Silberdampf & Tod & Teufel

Nicht die Suche nach dem Stein der Weisen trieb ihn nach Schwaz, um hier die Geheimnisse der Alchemie zu ergründen. Paracelsus verwendete die sagenumwobene Kunst, um Arzneien herzustellen. Eine Revolution, die der streitbare Arzt nicht genießen durfte.

Beißende Dämpfe hängen im Schwazer Laboratorium und umhüllen Meis­ter und „Zauberlehrling“. Neben Sigmund Fieger steht ein wissbegieriger Jüngling mit gespitzten Ohren und beo­bachtet die wundersame Verwandlung des unreinen Erzes in reines Silber. Man schreibt das Jahr 1516. Der 22-Jährige, der später Paracelsus genannt wird, hat gerade sein Medizinstudium in Ferrara abgeschlossen und der Ruf Fiegers als Meister der Schmelztechnik, der „Scheidekunst“, lockte ihn in die Tiroler Silberstadt. Von Fieger, „der sich aufs Probieren wohl verstand“, wird Paracelsus in die „künst vulcani“ eingeweiht, die Alchemie. Nicht das irrige Ziel, Gold aus unedlen Metallen zu gewinnen, lässt Paracelsus an den Lippen des Schwazer Meisters hängen und den Umgang mit Erzen, Schwefel, Salzen und Säuren lernen. Das absolut Reine, die Quintessenz der Stoffe, ist es, was ihn fasziniert. Mit den Konzentraten will und wird er als Erster in der Geschichte Heilmittel herstellen.

Sein wahrer Name klingt wie die Zeit, in der er lebte: Philippus Aureolus Theophrastus Bombastus von Hohenheim. Als trunksüchtig, reizbar, stur, brutal aber auch genial beschreiben ihn Zeitgenossen. Vielen waren seine Ansichten und seine klare Haltung zu Arztkollegen – „Narren, Hundemetzger, Lügner, Bescheißer, Hornochsen, Mörder“ – ein Dorn im Auge. Anderen wiederum galten seine Heilerfolge als Wunder. Heute ist der Name Paracelsus zu lesen auf Apotheken, Kliniken, Medizin- und Kräutermixturen, auf Medaillen für verdiente Ärzte und sogar auf deutschen Intercity-Zügen. Weltverschwörer sehen Paracelus als erleuchteten Held und Opfer, Chemiker als Wegbereiter, Theologen als wichtigen Denker und Homöopathen als Vater. Gegen Ende seines turbulenten Lebens schrieb er: „Hieraus nun ermessent, ir auditores, ir leser, ... ob ich mein grund aus doller (=Wahnsinniger) weis hab oder aus der schwarzen kunst oder aus dem teufel, wie sie sagen.“ Geschmäht starb Paracelsus, erlebte nicht mehr den Ruhm, der ihm erst später zuteil werden sollte. Nicht nur in der Vereinnahmung des „Helden“ durch verschiedenste Gruppen wird sein Andenken hochgehalten. Züge seines Charakters wurden von Goethe im Faust verarbeitet und so mit einer besonderen Form der Ewigkeit bedacht. 

„Man muss Paracelsus und seine Bedeutung aus seiner Zeit heraus sehen“, stellt Andreas Winkler, Uni-Experte für Pharmaziegeschichte, fest. Geboren wird Paracelsus in die neue Zeit, 1493 in Einsiedeln in der Schweiz. Die Kindheit verbringt er hier und auch einen Teil der Jugend, bis sein Vater, der Arzt Wilhelm Bombast von Hohenheim, nach Kärnten übersiedelt. In Villach sollte Paracelsus’ Vater bis 1534 die Stelle des Stadtarztes bekleiden und vom Sohn als erster, vorzüglichster Lehrer beschrieben werden. 

In einer Klosterschule im Lavanttal genoss der junge Hohenheim die klassische Schulbildung seiner Zeit und begann im Alter von 14 Jahren an den führenden Universitäten Europas nach Lehrern zu suchen, deren Auffassung er teilen konnte. Schon als Student widersetzte er sich den medizinischen Autoritäten und zweifelte vieles, was von den Kanzeln aus gelehrt wurde, lautstark an. Es wird angenommen, dass Paracelsus sich in Wien mit dem Studium der sieben freien Künste die notwendige „Eintrittskarte“ in die Hochschule von Ferrara verschaffte, wo er um 1516 zum „Doctor beyder arzneyen“ – also für innere Krankheiten und für so genannte Wundkrankheiten – promovierte.  

