Edle "kunststuckhe"

Die Natur in ihrer Vollkommenheit zu übertreffen, war Antrieb für ein mannigfaltiges künstlerisches Schaffen in der Renaissance. Kunsthandwerk und Künstler erlebten eine Hochblüte.

Ohne Sprechblasen, „Uff“ oder „Ächz“, kommt der Comicstrip aus, der in der Wunderkammer des Schloss Ambras zu intensiver Betrachtung einlädt. Die Post­reise Ferdinands II. nach Brüssel wird auf dem breitformatigen Gemälde eindrucksvoll dokumentiert, wobei die einzelnen Stationen wie zu einem kleinen Filmstreifen zusammengefügt sind. Die Reisegesellschaft bleibt stets die Gleiche, wohl aber wechseln Orte, Geschehnisse und Zusammenkünfte, so dass der Betrachter von Beginn bis zum Ende die Reise miterleben kann. Gerne wurde zu Ferdinands Zeiten diese lebendige Form der Darstellung gewählt, um ein farbenprächtiges Zeugnis für Zeitgenossen und Nachkommen zu bieten. Seine Unternehmungen stellte der Tiroler Erzherzog ebenso gerne in den Mittelpunkt, wie seine Kunstsinnigkeit und sein Bedürfnis, sich mit Künstlern und schönen Dingen zu umgeben. 

Was sich heute als eigentümliche Einheit auf dem Innsbrucker Schloss präsentiert, wurde von Ferdinand dadurch geprägt, dass er seine wunder- und kunstsinnige Nase in alle Himmelsrichtungen hob. Sein Hof war bevölkert von Künstlern aus Deutschland, den Niederlanden und Italien, gefragte Spezialis­ten aus verschiedenen Kunstrichtungen wie Bildhauerei, Erzguss, Malerei, ­Architektur oder Musik. Kunst und Kunstgewerbe wurden nicht eindeutig voneinander getrennt, viele Künstler zeichneten sich durch besondere Kunstfertigkeit aus. Angetrieben von einer den Fürsten eigenen Repräsentationsleidenschaft holte sich Ferdinand II.   nur die besten und bekanntesten Künstler an seinen Hof. Er vergab unzählige Auftragsarbeiten, geizte nicht mit hohen Honoraren, um die Künstler an sich zu binden und zog damit den Unmut der geldarmen Kammer auf sich. Nicht zuletzt war er selbst künstlerisch tätig. 

Allerhöchste Kunstfertigkeit manifestierte sich im an Renaissance- und Barockhöfen sehr beliebten und mit Leidenschaft geförderten Drechselhandwerk. Bereits in zartem Alter wurden die adeligen Jünglinge in der Kunst unterwiesen, die schon Gott als primäre Fertigkeit nachgesagt wurde. Drechseln galt als „ars naturam superat“ – die Überwindung der Natur durch die Kunst. Gott selbst wurde als der erste Drechsler angesehen und so wie er den Weltenlauf regelte, so bestimmten die Fürsten den Staatsapparat. Weit mehr als die bloße Geschicklichkeit wurde durch dieses Unterrichtsfach gefördert, auch Ausdauer und vor allem die Tatsache, dass der Einzelne die Ordnung festlegt, wurde durch die Drechselbank symbolisiert. Schon ­Kaiser Maximilian I. übte sich in einem kleinen Kämmerlein an den „Spänen, die die Welt bewegen“. Und Ferdinand II. galt mit seiner großzügig ausgestatteten Drechslerei-Werkstatt als wahrer Meister und großzügiger Förderer der göttlichen Kunst. 

Neben Holz diente Elfenbein als Ausgangsmaterial für die filigranen Gebilde, die als Tafelaufsätze, Schreibwerkzeughalter oder zur bloßen Dekoration angefertigt wurden. Unzählige Späne wurden mit Fingerspitzengefühl und Sinn fürs Detail in monatelanger Kleinstarbeit zusammengefügt. Ferdinand ging es um die Zurschaustellung technischer Bravourleis­tungen, die oft an die Grenzen der statischen Möglichkeit gingen und zum reinen Selbstzweck hergestellt wurden.

