König der Kaufleute

Sie schufen ein Wirtschaftsimperium, wie man es bis dato nicht kannte. Sie finanzierten Kaiser und Könige, Fürsten und Bischöfe, ihr Reichtum war sagenhaft. Die Finanzkraft der Augsburger Handelsfamilie Fugger gründete nicht zuletzt auch auf dem Silberbergbau in Schwaz.

Im Jahre 1519 kam es zu einer für den Verlauf der europä­ischen Geschichte entscheidenden Wahl. Nach dem Tode Maximilians I. von Habsburg lag es an den deutschen Kurfürsten, wer neuer Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation werden sollte. Zunächst sprach alles für Franz I., König von Frankreich, hatte er doch den Segen des Papstes und zudem eine prall gefüllte Staatskasse. Schon aus Tradition spielten nicht nur politische, sondern auch finanzielle Interessen für die Kurfürsten eine erhebliche Rolle. Zudem sahen sie im Gegenkandidaten Karl I., dem König von Spanien und Enkel von Maximilian, einem Habsburger, deren leere Taschen schon sprichwörtlich waren (deren ­territorialer Herrschaftsbereich jedoch übermächtig werden konnte) einen allzu starken Kaiser herannahen. Entscheidend für die Wahl Karls waren 852.000 Gulden, ein damals enormer Betrag, mit dem die Kurfürsten bestochen wurden. Es war Jakob Fugger, der das Geld flüssig gemacht hatte und mit 544.000 Gulden das Gros des Darlehens beitrug. 415.000 Gulden davon sollten in Schwazer Silber zurückgezahlt werden. Der Rest kam von den Welsern, der neben den Fuggern wohl ­bekanntesten Augsburger Handelsfamilie der Zeit, sowie italienischen Bankiers. Jakob „der Reiche“, wie man ihn auch nannte, hatte ­somit in die Geschicke der Weltpolitik eingegriffen und den Habsburgern, die schon seit Jahrzehnten in der Schuld der Fugger standen, ein weiteres Mal unter die Arme gegriffen. Kaiser Karl V., wie er sich zukünftig nennen durfte, soll beim Anblick des Kronschatzes seines Widersachers Franz I. gemeint haben „ein Augsburger Weber vermöge das alles zu ­bezahlen“. Sein Vertrauen in die Finanzkraft des Augsburger Handelshauses kam nicht von ungefähr, bloße Weber waren die Fugger allerdings schon lange nicht mehr. 

Als 1367 der Weber Hans Fugger aus Graben auf dem Lechfeld nach Augsburg kam, begann sich die zentral an der Nord-Süd-Handelsroute gelegene Stadt bereits als Umschlagszentrum für Waren zu etablieren. Mit Barchent, einem neuartigen Gewebe aus Flachs und Baumwolle, versuchte Hans sein Glück. Geschäftssinn konnte dem frisch gebackenen Augsburger schon deswegen nachgesagt werden, weil er mit Klara Widolf und nach deren Ableben Elisabeth Gfattermann zwei Mal die Tochter eines Zunftmeisters der Weber­ ehelichte. 1397 war er bereits, mittlerweile selber Zunftmeister und Ratsherr, laut Steuer­büchern unter den 50 wohlhabendsten Bürgern der Stadt zu finden. Bei seinem Tod im Jahre 1408 hinterließ er seiner Witwe, die die Geschäfte zunächst weiterführte, 3000 Gulden. Schon gab es Weber, die von der reinen Manufaktur zum Handel mit Textilien übergegangen waren, der sich zu einem regen Exportgeschäft entwickelte. Dieses Betätigungsfeld schien auch Andreas Fugger, dem älteren der beiden Söhne von Hans, viel mehr zu liegen als die Leitung der Webereien, die er seinem Bruder Jakob überließ. Schließlich wurde 1454 die Firma des ungleichen Brüderpaares getrennt. Somit entstanden zwei Linien des Familienclans, die in den folgenden Generationen sehr unterschiedlichen unternehmerischen Schicksalen entgegensteuern sollten. 