Zu dieser Zeit gab er sich selbst den Namen Paracelsus, was oft mit „über Celsus stehend“ übersetzt und als Ausdruck seiner Missachtung gegenüber dem alten römischen Arzt ausgelegt wird. Dem Geist der Renaissance entsprechend waren die antiken und über tausend Jahre verschollenen Schriften von Celsus, Galen, Avicenna oder Hippocrates neu entdeckt und übersetzt worden. Ihre Lehren galten als das Nonplusultra an den medizinischen Hochschulen, auch Paracelsus musste dort die Grundlagen der antiken Medizin lernen. „Er hat sich gegen den Galenismus gestellt und gegen die Ärzte seiner Zeit, die ausgesprochene Theoretiker waren“, so Winkler. Der akademisch gebildete Arzt war unheimlich teuer, hatte üblicherweise keinen Kontakt zu seinen Patienten, stellte auch Ferndiagnosen und überließ die Therapie den Wundärzten und Badern. Dieser Zugang beziehungsweise Zustand war Paracelsus zuwider und er machte keinen Hehl daraus: „Solche Ärzte sind Mörder, denn sie wagen es, die Kranken genesen oder sterben zu lassen, nur damit ihr eigener Wohlstand gefördert wird. Und gleich einem Schaf in des Wolfs Rachen, sind auch diese Kranken in des Arztes Hand.“

Als gängigstes „Diagnosemittel“, auf das auch beispielsweise der Haller Stiftsarzt Guarinoni setzte, galt die Harnbeschau – das Beobachten und Kosten des Harns. Von den Niederschlägen im Uringlas wurde zum Beispiel auf den Ort der Erkrankung geschlossen. Oft hat sich Paracelsus über dieses „Seich-Besehen“ lustig gemacht. Trotzdem stand auch er in der Tradition seiner Zeit und zweifelte nicht grundsätzlich an der „Vier-Säfte-Lehre“ Galens, der annahm, Krankheiten würden durch ein Ungleichgewicht der Körpersäfte ausgelöst und könnten durch Aderlässe und Abführmittel bekämpft werden. Auch die Signaturtherapie war ein medi­zinisches Instrument, das bis ins 18. Jahrhundert hinein gebräuchlich war. „Man ging davon aus, dass eine Arzneimitteldroge, egal ob mineralischer, pflanzlicher, tierischer oder menschlicher Herkunft, durch Form, Farbe, Geruch oder Geschmack anzeigt, wofür sie gut ist“, verweist Andreas Winkler auf Leberblümchen, Lungenkraut oder die rote Koralle, von der angenommen wurde, sie sei wegen ihrer Farbe heilsam bei Bluterkrankungen. 

Paracelsus bezog allerdings mehr Auslöser in die Krankheitsursachen ein und zog den Kreis von Diagnose und Therapie weiter. „Dass einer wisse und nicht wähne“, forderte er konsequent die Abkehr der Medizin vom Allgemeinen und Theoretischen hin zu Einzelbefunden und Konkretem. Ein Grundsatz, der einen Paradigmenwechsel  im wissenschaftlichen Denken darstellte, den er lebte und der ihm viel Hass und Gegenwehr seiner Kollegen einbrachte.

„Es war damals üblich, dass Ärzte stark herumgekommen sind, die Leute waren sehr mobil“, weiß Winkler. Paracelsus startete von Ferrara aus seine Wanderschaft, deren Stationen sich über acht Jahre allenfalls durch Aussagen oder Bemerkungen, wie „ist zu Rodis (Rhodos) ein gemeiner Brauch“ rekonstruieren lassen. Die Reisen führten Paracelsus nach Irland, nach Konstantinopel und bis nach Russland. Als Militärarzt (Wundarzt) erlebte er einige Kriege hautnah mit und sammelte auf diese Weise viele Erfahrungen. Er habe, so schreibt er, sich nicht allein den Lehren, Schriften und Büchern der Hohen Schulen ergeben wollen, sondern an allen Ecken und Orten fleißig und emsig nachgefragt, nachgeforscht, um sichere, auf Erfahrung und Wahrheit beruhende Kenntnisse in der Arzneikunst zu erwerben. 

