Teures Pflaster

Die Versorgung der in kurzer Zeit auf über 20.000 Menschen angewachsenen Bevölkerung von Schwaz war äußerst schwierig. Dies führte vor allem zu überhöhten Preisen für Grundnahrungsmittel.

Eine riesige Staubwolke wälzt sich von Westen in Richtung Stadt. Bereits aus einiger Entfernung ist das Brüllen der Rinder und das Geschrei der Treiber zu hören. Am Stadtrand werden die Einzäu­nungen, die über hundert Tiere aufnehmen sollen, vorbereitet. So oder so ähnlich mag es gewesen sein, als um 1500 die Schwazer Metzger ihre aus Kroatien, der Steiermark oder aus Ungarn importierten Ochsen nach Schwaz brachten. Fleisch war für die meisten Bewohner, die unmittelbar mit dem Bergbau zu tun hatten, ein wichtiges Nahrungsmittel und musste käuflich erworben werden, wenn auch meist zu extrem hohen Preisen. Denn das auf reine Geldwirtschaft aufgebaute Schwaz stellte inmitten einer agrarischen Lebenswelt, deren dörfliche Gemeinschaften meist Selbstversorger waren und deren Überschüsse auf Wochenmärkten verkauft wurden, einen absoluten Fremdkörper dar. Versorgung hatte nun „von außen“ zu erfolgen. Und diese Versorgung der auf bis zu 20.000 Einwohner angewachsenen Gemeinde (Schwaz war zur Zeit der Hochblüte des Bergbaues nach Wien der zweitgrößte Ort im Bereich des heutigen Österreich) stellte schon aufgrund der schlechten Infrastruktur ein großes Problem dar. Dazu kam, dass ständige kleinere und größere Auseinandersetzungen von Fürsten und Adeligen die Einfuhr erschwer­ten. So fielen etwa 1526 die Lieferungen aus Ungarn aus, da der ungarische König ein Ausfuhrverbot verhängt hatte, wo­rauf es unter den Bergleuten zu Unruhen kam. All diese Umstände, sowie die durch den Bergbau entstandenen neuen großstädtischen Dimensionen, wirkten sich negativ auf die Preise und somit auf die Lebenserhaltungskosten der Bergleute aus. Am stärks­ten ins Gewicht fielen dabei sicher die Ausgaben für Lebensmittel.

Die Schwazer Bergleute beschwerten sich häufig, da sie sich wegen der lokalen Preise übervorteilt fühlten. Dabei waren weniger die großen Handelsgesellschaften Ziel ihrer Angriffe, sondern vielmehr die Vertreter des örtlichen Handwerks, insbesondere die Bäcker, die Metzger und die Wirte, die zu Hunderten von der Versorgung der Bergleute lebten und die oft versuchten, durch den so genannten Fürkauf (der Aufkauf aller angelieferten Waren) die Preise in die Höhe zu treiben. Zwar sind für Schwaz nur einzelne Hinweise über die Kosten für Grundnahrungsmittel vorhanden, für den benachbarten Berggerichtsbezirk Rattenberg gibt es aber umfangreiche Unterlagen aus dieser Zeit. Sind diese auch nicht eins zu eins auf Schwaz übertragbar (Rattenberg war wesentlich kleiner als Schwaz), geben sie doch einen Eindruck von den Kosten der Lebenshaltung in den Bergbaurevieren des Unteren Inntales wider. So lässt sich eindeutig feststellen, dass für Weizen durchschnittlich um 200 Prozent mehr zu bezahlen war als etwa in Wien oder Klosterneuburg, bei Rindfleisch waren es immerhin noch 20 Prozent. Dies konnte bei den Bergleuten, auch wenn sie zu den Besserverdienenden zählten, die Haushaltskasse einigermaßen belasten. Der Augsburger Großgewerke Melchior Putz kalkulierte um 1550 für seinen Pfennwerthandel (siehe Seite 51) den Lebensmittelverbrauch eines verheirateten Bergmannes für zwei Wochen: zwei Pfund Schmalz, zwei Pfund Ziegenkäse, sechs Pfund Mehl, etwa zehn Laibe Brot sowie vier Pfund Fleisch – Fleisch spielte in jedem Fall auf den Speiseplänen der Bergleute eine wichtige Rolle. Nicht zuletzt stellte auch die Bergsynode von 1510, die sich mit der Lebensmittelversorgung der Bergleute und den damit verbundenen Problemen beschäftigte, fest, dass Fleisch die allerbeste Leibnahrung sei und sein Fehlen die Arbeitsleis­tung herabsetze.

