Arbeiten, saufen, sündigen und beten

Das Leben und Treiben in Schwaz zur Zeit des Silberbergbaues wurde von den Knappen geprägt. Sie waren raue Gesellen, die ihre Abende nicht einsam verbrachten, sondern im Wirtshaus. In ihren Händen lag der Reichtum, die Macht und die Ehre einer ganzen Region.  

Viel fremdes Volk aus Böhmen, Sachsen und anderen deutschen Landen“ kam einst nach Schwaz. Der silberreiche Arzberg zog Bergleute aus aller Herren Länder an. In Massen strömten sie nach Tirol, um Arbeit und Brot zu finden. 

Zur Zeit des Bergsegens lebten zwischen zwanzig- und dreißigtausend Menschen in Schwaz. Damals entwickelte sich der Ort ­ohne Zweifel zur Bergbaumetropole Mittel­europas. Von Venedig bis nach Augsburg war der berühmte Silberbergbau am Falkenstein ein Begriff. Innerhalb kürzester Zeit wurde die kleine Ansiedelung am Murkegel des Lahnbachs zum Knotenpunkt für das Leben in jenen Tagen. Und die Menschen, die aus allen Himmelsrichtungen nach Schwaz strömten, mussten mit Essbarem versehen werden. Massenhaft wurden Lebensmittel nach Schwaz geliefert um die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Jeder auswärtige Händler durfte seine Produkte feilbieten. Der Kauf von Produkten vor den offiziellen Geschäftszeiten in der Absicht, die Waren zu horten und später mit großem Gewinn zu verkaufen, war verboten. Jeder konnte seine Waren anbieten, ­„damit das Bergwerk frei sei und umsomehr hinzugeführt werde.“ Das brachte ein reges wirtschaftliches Leben und ein explosionsartiges Anwachsen des Ortes mit sich. 

Wer damals von den Fenstern des herrlichen Schlosses Freundsberg auf den Markt hinabschaute, sah einen bedeutenden Komplex. Im Dorf, in der Au, in der Knappei standen weit mehr Häuser als heute. Nie wurde Schwaz von ­einer Stadtmauer umgeben und so konnte sich der Ort uneingeschränkt ausdehnen. Dadurch galt er aber lange Zeit trotz seiner Größe nie als Stadt. Außerdem wollten die Gewerken, Bergleute und Bergverwandte nicht in die Pflichten, die das Stadtleben mit sich brachte, eingeengt werden, zumal sie zahlreiche Privilegien und Sonderrechte besaßen. Am Anfang der silbernen Bergwerkszeit bestand Schwaz nicht aus einer „Gemain“, sondern aus insgesamt fünf Gemeinden. 

Am Fluss standen die großen Kornmagazine. Beide Ufer der Stadt waren durch eine gedeckte Holzbrücke verbunden, die mit Kaufbuden besetzt war – Streitpunkt zwischen Schwaz und Georgenberg, wenn es um deren Erhaltung ging. Darum, wer die Brücke stärker abnutzte und wer weniger. Im Zentrum des Marktes machten sich die reichen Gewerken breit. Sie errichteten prächtige Bürgerhäuser, in denen sie auch selbst wohnten. Bedeutende Gebäude dieser Zeit sind das Palais Enzenberg, das Fuggerhaus, das Franziskanerkloster und die Liebfrauenkirche. Das heutige Rathaus wurde damals von der Gewerkenfamilie Stöckl als Palast und Geschäftshaus erbaut. Bergseitig vom Markt beherrschten Knappensiedlungen das Ortsbild. Planlos waren sie gewachsen, dem plötzlichen Bedarf an Wohnungen entsprungen. Ihre Söllhäuser, deren Erdgeschoße aus Stein gemauert waren, hatten einen kleinen Garten, der für Obstbäume ausreichte, für den Gemüseanbau oder für Kleinvieh genutzt wurde. Auch bergwärts am Pirchanger und am Knappenanger ließen sich wegen der Nähe zu den Stollen und Schächten die Bergmänner nieder. Im Süden des Dorfes, in der Gnein, lagen die Betriebsanlagen, die Mühlen, die Schmiedehämmer und Schmelzhütten. 

Die Knappen prägten den Alltag der Silbermetropole in jener Zeit. In ihren Fäusten lag der Reichtum, die Macht und der Stolz der Stadt. Sie waren ein lebensfrohes, aber raues Volk, das aufgrund seiner Lebensart bei der übrigen Bevölkerung oft Anstoß erregte und auch der Kirche ein Ärgernis war. Stolz trugen sie ihr Markenzeichen, den ledernen Schurz, das Arschleder, um die Hüften gebunden. Raue Gesellen, denen die Fäuste recht locker saßen. Nur allzu oft setzten sie ihre Argumente in Schlägereien durch. Aufgrund ­ihres extravaganten Freizeitverhaltens wurden sie von den Einheimischen weitgehend gemieden. Ihr wildes und unbeherrschtes Wesen, aber auch ihre Privilegien brachten es mit sich, dass die Bergmänner getrennt von der eingesessenen Schwazer Bürgerschaft lebten. Nur selten wurde ein Knappe zu einem „echten“ Schwazer.

