"Scharmizl" mit Odysseus

Höchste Kreativität zeigten die Fürsten der Renaissance bei der Gestaltung ihrer Festivitäten. Neben alltäglichen Lustbarkeiten waren Ritterturniere und Aufzüge glanzvolle Höhepunkte. Anlässe gab es genug.

Die schweren Rosse wirbeln Staub auf. Kaum können sie ihre Kraft in vol­lem Galopp zügeln. Die Zuschauermenge hält den Atem an, verzückt jauchzen die edlen Fräuleins, als die kunstvoll aufgezäumten Tiere immer schneller aufeinander zusteuern. In Zaum gehalten werden sie von prunkvoll verzierten Rittern, die ihre 15 ­Kilogramm schweren Lanzen in Position bringen. Ihre Gesichter sind versteckt hinter furchteinflößenden Helmen, ihr Körper  ist durch einen Harnisch geschützt. Ziel ist es, den Gegner mit vol­ler Wucht vom Pferd zu stoßen. Einem Korsett ähnlich umklammert der Sattel die Rüs­tung und lässt keine Bewegungen zu. Der dumpfe Schlag auf den Brustpanzer ist weithin zu hören und lässt die Spannung explodieren. Der Ritter im Herkules-Panzer kippt in Zeitlupe zur Seite und fällt schließlich mit einem lauten Krachen zu Boden. Seine Eisenbrust ist verbeult und Blut sickert in den Sand. Theaterblut. Herkules hat zwar einige Schrammen, Prellungen und möglicherweise auch gebrochene Rippen zu beklagen, doch das Blut riecht verführerisch nach Alkohol. Unter dem Harnisch hatte der edle Recke eine mit Rotwein gefüllte Schweinsblase zu tragen, damit die Zuschauer beim Spektakel nicht auf blutige Szenen verzichten müssen. Das Stechen war publikumswirksame Show und damit nur einer der Höhepunkte, die beim Renaissance-Fest tagelang für ausgelassene Stimmung sorgten. 

Feste auszurichten, Turniere, „Scharmizl“ und Aufzüge zu organisieren und dazu die blaublütige Crème de la Crème einzuladen,  gehörte zu den großen Leidenschaften der Renaissance-Fürsten. Weder Mühe noch Kosten wurden gescheut, um sich gegenseitig zu übertreffen und immer aufwändiger ausgeklügelte Choreografien zu ersinnen. Der Tiroler Landesfürst Ferdinand II., diesbezüglich ein wahrer Meis­ter, war auf allen Festen zwischen Prag, ­Wien und München zugegen und berühmt für seine majestätischen Auftritte. Sein Turnierbuch und die Chroniken zeugen davon, dass Ferdinands Leben mehr von Festivitäten denn von Regierungsgeschäften geprägt war. Der ausschweifende Lebensstil riss tiefe Löcher in die fürstliche Landeskasse, doch ungeniert frönte er Leidenschaften wie der des ­Jagens, Spielens und des zügellosen Feierns. 

Eindrucksvolle Zeugnisse seiner vielgestaltigen ­Interessen sind die wertvollen Ritterrüstungen, die in der großen Rüstkammer des Innsbrucker Schloss Ambras zu bewundern sind. Der Preis eines einzigen, in mühevoller Hand­arbeit von Plattnermeis­tern hergestellten Harnisch entspricht in unserer Zeit dem eines Mittelklassewagens. Und Ferdinand verfügte in dem Sinne selbst über die schnittigsten „Ferraris“. Zu seiner Zeit war die Ritterrüstung längst nicht mehr Kriegsgerät, sondern gesellschaftsfähiges Standeskleid und luxuriöse Sportausrüs­tung.  Besonders die zahlreichen Spielarten der ritterlichen Turniere in der Renaissance, wo Einfallsreichtum fast mehr gefragt war als Kraft und Geschicklichtkeit, verlangten nach immer neuen Spezialausführungen. Um den Anforderungen der verschiedens­ten Turnierformen gerecht zu werden, wurden große, aus Einzelteilen zusammengesetzte Garnituren geschaffen. Wie in einem Baukastensys­tem konnten die zahlreichen Teile zu immer anderen Turnierharnischen zusammengestellt werden. So hatte Ferdinands Vater, Ferdinand I., dem Sohn beispielsweise eine „große Harnischgarnitur“ anfertigen lassen. Diese so genannte Adlergarnitur bestand aus 87 Einzelteilen und bildet das größte erhaltene Set aus jener Zeit. 