Ausschließlich den Wünschen des Fürsten entsprechen musste jede Kunstwerkstatt in seinem kleinen Reich. Von freier Kunst konnte keine Rede sein, mischte sich doch der kunstsinnige Landesfürst meist in die Produktionsprozesse ein und hatte klare Vorstellungen von den Ergebnissen. Deutsches Glas, welches in der Haller Hütte produziert wurde, war ihm beispielsweise zu derb, so dass er venezianische Glasbläser nach Innsbruck kommen ließ. Sie richteten ihm die Innsbrucker Hofglashütte ein und betrieben sie auch. So gelang es ihm, von der großen und streng geheimen Glaskunst aus Murano zu profitieren. Die italienischen Meister stellten ihm ihr handwerkliches Können zur Verfügung, Ferdinand selbst lieferte Form und Inhalt. So verband sich virtuose venezianische Glasbläserei mit der vielfältigen Imaginationskraft des Fürsten. 

Die Meister kombinierten die Glaskunst mit verschiedenen Materialien. So entstand   in der Innsbrucker Hofglashütte der Glasberg, für den in Form eines Käfigs Stäbe angefertigt wurden. Der Berg selbst besteht aus geformtem Papier, das mit Leim gehärtet und mit buntem Glasstaub bestreut ist. Während Bäume und Sträucher aus Draht gefertigt sind, bestehen Geäst und Blätter aus meist grünem Glas. Zarte Glasfigürchen bevölkern den Berg sowie die runden Stäbe des Gehäuses. Mehrere Szenen sind dargestellt: Vögel sitzen auf Baumspitzen und Sträuchern, Schwäne tummeln sich in einer Höhle, eine Jagdgesellschaft rundet das Bild ab. Auch Aktäon ist im Glasberg verewigt. Dieser überraschte der griechischen Mythologie zufolge die jungfräuliche Göttin Artemis beim Baden und wurde von ihr zur Strafe in einen Hirsch verwandelt, der von seinen ­eigenen Hunden zerrissen wurde. 

Viel Kunstvolles ließ sich ­Fer­dinand für die große Repräsentationshalle in Schloss Ambras, den Spanischen Saal, einfallen und viel ließ er sichs auch kosten. Besonders ins Auge springen beim Anblick der großzügigen Fenster die Bilder, die sie umranden. Bunt, vielfältig und humoris­tisch winden sich dort eine Kuh mit Menschenkopf, der Faun mit Pferdekörper, Blätter, die in Menschenköpfen enden oder andere absurde und dem Reich der Phantasie entspringende Mischwesen aus Mensch, Tier und Pflanzen. Die Dekorateure des Spanischen Saales ließen mit diesen Grotesken eine antike Darstellungsform wieder aufleben, die sich in der Renaissance besonderer Beliebtheit erfreute. 

Ihren Namen haben die Grotesken (ital. grotta – Höhle; grottesco – wild) von ihrer Entdeckung unter der Erde erhalten. Sie befanden sich an den Wänden verschütteter antiker Bauten, die man als Grotten betrachtete. So brachten Ausgrabungen in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts die Räume der Domus Aurea, des römischen Palastes Kaiser Neros zu Tage, deren Wände mit diesen ungewöhnlichen Dekorationen bemalt waren. Von Künstlern wie Raffael und seiner Schule aufgenommen, fand das neue Ornament „all’ antico“ rasche und weite Verbreitung in den Künsten und Kunsthandwerken. In der Zeit der Gegenreformation wurden diese heidnischen Geschöpfe jedoch verurteilt, da sie „sinnlos seien und nur dazu dienen, durch Absurdes das mangelnde Können des Künstlers zu verschleiern“. 

Möglicherweise weil selbst die Loggias des Vatikans mit Grotesken ausgeschmückt sind, blieben die reaktionären Schmäh-Angriffe der Gegenreformatoren ohne weit reichende Folgen. Als charakteristische Ornamente der Renaissance und Hochrenaissance blieben sie auch im Schloss Ambras erhalten. Mit den Grotesken im Spanischen Saal bewies Ferdinand II. einmal mehr, dass er mit seinem Kunstverständnis „am Puls der Zeit“ war und sich in Innsbruck die Kunst nördlich und jene südlich der Alpen die Hände reichten.  Susanne Gurschler, Alexandra Keller

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