Wundervolle Welt

Die ganze Welt mit ihrem mystischen Zauber fand Platz in den Sammlungen Ferdinands II., der mit seiner Wunderkammer ein umfassendes Abbild des Universums schuf.

Rote Seeungeheuer fletschen  bedrohlich die Zähne. Auf Drachen sitzende nackte Reiter beschützen die perlenbehängte Venus. Aus dem tiefen Meer schimmert’s dunkel, bedrohlich sind die Wesen, die sich dort tummeln und Eindringlinge wohl in Stücke reißen würden. Einzig Perlmut erhellt die Szenerie und verleiht ihr eine­ verführerische Wärme. Zart ranken sich Korallenarme in die Höhe, wo über der mystischen Unterwasserwelt ein leidender Jesus hängt.

Das Korallenkabinett ist eines der vielen exotischen Schaustücke, die Ferdinand II. sammelte und liebte.  Aus aller Welt trug der Tiroler Landesfürst im 16. Jahrhundert Kostbarkeiten und Außergewöhnliches zusammen, um damit in Innsbruck seine­ Kammer der Wunder einzurichten und ausgesuchten Gäs­ten zugänglich zu machen. Mit stolzen und ausladenden Gebärden schritt er durch die eigens für die Sammlung gebauten Hallen und beeindruckte mit seiner kunstsinnigen Ader wohl jeden edlen Besucher. In der Wunderkammer in Schloss Ambras war die ganze damals bekannte Welt mit all ihren Facetten zu bestaunen. In manieristischer Leidenschaft hortete Ferdinand nicht nur kunstvolle Artefakte, versteinerte Zeugen längst vergangener Zeiten, mit mystischer Wirkung behaftete Tiere und Pflanzen, sondern auch Abbilder herausragender oder abnormer Men­schen. Damals wie heute ermöglicht das einzigartige Sammelsurium einen Blick in das Universum der Renaissance – schwankend zwischen Mystik und dem Faszinosum Natur.

Korallen, vor allem rote Korallen, hatten es dem Tiroler Landesfürsten besonders angetan. Nicht nur Farbe und Form verzückten ihn, sondern auch die Wirkung, die den Geschenken des Meeres zugeschrieben wurde. Neben den Korallen repräsentierten auch die Muscheln und Schnecken die heilende und reinigende Kraft des Wassers. Die Tiefe des Meeres war das Reich, in dem viele Fabelwesen hausten – im fast gänzlich Unbekannten waren der Phantasie keine Grenzen gesetzt. 

Schräg gegenüber dem Korallenkabinett fängt eine in Gold gefasste und mit Edelsteinen verzierte Kokosnuss den Blick. Die exotische und äußerst seltene Frucht war Ferdinand viel mehr wert als die edle Fassung. Noch lieber hätte er eine Seychellen-Nuss sein eigen genannt. Diese wundersame Schwester der Kokosnuss war das begehrteste und teuerste Sammlerstück seiner Zeit. Mythische Geschichten ranken sich um die zweigeteilte Riesennuss, die auch indianische Meernuss oder Cocco di Maldiva genannt wurde und nur in Venedig, Lissa­bon und Antwerpen zu bewundern war. 

Wallfahrten wurden von Heilungssuchenden unternommen und tausende von Pilgern zogen dort hin. Diese kokosartige Frucht mit merkwürdigem Doppelkern galt als größte Baumfrucht und stellte mit ihrem Gewicht von bis zu 25 Kilogramm alle in den Schatten. Nur einmal jährlich, zur Reife – so wollte es die Legende – tauchte der sagenhafte Baum aus den Fluten des Meeres auf, um wieder zu versinken. Gefährliche Strömungen und der sagenhafte Vogel Greif schützten die Palme, deren Frucht selten ans Land geschwemmt wurde. Von Indien aus wurden Suchexpeditionen losgeschickt und Kriege geführt, um den magischen Baum zu finden und zu erobern. Erst mit der Entdeckung der Seychellen-Inseln, 1768, wurde der Mythos zerstört. Der nun beginnende Handel mit ganzen Schiffsladungen voller Maledivennüsse machte dem Nimbus der Wunderkraft ein Ende.­ 

