Vom Palas zum Palast

Am Beginn der Neuzeit hatten die meisten Burgen ihre ursprüngliche Bedeutung verloren. Einige wenige wurden zu Festungen ausgebaut, während andere zu luxuriösen Schlössern umgestaltet wurden.

Es zieht durch die Ritzen der mit öl­getränktem Papier und Stoffen ­verhängten Fenster. Es ist Ende November, früh ist die Dämmerung hereingebrochen. Die Steinböden sind eiskalt und der Wind pfeift durch die Gänge, die nur notdürftig mit Kienspänen, die in Eisenringen an der Wand stecken, beleuchtet sind. Im großen Wohnraum stehen metallene Kohle- und Holzschüsseln, die als Heizung dienen. Die Kerzen auf dem großen Radleuchter, der von der Decke hängt, sind noch nicht entzündet. Vorerst müssen die kleinen Talglampen, deren Dochte von Tierfett gespeist werden, genügen. Erträglich war das Leben auf einer Burg eigentlich nur in der wärmeren Jahreszeit. Die Böden aus Stein oder Lehm waren kalt und Hygiene im heutigen Sinn kannte man nicht. Ursprünglich waren diese steinernen Kolosse sowohl regionale Macht- und Verwaltungszentren als auch Bollwerke gegen innere und äußere Feinde. Im ausgehenden Mittelalter verloren sie allerdings immer mehr ihre angestammte Funktion und konnten auch dem gestiegenen Anspruch an eine bessere Lebensqualität nicht mehr genügen. Wer am Beginn der Neuzeit seine Macht und Herrschaft zeigen wollte, hauste nicht mehr in einer engen, zugigen und schwer zugänglichen Burg, sondern wohnte nach Möglichkeit in einem prächtig ausgestatteten, luxuriösen Schloss mit weitläufigen Gärten. 

Mit zirka 280 Burgen, Schlössern und Ruinen, die meisten davon in Südtirol, zählt das Gebiet der ehema­ligen Grafschaft Tirol zu den burgenreichs­ten Regionen Europas. Seit dem 11. Jahrhundert waren die Bischöfe der Bistümer Brixen, Salzburg und Regensburg sowie ­ihre Ministerialen die Herren in Tirol und bauten, wie die mächtigen Adelsgeschlechter der Staufer, der Welfen und der Andechser, ihre Burgen in Tirol. 

Vor dieser Zeit, etwa an der Wende zum 9. Jahrhundert, gab es neben den befestigten Reichshöfen hauptsächlich Erd- und Holzburgen für den hohen und niederen Adel. Bis zum 10. Jahrhundert bestanden solche befestigten Herrensitze meist aus einem Wohnhaus, dem Haus für das Gesinde, einem Stall und Wirtschaftsgebäuden, die von einem Zaun oder Wall geschützt waren. Ab dem 10. Jahrhundert begann man Steinburgen zu errichten, allerdings zuerst in sehr einfacher Form. Zunächst übernahmen vor allem Türme die Wohn- und Verteidigungsfunktion. Aus diesen Turmburgen entwickelten sich im 12. Jahrhundert allmählich größere Anlagen mit einem Wehrturm – dem Bergfried, eigenen Wohnbauten, dem Palas, einer Kapelle und einem umgebenden Mauerwerk. Erst im Laufe des 14. Jahrhunderts entstanden die „klassischen“ Ritterburgen mit weiten Vorburgen zur Sicherheit, großen Höfen, fast unüberwindbaren Mauern und Torbauten. Burgen dienten allerdings nicht nur der Verteidigung und als Wohnsitz adeliger Familien, sondern sie waren auch oft Sitz eines Verwaltungs-, Gerichts- oder Herrschaftsbezirks, Aufbewahrungsort für Archivalien und andere wichtige Schriftstücke, Geld und Prozessakten. Sie dienten im Sinne von Verkehr und Handel zur Sicherung von Wasserwegen und Straßen, waren Unterkünfte für wohlhabende Reisende, boten der Bevölkerung der Umgebung Zuflucht und Sicherheit in kriegerischen Zeiten. Zu einer Burg gehörten meist auch eine Landwirtschaft und handwerk­liche Betriebe, sodass die Anlage in Bela­gerungszeiten autark sein konnte. Weiters waren die Burgen des hohen Adels Zentren für Musik, bildende Kunst und Literatur. Die oft prunkvolle Ausstattung mit Fresken, Bildern und Plastiken zeugen vom hohen Anspruch der Besitzer. 

Herrschafts- und Wohnsitze von hohen Adeligen waren auch meist sehr groß angelegt, mit genügend Dienstpersonal ausgestattet und auf Wohn- und Repräsentationszwecke abgestimmt. Solche Burgen wurden weniger zur Verteidigung genutzt und konnten auch im Talboden errichtet werden. Burgen des niederen Adels dienten in erster Linie der Sicherung und Verwaltung eines bestimmten Gebietes, weshalb der Aspekt der Wehrhaftigkeit im Vordergrund stand. Dazu gehören die Anlagen von Dienstmannen, Ministerialen und Rittern. 

