Nikolaus – der Streitbare

Jurist, Theologe, Naturwissenschaftler, Kanzler, Bischof von Brixen, Kardinal, Papstfreund, Aufklärer, Gegner von Herzog Sigmund dem Münzreichen und Anführer der päpstlichen Streitkräfte – Nikolaus von Kues war im 15. Jahrhundert das Universalgenie des Abendlandes.

Sigmund verachtete den „Eindringling“ aus dem Kurfürstentum Trier. Ein Papstgünstling, der ausgerechnet auf den Bischofsstuhl von Brixen gesetzt wurde. Und das, obwohl Sigmund seinen Sekretär für dieses Amt vorgesehen hatte. Doch der Papst ernennt einen anderen, noch dazu einen­ engen Freund des neuen römischen Kaisers Friedrich III., ein Vetter von Sigmund. Friedrich wiederum hatte den Tiroler Landesfürsten um eine beträchtliche Summe gebracht. Kein Wunder, dass Sigmund über derartige Protektion erzürnt war. Erzürnt über einen Kaiser, der den Inhalt der Tiroler Schatzkammer nach Innerösterreich transportiert hatte, erzürnt über die Ernennung eines Bischofes, der den Herzog um seine Herrschaft und um seine Einkünfte aus dem Silberbergbau in Schwaz bringen wollte. Was der Inhalt eines neuen Umberto Eco- Romans sein könnte ist in Wirklichkeit ein Kapitel fast vergessener Tiroler Geschichte. Schauplatz: Tirol in den Jahren 1450 – 1464; Hauptdarsteller: Kardinal Nikolaus von ­Kues, Bischof von Brixen und Herzog Sigmund der Münzreiche, Landesherr von ­Tirol. In den Nebenrollen: streitbare Nonnen, machtbesessene Kleriker und ein gewiefter Jurist.

Wenige Lehren von Kirchenmännern des 15. Jahrhunderts haben heute noch solche Brisanz wie die des Kaufmannsohns aus dem heutigen Rheinland, der zum zweithöchsten Mann der katholischen Kirche aufsteigen sollte. Nikolaus wurde 1401 als Sohn von Johann Krebs, einem wohlhabenden Kaufmann in der Ortschaft Kues an der Mosel, das zum damaligen Kurfürstentum Trier gehörte, geboren. Der Lebensweg von Nikolaus Krebs – der sich später selbst den Beinamen „von Kues“ gab – vom wohlhabenden Kaufmannssohn zum weltbekannten Kirchenfürsten gestaltete sich mehr als vielschichtig. Zuerst immatrikulierte er 1416 an der Universität von Heidelberg das Studium der freien Künste. Nach dem Abschluss, mit dem akademischen Grad eines Baccalau­reus, wechselte er nach Padua an die dor­tige juridische Fakultät, um den Doktor der Rechte zu erwerben. 1425 wechselte Nikolaus von Padua nach Köln, um die Studien der Theologie und Philosophie zu beginnen. Doch sollte es noch Jahre dauern bis er sich, 1440, zum Priester weihen ließ. Diploma­tische Missionen führten ihn vorerst nach Rom und Basel, wo 1431 ein Konzil der gesamten Christenheit zusammengetreten war, um die böhmischen Hussiten zurückzugewinnen, die Kirche zu reformieren und den Frieden in Europa zu sichern. Während des Konzils von Basel (1431-1449) vertrat er anfangs als Kanzler die Interessen des Kurfürstentums Trier, nach und nach wurde er allerdings auf dem Konzil fix inkorporiert und dem Ausschuss für Glaubensfragen zugeteilt, da die Konzilsväter von seinen theologischen Abhandlungen tief beeindruckt waren. Nikolaus wird zu einem­ Wortführer der so genannten Konziliaristen, die das alte synodale Prinzip wieder einführen wollen: Das Konzil soll über dem Papst stehen und dieser nur als ein Sprecher der Gesamtkirche fungieren – ein Gedanke, der auf den Entscheidungen des Konzils von Konstanz (1414-1418) basierte. Das Konstanzer Konzil hatte eine allgemeine Kirchenreform beschlossen, in seinem Dekret „Das Heil ist gegenwärtig“ die Autorität der Konzile über die des Papstes gestellt und ihnen­ insbesondere die Befugnis verliehen, das Papsttum und die Kurie zu steuern (eine Haltung, die auch im Zentrum der Diskussionen des II. Vatikanischen Konzils stand). Allerdings dauerte es nicht lange bis Nikolaus von Kues wenig später die Fronten wechselte und nun überzeugt die Position vertrat, dass der Papst die Vorherrschaft, nicht nur über das Konzil, sondern über die ganze katholische Welt inne habe. Eine Geisteshaltung, die auf Jugenderlebnissen von Nikolaus beruhen dürfte, zumal sich die katho­lische Welt 1417 noch anders präsentierte.