Über den indischen Ozean gelangte auch das Rhinozeroshorn nach Europa und Innsbruck, aus dem der silbervergoldete Goapokal gefertigt ist. Reich nach indo-chinesischem Vorbild dekoriert nahm dieser Pokal eine ganz besondere Stellung in der Wunderkammer Ferdinands ein. Bekannt wurde das Rhinozeros durch die grafischen Arbeiten Dürers und für kurze Zeit wurde es sogar mit dem Einhorn gleichgesetzt. Die dem Horn zugeschriebene krankheitsabwehrende und aphrodisierende Wirkung machte es zu einer der meistbegehrten Naturalien der fürstlichen Kunst- und Wunderkammern. Galt schon das Pulver des Horns als wahres Zaubermittel – wie effektvoll musste die Wirkung erst sein, wenn aus dem Horn getrunken wurde.

Wunderglaube prägte vielfach das Interesse der Sammler. So gut wie allen unbekannten beziehungsweise seltenen Naturalien wurden per se enorme Heilkräfte zugeschrieben. Gegen Melancholie und verschiedene andere Leiden schätzten die Fürsten den Bezoar oder Magenstein. Das aus den Eingeweiden einer asiatischen Ziegenart, des südamerikanischen Lamas oder anderer Tiere gewonnenen Sekret konnte nicht mit Gold aufgewogen werden. Ferdinands Neffe Rudolf II. galt ob seiner tiefen Melancholie als größter Sammler der Magen­steine. Faustgroß und filigran in Gold gefasst ist der Bezoar der Ambraser Preziosenkammer – ein eindrucksvolles Wunderding, mit dem auch Vergiftungen behandelt wurden.

Gift war ständiges Thema an den Fürstenhöfen. Gerade bei Tisch mussten besondere Vorkehrungen gegen mordlustige Giftmischer getroffen werden. So manchem­ Vorkoster traten vor einem fürstlichen Gelage die Schweißperlen auf die Stirn, froh waren sie um den Einsatz fossiler Haifischzähne, die als Frühwarnsys­tem vor vergifteten Speisen dienten. Bedrohlich deuten die Haifisch­zähne des Ambraser Natternzungenbaumes strahlenförmig in alle Richtungen. Natternzungen galten als Zähne von Drachen oder als Schlangenzungen und fingen angeblich an zu schwitzen, sobald sie in die Nähe von giftigen Substanzen kamen. Den Vorgang des Vorkostens nannte man „dare la credenza“, was bedeutet, dass die dargereichten Speisen und Getränke bedenkenlos genossen werden konnten. Der Ausdruck Kredenz wurde sowohl auf das Anrichtemöbel, auf dem die Giftprobe durchgeführt wurde als auch auf den Aufsatz mit den Natternzungen selbst übertragen.

Dass die Kredenzen auch als dekorative Gegenstände genutzt wurden, versteht sich angesichts des umfangreichen und kostbaren Inventars an den europäischen Fürstenhöfen von selbst. Besonders schöne Teile trugen zum internationalen Ruf des Hofes bei. Gern präsentierte Ferdinand II. bei festlichen Anlässen seine breite Kollektion an so genannten Handsteinen. Besonders bizarre Gesteinsproben aus den Bergwerken wurden mit kleinen Figurenszenen zu belebten Berglandschaften gestaltet. Prächtige Metallerze galten als Gottesgeschenke, weswegen vor allem biblische Szenarien eingearbeitet wurden. Daneben finden sich in Schloss Ambras auch Handsteine mit Bergmannsfiguren. Ferdinand II. nahm als Bergherr direkten Einfluss auf die Wahl und die Gestaltung der Objekte.

Trotz der Sagenwelt, die den Bergbau prägte – wo Kobolde und böse Geister das Vordringen in den Berg bestraften – trug die immer tiefer gehende Erforschung des Berginneren und der Natur zu einer neuen Sicht der Schöpfung bei. Das Wunder zu entschlüsseln war Ziel der Wissenschaft in der beginnenden Neuzeit. Genaue Beobachtung und detailgetreue Wiedergabe der Natur rückte in den Mittelpunkt des Interesses. Vor diesem Hintergrund ist das silberne Schreibzeug ein besonders eindrucksvolles Zeugnis dieser Neugier. 

