Schwazer Meistersinger

Meistersinger, kaiserliche Hofmusikkapelle in Innsbruck, ein Kaiser als ­Literat: Tirol war im Mittelalter auch ein Zentrum für Musik und Literatur.

Als ich dem Handwerk nach thet wandern – Von einem Lande zu dem andern – Kam ich gen Schwatz in das Inthal – Do im Bergwerk eine große Zal – Ertzknappen arbeiten tag und nacht.“ Mit diesen Worten setzte der bekannteste deutsche Meistersinger und Volksdichter Hans Sachs in seinem Stück „Die Bäurin mit der dicken Milch“ Schwaz ein literarisches Denkmal, als der Nürnberger Dichterfürst 1513 in der Knappenstadt weilte. Die Meistersinger von Schwaz waren ein Unikum, denn Meistersinger traten zunächst im nord- und mitteldeutschen Raum auf. Die neureichen Schwazer Gewerkenfamilien nahmen sich an den Augsburger ­Patriziern ein kulturelles Vorbild und gründeten die erste Meistersingerschule im Alpenraum. Während jedoch die „Meistersinger von Nürnberg“ heute jeder Opernliebhaber kennt, ist die Tradition der Schwazer Sangesbrüder längst vergessen. 

Meistersinger waren städtische Handwerker, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, die ­alte Lyrik zu pflegen, aber auch selbstständig nach strengen Regeln zu dichten und komponieren. Sie beriefen sich dabei auf die Tradition des ritterlichen Minnesangs des Hochmittelalters. Die Anfänge des Meistersangs in Schwaz verliefen zögerlich. Zwar hatte bereits 1508 der Schwazer Handwerker Hans Probst ein Lied nach Meistersingerart über den Romzug von Kaiser Maximilian in Schwaz gedichtet, doch wurde erst 1532 von den Sängern um Erlaubnis bei der Innsbrucker Regierung angesucht, eine Meisterschule einzurichten und öffentlichen Unterricht zu erteilen. König Ferdinand wies als Landesherr  allerdings nicht nur das Ansuchen zurück, sondern verbot sogar den Meistersang, da dieser stark protestantisch geprägt war und Ferdinand, als katholischer Herrscher, die Lehren Luthers sowie dessen deutsche Bibel­übersetzung ablehnte (Als Basis für ihre Dichtungen dienten den Meistersingern speziell die Geschichten des Alten Tes­taments). Doch die Schwazer blieben hartnäckig und nach vier Jahren erreichten sie endgültig die landesherrliche Bewilligung, allerdings mit strengen Auflagen: Die Sänger mussten sich verpflichten, nur an Feiertagen und unter landesfürstlicher Aufsicht zu singen, außerdem musste alles lutherische Gedankengut aus den Liedern gestrichen werden. Da auch die Schwazer Meistersingerschule vom finanziellen Wohlergehen der Schwazer Handwerker abhing, stand ihre Auf­lö­sung in engem Zusammenhang mit dem Niedergang des Silbergbaues – letztmalig erwähnt werden die Schwazer Meistersinger 1601. 

Auch abseits der Schwazer Zünfte entwickelte­ sich, wie bei den Bergmännern, ein lebhaftes Musik­leben. Aus der Knappen­tradition ist der Bergreihen zu erwähnen, ein Knappentanz, der mit Trommeln und Trompeten musikalisch begleitet wurde – Instrumente, die die Bergknappen auch auf den Kriegszügen begleiteten. Die Sangesfreude der Schwazer Knappen erlangte im Laufe der Zeit so große Berühmtheit, dass 1561 Erzherzog Ferdinand II. die Knappen als Sänger an den Innsbrucker Hof holte und die Bergmänner ihn 1570 auf einer Reise nach Prag begleiten muss­ten. Dass Musik auch zur damaligen Zeit verlockend war und unter Umständen sogar zu handfesten Krisen führen konnte, belegt ein überlieferter Schwazer Gerichtsprozess des 16. Jahrhunderts. Die Schwazerin Katharina Leitgeb verfiel einem Harfenschläger aus Burgund und ließ ihren Mann und die Kinder zurück. Als der Harfenspieler starb, kehrte sie zu ihrem Mann Wolfgang Kopps nach Schwaz zurück. Aufgrund des Ehebruchs wurde sie vor Gericht gestellt, obwohl ihr vom Gatten inzwischen ver­ziehen wurde, und zu folgender Strafe verurteilt: persönliches Verbot des Harfenspiels, Beschlagnahmung der Harfe, 35 Gulden Geldstrafe und 14 Tage Kerker.