 Um mit den Herrschaftsansprüchen dreier Päpste – der amtierende Papst Johan­nes XXIII. (alias Baltasare Cossa) aus Pisa und seine Gegenspieler Benedikt XIII. (alias Pietro di Luna) aus Avignon und Gregor XII. (alias Angelo Correr) aus Rom – fertig zu werden, kam es 1416 zum Konzil von Konstanz. König Sigmund, der Sohn Karls IV., hatte das Konzil einberufen um das kirchliche Schisma zu beenden. Gewählt wurde keiner der drei amtierenden Päpste, Johannes floh aus Konstanz um dem Rücktritt zu entgehen, die beiden anderen traten zurück. Schluss­endlich wurde Kardinal Otto von Colonna am 11. November 1417 als Papst Martin V. gewählt. Nikolaus war zu diesem Zeitpunkt bereits an der Universität von Heidelberg immatrikuliert, wobei gerade Studenten über die damalige Situation bestens informiert gewesen sein dürften. Doch waren die Erinnerungen an das Konzil von Konstanz auch andersartig prägend für den Kaufmannssohn, wurden doch am Konzil von Konstanz die Lehren des Engländers John Wyclif und der beiden Böhmen Jan Hus sowie­ Hieronymus von Prag als Häresie verworfen. Alle drei wurden als Ketzer verurteilt und die zwei Letztgenannten bei lebendigem Leib verbrannt. Wie aufgeheizt die Stimmung gegen die neuen, reformierten Prediger war, zeigt sich besonders am Beispiel des englischen Reformators Wyclif, der 1384 in seiner Pfarrei Lutterworth starb, allerdings 1415 posthum vom Konstanzer Konzil als Ketzer verurteilt wurde. Drei Jahre später wurden seine Gebeine exhumiert, am Scheiterhaufen verbrannt und seine Asche in den Fluss Swist gestreut. All diese Ereignisse führten in Nikolaus von Kues zu einem starken Sinneswandel, nicht nur bezogen auf seine papsttreue Haltung, sondern vor allem durch seine intensiven philosophischen Studien, die ihn zu einem huma­nistischen und vor allem ökumenisch gesinnten Christen machten. Nach Ende des Konzils von Trient blieb Nikolaus weiterhin in Diensten des Bischofs von Trier. In den folgenden Jahren warb Nikolaus auf deutschen Reichs- und Fürstentagen für die römische Sache. 1437 schickte ihn Papst Eugen IV. nach Konstantinopel. Nikolaus, ein hervorragender Kenner griechischer Sprache und östlicher Mentalität, sollte die Wiedervereinigung von Ost- und Westkirche vorantreiben. Es gelang ihm, den Kaiser von Byzanz, den Patriarchen und zahlreiche Erzbischöfe nach Italien zu holen, wo auf dem Konzil von Florenz 1439 eine, allerdings nur kurzlebige, Union der römischen und der orthodoxen Kirche vereinbart wurde. Dieses Konzil war die Fortsetzung des Konzils von Basel, welches offiziell nie beendet wurde, und zuerst nach Ferrara und wegen dem Ausbruch der Pest nach Florenz verlegt werden musste. Wo Nikolaus hinkam, grub er in den Archiven verschollene Dokumente aus. Er schrieb philosophische und theologische Abhandlungen und hielt prägnante Predigten, über 300 sind noch heute in Archiven erhalten. Er arbeitete im Auftrag des Konzils auch an einer Kalenderreform, um die unterschiedlichen Kalender der Griechen, Araber und Juden zu harmo­nisieren. Unwillkürlich beschäftigte er sich mit Astronomie. Bereits um 1425 schrieb er sein ers­tes größeres Werk auf diesem Gebiet, die „astronomisch-astrologische Weltgeschichte“, in dem sich Nikolaus von Kues mit allfälligen Zusammenhängen von Sternenkonstellationen mit Naturkatastrophen und Seuchen beschäftigte. 