Andreas wurde zum Stammvater der Fugger vom Reh. Unter seinem Sohn Lukas dem Älteren expandierte der Betrieb. Er dehnte nicht nur den Handel mit Hilfe von Handelsniederlassungen, so genannten Faktoreien aus, sondern wagte sich auch in das Kreditgeschäft mit dem Adel. Dieser steckte im 15. Jahrhundert in einer fundamentalen ­An­passungskrise. War es beim niederen Adel unter anderem der Verlust seiner militärischen Funktionen, der Verfall der Grundrenten und die steigenden Ansprüche an den adeligen ­Lebensstil, die zu finanziellen Engpässen, wenn nicht gar zum Bankrott führten, so sah sich auch der höhere Adel aufgrund der teureren Kriegsführung mittels­ Söldnerheeren und kostspieligen neuartigen Waffen – wie den Kanonen – einer wachsenden Beamtenschaft sowie machtpolitischen als auch repräsentativen Notwendigkeiten einem gestiegenen Finanzbedarf gegenüber. Diesen konnten sie oft nur mehr über Kredite bei den neureichen Bürgern der Städte abdecken. Sie verfügten durch den prosperierenden Handel über die entsprechende Kapitalkraft und konnten den adeligen Herrschern gute Diens­­­­­te leisten – und sie somit zu teurem Dank verpflichten. 1462 bekam Lukas Fugger von Friedrich III. ein Wappen mit einem springenden Reh verliehen. Dessen Nachfolger in Tirol Sigmund verpfändete bereits Teile seiner Gruben in Schwaz an den Augsburger Handelsmann. Schließlich trat auch König Maximilian an ihn heran. 1489, ein Jahr bevor der Habsburger durch den Verzicht Sigmund des Münzreichens die Landesherrschaft in Tirol übernahm, erhielt er von Lukas einen Kredit von 10.000 Gulden. Der Fugger ­setzte offenbar großes Vertrauen in den Herrscher, handelte es sich bei diesem Betrag doch an­nähernd um sein gesamtes Geschäftskapital. Ein folgenreicher Fehler, wie sich herausstellen sollte. Maximilian gab ihm zwar die reiche belgische Stadt ­Leuven als Bürgschaft, doch als Lukas sich von den dortigen Bürgern sein Geld holen wollte, verweigerten diese prompt, die Schulden eines fernen Habsburger Monarchen zu zahlen. Auch die 1499 verhängte Reichsacht ließ die Belgier ­unbeeindruckt. Bald sprach sich herum, dass Lukas nicht mehr flüssig war. Wer ihm sein Erspartes anvertraut hatte, wollte sein Geld zurück. Auch sein Sohn ­Lukas der Jüngere konnte den ­finanziellen Niedergang der Familie nicht mehr aufhalten. Die Fugger vom Reh verschwanden im historischen Nichts. 

