Kämpfende Knappen

Die Schwazer Knappen waren nicht nur Bergmänner, die für den Wohlstand des Landes sorgten, sondern kämpften auf Seite der Tiroler Landesherrn auch in zahlreichen Kriegen. Der Ausbeutung überdrüssig, wandten sie sich 1525 gegen den Landesfürsten und drohten die Macht in Tirol zu übernehmen.

Mehr als 6000 schwerst bewaffnete Schwazer Knappen warten un­ruhig auf den Marschbefehl. In den Morgenstunden des 15. Februar 1525 ist es endlich so weit – der Befehl ergeht und der Zug der Knappen setzt sich in Bewegung. Ihr Ziel ist Innsbruck, der Zweck, ihre Forderungen – im Notfall auch mit Waffengewalt – durchzusetzen: Wiedereinführung von kurz zuvor ­abgeschafften Feiertagen, Entlassung von korrupten Be­amten, Aufhebung des Versammlungsverbotes. Es ist ein geradezu gespenstischer Lärm, als die Knappen im Gleichschritt und mit schweren Eisenwaffen ausgerüstet entlang des Inntales durch die Dörfer in Richtung Innsbruck ziehen. Unverzüglich wird der Tiroler Landesherr, Erzherzog Ferdi­nand, von seinen Beamten in Schwaz über den „Sturm auf Innsbruck“ informiert. 6000 Knappen im Marsch auf die Residenzstadt lassen in Ferdinand die Befürchtung aufkommen, dass es zu Plünderungen und großen Unruhen kommen könnte. Auch fürchtet er um den Verlust seiner Herrschaft, stellt sich die Frage, ob die Knappen in der Lage wären, ihn zu stürzen. Ferdinand lässt sein Pferd satteln und reitet den Knappen entgegen. Ein Ritt ins Ungewisse. Vor den Toren Halls, auf dem Milser Feld, kommt es zum Aufeinandertreffen. Zwar gelingt es dem Landesherrn die Knappen zum Einlenken zu bewegen, sein Triumph ist aber nur von kurzer Dauer. Denn die Bergleute sind nicht mehr bereit, Unter­jochung und Ausbeutung, vor allem durch die Fugger, hinzunehmen.

Über 10.000 Knappen, fast die Hälfte der gesamten Stadtbevölkerung, beherbergte Schwaz im Mittel­alter. Auf Grund ihrer großen Anzahl und ihres enormen wirtschaftlichen Stellenwertes erreichten sie mit der Zeit auch zahlreiche Privilegien und schu­fen ein ausgereiftes Sozialsys­tem. Im Kampf für soziale Rechte und gegen die Ausbeutung mussten zahlreiche Knappen jedoch, in den nicht sel­tenen Aufständen, ihr Leben lassen. 

Die Knappen wussten diese Aufstände auch spezifisch zur Verfolgung ihrer Interessen einzusetzen, denn sie waren gut organisiert – obwohl das Versammlungsverbot erst 1525 durch Erzherzog Ferdinand gelockert wurde. Die Forderungen der Knappen in Tirol betrafen durchwegs ihre eigenen Interessen, anders als zum Beispiel in den Salzburger Bergwerks­revieren. Dort waren die Knappen ein Zweckbündnis mit den Bauern eingegangen, um für die neue Lutherlehre und gegen die Unterdrückung durch die katholische Kirche, speziell durch die Salzburger Fürstbischöfe, zu kämpfen. Um 1520 nahm in Schwaz die Unzufriedenheit allerdings rapide zu. Gründe dafür waren einerseits die immer größer werdende Zahl von Knappen, ihre mangelnde soziale Versorgung und andererseits die Abneigung gegen die Fugger- Dynastie, die damals einfluss­reichste Gewerkenfamilie in Schwaz. 

Der Habsburger Ferdinand I., der spätere Kaiser, hatte, wie auch schon seine Vorgänger, die Einkünfte aus dem Silber- und Kupferabbau zu großen Teilen an die Fugger verpfändet. Allein die Zinsen, die Ferdinand an die Augsburger Handelsfamilie zahlen musste und die teilweise noch aus der 1519 von den Fuggern mitfinanzierten Kaiserwahl Karls V. (der Bruder Ferdinands) herrührten, waren Schwindel erregend. Um dieses sowie Dutzend andere Darlehen abzusichern, sahen sich die Fugger gezwungen in den Schwazer Bergbau einzusteigen, mit dem Resultat, dass die Augsburger Handelsfamilie allmählich zur einflussreichsten Familie in Schwaz aufstieg. Mit ihnen gelang es auch anderen oberdeutschen Handelsgesellschaften, aber auch einzelnen einheimischen Handelsfamilien, zunächst als Kreditoren und Schmelzer den Handel mit Silber und Kupfer an sich zu ziehen und allmählich auch den vorgeschalteten Verhüttungsprozess zu beherrschen. So wurden zum Beispiel die Fugger und die Paumgartner im Kupferhandel äußerst einflussreich und zeitweise sogar Monopolisten. Dadurch war die Zusammenarbeit zwischen dem landesfürstlichen Regiment und den Unternehmern auch auf Verwaltungsebene recht eng. Nicht wenige der Handelsherren fungierten als Landesbeamte und diese Doppelfunktion war vor allem den Landständen ein Dorn im Auge.

