Von Schamkapsel und Arschleder

Strenge Bekleidungsvorschriften reglementierten die Mode des 15. Jahrhunderts. Während sich das gemeine Volk einfach zu kleiden hatte, protzte der Adel mit prunkvollen Gewändern und Accessoires.

Der Klang der Posaune hallt über den Hof. Mit Getöse werden die schweren Flügeltüren zum Festsaal auf­gestoßen. Eine lachende und tratschende Gruppe prachtvoll gekleideter Edeldamen betritt den Raum. Direkt hinter ihnen stolzieren die Herren. Bald schon ist der festlich geschmückte Spa­nische Saal dicht gefüllt. Nach links und rechts wird gegrüßt und gerufen. Anerkennende und neidische Blicke schweifen durch die Menge. „Schau dir das Kleid der Gräfin an! Die Farbe passt überhaupt nicht zu ihren Schuhen. Und außerdem: Findest du nicht, sie hat etwas zugenommen?“, flüstert das edle Fräulein in Rot ihrem Begleiter zu. Überrall wird gewispert und getuschelt, alles wartet gespannt auf das Erscheinen des Gastgebers Erzherzog Ferdinand II., der anläss­lich seines 30. Geburtstags ein großes Fest auf seinem herrschaftlichen Ansitz, Schloss Ambras, gibt. Denn Ferdinand ist nicht nur als wahrer Meister beim Ausrichten von Festen bekannt, sondern auch für seine hochherrschaftlichen Auftritte, Auftritte in teuren, prunkvollen Gewändern – Kleidung nach dem letzten modischen Schrei, als Ausdruck von Herrschaft und Macht. 

Noch steht der Erzherzog nachdenklich in seinem prall gefüllten Kleidergemach. Von unten hört auch er das Stimmengewirr aus dem Spanischen Saal. Einen besonders guten Eindruck will er an seinem ­Ehrentag hinterlassen, ist wählerisch, was sein Äußeres an­belangt. Seine adeligen Gäste aus vielen Teilen Euro­pas ­er­warten einen perfekt geklei­deten ­Fürsten, zumal Ferdinand weit über die Grenzen Tirols hinaus für seinen Lebensstil und die pracht­volle Erscheinung seines ge­samten Hof­staates bekannt ist.­­ Hunderte von edlen Wämsern,­ pelzverbrämten Mänteln,­ seidenbestickten Pluderhosen, ledernen Schnabelschuhen und sam­tenen Baretten sind in seinen Inventar­listen, dick wie Bücher, aufgezählt. Ferdinand entscheidet sich für die spa­nische Tracht aus silbernem Atlas mit dazugehörigem schwarzen Mantel. Der Leibrock, das so genannte Wams, ist wattiert und effektvoll geschlitzt. Das darunter liegende Seidenfutter wird bei jeder­ Bewegung sichtbar, passend dazu die stark gebauschte Plu­derhose mit angeschnittener „Braguette“. Die zur damaligen Zeit so moderne Schamkapsel war teilweise bis zu Kinderkopfgröße wattiert und ließ das männliche Geschlechtsteil überdimensional groß erscheinen. Trotz häufiger Strafpredigten von Seiten der Geistlichkeit blieb die Schamkapsel mehr als 100 Jahre in Mode, galt als Kraft- und Fruchtbarkeitssymbol.

Als die farblich passenden Handschuhe gewählt sind, Dolch und Degen am ledernen Gürtel baumeln und das mit ­Federn geschmückte Samt­barett im richtigen Winkel am Haupt sitzt, ist Ferdinand bereit, seinen gespannten Gästen gegenüberzutreten.  Nicht nur an Tagen großer Feierlichkeiten betrieben die Menschen des 16. Jahrhunderts einen unglaub­lichen Aufwand, was Mode und Kleidung anbelangte. Schönheit wurde mit opulenter Auf­machung gleichgesetzt, die den oberen Gesellschaftsschichten als Zurschaustellung des Standes diente. Dabei wurden regelrechte Konkurrenzkämpfe ausgetragen, die prachtvollen Renaissance-Gewänder aus kostbaren Seiden-, Brokat- oder Damaststoffen nach Lust und Laune gerafft, gebauscht und gezogen und aufwändig mit Borten, Perlen, Stickereien und Spitze verziert.