In diesem Zusammenhang sind auch die 90 bis 100 Ochsen, auf die 1526 die Schwazer Metzger den Wochenbedarf an Ochsenfleisch beziffern, eine verständliche Anzahl. Doch die Fleischbeschaffung stellte nicht nur den Ort selbst vor große Probleme. 1524 hatte die Tiroler Landesregierung die Landverweser in Kärnten und in der Steiermark angewiesen, den Schwazer Metzgern den Viehaufkauf nicht zu erschweren, da sonst „auflauff und zerruttung im perckwerch, der sonnst gewisslich sei“, und gerade das Fleisch der Bergleute „höchste narung ist“. Natürlich war es der Obrigkeit nicht möglich, alle Preise dauerhaft zu kontrollieren und Preissteigerungen zu verhindern. Doch versuchte sie immer­ wieder, durch Verordnungen und Beihilfen unterstützend einzugreifen. 1529 hatte der Metzger Jobst Engsteiner mit Zustimmung des Landesherrn in Schwaz ­neben der Spitalskirche eine Fleischbank errichtet. Es wurden ihm auch 1000 Gulden Beihilfe zugesagt, da er in Notzeiten Getreide und Schmalz an Bedürftige verteilt hatte. Die Metzger schlachteten allerdings weiter selber, so dass die Fleischbank leer stand. 1547 stellte die landesfürstliche Kammer 1000 Gulden Hilfsgeld für die „Gemeine Gesellschaft der Bergleute“ zum Ankauf von 800 Ochsen zur Verfügung, um die Jahresversorgung zu garantieren. Außerdem wurde auch der Stadt Kitzbühel verboten, den Vieh­einkauf der Schwazer Metzger zu behindern. Doch trotz aller Maßnahmen blieb die Fleischbeschaffung schwierig. Ein Grund mag auch gewesen sein, dass die Schwazer Metzger auf den Fleischmärkten nicht gern gesehen waren, da man sie als Preis­treiber fürchtete. All dies dürfte dazu geführt haben, dass bei den Schwazer Bergleuten wohl nicht erst zur Jahrhundertmitte, als die Blütezeit des Bergbaus an sich schon vorbei war, nicht immer Fleisch auf dem Tisch gewesen ist. Selbst wenn der Pro-Kopf-Verbrauch an Fleisch enorm hoch war.