Anders erging es der zweiten Linie der Familie. Die Fugger von der Lilie schufen ein Handelsimperium ungeahnten Ausmaßes und begründeten damit die bis heute andauernde Gleichsetzung des Namens Fugger mit Reichtum schlechthin. Nach dem Tode Jakobs des Alten ­führte für kurze Zeit dessen Frau Barbara die Geschäfte. Sie war die Tochter des Augsburger Münzmeis­ters Franz Bäsinger, der der Falschmünzerei überführt wurde, in Haft kam und später in ­Tirol auftauchen sollte – als Münzmeister von Hall. Von den Söhnen­ sollten sich in der Folge zunächst Georg, Markus und ­Ulrich als konge­niale Leiter des Familienunternehmens zeigen. Georg wurde in Venedig tätig, sein Bruder Markus ging nach Rom, was sich im Nachhinein als geschäftsstrategischer Goldgriff herausstellen sollte. Als geist­licher Helfer am päpstlichen Hof konnte er die künftigen Geschäftsbeziehungen zwischen der kirchlichen ­Elite und den Fuggern bestens fördern. 1495 wurde eine Fugger­niederlassung in Rom eröffnet. Bereits 1500 sind die Augsburger am päpst­lichen Ablasshandel beteiligt und 1503 übernehmen sie sogar die „Zecca“, die römische Münzstätte, worauf die Münzen der Päpste die Handelsmarke der Fugger tragen. Nicht zuletzt ­fußte auch die Gründung der Schweizergarde 1505 auf den Finan­zen der gewieften Unternehmer. Über ­Ulrich wiederum entstand der Kontakt zu den Habsburgern – eine Verbindung, die über Jahrzehnte für beide Seiten bestimmend werden sollte. 1473 begab sich Friedrich III. mit seinem Sohn Maximilian auf die Reise nach Trier zur Begegnung mit Karl dem Kühnen von Bur­gund, dessen Tochter Maximilian heiraten sollte. In Augsburg, dass für seine Luxustextilien bekannt war, sollte der Kronzprinz dementsprechend ausgestattet werden. Da die Habsburger allerdings schon bei einigen Augsburger Häusern in der Kreide standen, wollte zunächst niemand Kredit gewähren. Ulrich Fugger sprang in die Bresche und staffierte ­Kaiser und Kronprinz prunkvoll aus, wofür Friedrich sich mit einem Wappen für die Fugger erkenntlich zeigte – je­nem­ mit den Lilien. 

Als genialster unter den Fuggern sollte sich ­jedoch Jakob erweisen. Dem jüngsten Spross der Familie war zunächst eine kirchliche Laufbahn zugedacht. Als jedoch vier seiner ­Brüder bereits verstorben waren, holte ihn Ulrich als Familien­oberhaupt 1478 aus dem Kloster. Der 19-Jährige absolvierte zu­nächst eine Lehre in der Filiale in Nürnberg, ging dann nach Rom und landete schließlich in Venedig, wo ihm wohl die wichtigste Lehrzeit beschieden war. In dem „Fondaco dei Tedeschi“, dem Handelshof der Deutschen, lernte er die Vorteile der in seiner Heimat noch kaum bekannten­ doppelten Buchführung, das Know-how der ital­ienischen Bankiers beim bargeldlosen Zahlungsverkehr und nicht zuletzt das komplexe Geflecht der Handelsbeziehungen zwischen Fürs­tenhäusern, Kirche und Kaufmannschaft kennen. Venedig war das Tor zum Orient und die Handelsdrehscheibe Europas. 1484 erhalten die Fugger bereits eigene Kammern in der Fondaco dei Tedeschi, was die wachsende internationale Bedeutung des Familienunternehmens widerspiegelt. Ein Jahr später kommt Jakob, der mittlerweile etliche Handelsniederlassungen inspiziert hatte, in die neue Faktorei nach Innsbruck. Der hier regierende Erzherzog Sigmund hatte zwar den Beinamen „der Münzreiche“, ma­növrierte sich allerdings immer wieder in finanzielle Notlagen. Über die Vermittlung von Antonio von Roß, einem Abenteurer venezianischer Abstammung, der sich zum Günstling Sigmunds heraufgearbeitet hatte, wurde die Gesellschaft „Ulrich Fugger und Gebrüder“ 1485 erstmals Kreditgeber des Tiroler Regenten. Für die geborgten 3000 Gulden sollten sie 1000 Mark Silber durch den ­Gewerken Chris­tian Tänzl erhalten. Zwei Jahre später ging es bereits um andere Summen. Nachdem Sigmund 1484 die in venezianischem Besitz stehenden Bleigruben von Primiero beschlagnahmt hatte und nach langem kriegerischem Hin und Her, muss­te er der Schadenersatzforderung Venedigs in Höhe von 100.000 Gulden Folge leis­ten. Nachdem die Tiroler Stände sich weigerten, finanziellen Beistand zu leisten, traten wiederum die Fugger auf den Plan. Es wurde vereinbart, dass sich Jakob Fugger bei Nichteinhaltung der Rückzahlungstermine am Schwazer Silber schadlos halten kann. In der Folge gelang es, den schärfsten Konkurrenten in Tirol, das bayrische Handelshaus Baumgartner zu verdrängen. Das nächste Anleihegesuch des für seinen aufwändigen Lebensstil bekannten Sigmund erging direkt an die Fugger. 150.000 Gulden, rückzahlbar in 18 Monaten, was nicht nur 50.000 Gulden ­Gewinn bedeutete, sondern nahezu die ­gesamte Tiroler Silberproduk­tion in ihre Hände brachte. Es war dem Verhandlungsgeschick Jakobs zu ver­danken, dass die angesehensten Tiroler Gewerken, die den Abbau betrieben, für den Kredit sogar bürgten. 