Die harte Arbeit im Berg bot wenig Abwechslung, daher suchten die Bergleute nach einem Ausgleich. Es hielt sie nicht in ihren Söllhäusern. Sie suchten nach Kontakten und Erlebnissen, die sie die Mühsal der Arbeit, die Anstrengungen in den Gruben und die Dunkelheit im Berg vergessen ließen. Daher traf man sie da, wo etwas los war, beim Festschießen nach Anbruch einer neuen Lagerstätte, auf den Tanzböden oder in den Wirtshäusern bei Wein, Bier und Schnaps. Ausgelassen feierten die Knappen: „Der Wein frischt in wieder das Lebm. Goth hat in’ umb ir Arbeit gebm. Zuodem senn von den Wirdt so viel Bey hundert, der’s mir zeln will“, besagt ein Landreim um 1558. Tatsächlich wird es in der Blüte des Schwazer Silberbergbaus dafür hunderte Wirtshäuser gegeben haben. Sie lagen östlich des Marktes an der Durchzugsstraße ins Unterland, eingebettet zwischen den ertragreichen Höfen der Bauern. Zwei alte Wirtshausnamen finden sich in der Kirchenrechnung: Dem Stolzenwirt wurde für den Weihbischof und seine Gesellen neun Mark sieben Pfund an Zehrungsgeld gezahlt und bei der großen Trauerfeier für Phillip verzehrten die Geistlichen beim Goldbach ­einen Vigilwein und ein Frühmal. Neben den Wirtshäusern soll es auch andere Einrichtungen gegeben haben, um die Bedürfnisse der Bergleute zu befriedigen. Wieviele von ihnen eine Familie zu versorgen hatten, ist nicht bekannt, vermutlich werden verheiratete Knappen jedoch in der Minderheit gewesen sein.

Das harte, gefahren­reiche Leben der Knappen zwischen Licht und Dunkelheit, Armut, Krankheit und Tod förderte nicht nur das Ent­ste­hen von Sagen und Legenden, sondern ­beeinflusste auch die Entwicklung zahlreicher Bräuche. Eine uralte Knappensitte war das Pritschenschlagen, das selbst Fürsten und Herren und nicht einmal Kaiser Maximilian I. erspart geblieben sein soll. Besuchten Gäste die Erbstollen, mussten sie daraufhin im Wirtshaus oder in den Sollhäusern den Knappen ihren „Rücken bieten“. Mit einer großen breiten Peitsche wurden an­schlie­ßend vom Pritschenmeister Prügel ausgeteilt. Andere Grubenleute folgten mit Ketten. Die Schläge waren als Denkzettel dafür gedacht, sich nicht ohne Bergleder auf dem Rücken, das vor Steinschlag schützen soll­te, in den Stollen zu wagen. Danach wurde den Gästen Brot und Käse als „Atzung“ (Nahrung) vorgesetzt. 

In jenen Zeiten, in denen der Mangel an Arbeitskräften am Berg groß war, fürchteten die Hutleute und Gewerken die so genannten Feierschichten: An Montagen hielten die Knappen ihre vereinbarte Arbeitszeit nicht ein, machten „blau“, gingen ihrem Vergnügen nach, verlangten aber dennoch den vollen Lohn. Eine weitere „Un“-Sitte war das Zahlen von Bestechungsgeldern an die Hutleute, die dadurch die Gewerken schädigten. Jene Unternehmer, die nicht selbst in den Gruben arbeiten wollten, überließen den ­Lehenhauern den Abbau des Erzes. Immer wieder unterschlugen und versetzten Knappen das erzhaltige Gestein, deponierten es in geheimen Gängen und verkauften es an die Lehenhauer. Gegen bare Münze drückten die Hutleute als Grubenvorstände die Augen zu und unterstützten so die illegalen Geschäfte. Um die Mitte des 15. Jahrhunderts war dann aber offensichtlich das Maß voll und die Hutleute hatten einen Eid zu leisten, ihren Pflichten in Zukunft gewissenhaft nachzukommen. 

Die Knappen stellten aber nicht nur bei der Arbeit im Berg ihren Mann, sondern zogen für einen gu­ten Sold auch in den Krieg. Geübt waren sie, denn das Schießen als sportliche Übung und Zeichen der Wehrbereitschaft wurde in Schwaz schon seit ältes­ter Zeit gepflegt. 972 Schwazer Knappen bildeten den „stählernen Haufen“, als es zwischen Kaiser Maximilian und den Schweizer Eidgenossen, den „Schweizer Leutefressern“, zu Streitigkeiten kam. Mit 897 langen Spießen, 48 Büchsen und 27 Hellebarden ­zogen sie in die Schlacht, konnten die Niederlage aber nicht verhindern. Von diesem „stählernen Haufen“ stammt wahrscheinlich auch die älteste Tiroler Fahne im Tiroler Landesmuseum, die, auf Leder ­gemalt, den Tiroler Adler und das Königswappen Maximilians I. sowie einen vor dem heiligen Georg knieenden Bergknappen darstellt. „In unserm Rücken leit die Welt, wohl wer da siegt, wohl wer da fällt“, war ihr Schlachtruf. Manche Knappen sammelten in den Venezianerkriegen Erfahrungen in der Belagerung von Städten, auch im Kampf gegen die Türken zog ein Fähnlein Knappen nach Wien. 

