Der Kampf um den Glauben

Die einsetzende Reformation fand in Tirol in den Bergbaugebieten den fruchtbarsten Boden. Mit Verboten, drakonischen Strafen und einer Gegenoffensive versuchten Regent und Kirche gegenzusteuern.

Es war ein Aufbruch, der im 15. Jahrhundert erfolgte. Raus aus dem später als „dunkel“ bezeichneten Mittelalter, hinein in eine neue Zeit. Erfindungen und Entdeckungen hatten den Horizont erweitert, den Blick befreit, ein neues, das Diesseits bejahende Lebensgefühl erwachte. Der „uomo universale“ – der umfassend gebildete Mensch, der sich frei von weltlicher und kirchlicher Obrigkeit entfalten kann, war das Ideal des Humanismus. Dieser hatte sich, von Italien kommend, über die Alpen hinweg gesetzt und Eingang in die Stuben des aufstrebenden Bürgertums in den Städten Europas gefunden. Bildung wurde zur Tugend, Wissen erweiterte den Tätigkeitsradius. In den Metropolen blühte der Handel auf, Naturalwirtschaft und Tauschhandel wurden allmählich durch die Geldwirtschaft abgelöst. In Italien gab es bereits Banken, in Süddeutschland stiegen Familienunternehmen wie die Fugger oder Welser zu großen Bankhäusern und Handelsgesellschaften auf. 1450 hatte der Mainzer Johann Gensfleisch zum Guten Berg den Buchdruck mit beweglichen Metall­lettern entwickelt und somit eine Bildungsrevolution ausgelöst. Es konnte nur eine Frage der Zeit sein, bis auch der Glaube und die Kirche vom neuen Geist erfasst wurden. 

Anfang des 16. Jahrhunderts begann ein Augustinermönch an den Grundfesten der über tausendjährigen Kirchentradition zu rütteln. 1483 in Eisleben geboren, sollte Martin Luther auf Wunsch des Vaters in Erfurt Rechtswissenschaft studieren. Gegen dessen Willen trat er jedoch in das dortige Kloster der Augustiner-Eremiten ein und wurde zwei Jahre später zum Priester geweiht. Bereits im folgenden Jahr erfolgte der Ruf an die Universität Wittenberg, die der humanistisch gebildete Kurfürst von Sachsen „Friedrich der Weise“ 1502 gegründet hatte. Das intensive Studium der Bibel ließ Luther das Treiben mancher Kirchenmänner immer kritischer betrachten. Insbesondere der grassierende Ablass­handel, sprich der Erlass der Sünden gegen bare Münze, war dem jungen Kleriker ein Dorn im Auge. Mit dem Anschlag seiner 95 Thesen an der Schlosskirche zu ­Wittenberg, in denen er die Missstände in der Kirche anprangerte und diskutiert wissen wollte, erfolgte 1517 die Geburtsstunde der Reformation. Luther war weder der erste ­Reformgeist im Klerus, man denke an John Wyclif oder Jan Hus, noch hatte er eine Kirchenspaltung beabsichtigt. Doch fielen seine leidenschaftlichen Reden und Schriften in eine Zeit der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen und verbreiteten sich wie ein Lauffeuer. Dank der Erfindung Guten­bergs konnten seine Flugschriften, wie „An den christlichen Adel deutscher Nation“ oder „Von der Freiheit eines Christenmenschen“, massenhaft hergestellt werden. Ohne das neue Kommunikationsmittel hätte die Reformation wohl kaum ihre Durchschlagskraft entwickelt. Ein gebildetes Bürgertum verlangte nach Lektüre, in den Städten wuchs der Anteil jener, die zu lesen in der Lage waren, auf über zehn Prozent. Im 16. Jahrhundert sollten über 200.000 Bücher aufgelegt werden, darunter über 100.000 Exemp­lare von Luthers „Kleinem Katechismus“. Doch zunächst musste Luther verbal seine Überzeugungen verteidigen, in denen er das Zölibat, das Mönchsgelübde oder die Heiligen- und Reliquienverehrung ablehnte und nicht zuletzt den Anspruch des Papstes, Stellvertreter Gottes auf Erden zu sein, bestritt. Nachdem ihm durch seinen Landesfürsten Friedrich den Weisen, der geschickt verhandelte, eine Reise nach Rom auf Einladung des Papstes Pius X. ­– und somit möglicherweise größeres Unheil – erspart blieb, traf er 1519 auf den päpstlichen Legaten Kardinal Caje­tan auf „neutralem Boden“. Im Haus der Fugger in Augsburg, die beste Beziehungen zum Heiligen Vater hatten, kam es zum ­Verhör. Luther lehnte den Widerruf seiner Thesen ab. ­Daran konnte auch der darauf folgende päpstliche Kirchenbann nichts ändern, er verbrannte die Bannbulle öffentlich – ein offener Bruch mit dem Papst, der ihm eine breite Anhängerschaft bescheren sollte. Sie reichte vom romfeindlichen Ritter­adel über das neue Bürgertum bis hin zu Handwerkern und Bauern, bei denen Luthers Verdikt gegen gottlose Pfaffen, faule Mönche und unrechte Obrigkeiten besonderen Anklang fand.

