Die Sternstunde des Talers

Der Silberschatz in Schwaz ließ in Hall die Münzeisen klingen und in Innsbruck den Landesfürsten prassen. Sigmund „der Münzreiche“ schuf eine Währungssystem, das für Jahrhunderte bestimmend bleiben sollte, und führte das Land fast in den Bankrott.

Zwei Uhr morgens, das Feuer wird entfacht. Ständig wird nachgelegt, damit der Schmelzofen die nötige Temperatur erreicht. Vier, fünf Stunden, unter zusätzlicher Zufuhr von Frischluft, um die Hitze zu erhöhen – im „Windofen“, wie er genannt wird. Jetzt heißt es, wachsam sein. Der Tiegelwärter beobachtet die flüssige Legierung unter ständigem Umrühren, entnimmt Proben. Das Mischungsverhältnis zwischen Silber und Kupfer stimmt, der Wärmegrad ist optimal. Und raus mit der heißen Kostbarkeit, hinein in die kalten eisernen Gusszangen. Abwarten, abkühlen lassen. Noch fehlt der Glanz. Ein Sud aus Kochsalz, Weinstein und Wasser muss eine halbe Stunde brodeln. Kurz abgeschreckt, dann werden die gegossenen Silberplatten eingelegt. Drei Minuten unter ständigem Aufrühren erneut aufgekocht, rausgenommen und mit kaltem Wasser abgespült. Jetzt, nach dem Weißsieden, hat das Silber seinen typischen Glanz. Mit dem Hammer werden die Platten nun so lange bearbeitet, bis die Stärke stimmt. An­schließend wird ein Schrötling nach dem anderen aus der Platte herausgeschnitten und zwischen Ober- und Untereisen eingelegt. Es kommt der Moment der Prägung. Ein kräftiger Hammerschlag, manchmal zwei, und fertig ist die Münze. Das heißt nicht ganz. Mit der Beschneidschere werden vorstehende Kanten beseitigt, der Rand mittels Behämmern in eine runde Form gebracht, zumindest annähernd. Ein durch Jahrhunderte gleichbleibender Vorgang, der ein goldenes Handwerk schuf – Münzmeister gab’s wenige. 

Im Jahre 1274 erhielt ­Tirol sein eigenes Münzrecht unter Graf Meinhard II. von Tirol-Görz. Die landesfürstliche Münzstätte lag damals in Meran, ihre Versorgung mit Bergsilber war spärlich. So war man auf die Silberstange angewiesen – ­eine Abgabe von Fernhandelsleuten in Form von Silberbarren oder auswärtigen Münzen, die gegen Abzug der Prägekosten in Meraner Silber zurückerstattet wurde. Mittels des Zwangsumtausches wurde die Silberbeschaffung sichergestellt. Schließlich sollte genügend regionales Geld geprägt werden, so etwa der neue Meinhardzwanziger. Dessen Vorgänger, der Meraner Adlergroschen, war die erste Mehrpfennigmünze im deutschen Sprachraum und trug den kaiserlichen Reichsadler. Er wurde nun vom ­Tiroler Adler abgelöst. Für die Münzgeschichte entscheidender war jedoch die Vorderseite, die von einem Radkreuz mit Meinhards Namen geziert war. Von ihr sollte der Name „Kreuzer“ abgeleitet werden, der über Tirols Grenzen hinaus Geltung erlangte. Die Beliebtheit des Tiroler Zahlungsmittels hielt sich bis ins 15. Jahrhundert, doch ging sie schließlich unter Friedrich IV. „mit der leeren Tasche“ rapide zurück. Der ­Regent hatte die Kreuzerprägung fast gänzlich eingestellt und war auf minderwertige „Vierer“ umgestiegen. In der Folge kam es zu einem ­rasanten Kursverfall der Tiroler Währung. Erst als sein Sohn Sigmund die Regentschaft übernahm, sollte es mit dem Münz­wesen in Tirol wieder aufwärts gehen, und zwar ziemlich steil. 

