Vom Licht ins Dunkel

Am Höhepunkt des Schwazer Bergsegens arbeiten über 10.000 Knappen unter Tag. Sie sind hart wie der Stein, den sie schlagen, zäh wie das rote Kupfer und stolz wie das weiße Silber, das sie schmelzen – auch wenn ihr tägliches Brot Knochenarbeit ist.

Kein Himmel da drin. Alles  schwarz. In der Dunkelheit treibt beißender Qualm durch den Nikolausstollen. Die übel riechende Wolke legt sich auf das Gemüt Hanns Artzknapps und nimmt ihm den letzten Rest Luft. Wütend schlägt der Knappe Schlägel und Eisen in den Fels. Er kann die knospenden Apfelbäume draußen im Frühlingslicht nicht sehen. Stockdunkel ists hier unten, nass und kalt. Grimmig beißt sich der Häuer auf die Lippen. Kein guter Tag. 

Viel später, als das Dröhnen der großen Glocke das Schichtende einläutet und das Hämmern der „Bergschratten“ am Holzwerk der Schächte das Zeichen in die Tiefe weitergeben, wird sich herausstellen, dass es doch ein guter Tag war. Dann wird Artzknapp die Tagesausbeute in seiner Kappe aus dem Stollen tragen können. Dann hat er „einen Hut voll geleistet“, das schafft nicht jeder. Draußen wird er sich langsam aufrichten und die erdrückende Enge der Stollen ausatmen. Artzknapp ist der erste namentlich genannte Schwazer Knappe, der in der Mitte des 15. Jahrhunderts wohl zu den Bergleuten gezählt haben muss, die hoch oben am Falkensteiner Eibelschrofen mühsam nach dem begehrten Fahlerz suchten. 

Ein halbes Jahrhundert später schon sind die Dimensionen andere: Auf einer Fläche von zehn Quadratkilometern sind die Stollen und Schächte im Süden von Schwaz in den Berg gewachsen. Schlingen ihre Zehrung durch drei große Bergreviere: Alte Zeche, Falkenstein und Ringenwechsel. Sie reichen vom Bucher- bis zum Lahnbach, von der Inntalsohle empor bis zum Mehrer Kopf, vom Falkenstein bis hin zum Weißen Schrofen am Eingang ins Zillertal, im Westen bis zum Pillbach. Es ist ein vernetztes Labyrinth von Stollen, Schächten, Strecken, Fahrten und Aufbrüchen, ­gewiss 500 Kilometer lang. Das Grubengebäude im Berg zählt 794 Lachter (1 Lachter = 1,92 Meter). In jenen Tagen fördern bis zu 10.000 Menschen, einem­ Ameisenhaufen gleich, das kostbare Erz ans Tageslicht, das einer ganzen Region zu Weltruhm verhilft. Nichts ist mehr planlos, die Arbeitsteilung genau geregelt.

 Männer, in zähes Leder ­geschirrt, stehen am Fuße des Krummörter­reviers. Arm an Arm am Stollenmund. ­Hutleute, Grubenhüter, Herrenhäuer, Gedingehäuer, Lehenhäuer, Haspler, Truchenlaufer, Säuberbuben. Dann marschieren sie vom Licht ins Dunkel, vorbei an grünlichem Malachit und blauem Azurit, zwängen sich tief gebückt durch die engen Gänge. Es ist ein langer Weg zur Hölle und retour. Meh­rere Kilometer legen die Knappen zurück, bis sie ihren Arbeitsplatz im Inneren des Berges erreichen. Während sie gehen, schicken sie ihre Gedanken auf den Weg zurück zu Frau und Kind. Manchmal auch zu den Toten, die der Berg regelmäßig fordert. 

Am Ende der Stollen, ganz unten im Geschlinge, werden sie, Reißzähnen gleich, ihr Werkzeug in den Stein hauen. Arbeiten mit schwerem Gezähe (bergmännisches Handwerkzeug), dann, wenn der lang ersehnte, vielversprechende Erzkörper erreicht ist und die Gegebenheiten eine größere Ausweitung des Stollens, einen Großeinbruch, erlauben. Dann setzen die Knappen mit der einen Hand das Spitzeisen an den Fels, während die andere mit dem schmalen Schlägel zuschlägt. Dann sprengen die Häuer mit keilförmigen Ritzeisen auf verschiedenen Schrämmstrecken größere Brocken ab, fördern die Haspler mit ledernen Kübeln den abgebauten Fels senkrecht nach oben, sammeln die Säuberbuben totes Gestein auf, halten die Wasserleute die Gänge trocken, setzen die Grubenzimmerer inei­nander verkeilte Stützstempel, schieben die Huntstößer in hölzernen Truhen Erz und Abraumgestein an den Tag. Andere schleifen schnaubend das auf dem Scheidstein in kleine Stücke geschlagene Erz in schweren Ledersäcken zu Tal, hin zur Arzschütt am Inn, zu den großen Pochwerken und Schmelz­öfen. Verdreckt, verschwitzt, durchnässt, müde und ausgelaugt schlurfen die Männer dahin. Lachter für Lachter. Durch die Martyrien-Stollen, wie sie insgeheim heißen, zur Kapelle im Berg, vorbei an Fürstenbau und Wassergappl bis hin zum Raber-Liegendbau. Dabei grüßen sie sich gegenseitig: Glück und Heil dem löblichen Bergbau! 