Obwohl die edlen Stücke extrem kostspielig waren und schon deshalb den weniger Begüterten verwehrt blieben, wurde­ durch eine strenge Kleiderverordnung den unteren Gesellschaftsschichten, die es liebten, sich adeliger Kleidungsformen zu bemächtigen und diese mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln nachzuahmen, das Kopieren von Merkmalen höfischer Kleidung untersagt. Die Kleiderverordnung setzte genau fest, welche Stoffe und Schnitte die jeweiligen Stände verwenden durften. So war es dem kleinen Volk nur gestattet, einheimische Stoffe wie zum Beispiel Wollstoffe aus eigener Schafzucht, Leinen aus Flachsanbau oder selbst produzierten Loden zu verwenden. Bauersfrauen durften zum Beispiel nicht mehr als sechs Falten im äußers­tenfalls wadenlangen Leib­rock,­ der ungeteilt und unzerschnitten sein musste, tragen. Verboten waren unter anderem auch „straußenfedern/ oder seiden hosenbendel/ und ausgeschnitten schou/ noch bareten/ sonder Hüt und Kappen“.

Durch solche Vorschriften nicht belastet frönten die Mitglieder der hohen Gesellschaft ihren Mode-Leidenschaften. Edelmänner legten ebenso viel Wert auf stilgerechte Kleidung und passenden Schmuck wie die feinen Damen der Gesellschaft, deren äußere Erscheinung und würdevolle Haltung in erster Linie dazu da war, den Status ihres Mannes zu bestätigen. Um den modischen Anforderungen und Schönheits­idealen der Zeit gerecht zu werden, entwickelten Frauen ihre ganz eigenen Geheimnisse, wie sie ihre Schönheit unterstreichen oder ihr im Bedarfsfall nachhelfen konnten. Besonders gerühmt wurde in hohen Kreisen ein blasser, durchscheinender Teint, braune Gesichtsfarbe wurde mit dem Verrichten von körperlicher Arbeit und Armut gleichgesetzt. Eine edle Dame hatte daher mit Hüten, Schirmen und Schleiern, Körper und Gesicht vor Sonneneinstrahlung zu schützen, schon allein deshalb, da weiße Haut und blondes Haar auch als Zeichen von Reinheit und Keuschheit galten. Ebenso wurden keine Kosten und Mühen gescheut, um mit komplizierten Mixturen das Haar zu bleichen.

Philip­pine Welser sitzt vor ihrem Spiegeltisch und zieht goldene Ohrenlöffelchen aus dem mit Elfenbein und Perlmutt besetzten Kosmetikkästchen. Für das Geburtstagsfest ihres Gatten ist ihr kein Aufwand zu groß. Das ausladende, aufwändig mit Goldfäden bestickte Kleid erhält durch die „Kröse“ (steifer, runder Kragen) eine unnatürlich starre Form – Frauenkleider des 16. Jahrhunderts hatten seit dem Aufkommen der spanischen Mode um 1530 einen fast rüs­tungsähnlichen Charakter. ­Phi­lippine prüft kritisch ihr Spiegelbild. Ob sie zum heutigen Anlass ihr neu erworbenes Flohpelzchen anlegen soll? Das gefletschte Gebiss des in kostbarer Fassung am Gürtel befestigten Marder­fells soll Dämonen von der Trägerin fernhalten. Dem Aberglauben war auch eine offizielle Erklärung untergeschoben: Flöhe und anderes Ungeziefer sollten dadurch nicht den menschlichen, sondern den toten, tierischen Körper befallen. 