Ab 1450 ließ der neue Landesherr wieder den Kreuzer prägen. Der Schwazer Bergbau begann, dem Land einen Silbersegen zu bescheren, durch den Haller Salzexport kamen zusätzlich Gold- und Silbermünzen ins Land, die man einschmelzen konnte. Bei der Münzherstellung legte man Wert auf Qualität, was sich bezahlt machen sollte. Die Münzverschlechterung war ein ständiges Problem. Beim gebräuchlichen Einschmelzen und Neuprägen der im Umlauf befindlichen Münzen kam es oft zur Reduzierung der Feingewichtes. Der Silbergehalt wurde bei gleichbleibendem Nennwert verringert, um Gewinn zu lukrieren bzw. die Geldmenge zu erhöhen. Nicht so in Meran. In der „Schinderlingszeit“, als immer mehr „schlechte Pfennige“ in Umlauf kamen, erlebte der Kreuzer einen neuen Höhenflug, versprach er doch Wertstabilität. 

Die eigentliche Umwälzung im Münzwesen sollte jedoch erst kommen. An ihrem Anfang stand die Verlegung der Münzstätte von Meran nach Hall. Der Ort, der sich als Kopfstation der Innschifffahrt durch seine Märkte und die Saline zum Handelszentrum enwickelt hatte, erwies sich als optimal. Die gleichzeitige Nähe zum Silberlieferanten Schwaz und zur Residenzstadt Innsbruck, seine Funktion als Knotenpunkt des Handels und die damit verbundenen Geldflüsse und nicht zuletzt seine wehrhaften Mauern machten ihn zu einer geglückten Wahl. Im landesfürstlichen Ansitz Sparberegg fand die neue Münzstätte Unterkunft. Zunächst ging man an die in Meran bereits erprobte Prägung von Goldgulden. Sie waren mit ihrem hohen ­Nominalwert die Währung für den internationalen Handels- und Messeverkehr und die politischen Hochfinanzgeschäfte. Zwar gab es in Tirol kaum Goldvorkommen, doch fielen genügend ausländische Münzen im Geldumlauf an. Obwohl die Herstellung für den Landesfürsten keinen Gewinn abwarf, verließen allein 1479 110.000 Stück die Prägestätte. Die Eitelkeit Sigmund des Münzreichens dürfte hierbei ­eine entscheidende Triebfeder gewesen sein. Auf der Vorderseite sah man sein Konterfei mit dem signifikanten Erzherzogshut. Die Rückseite war dem rheinischen Goldgulden nachempfunden und wies mit den Worten „Moneta nova“ bereits darauf hin, dass der Regent gewillt war, eine Reform des Münz­wesens anzugehen. 

Der erste Schritt dazu war die Prägung einer Münze im Wert von zwölf Kreuzern, dem so genannten Pfunder. Bald darauf folgte das Halbstück dazu. Der „Sechser“ wurde schlagartig zur beliebtesten Münze im Handel. Er wurde an vielen Orten nachgeahmt und hielt sich bis ins 17. Jahrhundert. Der Erfolg war leicht erklärt, klaffte doch bisher zwischen dem Goldgulden und den so genannten „Scheidemünzen“ – den Silbermünzen mit kleinem Wert für die täglichen Geschäfte am Markt – eine große Lücke. Aufgrund des aufblühenden überregionalen Handels war es längst notwendig, eine Münze mit einem dazwischenliegenden Wert zu kreieren. Dies war in Tirol nun geglückt. Finanztechnische Notwendigkeiten anderer Natur führten zum zweiten Schritt der Reform im Jahre 1584, als die Ausgabe einer Silbermünze im Werte eines halben Guldens, sprich 30 Kreuzern, erfolgte. Zum einen verfügte Sigmund als Inhaber des Bergregals, dem die Gewerken das gesamte abgebaute Schwazer Silber abliefern mussten, mittlerweile über derart viel Silber, dass die Verwendung für kleinere Münzen einen immensen Personalaufwand erfordert hätte. Zum anderen nahmen die in Anspruch genommenen Kredite des für seine Prunksucht bekannten Landesfürsten derartige Dimensionen an, dass er für deren Rückzahlung in Kleinmünzen wohl ganze Fuhrwerke voll nach Augsburg hätte schicken müssen. So war es nur eine Frage der Zeit, bis die Idee, eine Silbermünze im Werte eines Guldiners zu prägen, umgesetzt wurde. 