Doch bereits mit Ende des 14. Jahrhunderts begann der Niedergang der Burgen während den Auseinandersetzungen des Landesfürstentums (siehe Seite 16f.) mit dem Adel. Viele Burgen wurden zerstört und danach nicht wieder aufgebaut oder mit einem Pfleger besetzt und dienten nur mehr als Verwaltungs- oder Gerichtszentrum im Dienste des Landesherrn. Ein weiteres Problem für den Adel waren die großen wirtschaftlichen Umbrüche des späten 15. Jahrhunderts. Viele der alten Burgen verfielen oder fielen in den Besitz von reichen Bürgern. Nur wenige Anlagen, meist an den Grenzen oder strategisch wichtigen Punkten, wurden vom Landesherrn übernommen und ausgebaut. ­Zudem erforderte das Aufkommen der Feuerwaffen weitere, kostspielige Umbaumaßnahmen. Die Befestigungen mussten verstärkt werden, um den Kanonenkugeln standzuhalten. Dazu wurden Erdwälle aufgeschüttet, Vorwerke geschaffen und die bestehenden Mauern verstärkt. Aus der Burg entwickelte sich die Festung. In die mächtigen Ringmauern dieser Anlagen baute man Türme und Rondelle ein, damit die Angreifer von der Seite her beschossen werden konnten. Ein Beispiel für diese Entwicklung war die Festung Ehrenberg bei Reutte.

Bereits unter Meinhard II. galt Tirol mit seiner enormen strategischen Bedeutung als Bindeglied zwischen Italien und Deutschland als ein Kernland Europas. Zur Grenzsicherung seines „Reiches“ baute er, neben vielen anderen Burgen, auch Ehrenberg und diese wurde im Laufe der Jahrhunderte zur größten Befestigungsanlage Nordtirols. Sie bestand im Kern aus der Burg Ehrenberg und der Klause auf dem Talboden. Seit dem 14. Jahrhundert war Ehrenberg auch das „Gericht in dem Walde zwischen den Clausen“, gemeint war damit das Gebiet vom Schloss Fernstein über das „Zwischentoren“ bis zum Einzugsgebiet von Reutte, und zugleich auch Sitz des Verwalters und Richters.  

Ein erste große Bewährungsprobe hatte die noch bescheiden ausgebaute Festung 1546 zu bestehen. Die Schmalkalden, ein protestantischer Bund unter dem Führer Schertlein zu Burbach, fielen über Füssen kommend in Tirol ein. Die heranrückenden 2000 Schmalkalden überrannten das Vorwerk am Kniepass und konnten die Besatzung der Klause überrumpeln. Wenige Wochen später griffen die Tiroler ihre besetzte Festung Ehrenberg an. Dazu schleppten sie auf den gegenüberliegenden Falkenberg sieben schwere Geschütze und konnten eine, allerdings schwer beschädigte, Burg zurückerobern. Erst Jahre später entschloss man sich, die angerichteten Schäden auszubessern und die Anlage zu vergrößern. Ein weiteres Mal bewährte sich die zur Zeit Karls V. zur riesigen Festung ausgebaute Anlage, als Moritz von Sachsen mit seinen Truppen heranrückte. Wieder wurden das Vorwerk am Kniepass und die Ehrenberg-Klause vom Feind eingenommen, die Burg selbst konnte von den Tirolern gehalten werden. Ehrenberg blieb in der Folge für viele Jahre eine wichtige Grenzbastion. Ein weiteres Beispiel für diese Entwicklung ist die Festung Kufstein.

1205 wird diese Burg, zu dieser Zeit im Besitz der Bischöfe von Regensburg, erstmals urkundlich erwähnt. Im Laufe der nächsten Jahrhunderte erwarben auch die bayrischen Herzöge einen Anspruch auf die Festung Kufstein, später war die Burg ein Regensburger Lehen der Herzöge von Bayern. Im Laufe der Jahrhunderte wurde die Anlage immer wieder erweitert und verstärkt. 1504 belagerte und eroberte Kaiser Maximilian I. die Festung Kufstein und ließ die Burg, da sie durch den Einsatz schwerer Artillerie fast zerstört worden war, neu errichten und ausbauen. In den Jahren bis 1563 erfolgte der weitere Ausbau zur stärks­ten und modernsten Festung des Landes. Im 17. Jahrhundert wurde die Anlage noch einmal erweitert. 

Doch auch die Zeit der riesigen Fes­tungsanlagen ging zu Ende. So fiel die ­gewaltige Burg Ehrenberg mit all seinen Vorwerken schließlich den Reform­plänen Kaiser Josephs II. zum ­Opfer. Im Jahre 1782 wurden, mit Ausnahme der Fes­tung ­Kufstein, alle weiteren Nordtiroler Be­­­­­­fes­tigungswerke aufgelassen und versteigert. 

