Jahrhunderts v. Chr. vollzog sich ein auffallender Wechsel in der in Mitteleuropa verwendeten Bron­­­ze. Das aus Kupferkies gewonnene Kupfer wich einer ­Sorte des Typs „Fahlerzmetall“ – und die größten Fahlerzvorkommen des Alpenraums liegen bei Schwaz.

So wie in diesem Bereich noch viele Fragen ungelöst sind, liegt auch das Ende des Schwazer Kupferabbaus im Dunkeln. Angenommen wird, dass der Einmarsch der Römer das Ende für die Zechen bedeutete. 15 v. Chr. überquerte Drusus, der Stiefsohn des Kaisers Augustus, mit 20.000 Mann den Brenner. Tirol war somit Teil des römischen Weltreichs, das mit seinem Überfluss an Kupfer auf die heimischen Vorkommen nicht angewiesen war. Und Silber konnte aus dem Schwazer Fahlerz mit dem damaligen Stand der Schmelztechnik nicht gewonnen werden. Mehr als 1400 Jahre mussten vergehen, bis am Falkenstein wieder nach Erz gesucht werden sollte.

Die Sage vom Koglmooser Stier nennt 1409 als Neustart des Bergbaus in Schwaz, Pe­ter­ Gstrein geht vom Übergang des 14. ins 15. Jahhundert aus. Und die Prospektoren können durchaus als die ersten Alpinis­ten Tirols bezeichnet werden – denn das Auffinden eines Erzausbisses benötigte ein genaues Begehen und Beobachten des Geländes. Auffällige Gesteinsausbildungen, inhomogene Flächen, anstehendes Gestein an Bachläufen und Rinnen gaben Hinweise für die geeigneten Neuschurfstellen. Doch die Erzsucher der ersten Stunde hatten einen unheimlichen Vorteil: Die alten Abbaugebiete waren durch die Standfestigkeit des harten Dolomits noch zu erkennen. Es waren durch Feuersetzung entstandene, kuppelartige Mulden, die bis zu 40 Meter in den Berg hinein reichten. Mit Holzfeuern wurde das Gestein aufgeheizt, um es mürber und dadurch leichter abbaubar zu machen. Der harte Schwazer Dolomit platzte dabei schalenartig vom Fels weg und hinterließ diese ­typischen Hohlräume.

Für den spätmittelalterlichen Erzabbau war die Methode der Feuersetzung allerdings nicht geeignet. Denn nachdem die bis an den Tag reichenden Schätze abgetragen worden waren, musste tiefer in den Berg geschlagen werden. Aus technischen Gründen wurden die Stollen von der Sohle an steigend vorgetrieben. Einerseits konnten dadurch die Bergwasser abfließen, andererseits mussten die voll beladenen Grubenhunte nicht aufwärts aus dem Berg hinausgeschoben werden. Feuersetzung hat aber einen entscheidenden Nachteil. Die heiße und verbrauchte Luft steigt nach oben und kann aus dem Stollen nicht abziehen. Trotz Bewetterung wäre somit der Einsatz der Knappen für längere Zeit nicht möglich gewesen. Die Konsequenz: Zeit- und Geldverlust.

Mit Eisen und Schlägel, Ritzeisen und Keilen gruben sich die Knappen auf der Suche nach den begehrten Metallen in den Berg. Metalle, über deren Ursprung sie – trotz technischer Höchstleistungen – noch sehr unwissenschaftliche Vorstellungen hatten. So nennt ­Ulrich Rülein von Calw in seinem um 1500 geschriebenen „Ein nutzlich bergbuchleyn“ den Himmel als Schöpfer der Erze: „Jedes Erz empfängt seinen besonderen Einfluss von dem Planeten, nach dem es genannt ist, so dass der Planet und das Erz in ihren Eigenschaften in Wärme, Kälte, Feuchtigkeit und Trockenheit übereinstimmen.“ Gold entsprach der Sonne, das in Schwaz gewonnene Silber dem Mond. Calws Erläuterungen erklären sich auch daraus, dass um 1500 erst zehn – heute sind es über 80 – Metalle bekannt waren. Neben den klassischen Metallen der Antike (Gold, Silber, Kupfer, Zinn, Blei, Eisen und Quecksilber) waren dies Arsen, Antimon und Zink. In Rüleins Vorstellung entstanden Metalle aus einer geschlechtlichen Verbindung von Schwefel und Quecksilber – „Der schweffel als der menlych som und das quecksilber als der weiblich som in der geberung eynes kindes“. Plastischer schildert Johannes Mathesius (1504-1565) in seinen Joachimstaler Bergpredigten die Überlegungen zum metallenen Beischlaf: „Wenn ein gang oder geschick das andere veredlet/ und sie ramlen und begadten sich mit einander/ oder wie bergleut noch natürlicher hievon pflegen zu reden/ da wird der gang besamet/ und sein frucht wechst und nimpt zu.“

Diese Frucht war am leichtes­ten auf den Berghöhen zu finden, da hier die Erze nahe am Tag anstanden. Im Laufe der Jahre wurden die Stollen aber tiefer angeschlagen, die Mundlöcher näherten sich rasant dem Tal, die Stollen und Schächte durchbohrten den Berg. Die raschen Vortriebe machten eine Ver­mes­sung des Falkensteins not­wen­dig, um Stollenüberschneidungen und -einbrüche zu vermeiden. Seit 1474 verwendeten die Schiner dazu Winkelmaß und Kompass, im gleichen Jahr wurde der gesamte Falkenstein vermessen – das ers­te Bergwerk, in dem zur exakten Erfassung der Kompass eingesetzt wurde.