Federführend standen dem Fürsten bei der Reform überaus begabte Leute zur Seite. 1482 trat der fortschrittliche Münzmeister Bernhard Beheim d. Ä. sein Amt an. Außerdem gab es einen genialen ­Finanzfachmann venezianischer Abstammung, der das oberitalienische Münz­wesen – eines der besten seiner Zeit – sehr gut kannte. In Antonio vom Roß fand sich ein gewiefter Berater Sigmunds, wenngleich er als Gewerke in Schwaz Schiffbruch erleiden sollte. 1483 wurden zudem zwei für ­ihre Kunstfertigkeit bekannte Goldschmiede aus Venedig nach Tirol geholt. Sie entwickelten für die Haller Stempelgraveure die Vorlage für den ersten Halbguldiner. 1484 wurde versucht, Dickstücke mit doppeltem Gewicht mit den Halbguldinerstempeln zu prägen, was jedoch scheiterte. Doch zwei Jahre später gelang schließlich mit einem etwas dünneren und dafür breiteren Stück die Prägung des ersten Guldiners und somit des ersten Talers der Welt. Um deutlich zu machen, dass er den bisherigen Goldgulden ablösen sollte, wählte man für die Vorderseite dieselbe Gestaltung – das Standbild des Erzherzogs, später um Bindenschild und Turnierhelm erweitert. Die Rechnung ging auf, der neue „Unzialis“, wie man ihn vom Gewicht her auch nannte, trat einen Siegeszug durch Europa an. Internationaler Handel und aufkommendes Bankwesen schufen einen Geldbedarf, dem das europäische Goldvorkommen nicht mehr gerecht werden konnte. Zudem hatte man mit den in der Mitte des Jahrhunderts erschlossenen Silberlagerstätten in Sachsen, der Slowakei und nicht zuletzt in Tirol Silber zuhauf. Eine Münzstätte nach der anderen begann, den Guldiner nachzuprägen, so auch jene in Spanien, insbesondere nach den ­riesigen Silberfunden in der Neuen Welt. Der Münzstätte Hall war es gelungen, ein Währungssystem zu schaffen, das bis ins 19. Jahrhundert bestimmend bleiben sollte. Der Name des Guldiners allerdings wandelte sich. Während seine Prägung in Tirol durch die Verpfändung des Schwazer Silbers an Augsburger Handelsgesellschaften bald zum Erliegen kam, tat sich die von den Grafen Schlick betriebene Münzstätte Joachimstal in Böhmen mit einer massenweisen Produktion hervor. Schon 1540 war die verkürzte Version des „Joachimtalers“, der Taler, in ­aller Munde. Eine Bezeichnung, die noch heute im „Dollar“ weiterlebt – und somit die Tradition einer bestimmenden Geldgröße beibehalten hat.

Während in der Zeit Sigmunds zwischen 1482 und 1490 rund 127.000 Mark Silber (32 Tonnen) zu Sechsern, Pfundern, Halbguldinern und Guldinern vermünzt wurden, widmete sich sein Nachfolger Maximilian I. weniger der Quantität als der Gestaltung der Münzen. Nachdem die Prägung der Kreuzer und Vierer überhaupt eingestellt wurde, kam es zu einem regelrechten Kleingeldmangel im Land. Die Sechser waren für den täglichen Handel zu groß und wurden zudem aufgrund ihres hohen Silbergehaltes von Händlern ins Ausland geschafft, um es einzuschmelzen. Der Geldfluss brachte das Silber dann in Form von minderwertigen Münzen wieder zurück. 1502 wurde die Kreuzerprägung wieder aufgenommen, allerdings mit einer merkbaren Münzverschlechterung. Silber wurde für Maximilian immer rarer, und das, obwohl nicht unweit der überwiegende Teil der europäischen Förderung des Edelmetalls erfolgte. Doch durch die Kreditfinanzierung seiner Reichspolitik ging fast alles ­Silber nach Augsburg. Die Münzergesellen klagten schon 1505, dass sie „eine Zeit her nichts mehr zu vermünzen gehabt“. Da sie nach geleisteter Arbeit bezahlt werden, wird ihre Situation immer trister. Als die Prägung 1516 wegen Silbermangels gänzlich eingestellt werden muss, wird den hochqualifizierten Fachkräften ein „Wartegeld“ ausbezahlt, um sie vom Abwandern abzuhalten. Maximilian widmet sich indessen der Gestaltung des Edelmetalls. Unter seinen wachsamen Augen, was die Darstellung seiner selbst anbelangte – einmal passte ihm die ­Nase, einmal der Brustpanzer nicht –, ließ er von den renommiertesten Münzgraveuren prachtvolle Schaustücke anfertigen. Allein, es war mehr Geld zum Schenken als zum Zahlen. Nur mit der Einführung des Viertelguldiners wurde noch einmal eine funktionelle Entscheidung getroffen. Die Guldinerprägung, etwa anlässlich seiner Kaiserkrönung im Jahre 1508, diente vor allem Propagandazwecken. Die Haller Münzstätte erwarb sich dadurch allerdings einen hervorragenden Ruf und wurde von vielen Herrschern mit der Herstellung von Prägestempeln beauftragt. 