Auch in den ­Tiroler Bergbaugebieten wurden Luthers ­Ansichten schnell populär. Dies dürfte zum einen mit der Zuwanderung von Facharbeitern aus den traditionellen Bergbaugebieten Thüringen und Sachsen und zum anderen mit dem Selbstbewusstsein der Knappen zu erklären sein. Sie hatten sich bereits Privilegien erstritten, die von der völligen Steuerfreiheit bis hin zum Achtstundentag reichten. Der gefahrenvollen und schweren Arbeit ausgesetzt, hatte sich unter ihnen so etwas wie eine eingeschworene Gemeinschaft ­entwickelt. Nicht umsonst hängt der Begriff „Gewerkschaft“ mit dem alten Begriff für die Angehörigen einer bergrechtlichen Arbeitsgemeinschaft zusammen – den Gewerken. Wie sehr die Ansichten des deutschen Kirchenkritikers Anklang fanden, lässt sich in den „Denkwürdigkeiten“ des Neustifter Amtmanns und Chronisten Georg Kirchmair aus dem Jahre 1521 nachlesen: „In dieser Zeit erhueb sich in diesem Lannd ain wunderlich geschray von ainem man, den man nannt Marthinus Luther, augustiner ordns, in ainem Kloster zu Wittenberg, der da predigt wider die vnfueglichen hanndl des pabstes (...).“ Auch in Tirol machten lutherische Flugschriften die Runde. Im 19. Jahrhundert fand man hinter einer Wandvertäfelung im Schloss Palaus bei Brixen eine stattliche Anzahl reformatorischer Schriften, die dort unter dem Druck der landesfürstlichen Verfolgung im 16. Jahrhundert versteckt worden sein dürften. In einem Brief des Salzburger Kardinals Matthäus Lang an die Bayrischen Herzöge von 1526 ist von den „geschrifften zu Schwatz“ die Rede, wobei unklar bleibt, ob hier konkrete Texte gemeint sind oder auf Schwaz als Verteilerzentrum für reformatorische Literatur angespielt wird. Dass auch in der ersten Druckerei Tirols, die von 1520-1526 von dem Gewerken Jörg Stöckl in Sigmundslust bei Schwaz betrieben wurde, lutherische Schriften produziert wurden, konnte nie belegt werden. Erhalten geblieben sind jedoch zwei Beispiele für Flugschriften aus den Jahren 1521 und 1522. Als Verfasser scheint Wolfgang Zierer von Salzburg, Erzknappe zu Schwaz, auf. „Ain schöner dyalogus“ nennt sich die erste, in der ein Predigermönch und ein Landsknecht die verschiedenen Meinungen zu Papst und Ablass­handel erörtern, wobei sich Letzterer als Anhänger der lutherischen Lehre zu erkennen gibt. Die zweite, „Ein Cristenlich Gesprech von ainem Waldbruder vnd ainem waysen“, ist in ähnlichem Ton gehalten. Landesherr Ferdinand I., der den Standpunkt vertrat, er habe die „armen unverständigen und einfältigen unwissenden Christenmenschen“ vor solchen Irrlehren zu schützen, sah sich genötigt, sowohl Herstellung und Vertrieb als auch das Lesen derartiger Schriften zu verbieten. In einem Erlass von 1523 wies er die Beamten, insbesondere die Zöllner und Mautner, an, die Verbreitung durch „fleißiges Aufsehen“ zu verhindern. Ungehorsame sollten mit einer Geldbuße oder „in andere Weeg nach Gelegenheit eines jeden Person“ bestraft werden. 