Mit dem Abdanken Sigmunds im Jahre 1490 übernahm sein Vetter Maximilian die Herrschaft in Tirol. In den darauf folgenden Jahren verstand es Jakob Fugger, die machtpolitischen Interessen des Habsburgers, der von einem Imperium träumte, geschickt mit den eigenen Handelsinteressen zu verbinden. Allein von 1491-1494 gab er dem König Darlehen in Höhe von 186.000 Gulden, die allesamt in Tiroler Silber zurückzuzahlen waren. In Summe waren es 1494 bereits 620.000 ­Gulden, die man den Habsburgern geliehen hatte. Im Augsburger Steuerbuch des selben Jahres wurde ein im Vergleich ­bescheidenes Vermögen der Brüder ausgewiesen: Ulrich 21.666 Gulden, ­Georg 17.177 und Jakob 15.552 Gulden. Das Geheimnis der Kapitalkraft der Fugger lag nicht nur in ihrem Gesellschaftsvertrag, der alle Brüder verpflichtete ihr Geld samt Gewinn für mindestens sechs Jahre im Unternehmen zu belassen, sondern auch in der Aufnahme von verzinslichen Einlagen. So stieg das verfügbare Kapital in dieser Zeit zum Beispiel beträchtlich durch den „stillen Teilhaber“ Melchior von Meckau, dem Fürstbischof von Brixen. Dieser hatte sein Vermögen in aller Heimlichkeit bei dem Augsburger Unternehmen veranlagt und damit sowohl dem König als auch dem Papst und Domkapitel entzogen. 

Das Haus Fugger bekam eine immer größer werdende Bedeutung als Großbank und wurde zur wichtigsten Finanzmacht im Reich. Maximilian, der sich in wirtschaftlichen Dingen beschlagener als sein Vorgänger zeigte, versuchte mehrmals den immer größer werdenden Einfluss des Handelsgeschlechts einzudämmen. So zwang er etwa 1498 die Fugger in ein Kupfersyndikat, das die Konkurrenten, darunter die Baumgartner, eigentlich gegen sie gegründet hatten. Sechs Jahre vorher waren die Fugger in Tirol in das Geschäft mit dem an Wert gewinnenden Edelmetall eingestiegen und mischten bald durch ihre guten Verbindungen zu den bedeutendsten­ Kupferhandels­plätzen in Venedig und Antwerpen kräftig mit. Jakob Fugger reagierte auf den Druck des Kaisers mit einem Doppelspiel. Vier Jahre zuvor hatte man sich über die Bekanntschaft mit dem erfahrenen Bergbauingenieur Johann Thurzo bereits den Kupferbergbau in Ungarn gesichert. Nun konnte über ein permanentes Preisdumping mittels ungarischem ­Kupfer dem Tiroler Syndikat der ­Todesstoß versetzt werden. Im Frühjahr 1498 blieb ­Maximilian nichts anderes übrig, als mit den Fuggern ein neues Kupferabkommen abzuschließen, das ihnen die Oberhand im Tiroler Bergwesen in Aussicht stellte. Dem Fugger’schen Kupfermonopol für ganz Europa stand nichts mehr im ­Wege. Dennoch vermied es Jakob, in Schwaz als ­Gewerke tätig zu werden, war doch der Silber- und Kupferbergbau ohnedies über Jahre an die Fugger verpfändet. Die Zweck­gemeinschaft zwischen dem Habsburger und den Augsburger Geldgebern wurde immer enger. Als Maximilian 1507 zum Zug auf Rom rüstete, um sich zum Kaiser krönen zu lassen, sprangen sie erneut mit ­einem Dar­lehen von 50.000 Gulden ein. Maximilian ­gelangte zwar nie in die Heilige Stadt, da ihm Venedig den Durchzug verweigerte, doch rief er sich daraufhin in Trient kurzerhand selbst zum „Erwählten Römischen Kaiser“ aus. Diesmal forderte ­Jakob Grundbesitz als Gegenleistung, wodurch er selber zum Feudalherren wurde. Schließlich wurde er 1511 vom Kaiser in den Adelsstand, 1514 gar in den Reichsgrafenstand erhoben, was für einen Kaufmann äußerst ungewöhnlich war. 