Die Landstände gaben den Fuggern auch die Schuld für die hohen Fronabgaben der Klein­ge­werken sowie enormen Steu­­­er­belastungen durch den Landesherrn und versuchten auch die Unzufriedenheit der Bergleute für ihre Interessen zu instrumentalisieren. So wurde bereits 1518 im Landtag eine Petition vorgelegt, die den Fuggern die Verelendung sämtlicher Schichten der Tiroler Bevölkerung zur Last legte. Man errechnete sogar, dass dem Land Tirol durch die Fugger Schäden in ­einer Größen­ordnung von 600.000 Gulden entstanden seien. Darum boten im Jahr 1525 die Tiroler Landstände dem Landesherrn Erzherzog Ferdinand an, ihm eine Anleihe von über 251.000 Gulden zu gewähren, um sich so aus der Abhängigkeit von den Fuggern zu befreien. In Schwaz selbst kam es immer häufiger zu Auseinandersetzungen zwischen den Großgewerken, den vermehrt von ihnen abhängigen Kleingewerken und einzelnen Lehenhauern. 

Bereits am 20. Jänner 1525 legten die Bergknappen die ­Arbeit infolge eines Konflikts mit den Hüttenherrn, Gewerken und Bergbeamten nieder. Sie forderten die Wiedereinführung der Feiertage, die zuvor von Ferdinand aufgehoben wurden, und die Bestätigung von alten Bergfreiheiten. Weiters verlangten sie die genaue Qualitätsprüfung des ausgeschmolzenen Metalls durch einen landesherrlichen Beamten sowie die fristgerechte Bezahlung ihrer Löhne in heimischer Währung, die Ablehnung des Pfennwerthandels und eine Bestätigung des Verbots von Fürkauf und Preistreiberei des lokalen Handels. Die Knappen bemängelten unter anderem die Brotqualität – da die Schwazer Bäcker ihre Waren mit Hilfe anderer, billigerer Zutaten verschlechtern würden.

Am 21. Jänner zogen schließlich an die 3000 Knappen Richtung Innsbruck um den Landesherrn als Vermittler einzuschalten. Ferdi­nand befürchtete Plünderungen und Unruhen in der Stadt, ritt ihnen entgegen und versicherte, dass er die Forderungen prüfen wolle. Auf dieser Zusicherung basierend warteten die Knappen fast drei Wochen. Als sie aber von Ferdinand nichts hörten, nahm die Unzufriedenheit unter den Bergmännern wieder zu. Die Knappen bereiteten nun eine nochmalige Petition vor und überreichten sie dem Landesherrn durch eine 25-köpfige Delegation in Innsbruck. Einigen Forderungen gab Ferdinand sofort nach, allerdings stellte er sich bedingungslos auf die Seite der Hüttenherren und erließ ein Versammlungsverbot für die Knappen. Dies erhitzte die Gemüter der Bergleute noch mehr und so zogen sie am 15. Februar 1525 mit 6000 Mann gegen Innsbruck, um notfalls mit Waffengewalt ihre Forderungen durchzusetzen. Wiederum zog Ferdinand den Knappen bis vor die Tore von Hall entgegen und gab tags darauf allen Hauptforderungen der Knappen nach, zumal Ferdinand auf Grund der finanziellen Wichtigkeit des Bergbaues für Tirol 10.000 Knappen auch auf politischer Ebene nicht ignorieren konnte. Außerdem hatten sich vermehrt Bauern und auch Bürger mit den Knappen solidarisiert und landesweite Unruhen waren zu befürchten. Der Druck der Bergmänner auf Ferdinand wurde sogar so groß, dass er am 18. Februar die Zusagen schriftlich aufzeichnen und mit Unterschrift und Siegel beurkunden musste. Die Knappen zeigten aber weiterhin Kampfesmut und legten die nicht gewährten Forderungen am 6. März dem Tiroler Landtag vor, um mit den Ständen über ihre Forderungen zu verhandeln. Ferdinand entließ zwar die ungeliebten landesherrlichen Bergbeamten und lockerte das Versammlungsverbot, Streitpunkte waren aber immer noch die Höhe der Fronabgaben an den Landesherrn und die angebliche Ausbeutung durch die Fugger. Der Landtag und nun auch die Berggemeinde gaben den Fuggern weiterhin die Schuld an den hohen Steuerlasten. Man verlangte die Entfernung der Fugger aus dem ­Tiroler Bergwesen, da die Knappen überzeugt waren, dass der Silberbergbau den allgemeinen Wohlstand des Landes enorm heben würde, wenn nicht fast der ganze Ertrag an die Augsburger Dynastie entrichtet werden müsste. Der Landtag stellte sich zwar auf die Seite der Aufständischen, doch weigerte er sich eine gewaltsame Erhebung zu tolerieren. Ferdinand konnte schließlich die Knappen überzeugen, dass ein Weg der Gewalt niemals die Zustimmung der Landstände finden würde und auch keine Sympathien innerhalb der Bevölkerung. Doch blieb die Lage in Schwaz weiterhin angespannt. Um weitere Unruhen zu vermeiden lud Ferdinand die Knappen zu der Sitzung der ­Tiroler Landstände am 19. Mai, doch erfolgten keine weiteren Einladungen zu den so genannten Bauernlandtagen im Juni und Juli desselben Jahres, was wiederum in lokalen Unruhen mündete. Die Knappen mussten endgültig einsehen, dass sie niemals ein gleichberechtigter Stand, neben Bauern und Bürgern, werden konnten.