Mehr noch als das gedruckte Wort trugen die vielen Prediger zur Verbreitung der lutherischen Lehre bei, waren doch breite Schichten der Bevölkerung, so auch die Knappen, kaum lesekundig. Unter den begabten Rhetorikern waren aus Klöstern entflohene Mönche genauso zu finden wie weltliche Laienprediger. Sie erhoben ihre Stimme in fast allen größeren Orten Tirols, ob in Kitzbühel, Rattenberg, Jenbach, Schwaz, Hall, Stams, Imst oder Reutte. Gewichtigen Einfluss hatten die Inhaber der städtischen Prädikaturen, fand sich doch gerade im Bürgertum eine aufgeschlossene Zuhörerschaft. Auch in Schwaz ist im Jahre 1526 ein besoldeter „Prädikant“, wie in dieser Zeit die unkatholischen Geistlichen bezeichnet wurden, unter dem Namen Herr Balthasar tätig. Aufgrund der großen Anhängerschaft im Bergvolk dürfte er allerdings von der eisernen Verkündkanzel im Knap­­­penschiff und nicht von der Steinkanzel des Bürgerschiffs gepredigt haben. Seit der durch das ständige Anwachsen der Gemeinde notwendig gewordenen Vergrößerung der Kirche auf vier Schiffe in den Jahren 1490-1502 wurde sie zweigeteilt: die zwei nördlichen Schiffe mit dem alten Chor für die Bürgerschaft, die zwei südlichen mit dem neuen Chor für die Bergwerksverwandten – dazwischen, entlang der mittleren Säulenreihe eine 1,50 Meter hohe Holzwand, um Reibereien im Gotteshaus zu vermeiden.

Besonderen Eindruck hatte in Tirol der Prädikant Jakob Strauß hinterlassen. Der in Basel geborene, gebildete Dominikanermönch, der an der Universität Freiburg 1516 den Doktortitel der Theologie erlangte, kam am 21. Juni 1521 nach Hall und hielt zunächst für die Pries­terschaft Vorlesungen in lateinischer Sprache. Schon bald wurde er aufgefordert, ­öffentliche Gottesdienste in Deutsch zu halten. Seine Predigten in der Kirche des Frauenklosters, die das Evangelium im Sinne ­Luthers auslegten, fanden derart großen Anklang, dass das Gotteshaus aus allen Nähten platzte und man die Messen ins Freie verlegen musste. Gegnerschaft erwuchs Strauß in den Franziskanermönchen aus Schwaz, die als Einzige in der Lage waren, den Prädikanten rhetorisch Paroli bieten zu können. Schwaz hatte im 16. Jahrhundert keine eigene Seelsorge, der Pfarrer saß im Vomp. Auch die von Stiftungen bezahlten fünf Kapläne waren für eine Gemeinde, die um 1520 an die 20.000 Seelen zählte, viel zu wenig. So wurde 1507 von den reichen Gewerken und den „Gemein“ die Errichtung eines Franziskanerklosters beschlossen und 1514 fertiggestellt. Zwei Jahre später folgte das Kloster der Augustinerinnen in St. Martin. Während aus diesem 1525 alle Nonnen bis auf zwei davonliefen und lutherisch wurden, wurde das Franziskanerkloster eine feste Bastion der Altgläubigen. Ein einziger Mönch hatte „die Kutte verlegt und die Betschnur verschmissen“. Er wurde Knappe und predigte vor seinen Kumpeln. Ein offensichtlich ganz persönlicher Feind erwuchs Strauß in dem Mönch Michael, den er in einer Predigt als einen „tobend, wütend, elend münch zu Schwaz auf seynen beschlepten holzschuchen“ beschimpfte. Vom Klerus wurde schließlich Anklage gegen Strauß beim Bischof von Brixen erhoben. Als dieser vehement die Ausweisung des Predigers verlangte, stellte sich der Rat der Stadt Hall hinter ihn. Erst als die Landesregierung nach anfänglichem Zögern dem bischöflichen Ansinnen Nachdruck verlieh, verließ Strauß am 10. Mai 1522 die Stadt und suchte Zuflucht in Wittenberg, wo ihm Luther eine Stelle als Prediger vermittelte.  