„By guetem Fleisch kann kainer bsten, mit perckmüesern sich müessen begen“. Und so ein Bergmus wird gemacht mit „Wasser, Mel und Schmaltz, prauchen dazu gar wenig Saltz“. Es sind also außer den Fleischpreisen besonders die Getreide- und Schmalzpreise, die für die Bergleute Bedeutung hatten. Salz dürfte, man war schließlich nicht weit von Hall entfernt, erschwinglich gewesen sein. Wollte man etwas Süßes, benutzte man Honig. Zucker, den man importierte, war viel teurer. So kostete bei der Augsburger Handelsgesellschaft Haug-Langenauer 1555 ein Zuckerhut, das sind zwischen acht und neun Pfund, um die zweieinhalb Gulden. Dass die Bergleute dem Wein zugesprochen haben, wurde oft betont, unterscheidet sich aber wohl kaum von anderen Berufsgruppen. Auf jeden Fall wurden auch die Weinpreise von den Bergleuten aufmerksam verfolgt. Der Anstieg der Weinpreise war 1525 auch häufig Gegenstand von Beschwerden der Bergleute. Was die Brot- und Getreidepreise anbelangte, wurde den Bäckern und anderen Zwischenhändlern immer wieder vorgeworfen, sie würden das per Schiff angelieferte Getreide sofort auf- und um ein Sechsfaches weiterverkaufen. Die Bäcker würden den „arm hernarbeiter“, die ihr Brot auf Kredit kaufen müssten, minderwertige Ware liefern und die Wirte, die wiederum von den Bäckern beliefert wurden, würden als Zwischenhändler auch noch über Gebühr daran verdienen, heißt es 1525 in einem Beschwerdebrief an den Landesfürsten. In einem anderen Punkt dieser Beschwerde findet sich auch, dass die Ladenbesitzer „allenthalben aufkaufen Schmalz, käß und zieger, auch aller anderer Gattung und dasselb verhalten“, und diese künstliche Verknappung alles verteure, obwohl dies eigentlich laut Landesordnung verboten sei. Doch die künstliche Verteuerung betraf nicht allein nur Nahrungsmittel. Auch Schuhe seien zu teuer, klagten die Bergleute, zumal das Leder, das eigentlich zur Genüge im Land produziert werde, wegen der Für- und Aufkäufer nicht nach Schwaz gelange. Der Unmut der Bergleute richtete sich somit nicht in erster Linie gegen die großen Handelsgesellschaften, die für die hohen Preise der Lebensmittel verantwortlich gemacht wurden, sondern vielmehr gegen die lokalen Bäcker, Metzger und das in Zünften organisierte Handwerk im Allgemeinen. Auch der Obrig­keit waren diese Missstände durchaus bekannt. Bereits 1493 erging ein Mandat, welches das Aufkaufen von Wein, Getreide, Holz und Vieh untersagte. Immer wieder wurde das Verbot des „Fürkaufens“ in Landesordnungen bestätigt und 1499 sogar in die Tiroler Halsgerichtsordnung mit aufgenommen. 

Mit dem so genannten Pfennwerthandel gab es noch ein weiteres System zur Versorgung der Bergleute. Die Unternehmer, also die Gewerken, konnten als Großeinkäufer die Waren günstiger beziehen und beim Verkauf Gewinne realisieren, während die Arbeiter sich ohne großen Eigenaufwand an ihrem Arbeitplatz, wo abgerechnet wurde, mit dem Nötigsten für sich und ihre ­Familien versorgen konnten. In der Praxis kam es allerdings häufig zu Auseinandersetzungen, die in der Regel darauf zurückzuführen waren, dass die Gewerken den Arbeitern oft nicht die Wahl ließen, ob sie ihren Lohn in Geld oder Pfennwerten wollten. Eine weitere Variante schien sich 1512 zu ergeben als sich die Verwalter der großen Gewerken ins Geschäft mit dem Pfennwerthandel einschalteten. Nach Beschwerden der Bergarbeiter wurden sie von landesfürstlicher Seite angewiesen, die Gehälter, wie in der Landesordnung festgelegt, in bar auszuzahlen. Es lässt sich allerdings nicht genau nachweisen, welchen Anteil der Pfennwerthandel an der Versorgung der Bergknappen hatte. Eine Versorgung mit Lebens­mitteln durch Getreideaufkäufe bzw. Lieferverträge ist in größerem Umfang erst ab der Mitte des 16. Jahrhunderts nachzuweisen, da sich in dieser Zeit die allgemeine Betriebssituation im Schwazer Bergbau deutlich verschlechtert hatte und die Bergleute selbst den Wunsch äußerten, die Versorgung wieder zu verbessern.

Betrachtet man die Preisentwicklung auf Basis einiger zentraler Grundnahrungsmittel (siehe Tabelle Seite 50) in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, zeigt sich für den Montanbezirk Rattenberg, der hier die notwendigen Vergleichsmöglichkeiten bietet, ein eindeutiger Befund. Nach der Wende vom 15. ins 16. Jahrhundert sind die Preise durchaus verbraucherfreundlich. Die Preise für Getreide, besonders für Roggen, sind sogar stark rückläufig. Ab 1527/28 ziehen dann fast alle Preise deutlich an. Gesamteuropäische Wirtschaftsprobleme in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, die sich in den Montanregionen Tirols allerdings schon früher bemerkbar machen, bringen dann die entscheidende Wende. Inflation, stagnierende Löhne und der Niedergang des Bergbaus treiben die Bergleute oft in bitterste Armut und daran sollte sich für lange Zeit nichts ändern.  Hugo Huber

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