Doch abseits der Verlockungen der weltlichen Musik war Schwaz auch ein Zentrum der Kirchen­musik. Der Reichtum der Stadt ermöglichte­ es, dass bereits 1478 eine Kirchenorgel für die Liebfrauen-Kirche gestiftet wurde. Die musikalische Begutachtung führte kein Geringerer als der kaiser­liche Hoforganist Paul Hofhaimer durch, einer der bekanntesten Tiroler Musiker seiner Zeit. Der Hof­organist von Erzherzog Sigmund war nicht nur international bekannt, sondern war auch einer der bestbezahlten Musiker­ in diesen Jahren. Sigmunds Nachfolger Kaiser Maximilian I. erkannte die Reprä­sentationswirkung der Musik wie keiner seiner Vorgänger und setzte welt­liche und geistliche Musik gezielt als Demonstrationsmittel seiner Macht ein. 

Durch seine Hochzeit mit Maria von Burgund – Burgund war neben Rom das musikalische Zentrum im 15. Jahrhundert – übernahm der „letzte Ritter“ die weltberühmte burgundische Hofmusikkapelle und holte sie an seinen Hof nach Innsbruck. Untrennbar mit der Hofmusik verbunden, ist der Komponist Heinrich Isaac, der für seinen Dienstherrn das wohl heute noch populärste Lied der Renaissance komponierte – „Innsbruck ich muss dich lassen“. Hauptaufgabe des Hof-Ensembles war die Gestaltung von liturgischen Feiern, doch wurde es auch für profane­ Musik bei Repräsenta­tionsfeiern eingesetzt. Nicht zu vergessen ist, dass diese Hof­musikkapelle auch heute noch besteht, allerdings unter einem Namen mit weltweitem Bekanntheitsgrad: Die Wiener Sängerknaben führen seit über 500 Jahren die maximilianische Tradition fort. Der Hofkapelle gegenüber standen als weltliche Institution die Trompeter und Pauker, welche die weltliche Macht des Herrschers symbolisierten. Bereits 1468 begleiteten Erzherzog ­Sigmund Trompeter, Pfeifer und Pauker auf einer­ Reise nach München. Maximilian erweiterte das Trompetenchor und baute es stark aus. So wuchs das Ensemble auf über zwölf Trompeter. Der Krieger Maximilian gründete auch eine Militärkapelle, die „Schweizer Gruppe“ – Querflöten und Feldtrommeln sollten den Soldaten im Schlachtgetümmel Mut machen. Mit ­Maximilians Tod verlor die Hofmusik an Stellenwert. Andere ­Mu­sikzentren in Europa liefen Innsbruck nach und nach den Rang ab, seine Nachfolger Kaiser Karl V. sowie Ferdinand I. zeigten wenig Interesse an den musikalischen  Küns­ten. Erst unter Erzherzog Ferdinand II. erfuhr Tirol eine Renaissance des Musiklebens. Und dieser holte die Schwazer Knappen sogar für Sang- und Schauspielvorführungen nach Innsbruck und nahm sie als Sänger auf Auslandsreisen mit. Damit sicherten Schwazer Bergknappen über viele Jahre nicht nur den Wohlstand der Re­gion, sondern fungierten im ausgehenden 16. Jahrhundert auch als musikalische Botschafter Tirols.  Johann Überbacher

zurück
nach oben