Glanz eines Handelsimperiums. Unterdessen wurde das Familienimperium ständig ausgebaut, zog sich das Handelsnetz der Fugger durch ganz Europa. Mit der Gründung von weiteren Faktoreien in Lübeck, Danzig und Antwerpen trat man in Konkurrenz zur Hanse. 1505 wird die erste europäische Handelsfahrt nach Ostindien mitfinanziert, um auch im Fernhandel den Mitbewerbern keine Vorhand zu lassen. Der Gewinn betrug bei diesem Unternehmen 175 Prozent. Die Fäden wurden im zentralen Firmensitz in Augsburg in der „Goldenen Schreibstube“ gezogen. 1510, nach dem Tod Ulrichs, übernahm ­Jakob „der Reiche“ die alleinige Leitung des Familienkonzerns – mit einem Gesellschaftsvermögen von 80.999 Gulden, das sich bis zu seinem Tod im Jahre 1525 auf 667.790 steigern sollte. Ihm zur Seite stand der überaus begabte Buchhalter ­­Mat­thäus Schwarz, der sein Wissen auch in einem kaufmän­nischen Lehrbuch niederlegte. Es blieb jedoch unveröffentlicht, wollte sein Chef doch die Kniffe der Fugger’schen „Geldkunst“ geheim gehalten wissen. Ebenfalls nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren die so genannten „Fuggerzeitungen“. Durch ein Netz von Korrespondenten bekam man die neues­ten Nachrichten aus den zahlreichen Fakto­reien und Agenturen, wurde über die Tätigkeiten von Geschäftskonkurrenten oder auch die Geschehnisse an den Fürstenhöfen und Staatskanzleien unterrichtet. Jakob Fugger erkannte schon früh, dass sich ­Informationsvorsprung in bare Münze umsetzen lässt. 