Doch Nikolaus zeigte nicht nur auf literarischem Gebiet Ambitionen, vor allem sein kirchlicher Werdegang schritt in den kommenden Jahren zügig voran. 1448 wurde er von Papst Nikolaus V. zum Kardinal ernannt, 1450 übertrug dieser Nikolaus das Bistum Brixen. Sigmund als Landesherr und auch die Bevölkerung sahen sich vor den Kopf gestoßen, denn es war bis dahin nicht nur üblich, dass das Domkapitel von Brixen den neuen Bischof selber wählte, sondern man hatte sich bereits, mit Leonhard Wiesmair, dem Kanzler von Herzog Sigmund, für einen Nachfolger entschieden. Der Papst brachte Nikolaus damit in eine brenzlige Lage, denn als junger Reformer hatte er überzeugend für die Bischofswahl vor Ort plädiert, jetzt kam er als Kandidat Roms und forderte seine Rechte ein. Doch Nikolaus erwies sich als ausgesprochen tüchtiger Bischof, sanierte die Finanzen des Bistums, berief Synoden ein und setzte unfähige Kleriker ab. Zwischendurch zog er als päpstlicher Legat durch Deutschland, predigte in den Städten, berief Provinzkonzile ein und reformierte die Klöster. Nikolaus kämpfte gegen Korruption in den Bistumsverwaltungen und gegen unmoralische Zustände und Sitten in den Pfarrhäusern. 1452 kehrte er nach Brixen zurück und der schwelende Streit mit dem Tiroler Landesherrn Sigmund eskalierte. Ursache dafür war unter anderem die Klosterreform der großen Tiroler Stifte wie Wilten, St. Georgenberg bei Schwaz, Gries und Neustift. Der Übereifer des Reformators Nikolaus, der die Klöster weniger als Macht- und Kulturzentren sah als vielmehr als Stätten des Gebetes, stieß auf massiven­ Widerstand der Mönche und Schwestern. Sie suchten Rückhalt beim Landesherrn, speziell die Äbtissin des Klos­ters Sonnenburg im Pustertal, Verena von Stuben, die eine enge Verbindung zu Sigmund­ pflegte. 