Sehr oft waren solch ausgedehnte Festungsanlagen auf Grund der Geländebeschaffenheit nicht realisierbar. Burgen wurden meist auf steil abfallenden Felsnasen errichtet, die ­Erweiterbarkeit war sehr ein­geschränkt. Die ursprüngliche ­Bedeutung der Burg ging immer mehr zurück und der Aspekt des Wohnens trat in den Vordergrund. Wo Burgen verkehrsmäßig günstig lagen, wurden sie gelegentlich zu Schlössern umgebaut. Dann stand nicht mehr die Wehrfunktion im Vordergrund, sondern das zeitge­mäße Wohnen. Das Schloss, meist auf der Basis einer bestehenden Burg errichtet, entwickelte sich langsam und ­er­lebte dann in der Zeit des Barock im 17./18. Jahrhundert seinen klassischen Höhepunkt. 

Das Erscheinungsbild von Schloss Ambras ist durch die Umbauten geprägt, die vor allem im 16. und im 19. Jahrhundert stattfanden. Doch im Kern ist das Hochschloss eine mittelalterliche Burg. Die Grundrissform lässt den Schluss zu, dass der im späten 13. Jahrhundert errichtete Palas und der Bergfried in ihrer Begrenzung mit einer romanischen Burg, die ursprünglich dort errichtet wurde, identisch sind. 1133, während einer Auseinandersetzung von Otto III. von Andechs mit Heinrich dem Stolzen, wurde die Burg erstürmt und niedergebrannt. Über den Wiederaufbau und die Umbauten in den folgenden Jahrhunderten ist wenig bekannt. Im 14. Jahrhundert konzentrierte sich die Bautätigkeit auf die östliche Fortsetzung des Palas und die 1330 eingeweihte Kapelle. Erzherzog Sigmund überschrieb 1484 Ambras seiner zweiten Gattin Katharina von Sachsen mit der Zusage, dass „Sloss Umbras inner dreien Jarn wiederum zu erbauen“. In dieser Zeit hatte Schloss Ambras seine ursprüngliche Funktion als Wehrburg längst eingebüßt. Die Umbauten der folgenden Jahre machten aus der alten Burg das Renaissance-Schloss, das wir heute kennen. 1563 ging Ambras in den Besitz Erzherzog Ferdinands über. Unmittelbar danach erfolgte die Neugestaltung des Hochschlosses. Ferdinand machte aus seinem neuen Besitz ein feudales Anwesen mit allem Luxus, den seine Zeit zu bieten hatte. Ein weiteres Beispiel für die Entwicklung einer Wehrburg zum feudalen Schloss ist Schloss Tratzberg. 

Östlich des heutigen Schlosses stand bereits am Ende des 13. Jahrhunderts eine landesfürstliche Burg ­gleichen Namens. Mit einer zu Tratzberg gehörenden und am Bergfuß liegenden Klause, an der der Inn zu dieser Zeit direkt vorbeifloss, ­bildete die Burg eine wichtige Talsperre. So leistete 1410 die Besatzung von Tratzberg den in Tirol einmarschierenden Bayern erfolg­reich Widerstand. In den Jahren 1462/63 baute dann Erzherzog Sigmund Tratzberg weiter aus. 1498 wurde die Burg von den Gewerken Veitjakob und Simon Tänzl im Tausch gegen Schloss Berneck bei Kauns erworben. Sie erbauten ab 1500 mit enormem Aufwand das heutige Schloss. Der Charakter einer Wehrburg trat nun völlig in den Hintergrund. Behagliches Wohnen und Repräsentation standen für die durch den Bergbau zu großem Reichtum gekommene Gewerkenfamilie an erster Stelle. Der Neubau umfasste zunächst den Osttrakt, den großen Südtrakt und den Westflügel bis zum Einfahrtstor. Im Habsburgersaal im ersten Stock, mit der Mittelsäule aus Marmor, ließen die Tänzl einen Stammbaum ihres Gönners Kaiser Maximilian malen – er besteht aus 148 lebensgroßen Halbfiguren. Auch die Spitz­bogen-Arkaden im Innenhof stammen aus dieser Zeit. Unter den späteren Besitzern, der Familie Ilsung, kamen zwischen 1560 und 1572 der restliche Westflügel und der Nordtrakt dazu. Das Königinzimmer in der Süd­ostecke, von Georg Ilsung in Auftrag gegeben, ist ein Spitzenwerk der Schreinerkunst der späten Renaissancezeit. Die Räumlichkeiten, wie die Fuggerstube, die Maximilianstube, die Tänzlzimmer oder der Jagdsaal, waren prunkvoll ausgestattet und stellten an der Wende zur Neuzeit den Inbegriff von Wohlstand und Luxus dar. Alle Räume waren beheizbar und hatten große Fenster. Die ­Anlage war prunkvoll und doch sehr behaglich. Zusätzlich besaß Schloss Tratzberg, im Gegensatz zu seinen Vorläufern, etwas ganz Besonderes: In einer kleinen Kammer, mitten im Wohnbereich, gab es eine Toilette.  Hugo Huber

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