Zwar wurden die Prädikanten ausgewiesen, doch ging der Landesfürst gegen die neue Lehre zunächst behutsam vor. Zum einen drohte in Schwaz ein Aufstand, zum anderen traten die Gewerken offen für die lutherischen Knappen ein, waren sie doch auf deren Arbeitskraft angewiesen. Besonders der Faktor Georg Hörmann ist hier zu nennen. Der vom Kaiser 1530 geadelte Vertreter der mächtigen Fugger in Schwaz stand aufgrund seiner wirtschaftlichen Fähigkeiten bei den Habsburgern in höchstem Ansehen. Er galt als sehr gebildet, stand mit den bedeutendsten Gelehrten der Zeit in Briefkontakt und war überzeugter Lutheraner. Die Duldung seiner Ansichten kam nicht von ungefähr, war er doch ein überaus einflussreicher Mann und zudem ein willkommener Kreditgeber des Landesfürsten. Es mag eine Ironie der Geschichte sein, dass ausgerechnet ein Vertreter der Fugger die Anhänger Martin ­Luthers verteidigte. Der Reformator griff schon 1520 mit dem Predigtdruck „Ein Sermon von dem Wucher“ in die reichsweite Diskussion um Zins- und Monopolfragen ein. Er stand in dieser Zeit in Briefkontakt mit dem berühmten deutschen Ritter und Humanis­ten Ulrich von Hutten, der die Fugger wegen ihres angehäuften Reichtums attackierte, sie mit Straßenräubern verglich und für die Ausbeutung Deutschlands durch die Kurie ­verantwortlich machte. Alle missliebigen ökonomischen Erscheinungen der Zeit, von der willkürlichen Preisfestlegung über die Münzverschlechterung bis hin zur Monopolbildung legte er dem Augsburger Handelshaus zur Last. Auf dem Höhepunkt der sozialen Bewegung, die den Gemeinnutz durch den Eigennutz der früh­kapitalistischen Handelsgesellschaften bedroht sah, erschien 1524 Luthers Flugschrift „Von Kaufshandlung und Wucher“. In einer Art Sündenregister werden „Tücke und böse Stücke“ der Kaufleute angesprochen, darunter Vor- und Fürkauf genauso wie Preisabsprachen, Warenhortung, betrügerische Bankrotte und Geschäfte über Strohmänner. Seine Kritik gipfelt in einer Scheltrede über „eytel rechte Monopolia“ der Handelsgesellschaften, die er mit dem sprichwörtlich gewordenen Hecht im Karpfenteich vergleicht. Es war eindeutig, auf wen das gemünzt war. „Verdammte Fuckerei“ gehörte zu Luthers derben Schimpfwörtern. Als Sozialrevolutionär eignete sich Luther jedoch nicht. Als die Bauern seine These von der „Freiheit eines Chris­tenmenschen“ wörtlich nahmen und 1525 in ganz Süddeutschland Aufstände unter der Führung von Reichsrittern und Kleinadeligen ausbrachen, distanzierte er sich energisch.