Seine „Kunst“ erlernte der von Zeitgenossen als Vagant und Landfahrer bezeichnete Arzt bei den vielen Patienten, den nichtakademischen und von der Zunft halbverachteten Heilberufen, bei alten Weibern und Handwerkern, Schäfern und Zigeunern, Klugen und Einfältigen, in Klös­tern und nicht zuletzt bei Schwarzkünstlern und Alchemisten. 

Betrügerisch motivierte Alchemisten, die diese Praxis für obskure Transmutationen verwendeten und vorgaben, Gold aus unedlem Erz herstellen zu können, fanden sich vielerorts. Nicht zuletzt an den Königs- oder Fürstenhöfen Europas, die durch Kriege und Völlerei stets in Geldnot waren und denen ein derart wundersamer Reichtum sehr gelegen gekommen wäre. So ist auch von Ferdinand II. überliefert, dass er sich oft im Laboratorium aufgehalten habe und von Kaiserin Maria Theresia ist bekannt, dass sie einen Alchemisten verhaften und foltern ließ, um hinter sein Geheimnis zu kommen. Über tausend Jahre lang wurde dieses Ziel allen Misserfolgen zum Trotz unbeirrbar verfolgt. Mit der gleichen Beharrlichkeit wurde auch von der Möglichkeit geträumt, eine Tinktur zu erzeugen, die das Leben verlängern und ewige Jugend ermöglichen könnte. Vor allem arabische Alchemisten waren kundig im Umgang mit Gold, Quecksilber, Arsen, Schwefel, Salzen und Säuren. Mit äußerst willkürlicher Vorgehensweise hatten sie viele­ neue Stoffe und nützliche Verfahren entdeckt, die über Spanien nach Europa gelangten.

Als derart nützliches Verfahren, um aus teilweise kompliziert zusammengesetzten Fahlerzen reines Silber oder Kupfer zu gewinnen, wurde die „Kunst Alchimiam“, das Ausschließungsverfahren in der Hüttentechnik in Schwaz verwendet, wohin Paracelsus nach seinem Medizinstudium kam. Schon sein Vater hatte ihm Grundsätze der Alchemie beigebracht, doch bei Sigmund Fieger, dem weithin bekannten Schwazer Schmelzmeister, konnte er sein Wissen vertiefen. Dabei erkannte er, dass es nicht möglich war, den „Stein der Weisen“ herzustellen oder zu finden. Winkler: „Alchemie war für ihn in erster Linie Mittel, um Heilmittel herzustellen. Alchemie als Chemie war die einzige Möglichkeit Essenzen beispielsweise durch Destillation zu gewinnen.“ 

Schwaz war nicht die einzige Bergbaustadt, in der sich Paracelsus aufhielt, und überall konnte er wohl beo­bachten, dass die Leute, die im Bergbau arbeiteten, auch durch den Bergbau krank wurden. Er war der Erste, der davon ausging, dass Lungenkrankheiten von Bergarbeitern nicht von bösen Geistern, sondern durch das Einatmen metallischer Dämpfe verursacht würden. Vor ihm hatte niemand auf den Zusammenhang zwischen niedrigem Mineralgehalt von Trinkwasser und der Verbreitung von Kröpfen hingewiesen, und Paracelsus war der Erste, der Metalle bei der Herstellung von Arzneien verwendete. 

Wie Hippocrates glaubte Paracelsus an eine Behandlung, die vom Körper als einem Ganzen ausgeht und an die Heilkraft des Körpers selbst. Die irdische Natur, des Himmels Kraft und den Mikrokosmos bezog er stets in seine Überlegungen mit ein. „Beim innerlichen Einsatz der giftigen Mineralien hat er alchemistische Grundsätze angewendet“, so Winkler. Den einzelnen Stoffen wurden spezielle Wirkungen zugeschrieben. So verwendete der Arzt beispielsweise die austrocknenden oder fäulniswidrigen Eisen- und Quecksilberverbindungen gegen die Wassersucht, da er davon ausging, dass diese einhergeht mit innerer Fäulnis durch einen Überschuss an Feuchtigkeit. 