Nur schwer ließen sich die streitsüchtigen Gesellen wieder in den geordneten Bergwerksalltag eingliedern. Grölend und randalierend zog so mancher nach Schichtende durch die Straßen, suchte Zank und Streit. Daher und nicht zuletzt wegen der hohen Verluste war das Anwerben der Knappen als Soldaten von den Gewerken und auch vom Bergrichter nicht gerne gesehen. 1530 berichtete der Bergrichter Christian Noel, dass sich die Leute „Im Krieg verloffen haben und gestorben sind“. Die Regierung dagegen versicherte dem Bergrichter immer wieder, dass die Knappen bald zurückkommen und ihre Arbeit am Berg wieder aufnehmen würden. 

Die Bergleute waren aber nicht nur streitlustig, derb und ungebildet – sie leisteten ebenso ihren Beitrag zum regen kulturellen Leben der Region. Gesang und Dichtkunst wurden aufmerksam gepflegt und nicht selten vergnügten sich die Bergmänner nach getaner Arbeit im Knappentheater, wo eifrig ­gespielt wurde. Der Maler Klaus musste 1506 für das „Spiel zu Weihnachten“ acht Engelsflügel, zwei Zepter und zwei Bischofshüte vergolden und versilbern, 1551 ist ein Passionsspiel des Franziskanerklosters nachweisbar, wenige Jahre später „das Spill von der Judith und Holoferno auf dem Vompper Veld“.

Trotz ihrer rauen Sitten waren die Knappen auch gläubige Menschen, die ihre religiösen Pflichten erfüllten. Sie leisteten Beiträge zum Bau des Franziskanerklosters und besuchten das nach ihnen benannte Knappenschiff in der Liebfrauenkirche. Dort hatte das Bergvolk einen eigenen Chor, einen ­eigenen Altar und feierte einen eigenen Gottes­dienst. Dadurch zeigte sich auch an den kirchlichen Festtagen die Trennung der Berg­arbeiter von der Bürgerschaft. Bis zum letzten Winkel war zwar das Gotteshaus gefüllt, Knappen und Bergverwandte standen dicht gedrängt in den Seitengängen und unter der roten Marmorempore. Vom süd­lichen Knappenchor jedoch abgeschirmt saßen die Bürger von Schwaz in ihren seit Generationen reservierten Kirchenstühlen im nördlichen Leutchor. Säuberlich getrennt durch einen drei Ellen hohen Bretterzaun, der entlang der mittleren Säulenhalle lief. Nicht zuletzt durch die kulturelle Vielfalt kamen auch die Grundströmungen der Zeit deutlicher ans Licht, Fragen geistiger und religiöser Natur wirkten sich umfassender aus als in anderen Märkten Tirols. Die neue Glaubenslehre Martin ­Luthers weckte in den Knappen die Hoffnung auf Besserung ihrer tristen Situation, weshalb sich viele von ­ihnen zur neuen Lehre hingezogen fühlten. Der Protestantismus erschien den Knappen nicht so hierarchisch, steif und traditionsbelastet. Auch die Urchristensekte der Wiedertäufer fand in Schwaz viele ­An­hänger. Unter dem Druck von Gewalt­maßnahmen wie Folter, Brand­markungen, Geldstrafen oder sogar Hinrichtungen wanderten in der Folge an die 6.000 Tiroler nach Mähren aus. 

Wenn es dagegen um Lohn und Unterhalt ging, stand der Berg gefährlich drohend vor den Regierenden. Der Streik war ein machtvolles Mittel in der blühenden Wirtschaft. Die Knappen wuss­ten wohl, dass die Gewerken ohne sie hilflos waren.1550 beispielsweise wurde der Pioniergeist auf eine harte Probe gestellt: Die Kupfer- und Silberausbeute sank, der Gewinn schmälerte sich. Den Gewerken fehlten jene Rücklagen, mit denen sie die Männer bezahlen konnten, die in den Bergwerken arbeiteten. Langsam näherte sich das silberne Zeitalter seinem Ende, immer häufiger wurde in den kommenden Jahren von Ruin und Bankrott gesprochen. Und als vom einstigen Silbersegen nichts mehr geblieben war, verschwand auch der Großteil der Knappen, die über hundert Jahre lang das Leben und Treiben in Schwaz geprägt hatten.  Monika Lerch

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