Es war über die Landesgrenzen hinaus bekannt, dass man die Regeln des heiligen Benedikts bei den Benediktinerinnen im Pustertaler Kloster sehr großzügig auslegte, und das Leben der meist adeligen Damen in keiner Weise den Vorstellungen des Kardinals entsprach. Die Einführung einer Klosterklausur, die man bisher in Sonnenburg nicht kannte, stieß bei den Nonnen auf wenig Gegenliebe aber weder der Konvent noch der Kardinal waren zu einem Kompromiss bereit. Als dann der Kardinal einen kirchlichen Bann und ein Interdikt (Verbot kirchlicher Amtshandlungen als Strafe für ­eine bestimmte Person oder einen bestimmten Bezirk) über die Äbtissin und die Schwes­tern aussprach, hatte dies nicht nur weit reichende Folgen für Bischof Nikolaus. Die Lehensbauern des Klosters weigerten sich nun ihre Abgaben an exkommunizierte Schwes­tern zu entrichten. Tragischer Höhepunkt der Auseinandersetzung war die Enneberger Schlacht zu Ostern 1458 als ladinische Söldner im Auftrag der energischen Äbtissin die Abgaben eintreiben sollten und von den Untertanen der machtbessenen Nonnen niedergemetzelt wurden. Die Gräben zwischen Nikolaus und dem Tiroler Klerus, aber speziell die dauernden Spannungen mit dem Landesherren Sigmund, wurden immer größer. Nicht nur die Klosterreform und die Beschränkungen bei der Heiligen- und Reliquienverehrung, denen der aufgeklärte Kardinal wenig abgewinnen konnte, sondern auch die neuen Auseinandersetzungen zwischen Sigmund und Nikolaus bezüglich des 1452 zum Kaiser gekrönten Friedrich III. führten zu heftigen Auseinandersetzungen. Der neue Kaiser machte gegenüber seinem Tiroler Vetter Sigmund große finanzielle Ansprüche geltend und da Nikolaus von Kues eng mit Fried­rich befreundet war, vergrößerte sich auch die Abneigung Sigmunds gegenüber dem Bischof von Brixen. Außerdem hatte der Kardinal erneut Quellenstudien in den Archiven der Stifte und Pfarren betrieben und war zu der Auffassung gelangt, dass die Bischöfe von Brixen die eigentlichen Landesherren von Tirol wären und nicht Sigmund. Ebenso war Nikolaus von Kues aufgrund alter Diplome der Stauferkaiser der Meinung, dass alle Silber- und Salzvorkommen, die in Schwaz oder Hall gewonnen wurden, der Kirche gehören würden. Sigmund sah sich in die Enge getrieben, denn schließlich wurden ihm dadurch nicht nur seine Einkünfte aus der Silber- und Salzgewinnung abgesprochen, sondern gleichzeitig seine Legitimation als Landesherr. Sigmund setzte sich zur Wehr, zu Hilfe kam ihm der anerkannte Jurist Gregor Heimburg aus Franken, der in seinen Diens­ten stand. Heimburg wetterte gegen die aufgestellten Herrschaftsansprüche des Bischofs von Brixen und verfasste Hetzschriften gegen Cusanus. Doch auch Nikolaus wusste mit starkem Geschütz aufzufahren. Als Erstes exkommunizierte er mehrere­ zu wenig reformfreudige Klostervorstände, Domherren und Priester und drohte dann Sigmund die gleiche Strafe an. Außerdem wollte Nikolaus sogar ein Interdikt über das ganze Land verhängen. Eine Strafe, die vor allem Sigmund aus Angst vor möglichen Unruhen zu schaffen machte, denn die Konsequenzen, die ein Interdikt mit sich brachte, waren beträchtlich: Das Abhalten von Gottesdiensten war untersagt, Pries­ter durften keine Kinder taufen und Sterbenden keinen Segen spenden, was nach der damals gültigen Lehre die ewige Verdammnis zur Folge gehabt hätte. Als mehrere Anschläge auf den Kardinal verübt wurden, bangte Nikolaus um sein Leben und zog sich auf die in Buchenstein im Grödner Tal gelegene Burg Andrax zurück. Dort weilte er, auch als er im Feber 1458 das Interdikt über das Land Tirol verkünden ließ. Sigmund wandte sich nun an Papst Pius II., alias Enea Silvio Piccolomini, der als berühmter Hu­manist galt. Dieser versetzte nun Nikolaus von Kues, mit dem er befreundet war, von Brixen nach Rom. Doch erst ein Jahr nach Verhängung des Interdiktes, beim großen Fürstenkongress in Mantua im Jahr 1459, auf dem ein Kreuzzug gegen die Türken vorbereitet werden sollte, trafen Papst Pius II., Nikolaus von Kues und Sigmund zusammen. Aufgrund des posi­tiven Eindruckes, den der Habsburgers hinterließ, hob der Papst das Interdikt gegen­über Tirol auf. Allerdings sollte dies nicht von langer Dauer sein. Denn Nikolaus kehrte noch einmal nach Brixen zurück, verharrte weiterhin auf seinen Reformideen und da Klerus sowie Landesherr sich seiner Ideen weiterhin widersetzten, verhängte er erneut das Interdikt über Tirol. Sigmund reagierte unverzüglich, ließ Cusanus 1460 in Bruneck verhaften und sich versprechen, dass Nikolaus auf alle Ansprüche verzichte und sich zu umfangreichen Schadenersatzzahlungen an den Herzog verpflichte. Kaum frei gelassen widerrief Nikolaus von Kues, da er unter Zwang gehandelt habe. Zwar kehrte Cusanus daraufhin nach Rom zurück, der Papst allerdings, ob des Verhaltens des Landesherrn erbost, verhängte nun seinerseits das Interdikt über Tirol. Da aber alle Mahnungen des Papstes an die Nachbarländer, den Handel mit dem exkommunizierten Landesherrn einzustellen, nicht fruchteten, verfehlte das Interdikt, an das man sich ohnehin nur beschränkt hielt, seine­ Wirkung. Man begann, sich allmählich auch innerhalb des Tiroler Klerus der päpstlichen Anweisung zu widersetzen. 