Wie die Prunk-Rüstungen selbst waren auch die Feste, an denen sie getragen wurden, ausgeklügelte Kompositionen. Ob Hochzeiten, Taufen, fürstliche Besuche oder sonstige Feiertage – Anlässe für theatralische Aufzüge, an denen auch das „gemeine“ Volk sich ergötzte, fanden sich zu jeder Jahreszeit. Schwungvolle, bunte Szenen wurden dabei zu einer schlüssigen und prächtigen Geschichte zusammengefügt – jedes Fest hatte sein Motto und „Drehbuch“. Als ­einer der üppigsten Umzüge in Innsbruck gilt jener zu Ehren Johann von Kolowrats, dem Ferdinand 1580 ein fürstliches Vermählungsfest ausrichtete. In der ganzen Stadt waren zu Ehren des fürstlichen Kämmerers Tri­bühnen aufgebaut, wo Ringelspiele und Freiturniere abgehalten wurden. Jedes der Spiele wurde mit „lebenden Bildern“ eingeleitet. Für die Kolowrat-Hochzeit wählte Ferdi­nand, der selbstverständlich die Regie führte, die allegorische Vorführung von Jahreszeiten und Elementen. 

Ottheinrich von Braunschweig gab dabei den Apollo auf einem Leoparden und hatte den Frühling in seinem Gefolge: ­eine Jungfrau in einem Wagen mit den Sternzeichen Widder, Stier und Zwillinge, gezogen von einem Einhornpaar. Jaroslaw von Kolowrat verkleidete sich als Ceres und kam auf einem Krokodil geritten. Dicht gefolgt vom Sommer: In einem Wagen aus Garben mit den Zeichen Krebs, Löwe und Jungfrau stand ein Bauer, ge­zogen wurde das Gefährt von Ochsen. Der Bräutigam Johann von Kolowrat hatte als Mars einen Wolf als Reittier und zog dem Herbst voran: Ein türkischer Kutscher lenkte einen aus Früchten gebauten, mit Panthern ­bespannten Wagen, mit Bildern von Skor­pion, Waage und Schütze. Georg von Sternberg erschien in der Maske des Saturn auf einem Elefanten. Hinter ihm kam der Winter-Wagen mit den Symbolen Wassermann, Fisch und Steinbock, ge­zogen von Schweinen. Ähnlich mythologisch ausgeschmückt war die Karawane der vier Elemente. 

Der Erzherzog selbst, der Choreograf der bombastischen Szenerie, mimte den Hauptdarsteller Jupiter mit einem feurigen Blitz in der Hand. Im goldenen Wagen sitzt er unter einem blauen Baldachin. Das fürstliche Gefährt wird von Adlern gezogen. Von einer gewissen Ironie zeugt, dass Karl, der Sohn Ferdinands und der bürgerlichen Philippine Welser, die Identität des Herkules zugedacht war. Dem Halbgott – Sohn des Jupiter und der Sterblichen Alkmene – war nur aufgrund seiner Heldentaten göttlicher Ruhm zuteil geworden. Karl wiederum war aufgrund der nicht standesgemäßen Beziehung seiner Eltern von der habsburgischen Thronfolge ausgeschlossen, trotzdem wegen seiner erfolgreichen Kriegsführung ein angesehener und schließlich mit mehreren Titeln bedachter Graf. 

Damit jeder Zuschauer die Bedeutung der Festzugs-Allegorie erfassen konnte, ­erklärte Ferdinand wortgewaltig die Zusammenhänge und Bilder. Auch die Gäste hatten sich dem Motto entsprechend zu verkleiden. So berichtet etwa Josef Hirn in seinem Buch über Ferdinand II: „Ein wol gepanzerter Odysseus ward als Gefangener an einer Kette von der Zauberin Kirke geführt.“ Das Hochzeitsfest dauerte drei Tage und ging nicht zuletzt wegen der ­detailgetreuen Aufzeichnungen und von Ferdinand in Auftrag gegebenen Kupfer­stiche in die Geschichte ein. 