Neben Quecksilber war auch Antimon ein Nebenprodukt der Silbergewinnung, das Paracelsus als Arznei verwendete. In Ägypten wurde es als Augenschminke benutzt, im Bergbau wurde es eingesetzt, um „krankes“, also unreines Gold „gesund“, sprich rein zu machen. Deswegen nahm er Antimon, um einen kranken Körper gesund zu machen und legte damit Analogien aus der Alchemie oder der Hüttentechnik um auf den menschlichen Körper. Winkler: „Auf die Idee muss man erst einmal kommen und er hat damit Glück gehabt.“ Aus den Zusammenhängen der Alchemie wusste er, dass „die Dosis das Gift macht“ und verwendete die Mineralien in schwächeren Dosierungen, was ihm Heilerfolge bescherte, die an Wunder grenzten. 

 So zum Beispiel bei der Syphilis. 1529 veröffentlichte Paracelsus sein bahnbrechendes Traktat zur Franzosenkrankheit, in dem er eine Quecksilbermischung zur Behandlung propagierte. Bis ins 20. Jahrhundert sollte Quecksilber als Heilmittel gegen die Syphilis und gegen Hautkrankheiten im Allgemeinen eingesetzt werden, doch zu seiner Zeit schaffte sich Paracelsus mit der Erkenntnis einen unangenehmen Feind. Als einziges Heilmittel gegen die „Modekrankheit der Renaissance“ war bis dahin das Guajak-Holz verwendet worden, mit dessen Handel die Fugger satte Gewinne verzeichneten. Diese wähnten sie nicht ohne Grund in Gefahr – ein durch durch die Fugger veranlasstes Druckverbot der Paracelsus-Schriften war die Folge.

Nicht nur das Handelshaus brachte Paracelsus im Laufe seines Lebens gegen sich auf. Salzburg musste er beispielsweise fluchtartig verlassen, weil er mit dem Gewerken- und Knappenaufstand in Verbin­dung gebracht worden war. Die erfolgreiche Behandlung des Buchdruckers Johannes Froben brachte ihm die einfluss­reiche Stellung des Stadtarztes in Basel ein, wo er auch Bekanntschaft mit Erasmus von Rotterdam schließen konnte. Doch sollte die schöne Zeit nicht lange dauern. Fanfarenstöße waren eine Vorlesung, die er in deutscher Sprache hielt, und das Johannisfeuer, in dem er öffentlich ein medizinisches Kompendium verbrannte. Handlungen, welche die Gelehr­ten erschütterten und einen dramati­schen Streit auslöste, der Paracelsus schließlich die Stadt fluchtartig verlassen ließ.

Wieder war er auf Wanderschaft und eine wahre Schreibwut überfiel den Ruhelosen. Da er in Diskussionen stotterte und stammelte waren die Traktate das einzig wirksame Ventil, um seine Ansichten und Erkenntnisse kund zu tun. Neben Schriften zur Theologie und Astronomie wurde 1536 die „Große Wunterartzney“ veröffentlicht, die den Höhepunkt seines Ruhmes darstellt. Als bahnbrechend für die Arznei­mittellehre und die Chemie sollten seine Werke erst im Laufe des 17. Jahrhunderts erkannt werden und im 19. Jahrhundert zum romantischen Bild des außergewöhnlichen Arztes führen, der auch als „Luther­ der Medizin“ bezeichnet wurde. 

Ob Paracelsus auf seiner Wanderschaft noch einmal nach Schwaz kam, ist nicht bewiesen. Sicher ist, dass ihn die Innsbrucker Ärzte und Gelehrten 1534 nicht haben wollten und auch auf Grund seiner „abgerissenen“ Erscheinung verjagten. 1541 stirbt Paracelsus in Salzburg. Manche sagen, er sei vergiftet worden, andere, er sei den Verletzungen erlegen, die er erlitten hat, als er betrunken­ einen Berg hinunterrollte. Auf seinem Grabstein heißt es, Paracelsus habe das Leben mit dem Tod vertauscht.  Alexandra Keller

zurück
nach oben