Um 1500 zählte Augsburg ­zirka 20.000 Einwohner, somit gleich viele wie Schwaz. Wäh­rend aber dort die rauen Bergwerksgesellen das Bild in den Gassen prägten, ergingen sich hier die Kaufleute im Luxus. Feste, Umzüge, Tänze und Turniere waren an der Tagesordnung. Das konnte auch dem Kaiser gefallen. Insgesamt 17 offizielle und private Besuche führten Maximilian in die Stadt, weshalb ihm der spöttische Beiname „Bürgermeister von Augsburg“ zuteil wurde. Auch im 1512 entstandenen Damenhof der Fuggerhäuser konnte der Monarch als Gast begrüßt und ihm der Reichtum einer ehemaligen Weberfamilie vor Augen geführt werden. Zur selben Zeit, als sich in der prachtvollen neuen Firmenzentrale der Reichtum der Fugger manifes­tierte, legte Jakob mit einer Stiftung den Grundstein für die so genannte Fuggerei. Sie gilt heute als die älteste Sozialsiedlung der Welt. Im Stiftungsbrief von 1521 legte Jakob fest, dass in der Reihensiedlung bedürftige verarmte Augsburger Obdach finden sollten. Inwieweit der sehr gläubige Handelsherr hierbei mit einer Belohnung im Jenseits spekulierte oder inwiefern es eine Reaktion auf den nicht allzu guten Ruf seiner Familie in weiten­ Bevölkerungskreisen war, bleibt dahingestellt. Mit dem aufkommenden Protes­tantismus sowie den darauf folgenden Bauernkriegen und Aufständen der Knappen kündigte sich eine neue Zeit an. Martin ­Luther predigte leidenschaftlich gegen den Ablasshandel, an dem die Fugger seit geraumer Zeit partizipierten. So wurde für den Reformator das Augsburger Handels­imperium zum Sinnbild für ungerechtfertigten Reichtum. 1518 kam es im Fuggerhaus zum historischen Aufeinandertreffen zwischen Luther und dem Abgesandten des Papstes, Kardinal Cajetan, dem gegenüber er auf seinen Lehren beharrte. Auch der alte Reichsadel, allen voran Ulrich von Hutten, dem die neuen Emporkömmlinge von jeher ein Dorn im Auge waren, zog gegen die Fugger in markigen Flugschriften hart vom Leder. 1523 erhob der Reichsfiskal als Anwalt des ständischen Reichsregiments Anklage gegen mehrere Augsburger Gesellschaften wegen Monopolismus. In erster Linie hatte er die Fugger im Visier. Jakob Fugger schrieb in der prekären Situation einen Brief an Kaiser Karl V., der in die Geschichte eingehen sollte. Untertänigst und doch unverblümt wies er diesen darauf hin, wem er damals, als 1519 nach dem Tode Maximilians die Wahl des neuen Kaisers anstand, die Krone zu verdanken hatte. Doch nicht nur das: „Bisher ist mir nun Eure Kaiserliche Majestät über die Summe Geldes, so Eure Kaiserliche Majes­tät mir auf dem Reichstag zu Worms berechnet und mich auf die Grafschaft Tirol verwiesen haben, von deren Einkünften ich noch nicht völlig zufrieden gestellt bin, 152.000 Dukaten schuldig geblieben ...“. Der Kaiser verstand prompt, veranlasste die ­Einstellung des Verfahrens durch den Reichsfiskal und stellte überdies im Edikt von Toledo von 1525 die Großfirmen unter reichsgesetzlichen Schutz. So hatte Jakob „der Reiche“ kurz vor seinem Tode das Familienimperium nochmals durch schwierige Zeiten gebracht. Das Bündnis von Habsburgern und Fuggern, zwischen Krone und Kapital blieb erhalten.

Nach dem Ableben Jakobs trat mit seinem Neffen Anton Fugger ein durchaus würdiger Nachfolger das Erbe an. Als dritter und jüngster Sohn von Georg Fugger wurde ihm aufgrund der testamentarischen Verfügung seines Onkels der Vorzug vor anderen Familienmitgliedern gegeben. Jakob dürfte das Talent des jungen Mannes, der bei ihm in die Lehre ging, erkannt­ haben. Er hatte Anton zunächst von einer Handelsniederlassung zur nächsten geschickt, darunter auch Schwaz. Schließlich blieb der junge Kaufmann sechs Jahre in Rom, wo er bereits 1519 zum ­Leiter der vatikanischen Fuggerniederlassung aufstieg und vom Papst für seine hervorragenden Dienste überaus geschätzt wurde. Nun, an der Spitze des Familienimperiums stehend, machte er zunächst Inventur. Die Gesamtabrechnung in der Zentrale sowie den wichtigsten Faktoreien ergab Einnahmen von zirka drei Millionen Gulden, denen Ausgaben von 870.000 Gulden gegen­überstan­den. Das Vermögen der Firma belief sich somit auf über 2,1 Millionen Gulden. Was die Berg­werke anbetraf, entfielen auf ­Tirol 60.000 und auf Ungarn 210.000 Gulden. Bei letzteren konnte Anton seinen ers­ten großen Erfolg verbuchen. 1526 wurden die vom ungarischen König beschlagnahmten Bergwerke an die Fugger zurückgegeben. Beim Schwazer Bergbau, in den Jakob 1522 auch als Gewerke eingestiegen war, wurde die Position gegenüber den Konkurrenten kontinuierlich und konsequent ausgebaut. 1547 besaßen die Fugger am „Falkenstein“ 39 Gruben und somit 18 Prozent der Gesamtförderung. 