Tief drinnen im Dolomit ist der Sauerstoff knapp. Der Focher sorgt für Frischluft. Unter lautem Getöse bläst der riesige Blasebalg einen Luftstrom in die Stollen und Schächte. Er kommt aus hölzernen Rohren, bläst kalt über die Köpfe der Männer hinweg und lässt sie frösteln. Am Abend aber wird ein klammer, steif gefrorener Nacken ihr gerings­tes Problem sein. Die Arbeit unter Tage härtet ab, macht krank und stumpf. Tag für Tag dieselben Gesichter, dieselben Geschichten. Tag für Tag das dumpfe Klopfen, ein­töniges Signal, das die Männer durch das Gestein schicken. Es ist ein Zeichen, das für ihr Gemeinschaftsgefühl steht, für ihren Mut und ihre Mühen. So alt wie die übrige Bevölkerung werden die Schwazer Bergknappen nie, 15 Jahre früher ist ihre Zeit abgelaufen.

Nächste Etage, nächster Stollen. Brennender Kienspan taucht den Ort in fahlgelbes Licht, die Felszacken werfen tanzende Schatten. Es wirkt gespenstisch. Ein Grubenhunt rollt auf dem Gestänge, ächzt unter seiner Last. Er ist auf den Stollendurchmesser, der kaum viel mehr als eine Elle beträgt, maßgezimmert. Unermüdlich arbeiten die Bergknappen, schuften morgens bis abends wie die Berserker. Stemmen, hämmern, schieben und schleppen. Das müssen sie auch. Denn ihre Kundschaft ist adelig, ungeduldig und raffgierig. Zu viel Macht steht auf dem Spiel. Auch die Arbeitgeber der Bergmänner, die großen Gewerken, verstehen keinen Spaß. Sie sind ausschließlich an der Ausbeute von Silber und Kupfer interessiert. Dafür stellen sie das Kapital für die Hoffnungsbaue, dafür bieten sie Sicherheiten und dafür beuten sie aus. Jedes Jahr steigen ihre Forderungen an den Bergbau. 1523 ist die Höchstmarke erreicht: Den acht Gewerken bleiben 55.855 Gewichtsmark Silber, was 15.695 Kilo entspricht, und 1098 Tonnen Kupfer. Ein gutes Jahr. Wie lange wird der Raubbau am Falkenstein noch gehen, ehe der Reichtum versiegt? 

Die Knappen jedenfalls haben Großes vor. Zum ungezählten Male durchbohren sie das Felsmassiv. Nun aber nicht mehr wie bisher, sondern vom Erbstollen aus mit mehr als 70 Grad Neigung nach unten in eine Tiefe von 235 Metern: „abteufen“ heißt es in der Bergmannsprache. 200 Meter unter die Inntalsohle. Eine riskante und mühselige Knochenarbeit. Fünf Millimeter in acht Stunden beträgt der Vortrieb eines Knappen. Wasser tropft. 100 Mann in sechs Schichten versuchen den neuen Schacht zu trocknen, schaufeln in Ledereimern das Wasser bis zum Erbstollen herauf. Eine lebende Eimerkette. Denn das Wasser ist neben bösen Wettern der größte Feind der Bergmänner. Immer wieder bereitet es in den Gruben Probleme, immer wieder führt es zu schweren Unglücksfällen. Grund genug um das Schwazer Weltwunder, die monströse Wasserhebemaschine, zu erfinden. In einer Achtstundenschicht schaffen die 1400 Liter fassenden Ledersäcke des riesigen Kehrrades 100 Kubikmeter Wasser nach draußen, betrieben von der Kraft des bedrohlichen Elements. Stangenknechte treiben das doppelte oberschlächtige Rad bald auf diese, bald auf jene Seite. So man haben mag, hebt man damit eine große Menge Wasser auf den Stollenlauf, das dann den Berg herausfließt. 

Plötzlich grollt der Berg, dumpf und bedrohlich. Die Männer schauen sich an. Feuchte Finger, Luft anhalten, lauschen. Ists das Bergklöpferl (siehe Kasten oben), das auf geheimnisvolle Weise in den Stollen und Felsen klopft? Wurde etwa das unheilbringende, bärtige Männlein heute schon gesehen? Längst vergessene Sagen werden hervorgekramt. Man erzählt sich von den kleinen Grauen, die einst in der Falkengrube von den Knappen geneckt wurden, urplötzlich verschwanden, den Berg erzittern ließen, den Stollen zum Einsturz brachten, der dann alles unter sich begrub. Oder die Legende von der verschmähten Hilfe, als die Knappen das Bermännlein verhöhnten und verlachten, dies aber alsbald bitter mit dem Tod bezahlten. Oder jenes unheilbringende Ereignis, als mit ungezähmter Kraft Wassermassen aus Spalten und Ritzen schossen und alles Leben forderten. Innerhalb von Minuten war damals alles vorbei. Furchtbar war dann der Moment, als der Berg die Toten freigab und die Knappen in Särgen heimkehrten. Tief sitzt der Schock aus zahlreichen Zwischenfällen. Der Berg hat eine Seele, da sind sich die Männer einig. Und so manch einer, erzählen sie sich, soll zwischen dem kalten Gestein schon dem Teufel begegnet sein. 

Immer noch knackt der Fels. Das Holz ächzt, der Grubenhunt zittert. Grauen macht sich breit. Die Säuberbuben bekreuzigen sich. Benedicat vos omnipotens Deus, Pater et Filius et Spiritus Sanctus. Beten hilft immer. Aus der Tiefe schrei ich Herr zu dir. Mit Winkelmaß und Kompass, Stab und Klafter vermisst der Schiner den Stollen, der Bergschratt beobachtet derweil das Gestein. Er ist ein erfahrener Schichtmeister. Kennt den Berg wie kein anderer. Er spricht sich fürs Abwarten aus. Urplötzlich wird das Beben leiser. Unbehelligt lässt der Berg die Männer ziehen. Es war ein guter Tag. Monika Lerch

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