Neuerlichen Auftrieb erhielten die enttäuschten Knappen allerdings durch die Schriften Michael Gaismairs. Dieser veröffentlichte im April 1526 seine Tiroler Landesordnung, eine für seine Zeit utopische Staatsordnung. Gaismair forderte eine Bauern- und Knappenrepublik mit stark religiösem und totalitärem Charakter – religiös nicht im Sinne der katholischen Lehren, sondern im Sinne des Schweizer Reformators Ulrich Zwingli, der Gaismair bei der Ausarbeitung der Landesordnung unterstützt hatte. Gaismair wollte jegliche Standesunterschiede in Tirol beseitigt wissen. Er forderte ein Verbot von ausländischen Bergbauunternehmen, was natürlich bei den Bergleuten auf große Zustimmung stieß. Die Erträge aus dem Bergbau sollten nur dem Land Tirol und seinen Bewohnern gehören und so Tirol großen Reichtum bescheren. Aber die erwartete kämpferische Unterstützung durch die Knappen blieb ihm versagt. Gründe dafür waren einerseits die Verbesserung der Verhältnisse bei den Bergknappen, andererseits aber auch der Druck durch die Tiroler Landstände auf die Knappen. Denn einem Weg der Gewalt hätte der Landtag niemals zugestimmt. 

Zirka 2000 Schwazer Knappen wollten allerdings die Repressalien nicht mehr länger dulden, da sie aber keine größere Unterstützung ihrer Arbeitsgenossen erwarten konnten, verließen sie Tirol und stießen zu den aufständischen Knappen in den Salzburger Bergbaurevieren. Von diesen fanden einige den gewaltsamen Tod durch den Henker des Salzburger Erzbischofs. Die Schwazer Knappen wurden bei den Salzburger Kämpfen als Söldner betrachtet, und anfänglich bemühte sich nicht nur der Erzbischof Matthäus Lang, sondern eben auch die aufständischen Salzburger Bergmänner um deren Unterstützung. Denn die Schwazer Knappen wurden oftmals vom Tiroler Landesherrn als Soldaten in Kriegen eingesetzt und waren als Söldner bekannt und gefürchtet.

Beide Seiten hofften auch auf die Unterstützung von Erzherzog Ferdinand. Aber sowohl der ­Tiroler Landesherr als auch die Mehrheit der Schwazer Bergmänner weigerten sich, egal auf welcher Seite, an den Salzburger Kämpfen teilzunehmen. Trotz der Weigerung eines großen Teils der Schwazer Knappen an den Bauernkriegen in Salzburg und auch Tirol mitzuwirken, blieb der soziale Unmut bestehen und es kam in Folge immer wieder zu Aufständen und Arbeitsniederlegungen, besonders nach der Mitte des 16. Jahrhunderts, als der Silberbergbau in Schwaz seine Bedeutung mehr und mehr verlor. Als 1552 Herzog Moritz von Sachsen über Nacht Tirol überfiel und Innsbruck besetzte, nutzten die Knappen die Gunst der Stunde. Unter der Führung der Gebrüder Adam und Alex Schwarzer kam es zu einem großen Knappenaufstand. Man verjagte die landesherrlichen Beamten, plünderte Häuser und Gewerken und befreite Gefangene. Dieser Aufstand musste mit Hilfe von Landsknechten aus der Residenzstadt niedergeschlagen werden.

Trotz aller Aufstände und den schwachen sozialen Verhältnissen waren die Schwazer Knappen eine privilegierte Schicht, nicht nur im Vergleich zu den Knappen in den benachbarten Bergbaurevieren in Salzburg. Zwar wurde ihnen die Anerkennung als Teil der Landstände weder von Ferdinand noch von seinen Nachfolgern zugestanden, dennoch genossen sie große Achtung, nicht zuletzt auf Grund ihrer Kampfeinsätze in diversen Kriegen. Die Schwazer Knappen entwickelten ein politisches und ein Standesbewusst­sein, das sie davor bewahrte, mit den aufständischen Bauern ein Zweckbündnis eingehen zu müssen. Auch dadurch kamen die Schwazer Knappen zu großem Ansehen, vor allem bei den Bürgern und Bauern Tirols.  Johann Überbacher

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