Als Kreditor blieb Anton den Habsburgern treu. Allein Erzherzog Ferdinand stand mit 910.000 Gulden in der Kreide und auch der Kaiser beanspruchte Kredit auf Kredit: 1526 Darlehen für den Türkenkrieg, 1527 Finanzierung der Erhebung Erzherzog Ferdi­nands zum König von Böhmen und Ungarn, 1530 Finanzierung der Kaiserkrönung Karls V. in Bo­logna und so weiter. Als Gegenleistung erhielten die Fugger ­unter anderem ein kaiserliches Münzprivileg. Trotz des enormen Finanzbedarfs florierten die Geschäfte zunächst noch. Man stieg in das Südamerika-Geschäft ein und finanzierte die Gegenreformation. 1546 erreichte das Vermögen der Fugger-Gesellschaft den höchsten Stand, Anton hatte es seit Übernahme der Firma mit über fünf Millionen Gulden mehr als verdoppelt und war der reichste Mann der Welt. 

Das Versiegen der Quellen. Im selben Jahr kam es zum Schmalkaldischen Krieg. Der Waffengang Karls V. gegen die protes­tantischen Stände wurde von den Fuggern mit gut einer halben Million Gulden unterstützt. Aufgrund der Wirren in deutschen Landen wurde der Firmensitz kurzerhand von Augsburg in das sichere Tirol nach Schwaz verlegt, wo die Fugger seit 1525 einen Ansitz besaßen, der auch als Faktorei diente. Zwar schrieb das Unternehmen in den Jahren 1546-1553 Ge­winne, doch waren die sich anbahnenden Schwierigkeiten unübersehbar. Zum einen verschlang das Haus Habsburg immer noch höhere Unsummen an Geld, zum anderen brachte die Verbindung mit der Dynastie zunehmend Nachteile im Handel mit den protestantischen Landen. Die Zahlungsmoral der Monarchen ließ ohnedies zu wünschen übrig. 1557 stellt Phillip II. von Spanien die Zahlungen ein. Der erste Staatsbankrott der Habsburger schädigte das Augsburger Handelshaus enorm, die Forderungen in ­Spanien beliefen sich auf vier Millionen Gulden. Die Fugger muss­ten Geld aufnehmen, der „Dank des Hauses Habsburg“ wurde sprichwörtlich. Von 1556 bis 1584 gingen an die 70 bekannte Augsburger ­Unterneh­men Bankrott. Doch das Aufbauwerk der Vorfahren machte sich auch für die nächsten Generationen der Fugger bezahlt. Anton, der vom Florentiner ­Lodovico Guicciardini „König der Kaufleute“ genannt wurde, hinterließ seinen Nachfolgern immer noch ein gewal­tiges ­Vermögen. Der Reformator Philipp Melanchton bezeichnete die Fugger als die „deutschen Me­dici“. Das Augsburger Unternehmen hielt sich noch hundert Jahre und überstand sogar die Wirren des Dreißigjährigen ­Krieges. Erst seit der Auflösung des Tiroler Bergwerkhandels in den Jahren 1657/58 gilt es als ­erloschen. Olaf Sailer

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