Der neuerliche Romaufenthalt stoppte allerdings den Eifer des Kardinals wenig, was selbst Papst Pius erfahren musste – Cusanus begann auch in Rom seine Reformideen durchzusetzen, um den römischen Klerus zu disziplinieren. Allerdings stieß er dabei sogar bei Papst Pius II. auf Widerstand, zumal Nikolaus gerade Vorschläge­ zur Erneuerung des Petrusamtes veröffentlicht hatte. In seiner Schrift „Reformatio generalis“ – „ allgemeine Erneuerung“ – empfahl er, der Papst solle sich von einem ständigen Konzil aus Kardinälen unter­stützen und seine Amtsführung regelmäßig von Visitatoren überprüfen lassen. Nikolaus’ Reformideen waren unter diesen Voraussetzungen wenig Erfolg beschieden, doch selbst wenn er als eifriger Reformator auch in Rom und dem Kirchenstaat wenig nachhaltige Erfolge erzielen konnte, amtierte er als Generalvikar des Kirchenstaates. Aus dem ein­s­tigen Händlerssohn war der zweithöchste Mann der katholischen Kirche geworden. 

1464 rüstete Europa erneut für einen Kreuzzug gegen die Türken, den Cusanus zusammen mit dem kränk­lichen Papst vorbereitete, selbst wenn er dem Pontifex vergeblich davon abgeraten hatte. Seine Aufgabe war es, an der Adria rund 5000 Kreuzritter zu sammeln, um sie nach Ancona zu bringen, von wo sie auf Schiffen der vene­zianischen Flotte ins Heilige Land aufbrechen sollten. Doch beide Würdenträger überlebten die Vorbereitungen nicht. Nikolaus starb am 11. August 1464 in einer Herberge im umbrischen Bergstädtchen Todi. Drei Tage später verschied auch Papst Pius­ II. in Ancona, vom Sterbebett blickte er noch auf die herankommenden Schiffe der Kreuzritter, die sie über das Mittelmeer bringen sollten. Doch aufgrund der beiden Sterbefälle kam es nicht mehr dazu.

In seinen 63 Lebensjahren prägte Nikolaus nicht nur die katholische Kirche, sondern­ vor allem auch die geistigen Strömungen seiner Zeit. Die Maximen des Universalgelehrten waren Philosophie, Theologie, Kirchenpolitik und Frieden. Nikolaus von Kues’ Theologie hatte allerdings handfeste staatspolitische Konsequenzen. Er plädierte­ für die Wahlmonarchie und ein einheitliches Rechtssystem, um den Landfrieden zu sichern. Sein weit über die Epoche hinausweisender Gedanke einer „versöhnten Verschiedenheit“ bestimmte seine Unionsgespräche mit den Ostkirchen und den böhmischen Hussiten. Als 1453 die Türken Konstantinopel eingenommen hatten und das oströmische Reich zerfiel, drohte dem Abendland ein blutiger Religionskrieg. Nikolaus schrieb gerade über eine Konkordanzidee in seinem Werk „Über den Frieden im Glauben“. Den einzelnen Völkern habe Gott jeweils ihre eigenen Propheten und Lehrer gesandt, stellte er fest. „Es liegt nun in der Eigenart des Menschen, dass er eine lange geübte Gewohnheit, die fast zur zweiten Natur geworden ist, schließlich als Wahrheit verteidigt.“ Eine Religion in der Mannigfaltigkeit der Bräuche lautete sein Dogma, friedlicher Wettstreit der Religionen und keine Kämpfe auf den Schlacht­feldern war seine Forderung, die auch heute­ noch höchste Brisanz hat. Dennoch musste auch der Humanist und Reformer den poli­tischen Machtspielen weichen und selbst die Vorbereitungen für einen Kreuzzug treffen.  Johann Überbacher

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