Bereits 1523 waren in Tirol Schwazer Knappen in offener Empörung nach Hall gezogen, um von Erzherzog Ferdinand eine stillschweigende Duldung der lutherischen Predigten zu ­erwirken. 1525 kam es zum neuerlichen Aufmarsch, der sich gegen die Verteuerung der Lebensmittel und Missstände bei den ­Gewerken richtete. Mit teilweisen Zugeständnissen gelang es dem Regenten, die aufgebrachte Menge zu beruhigen. Ein strategischer Schachzug, blieb dadurch doch dem großen Bauernaufstand des gleichen Jahres in Südtirol die Unterstützung durch das mächtige Heer der Schwazer Knappen versagt. Es war ein Bergbeamter, der im ­Süden mit Unterstützung der dortigen Knappen die aufrührerischen Truppen anführte – Michael Gaismayr. In seinem ­Meraner Verfassungsentwurf von 1525 forderte er, die Bergwerke und Schmelzhütten der Fugger, Baumgartner, Höchsteter und Pumbl wegen Wucher zu enteignen. Was der Erzherzog den Knappen nicht zugestehen wollte, war die Freigabe der religiösen Lehre. Im Gegenteil, 1527 setzt er mit der „Ofener Ordnung“, dem umfangreichsten Erlass gegen den österreichischen Protestantismus, ein deutliches Zeichen. Besonders scharf wird in ihm auf die Wiedertäuferbewegung reagiert, die ausgehend von der Schweiz über den Vintschgau in Tirol eingedrungen war und hier unter Jakob Huter ein Zentrum bildete. Wiederum waren es vor allem die Bergbauregionen, wo sich die neue Lehre etablieren konnte. Mehr noch als bei den Knappen fand sie allerdings bei Handwerkern und Bauern Widerhall, bei denen die Sympathien für Luther aufgrund seiner Parteinahme gegen die aufständischen Bauern deutlich zurückgegangen waren. Die Bewegung forderte die Trennung von Kirche und Staat und lehnte jedwede Obrigkeit ab, sie propagierte Kriegsdienst- und Steuerverweigerung sowie Gütergemeinschaft, ohne jeden persönlichen Besitz. So radikal sozialutopisch die Wiedertäuferbewegung war, so radikal gestaltete sich ihre Verfolgung. Laut Ofener Ordnung sollte sie mit „Gefängnuss, Verbietung des Lands oder in andere Weeg gestrafft werden“. Schärfer war der Beschluss der Reichsstände auf dem Speyrer Reichstag 1529, laut dem Wiedertäufer „vom natürlichen leben zum Todt mit dem Feuer, Schwerdt oder dergleichen nach Gelegenheit der Persohn“ zu bringen waren. Im selben Jahr gab es in Schwaz 800 Anhänger der neuen Lehre, zirka 20.000 waren es in ganz Tirol. An die 600 wurden hingerichtet, 6000 wanderten aufgrund der schärfer werdenden Verfolgung nach Mähren aus, wo sie Duldung fanden. Nachkommen ­leben heute als Quäker in Amerika. 

Beim Reichstag zu Speyr wurde auch das Wormser Edikt von 1521 bestätigt, in dem Kaiser Karl V. über ­Luther die Reichsacht verhängt und die Verbreitung seiner Schriften ver­boten hatte. Die vielen Fürsten und Reichsstädte in Deutschland, die sich für die lutherische Seite ­entschieden hatten, schlossen sich daraufhin zum „Schmalkal­dischen Bund“ zusammen. Nachdem 1544 der Krieg gegen Frankreich beendet war, wollte der ­Kaiser die Glaubenseinheit im Reich wieder herstellen. Es folgte der Schmalkaldische Krieg von 1546-47. Der daraus als Sieger hervorgegangene Karl V. machte den Protestanten zwar Zugeständnisse, sah sich allerdings im folgenden Jahr erneut einer mit französischen Geldern ausgestatteten Streitmacht gegenüber. Das Blatt begann sich zu wenden. Karl V. kam mit einem blauen Auge davon, als er bei Innsbruck beinahe in die Hände der Protestanten fiel und sich nur mit Mühe über den Brenner retten konnte. 1552 musste er in den Augsburger Religionsfrieden einwilligen, der auf dem Prinzip „Cuius regio, eius religio“ – wessen das Land, dessen die Religion – aufbaute. Eine riesige Wanderbewegung der Untertanen war die Folge. ­Tirol indessen blieb katholisch. 

Mit dem Konzil von Trient von 1563 begann die katholische Kirche wieder an Stärke zu gewinnen. Die Gegenreformation hatte voll eingesetzt. An ihrer Spitze standen die Jesuiten, die sich 1561 in Innsbruck an­siedelten und daraufhin auch in Schwaz zu wirken begannen. 1586 sollen an einer ihrer Volksmissionen 4000 Menschen teilgenommen haben. Die Lehre Luthers hatte nicht zuletzt durch die beginnende Abwanderung der Knappen an Anhängerschaft zwar verloren, war aber noch längst nicht verschwunden. 1574 ließ der Abt von Georgenberg Untersuchungen über die „fortdauernde Ketzerei“ anstellen. Sein Nachfolger Michael Geisser erhielt vom Landesfürst den Auftrag, „durch seine Ordenspriester Missionen im Unter­inthale zu halten, um der weiteren Verbreitung der ketzerischen Lehre Einhalt zu thun“. Er hielt selbst derart kämpferische Predigten in der Schwazer Pfarrkirche, dass ihm 1593 der wenig schmeichelhafte Titel „Ketzerhammer“ verliehen wurde. Toleranz war im 16. und 17. Jahrhundert eine völlig unbekannte Haltung, allenfalls die Humanis­ten waren der Zeit schon etwas voraus.  Olaf Sailer

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