1491 wird der Sigmund-Erbstollen angeschlagen. Er ist der tiefst gelegene, waagrecht in den Berg hineinführende Stollen am Falkenstein, nur knapp über der Talsohle. Um ihn so rasch wie möglich voranzutreiben, orientierten sich die Bergleute an den Gesteinsschichten. Nicht durch den Dolomit hindurch – hier konnte die Vortriebsleistung pro Tag durchaus nur einen halben Zentimeter betragen – sondern durch lockeres Gestein, was die Acht-Stunden-Schicht-Leistung auf bis zu 30 Zentimeter steigern konnte. Oft wurde auch in Zweier-Teams gearbeitet. Konnte ein Stollen mit größerer Höhe angelegt werden (über 1,5 Meter!), begann der erste Hauer, sich am First in den Berg hineinzuarbeiten. Hatte er etwa zwei Meter herausgeschlagen, setzte der zweite Hauer an der Sohle an. Doch tief im Berg, im harten Dolomit war dies unmöglich. 40 bis 45 Zentimeter breit, manchmal nur 60 Zentimeter hoch, waren die Schrämmstollen, in denen man sich den Erzlagern näherte. Gearbeitet wurde mit Schlägel und Eisen, kleine, 400 bis 800 Gramm schwere, 150 bis 200 Millimeter große Werkzeuge – für schwereres Gezähe waren die Stollen zu eng. Das Holz der Stiele war dünn und besonders elastisch, um Schlägel und Eisen die ideale Schwingung zu geben.

Der Sigmund-Stollen wurde zur Wasser- und Wetterlösung angelegt, da er aber schon auf Talhöhe lag, konnte er nicht mehr unterlaufen werden. Um die noch tiefer liegenden Erze ans Tageslicht bringen zu können, begann man 1515 im Stollen mit der Absenkung eines Schachtes. In 18 Jahren wurde dieser Schrägschacht bis 237 Meter unter die Talsohle abgeteuft. Eine mühevolle Arbeit, denn das in der Tiefe gefundene Erz, aber auch das taube Gestein musste heraufgehaspelt werden. Das größere Problem war aber das Berg- und Grundwasser. Die Haspel, eine händisch betriebene Seilwinde, war zur Entwässerung zu wenig leis­tungsfähig. Händisch musste heraufgeschöpft werden. Schon nach wenigen Jahren sollen es 600 Mann gewesen sein, die auch an Sonn- und Feiertagen in Vier-Stunden-Schichten das in Ledereimer gefüllte Wasser von Mann zu Mann emporreichten. 

Doch die menschliche Arbeitskraft genügte nicht, 1533 musste das weitere Abteufen des Schachtes eingestellt werden. Schon 1522 hatte Werkmeister Hans Schwaiger versucht, ein Pumpwerk einzubauen. Doch er scheiterte. Auch ein zweiter Versuch zwölf Jahre später, kurz nach einem Streik der Wasserschöpfer, blieb erfolglos. Wenige Jahre später wurden acht Handpumpen eingesetzt, die von 240 Männern betrieben wurde. 1554 gelang dann dem Salzburger Werkmeister Wolfgang Lasser (Leuscher) der Einbau der „Schwazer Wasserkunst“, ein Weltwunder des Bergbaus. Das mit Wasserkraft – das Wasser wurde eigens in den Berg eingeleitet – betriebene Kehrrad hob Wasser und Gestein aus dem Schacht, schaffte 100 Kubikmeter Wasser in acht Stunden.

Aber die technische Meisterleistung kam eigentlich zu spät, der Höhepunkt des Schwazer Bergbaus – 1523 mit 15,7 Tonnen Silber – war vorbei. Die Vormachtstellung, die Tirol über 100 Jahre in Europa inne hatte, war nichts im Vergleich zu den Silbervorkommen, die die Spanier in Südamerika entdeckten (siehe Kasten). Gefragt waren allerdings die Schwazer Fachleute und Knappen. Sie verstreuten sich über ganz Europa und ­gaben ihr Know-how weiter. Verbessert wurde auch die Wasserkunst, doch 1615 war der ­Wasseranstieg  zu groß – der Schachtbau im Sigmund-Erbstollen musste eingestellt werden.

1657 gaben die Fugger den Schwazer Bergbau auf, der staatliche Bergwerkshandel übernahm die Gruben. 1660 wurde im Sigmund-Stollen erneut ein Schacht abgeteuft, sechs Jahre später wurde in den Schwazer Bergwerken erstmals scharf geschossen. Der Einsatz von Schwarzpulver erleichterte – nach anfänglichen Schwierigkeiten – die Arbeit unter Tag. Doch abgebaut wurde nur noch  im ertragreichsten Revier, dem Falkenstein. Die Alte Zeche und der Ringenwechsel waren schon stillgelegt worden. Aber die Ausbeute war gering. Nur noch knapp 250 Tonnen wurden bis zur endgültigen Schließung 150 Jahre später abgebaut. 1823 war es soweit, der Silberbergbau am Falkenstein wurde eingestellt. Schwaz, „aller perckhwerck muater“, hatte seine Kraft verloren.                   Andreas Hauser

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