Heute Abend wählt Philippine außerdem juwelenbesetzte Gürtel, Armbänder und Halsketten. Schnell streift sie einen Hermelinmantel über und eilt zu Ferdinands Gemach, um mit ihm gemeinsam­ im Spanischen Saal die hohen Gäste zu begrüßen. Während das hochedle Paar unter dem Applaus seiner Gäste den Spanischen Saal betritt, feiert auch das gemeine Volk den Geburtstag seines Landesfürs­ten – allerdings in weit weniger prunkvollen Gewändern. Auf einer­ großen Wiese vor Schwaz haben sich hunderte Knappen eingefunden. Sie alle sind zu gegebenem Anlass in traditioneller Bergmannstracht erschienen. Die den Bergknappen so eigene Kleidung ist Ausdruck des Selbstbewusstseins eines ganzen Berufsstandes. Die schwere, gefahrvolle Arbeit der Bergleute bedurfte einer spe­ziellen Ausrüs­tung und Kleidung, die dem Schutz und der Hilfe bei der Bewältigung der Berufsaufgaben dienten. Das so genannte Grubenhabit (Habit = Kleidung, Gewand) war eine ­Eigenkreation der Knappen, die sie nicht nur im Werksbetrieb, sondern auch beim festlichen Mahl, zünftigen Gelage oder beim Kirchgang stolz präsentierten. Sie bestand in erster Linie aus einem Leinenkittel mit Kapuze und dem Bergleder, auch Arsch­leder. Die Kapuze, „Gugel“ genannt, wurde gegen Nässe, Schmutz und herabfallendes Gestein über den Kopf gezogen und bei Bedarf mit ­diversen Stofffetzen ausgestopft. Zusätzlichen Schutz bot ein ­gewölbter Filzhut. Unter dem Bergkittel trugen die Knappen eng anliegende Hosen, Strumpflinge beziehungsweise Wickelgamaschen und Lederschuhe. Von besonderem kostümgeschicht­lichem Wert ist das nach seinem Sitz über dem Gesäß benannte Arschleder. Mit zwei Riemen war, einem Gürtel gleich, ein großer Lederfleck über dem Kittel angebracht. Er schützte den Bergmann vor der Kälte des Bodens und vor herabtropfendem Wasser. Über Jahrhunderte hielt sich dieses so markante Detail der Berg­werkskleidung und schlich sich unmerklich zuerst in die Festtagstracht der Knappen, später in die verschiedensten Kleidungsformen, unter anderem zahl­reiche militärische Uni­for­men, ein. Bis heute hat sich ein ­Überbleibsel des Arschleders ­­in den verlängerten Rücken­­tei­­len des Fracks erhalten.

Als die letzten Sonnenstrahlen hinter den Bergen verschwinden, herrscht bereits ausgelassene Stimmung auf der Festwiese. Mit tönernen Bechern wird einander unaufhörlich zuge­pros­tet. Es wird kräftig geschunkelt und gegröhlt. An einem­ der Tische wird gerade lautstark über die „verdammte“ Kleiderverordnung, die wenig Zustimmung findet, diskutiert. Knappen beschweren sich und knallen wütend ihre Bierkrüge auf den Holztisch. Der Tag des großen Festes neigt sich dem Ende zu. Die edlen Gäste aus Schloss Ambras­ hängen ihre goldgewobenen und perlenbestickten Roben zurück in Mahagoni­schränke und legen sich in daunenweiche, nach wohl riechenden Gewürzen duftende Betten. Ein paar Kilometer weiter schleppen sich die Knappen trunken in ihre bescheidenen Häuser, um dort vor dem kommenden, harten Tagwerk in den Schächten der Schwazer Bergwerke noch etwas­ Schlaf zu finden. Manch einer schafft es nicht einmal mehr, sich vor dem Einschlafen das Arschleder abzustreifen. In ihren arm­seligen Gewändern­ plagen sie uner­reichbare Träume – von Posaunenklängen und prachtvoll gekleideten Edeldamen, die dem Landesfürsten zujubeln.  Simone Wlachowsky

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