Welchen Pomp die Tiroler Bevölkerung vor und nach einem derartigen Spektakel miterlebte und über sich ergehen lassen musste, lässt sich durch einen Blick in Ferdinands Reisebiografie nachvollziehen. War der Erzherzog auf Reisen, ließ auch er es nicht an repräsentativem Luxus fehlen. Eine Fahrt nach München trat er mit 530 Pferden an, das Gefolge, welches sich zu ihm aus den Vorlanden und aus Böhmen gesellte, nicht mitgerechnet. Beim Besuch des Kurfürsten ­August fuhr Ferdinand beispielsweise mit 72 Kutschen in Dresden ein. Beim Einzug Ferdinands und mehrerer Erzherzoge in Prag 1588 zählte man sage und schreibe 288 Wagen. Auf den 20 Güterwagen, welche den Erzherzog auf einer böhm­ischen Reise begleiteten, waren neben einer ­Harnischtruhe eine Barbiertruhe, drei Schreibtische, mehrere Sessel, Betten und Brettspiele verladen. Nie erschien er, ­ohne ausreichend Gastgeschenke mit sich zu führen, die er großzügig verteilte, so dass sogar kleinere Ausflüge enorme Summen verschlangen. 

Und kamen Gäste nach Tirol, musste der Hof tief in die Taschen greifen. Hochade­lige Freunde, welche durchs Land zogen, wurden mit viel Aufmerksamkeit empfangen. Überall, wo sie anhielten oder das Nachtlager aufschlugen, wurden sie kostfrei gehalten. Zuständig dafür waren die betreffenden Gerichte und Vog­t­eien. Ein Teil vom Landesadel musste sich den fürstlichen Passanten anschließen und ihnen bis zur Grenze das Ehrengeleit geben. 

Die Beherbergung und Verpflegung der vorneh­men Herren war oft recht schwie­rig. Schlösser und Zollhäuser, welche als Unterkunfts­orte bestimmt waren, mussten gewöhnlich vom Hof aus mit Betten und Lebensmittelvor­räten versehen werden. Schwere Zeiten für Kämmerlinge und Hofbeamte. So jammerte ein Abgesandter des Innsbrucker Hofes anlässlich des Besuches von Erzherzog ­Wilhelm von Bayern über die unerwartete Größe der zu verpflegenden Gesellschaft: „Ich weiss mir kaum zu helfen: die Baiern sagten sich auf zwölf Tische an und wie sie nun kommen sind es 24. Das Gesind mach einen fast unsinnig, denn einer sagt weiss, der ander schwarz; ich möcht wünschen, solche gesellen müssten in die Niederlande (auf den Kriegsschauplatz) ziehen, da würde es ­ihnen nichts helfen, wenn sie auch zwei hofmezger vorausschickten.“

Sorge trugen die Herren der Gastgeberländer auch für die Kurzweil ­ihrer ­Besucher. Ein breites Unterhaltungsprogramm wurde dafür vom Stapel gelassen. Kein Essen ging ohne aufheiternde Zwischenspiele über die Bühne. Man ­ergötzte sich an den Späßen von Hofnarren, ­Pos­senreißern, Feuerfressern, akro­ba­tischen Nummern, De­gen­schluckern, Kunstreitern, ­dressierten Tieren und Geschichtenerzählern. Stets am Hof willkommen waren Leute, welche es verstanden, mit ihren Kunststücken Erstaunen oder gruselnden Schrecken hervorzurufen. Der wohl bekannteste Zauberer der damaligen Zeit, der Italiener Hieronymus Scotto, war nicht selten am Hofe in Innsbruck zugegen. Mit seinen „Schwarzkünsten“, Zauberspiegeln aber insbesondere mit seinen Kartenküns­ten erregte er hier Verzücken. Den Zauberer Scotto ließ Ferdi­nand sogar ausforschen, um ihn bei einem großen Gelage vorzuführen. Gerne ver­gnügte sich die Hofgesellschaft  mit lateinischen Komö­dien und auch hier ließ sich Ferdinand nicht lumpen. So engagierte er für ein fünfwöchiges Gastspiel die „Compania recitanti in comödia“ aus Mantua. Den 15 Mitgliedern musste er neben den Reisekos­ten und freier Verpflegung 350 Kronen bezahlen. Der Erzherzog versuchte sich auch als Autor, indem er zur Erheiterung der Geladenen selbst ein Stück schrieb. Kunstfertige Tänzer und Springer wurden dauernd in Sold gehalten. Diese Leute, durchwegs Italiener, erteilten den Hofpersonen ebenso Unterricht im Tanzen. Dass bei all diesen Lustbarkeiten maßlos gegessen und getrunken wurde, versteht sich von selbst. Der Wein floss in Strömen, vielen schlugen die fetten und üppigen Speisen auf den Magen, so dass die ­Katerstimmung zu einem wahren Katzenjammer ausartete, den die Leibärzte wieder kurieren mussten. Meist erneut mit Wein und ­Essen. 