Ein Ruf, der sich in anderem Zusammenhang Jahrzehnte später, am 4. August 1567, erneuern sollte. Mit diesem Tag erfolgte in Hall die erste Münzprägung durch eine Walze. Bereits seit der ersten Hälfte des Jahrhunderts gab es die Idee, die alte händische Hammerprägung durch eine maschinelle zu ersetzen. Frühe Versuche in Trient versandeten. 1550/51 bot ein Spanier Ferdinand I. eine Prägemaschine an, doch als dieser sie von seinen Fachleuten prüfen ließ, war nichts mehr von ihm zu hören. Ein Erfinder nach dem anderen wurde in Tirol und andernorts vorstellig und musste seine miss­glückten Vorführungsversuche mitunter mit dem Leben bezahlen. Erst Rudolf von Rohrdorf entwickelte eine Maschine, die Erfolg versprechend war. Nachdem man sie 1564 in der Innsbrucker Hofmühle aufgestellt hatte, erkannt man allerdings, das es an Wasserkraft mangelte. In Mühlau sollte der richtige Platz gefunden werden. Doch nicht Rohrdorf, der sich nach ersten Fehlversuchen weigerte nach Innsbruck zu kommen, brachte das Wunderwerk in Gang, sondern ein Züricher Erfinder namens Hans ­Vogler. Nach einer ers­ten erfolgreichen Probeprägung im Mai 1566 schickte er mit überschwänglicher Freude einige Taler als „Glückspfennige“, wie er meinte, an seinen Auftraggeber. Die Beamten, die die Möglichkeit zur serienmäßigen Produktion bezweifelten, wurden im folgenden Jahr eines Besseren belehrt. War man in Hall bisher in der Lage, jährlich zirka 600.000 Münzen zu prägen, steigerte sich die Produktion mit der Walzenprägung um ein Vielfaches. Sie wurde zum Vorbild vieler europäischer Münzstätten. Doch nicht genug, auch andere Produktionsmittel, wie die Blasebälge für die Schmelzöfen oder die Schmiedehammer, wurden auf Wasserbetrieb umgestellt. Die Prägekosten sanken beträchtlich. 1569 kam es schließlich durch den Bau eines Wasserkanals zur Übersiedlung in die Burg Hasegg und zwei Jahre später zur dortigen Betriebsaufnahme. Hans Vogler, der als versprochene Belohnung ein Privileg erhielt, hatte wenig Glück. Wie so mancher Erfinder starb er im Jahre 1591 völlig verarmt in Warschau. 

Nicht ganz so traurig war es rund 100 Jahre zuvor Sigmund „dem Münzreichen“ ergangen. Nach seiner erzwungenen Abdankung hinterließ er einen unglaublichen Schuldenberg von 500.000 Gulden, worauf ihm nur mehr eine „bescheidene“ Pension von 200 Gulden pro Woche vergönnt war. Als er im März 1496 endgültig dem Tod ins Auge schauen musste, hatte er noch einen Wunsch. An seinem Bett wurden Schüsseln mit neu geprägten Münzen aufgestellt, „weil seine Gnaden noch einmal in ein ­Silber greifen wollt’“.  Olaf Sailer

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