Der silberne Naturabguss des Frosches wirkt so echt – er scheint sprungbereit. Beinahe ist das Zirpen der Grille zu hören und vom Deckel des Silberkästchens krabbeln wollen die Käfer. Mühevoll wurden für die Abgüsse, welche das Kästchen zieren, die toten Tiere in Posi­tion gebracht. Mit flüssigem Ton bestrichen, damit jedes, noch so kleine Detail sich abzeichnet. Daraufhin wurden die Vorlagen gebrannt, bis die Kleinlebewesen zu Asche zerfielen. So erhielt der Kunsthandwerker die perfekte­ Hohlform, um die silbernen Tiere zu schaffen. Der Tiroler Landesfürst zeigte sich begeistert von dieser feinen Technik, sodass er sie selbst erlernen wollte und Fachleute zu sich an den Hof berief.  

Die Faszination für die kleine Welt der Insekten lenkte Ferdinand jedoch nicht ab vom Blick in die „große“ Welt der Dichter, Denker und Kriegshelden. Allein auf Grund der Auseinandersetzungen und Bedrohungen, die dem Habsburger-Reich durch türkische Heerscharen immer wieder zusetzten, musste sich auch der Tiroler Regent mit dem Fremden auseinander setzen. Nachrichten von Kriegsschauplätzen füllten die Abende, sie wurden detailreich ausgeschmückt und mit haarsträubenden Geschichten gewürzt. Erstaunen muss die Erzählung über den ungarischen Edelmann Gregor Baci ausgelöst haben, der einer Überlieferung zufolge entweder bei einem Turnier oder im Kampf gegen die Türken von einer Lanze im Auge durchbohrt wurde. Trotz dieser schweren Verletzung soll der edle Recke wieder geheilt worden sein. Grund genug für Ferdinand, sich ein Bild des Durchbohrten zu beschaffen­ und in seine Sammlung zu integrieren. Neben dem blutüberströmten Ungarn hängt das Porträt des transsylvanischen Fürsten Vlad IV. Tzepesch, der als Dracula in die Geschichte einging. Seine Grausamkeit auch in den Türkenkämpfen war weithin bekannt und gefürchtet. Es ist das einzige erhaltene Abbild des Sadisten und Frauenschänders und diente vielen Dracula-Darstellern in Hollywood-Filmen als Vorbild. 

Den Voyeurismus seiner Zeit bediente der Schlossherr auch mit Darstellungen menschlicher Kuriositäten. Zwerge als Hofnarren waren weit verbreitet und stolz hatte auch Ferdinand den Riesen Bartlmä Bon, den er bei einem­ Wiener Turnier gesehen hatte, in seiner Rüstkammer als 2,60 Meter große Gliederpuppe verewigt. Menschen mit körperlichen Abnormitäten waren als Forschungsobjekte für die Wissenschaft von enormer Bedeutung und wurden zum Gegenstand des neu erwachten medizinischen Interesses in der Renaissance. Diese Ausnahmeerscheinungen der Natur, wie der Haarmensch, der Zwerg, der Krüppel oder der Riese sind auf Gemälden auch in der Wunderkammer zu sehen. 

Dem Geist der Renaissance entsprach nicht nur das Bedürfnis der Erforschung und Darstellung der Natur, sondern auch die Wiederentdeckung der antiken Errungenschaften und Helden. Ferdinand trug dieser Zeiterscheinung Rechnung, indem er Gips- und Bronzeabdrücke berühmter Persönlichkeiten des antiken Roms – hauptsächlich Imperatoren und deren Gemahlinnen – anfertigen ließ. Auffallend sind bei diesen Büsten die extrem breiten Nacken, die an muskulöse Hälse von Boxern erinnern und weder zum Gesicht noch zu den schmalen Schultern passen. Im Profil entsprechen die Helden den Vorbildern auf antiken Münzen. Diese Münzen waren es auch, die als Vorlage für die dreidimensionalen Modelle dienten. Wie eine Schablone legten die Künstler die Seitenansichten um, und vergaßen dabei die Halsproportionen entsprechend anzupassen. 

Wandelte der Besucher durch die Wunderkammer – vorbei an Korallen, Rhinozeros, Kokosnuss, Handstein, Natternzungenbaum, Dracula, Zwerg und Cäsar – erhielt er einen lebhaften und umfassenden Eindruck der Welt, wie sie damals gesehen wurde und bekannt war. Eine wundervolle Welt.  Susanne Gurschler, Alexandra Keller

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