 Die eigentliche Würze höfischer Umtriebigkeit war allerdings die Jagd. Im herrschaftlichen Forst tum­melten­ sich die adeligen Damen und Herren, um auf verschiedenste Arten Tiere zu erlegen. Unterschieden wurde zwischen der Pirsch-, Hetz- und Falkenjagd, wobei letztere besonders­ bei den Damen großen Anklang fand. Wegen der bei den Adeligen ebenso beliebten Vogelstellerei fanden sich im Schloss Ambras große Volieren, in denen Singvögel gehalten wurden – die ­anderen wurden verzehrt. Als besondere Attraktion galten an den Höfen exotische Tiere, wie Papageien, Meerschweinchen, Strauße oder Wölfe und Panther, die in ­Käfigen bestaunt­ werden konnten. 

Für den Erzherzog gestaltete sich das Jagdvergnügen jedenfalls zum eifrigst betriebenen­ Sport. Seine Jagdkammer war mit 51 Gewehren bestückt. Wundervoll gearbeitete­ Schießeisen, mit Gold und Silber­ verzierte Büchsen, die unter anderem­ mit Szenen antiker Sagen beschlagen­ waren. Dem gemeinen Tiroler Volk war es selbstverständlich untersagt, in den Revieren des Erzherzogs zu „wildern“. Satte Strafen sollten die einfache Bevölkerung davon abhalten. 

In fast jeder Hinsicht wurde dem „Plebs“ jeglicher sportliche Spaß verleidet. Noch im Spätmittelalter galt Tennis als Spiel der Reichen, denn nur den Adeligen und Mönchen war es erlaubt, diese Sportart­ zu betreiben. Tennisspieler aus dem bürger­lichen Stand, die beim Spielen ertappt wurden, mussten wegen Über­schreitung­ ihrer Standes­­zuge­hörigkeit mit bis zu drei Jahren Gefängnis rechnen. In Ambras, dem Spa­nischen Saal vorgelagert, stand zur Zeit Ferdinands ebenfalls eine Tennishalle – das so genannte­ Ballspielhaus. Darin wurde nicht nur Tennis, ­sondern auch andere Ballspielarten praktiziert. Eigene Ball­macher­ ­– wieder aus ­Italien importiert – sorgten immer wieder für Nachschub und wurden für ihre Fertigkeiten mit goldenen Ehrenketten belohnt. Sollte Ferdinand trotz all dieser dekadenten und bis zum Exzess betriebenen Zerstreuungen am Abend doch noch Langeweile verspürt haben, dachte er sich ver­gnügliche Bubereien­ aus. „Wenn man einen will schrecken und ein buberei tun, so ­lade man das rohr mit weichem käs und tue ein wenig pulver zuvor ein und scheuss es einem­ ins gesicht, das macht einen sehr scheuzlich weiss und schwarz“, erzählt Ferdi­nands Leibarzt aus der Schatzkiste fürstlichen Erfindungsreichtums. Beson­ders­ gern streute er seinen Opfern Federweis ins Bett, „weil er die ganze nacht vor beissen kein ruh haben kann“.   Susanne Gurschler, Alexandra Keller

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